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In der Stille liegt die Kraft – Eine Lesung mit Marica Bodrožić.

Der Sommer hauchte seine letzten Atemzüge aus, als ich wieder einmal einen besonderen literarischen Abend erleben durfte. Die Autorenbuchhandlung Berlin und der Luchterhand Literaturverlag hatten zur Buchpremiere von „kirschholz und alte gefühle“ geladen. Als mich die Einladung erreichte, hing ich bereits mit meinen Augen in dem Roman, so dass es für mich nur eine Antwort gab: Ja, da will ich hin!

Da lagen sie, die wunderbaren Werke von Marica Bodrožić.

Das Café in der Autorenbuchhandlung war bis auf den letzten Platz gefüllt, trotzdem bekam ich einen Platz, von dem aus ich Marica Bodrožić und die Moderatorin Maike Albath genau im Blick hatte. Überall standen gefüllte Rot- und Weißweingläser, die der Verlag an diesem Abend gesponsert hatte. Christian Dunker von der Autorenbuchhandlung begrüßte die Autorin mit großer Begeisterung, die auf eigenem Wunsch an diesem Ort ihr neues Buch vorstellen wollte. Es sollte dort ansetzen, wo es einst begann. Schließlich hat die Autorin „Das Gedächtnis der Libellen“ ebenfalls zuerst in der Autorenbuchhandlung, damals noch in der Carmerstraße, vorgestellt.

Während des Abends las die Autorin aus ihrem neuen Buch, unterhielt sich aber auch mit Maike Albath, die mit ihren Fragen einen wunderbaren Einblick in das Schaffen der Autorin und das Werk geben konnte. Marica Bodrožić wurde 1973 in Svib, dem heutigen Kroatien, geboren und kam zehn Jahre später nach Deutschland. In dieser Entwurzelung ist auch der Ursprung ihres Schreibens entstanden. Sie tastet sich mit den Wörtern an, still und langsam nähert sie sich der Welt, um Schicksalsnähte zusammenzufügen. Insgesamt neun Bücher hat die Autorin bereits veröffentlicht, die obendrein als Übersetzerin arbeitet. Während die beiden Frauen im Gespräch vertieft waren, fuhr über uns die S-Bahn und hinterließ für wenige Augenblicke ein Brummen in dem sonst so stillen Raum. Die Zuschauer blickten interessiert zu den beiden Damen und ich fragte mich, ob sie diesen lauten Eindringling spürten. Im Laufe des Abends überhörte ich jedoch das Brummen und war mit all meinen Sinnen in die Veranstaltung vertieft.

Diese Dekoration fand ich sehr raffiniert.

Bis zum 20. Lebensjahr umgab die Autorin ein großes Schweigen, dem sie sich später mit ihrer eigenen Sprache annähern konnte. Diese Vorsicht spüre ich in ihrer Literatur. „kirschholz und alte gefühle“ ist kein Roman, den ich schnell lesen konnte. Viel mehr las ich ihn mit einer bewussten Langsamkeit. Zu reichhaltig sind die Sätze, zu umfassend und ergreifend die Gedanken. Die Stille, das Wort und den Rhythmus zueinander seien ihr wichtig, erzählt sie weiter. Sie möchte über ihren Atem spüren, ob alles stimmt. Die Zeit erhält in Marica Bodrožićs Welt für mich eine andere Dimension. In der heutigen schnelllebigen virtuellen Welt, kommt ihr die Behutsamkeit des Schreibens entgegen. So findet sie von der Sprache zu den Figuren, ein Faden, der sich durch alles zieht und eine Verbindung schafft.

Nach der Lesung wollten alle nur eins: Ihre Bücher signieren lassen.

„kirschholz und alte gefühle“ beschäftigt sich vorrangig mit dem Gedächtnis und Erinnerungen. Dazu sagt Marica Bodrožić einen schönen Satz, den ich hier für sich allein stehen lassen möchte: „Man kann nicht vergessen, wenn man sich nicht erinnert.“ Genauso wenig möchte ich diesen eindrucksvollen Abend und das besondere Buch vergessen. Diese Erinnerung bleibt wie die an den Sommer mit seinen warmen Momenten. Allesamt werde ich konservieren und fortan mit einem Lächeln bei mir tragen.

Die Autorin und die Leserin treffen aufeinander. (Foto: Christian Dunker)

Am Dienstag öffne ich für euch das Buch und am Donnerstag dürft ihr euch auf ein sehr schönes Interview mit der Autorin freuen. Diese Tage widme ich also ganz Marica Bodrožić. Es ist mir eine Freude und Ehre zugleich.