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Der Unermüdliche.

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Foto: © Hermance Triay

Wer als Schweizer, noch dazu als Nationalrat, den Kapitalismus kritisiert, der muss Mut haben. Die Schweiz, dieses angeblich neutrale Land im Herzen Europas, ist ja geradezu die Verkörperung des Kapitalismus in seiner Funktion als Heimat der diskreten Banken, als Schauplatz der Hochfinanz und Zufluchtsort der Superreichen. Da können Sie prima unter sich sein, es stellt ihnen niemand unangenehme Fragen oder hinterfragt gar ihre ethisch-moralische Einstellung. Wo das viele Geld herkommt? Psst, ist schließlich Privatsache. Unangenehme Fragen müssen sich in der Schweiz nur Einwanderer oder Einbürgerungswillige aus den unteren Klassen gefallen lassen.

Jean Ziegler ist Schweizer und einer der leidenschaftlichsten Kritiker des internationalen Kapitalismus im Allgemeinen und der imperialen Strategien der Großmächte im Besonderen. Dazu ein unermüdlicher Autor erhellender Bücher, wie zum Beispiel den aktuellen Werken „Was ist so schlimm am Kapitalismus?“ und „Warum wir weiter kämpfen müssen“, auf deren Inhalte ich nun näher eingehen möchte.
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Toto. Das warme Wesen in einer kalten Welt.

Zweimal habe ich von Sibylle Berg geträumt – ich meine natürlich von ihrem Buch. Obwohl es mich erst abstieß, weil ich das Kalte und Graue auf den ersten Seiten gar nicht mochte. Dennoch war da eine Anziehungskraft, die nicht locker ließ und mich bis in die Nacht verfolgte. So war es selbstverständlich, dass ich „Vielen Dank für das Leben“ lesen wollte, nein, musste!

Kalt fängt das Buch an. Wie eine schmutzige Staubwand, die vergessen wurde und nun alle belästigt. An meinen Zähnen reibt Schmirgelpapier. Aber das Karge und die Tristesse aus diesem Roman fressen sich durch meine Haut und kriechen in mein Innerstes. Sibylle Berg versetzt mich in eine Zeit, die ein Teil von mir ist und die ich längt ausgeblendet habe, weil sie mir zu mausgrau war. Eine fade Suppe, der das Salz fehlte. Gut, damals war ich noch ein kleines Mädchen, aber ich war 1989 alt genug, um den Unterschied zwischen Ost und West zu spüren. Bei uns das Trostlose, da drüben das Knallbunte. Und nun das.

Bevor ich wie ein Rohrspatz schimpfen möchte, eilt die Autorin dazwischen und legt gleich noch den Finger in die Wunde: „Die im Sozialismus lebten, kannten nichts anderes; sie waren an die leeren Regale gewöhnt, an den Kohl, die eine Sorte Äpfel und an den Rhabarber im Sommer.“ Klein und beschaulich sei die DDR gewesen, ja, stimmt. Bedauerlicherweise hat sie Recht. Als wäre das nicht schon schrecklich genug, schafft die Autorin ein Wesen, das mit dem Tag der Geburt von seiner Umwelt abgestoßen wird, weil es ein Nichts ist, wie es später an einer Stelle heißt. Toto ist keine Frau, kein Mann, sondern beides. Toto heißt das arme Ding, das nicht einmal von seiner Mutter gewollt ist. Toto ist ein Unfall, der nach zu viel Alkohol zu diesem Ergebnis gezeugt wurde. Er ist da und sehr schlau. Toto schreit wenig und nimmt seine Umgebung aufmerksam wahr. Besonders ist der kleine Mann, das ahne ich schon nach den ersten Seiten und kann nicht anders, als ihn in mein Herz zu schließen.

Diese düstere Welt, die Sibylle Berg mit ihrem Roman geschaffen hat, stürzt mich nicht in tiefe Täler. Sie hält die Balance, weiß genau, wann es zu viel wird und verändert die Tonlage. Wie ein Lotse hat sie die richtigen Daten ausgerechnet und die Koordinaten vor sich. Die Autorin hält mich immer wieder auf einer Linie, so dass ich niemals abbiege. Das ist ihrem speziellen Stil zu verdanken, der sich zwischen die Schauermärchenzeilen schiebt.

Mit fünf Jahren wird Toto in ein Waisenhaus gebracht, das eher an ein KZ erinnert. Und Frau Hagen ist die Aufseherin. Die Erzieherin mit ganz rabiaten Methoden. Alles erfolgt nur zum Wohle der Kinder: „Wir verhätscheln unsere Kinder nicht, das Leben wird später auch nicht sanft mit ihnen umgehen, nur weil ihre Eltern versagt haben.“ Im Kern mag was Wahres drinnen stecken, doch die Umsetzung ist grausam. Heute noch leiden Erwachsene, die in solchen Heimen groß geworden sind, unter psychischen Schäden. Früher wäre so eine Nachricht eine von vielen gewesen, heute weiß ich aber, wie es sich anfühlt, dank Toto, dank Sibylle Berg, die ihrem Helden verdammt viel zumutet. Und Toto lässt alles mit sich geschehen. Er rebelliert nicht, wenn man ihn schikaniert, ihn bloßstellt und schlägt. Er bleibt stehen, ruht in sich, und ist dabei unwahrscheinlich weise: „Es half Toto immer, wenn er sich die Menschen ansah, die ihn zu verletzten suchten, meist wurde er traurig beim Erkennen des Elends, das sie so hart hatte werden lassen, so unbeherrscht und zornig, diese Leute.“ Da bleibt der Mund offen stehen und die Augen werden zu Leuchtraketen.

Jahre später ist Toto eine Frau und lebt im Kapitalismus. Wirklich besser geht es ihr nicht. Sie schlägt sich durch und nimmt alles hin. Ein Baum, den nichts umpusten kann. Sie bäumt sich nicht auf, jammert nicht und bewegt sich aufrecht durchs Leben, das ihr direkt ins Gesicht spuckt. In diesen Abschnitten nimmt sich die Autorin auch Zeit für Kasimir, den ehemaligen Waisenjungen, mit dem sich Toto eine Nacht das Bett teilte. Kasimir symbolisiert den Teufel und verschmilzt mit dem Kapitalismus. Die Passagen sind zu köstlich, diese Abrechnung der Autorin prickelt auf der Zunge wie es sonst nur Prosecco gelingt. Lest nur: „Sein Vernunftzentrum war intakt, seine Gefühlsareale verletzt, das machte ihn in Anlageentscheidungen überlegen, denn er kannte weder Furcht noch Gier. Viele erfolgreiche Broker weisen diesen Hirnschaden auf, die sie dem normalen Anleger überlegen machten.“ Kasimir wütet, will Toto vernichten, weil er ihn für seine Homosexualität verantwortlich macht. Toto ahnt nichts und singt sich ins Glück, das Singen ist ihre friedliche Oase, ihr Rückzug.

Dieses Buch ist wie Dynamit. Es explodiert an vielen Ecken und schleudert mich durch die Luft. Die Geschichte beginnt in den Sechzigern und reicht bis in die Zukunft, in der die Seine nur noch „ein kleiner übelriechender Bach“ ist. Wenn es nicht gerade knallt, wird es seltsam ruhig, ergreifend still und eindringlich, wenn ich an Totos Seite stehe und die Boshaftigkeit am eigenen Leib spüre. Toto bleibt nicht nur eine Romanfigur, sie wird zum Teil des eigenen Lebens und steigt aus den Seiten in unsere Herzen. In alldem macht sich eine Hochachtung für diese Gestalt bemerkbar. Diese gnadenlose Akzeptanz. Und die Menschlichkeit, die trotz aller Verletzungen und Ausgegrenztheit nicht verlorengeht. Das zwingt mich sprachlos in die Knie. Das ist Literatur, von der ich gern träume und sie mir wünsche. Vielen Dank für dieses Buch, liebe Sibylle Berg!

Sibylle Berg.
Vielen Dank für das Leben!
Juli 2012, 400 Seiten, 21,90 €.
Hanser Verlag.