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Einmal die doppelte Portion Irving bitte!

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Natürlich reicht eine einfache John Irving Portion aus. Doch wer einmal Feuer für seine Bücher gefangen hat, bleibt Irving-hungrig. Schon nach dem ersten Roman, den ich im vergangenen Jahr im fieberhaften Zustand gelesen habe, verstand ich das Leuchten der anderen Irving-Fans. Auch mich hatte es erwischt und meine Augen funkeln seitdem wie Sterne, wenn ich den Namen ausspreche oder höre. Folglich wollte ich mehr von John Irving lesen und mehr über ihn erfahren. Die Götter haben meine Wünsche erhört und mir diese wunderbare DVD „John Irving und wie er die Welt sieht“ unter den Weihnachtsbaum gelegt. Einer besonderen Freundin habe ich dieses großartige Geschenk des Himmels zu verdanken.

Der Dokumentarfilm öffnet alle Türen ins John Irving-Reich und holt mir den Autor direkt ins Wohnzimmer. Jetzt noch höre ich seine quietschenden Seilsprünge im Trainingsraum und sehe das Bild seines großen Schreibtisches mit dem wunderbaren Ausblick vor mir. Dieser Film zeigt den Autor hautnah und berichtet von seinem Schaffen, das so umfassend und akribisch verfeinert ist. Nicht nur Irving selbst spricht in die Kamera, genauso zu Wort kommen seine Frau, Freunde, Mitarbeiter vom Diogenes Verlag sowie Menschen, die er für seine Geschichten befragt und literarisch verwendet hat. Eins kristallisiert sich schnell heraus: John Irving ist ein Meister der Recherche. Wie ein professioneller Detektiv begibt er sich auf Spurensuche, reist an die Schauplätze seiner Geschichten, interviewt Menschen oder zeigt sich als begnadeter Pizzabäcker. Er taucht in fremde Welten, um sie später in seinen Romanen wirklichkeitsgetreu wiederzugeben. Dieser wunderbare Film macht Spaß, ist äußerst interessant und ein Must-Have für alle, denen eine einfache Irving-Portion nicht ausreicht.

Großes, tragisches Theater.

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Womit fange ich am besten an? Die Frage treibt mich immer um, sobald ich ein Buch von John Irving beendet habe. Sie schleicht wie eine Katze durch meinen Kopf. Auf und ab, schnurr, schnurr. Den richtigen Einstieg zu finden, ist gar nicht so einfach, denn Irvings Romane erinnern mich an aufregende, schillernde Jahrmärkte, auf denen es vor Buden und Karussells nur so wimmelt. Es hupt, es schimmert und es knallt. Die große Vielfalt öffnet ihre Arme, in die ich mich fallen lasse. Wenn ich John Irving lese, vergesse ich alles um mich herum, auch, dass ich im Anschluss an die Lektüre noch eine Rezension schreiben möchte. Das heißt, ich mache mir keine Notizen und sitze am Ende mit staunendem Mund vor dem Buch und frage mich: Womit fange ich nur an?

Am besten mit dem Anfang von „In einer Person“. Der ist skurril und herrlich genug, um ihn an dieser Stelle zu erwähnen. Dort erzählt der fast siebzigjährige Ich-Erzähler den Zusammenhang zwischen seinem sexuellen Erwachen und der „Sturzgeburt“ seiner Phantasie. Dazu kehrt er zurück in seine Jungend. Der junge William, genannt Billy Abbott, fühlt sich zu Miss Frost, der älteren Bibliothekarin der Gemeindebücherei von First Sister in Vermont, hingezogen. Und – schwupp – schlüpfte aus ihm der Wunsch, später Schriftsteller zu werden und Sex mit Miss Frost zu haben. Irving legt seinem Erzähler dabei einen klugen Satz in den Mund: „Was wir begehren, prägt uns.“ Auf der ersten Seite erfahre ich außerdem, dass unser Romanheld Schwierigkeiten damit hat, bestimmte Wörter auszusprechen. Es dauert nicht lange, und schon habe ich Billy in mein Herz geschlossen. Während mir diese Gedanken durch den Kopf fahren, stelle ich fest, dass ich bereits nach der ersten Seite einiges über den Protagonisten erfahren habe. Das ist Irving! Er liebt es, seine Figuren auszuschmücken und sie wie Weihnachtsbäume mit besonderen Eigenheiten zu behängen. Nach Billy stoße ich auf seine Familie, die ein bisschen aus der Reihe tanzt. Den Vater gibt es nicht mehr, zumindest nicht zu Hause. Die Mutter angelt sich einen Lehrer, der sich fürs Theater begeistert und ein großes Herz für Shakespeare-Stücke hat. Ein großes Theater. Und alle spielen mit. Billys Großvater schlüpft am liebsten in Frauenrollen und seine „besserwisserische“ Tante liebt das Schauspielern nur, um „ihrer erhaben klingenden Stimme etwas Originelles zu sagen zu geben.“ Billys Mutter ist Souffleuse.

Das Wesentliche, der zentrale Mittelpunkt, ist und bleibt Billy, der als Teenager entdeckt, das er sich nicht nur zu Mädchen hingezogen fühlt, sondern überdies noch andere Vorlieben hat. So fragt er seine besten Freundin Elaine nach ihrem BH, den er selbst gern tragen möchte. Seine gute Freundin Elaine, mit der Billy seine ersten sexuellen Erfahrungen sammelt und die wie Billy für einen Ringer schwärmt. Jacques Kittredge heißt der Rotzlümmel. Frech ist er und überheblich, ein starker Platzregen, vor dem man sich nicht schützen kann. Das hält beide dennoch nicht davon ab, für den Ringer zu schwärmen. Er ist nicht der einzige Mensch, für den Billys Herz schlägt, so liebt er ebenfalls ältere Frauen – neben Miss Frost, also die bereits erwähnte Bibliothekarin, gehört Elaines Mutter in den engen Kreis seine Träume. In der heutigen Zeit wäre all dies kein großes Problem, doch Billy besucht zur damaligen Zeit, Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre, eine konservative Jungenschule und genau das macht alles verzwickt. Ja, bei diesem ganzen Durcheinander kann einem schon schwindelig werden. Obwohl ich mich prächtig amüsiert habe, befand ich mich in keiner Komödie, sondern in einem Film, der vom Suchen und Sich-Finden erzählt.

John Irving macht eine große Schleife. Er beginnt in den fünfziger Jahren und führt den Leser bis in die Gegenwart. Es geht von Amerika aus nach Europa, und von dort wieder zurück. Im Fokus drehen sich Billy und die Menschen, die sich um ihn finden. Mal ist es Donna, ein Transvestit, mal der schwule Professor Larry und mal Elaine, seine langjährige Freundin, die für mich eine der schönsten Beziehungen in diesem Roman darstellt. Die beiden verbindet eine Freundschaft, die zu Herzen geht und glücklich macht.

Das letzte Drittel hebt sich aus dem Roman ab, als wäre es eine Straße, die viele Löcher hat. Plötzlich drosselt sich die Geschwindigkeit. Irving schreibt von der großen Seuche – Aids – die etliche von Billys Freunden und Liebhabern tötet. Diese Seiten haben einen eigenen Ton, der mich an das Knarzen von alten Dielen erinnert. Bewegende und eindringliche Szenen umgeben die Momente der Ohnmacht und Verzweiflung, in denen Billy seine Freunde am Sterbebett besucht und sich auf eine Art schuldig fühlt, weil er gesund ist. „Ich fürchtete mich nicht vor dem Sterben; ich fürchtete mich vor endlosen Schuldgefühlen, weil ich nicht starb.“

John Irving konnte mich erneut auf seine Seite ziehen. Ich habe seinen Roman genüsslich aufgesogen und überhaupt nichts vermisst. Selbst in den schlimmsten Augenblicken scheut er nicht davor, komische Szenen einzubauen wie die Tochter von Billys todkranken Freund Tom, die jedes Mal schreit, sobald sie Männer sieht. Dieser Roman strahlt wie eine glückliche warme Sommersonne vor Menschlichkeit, Freundschaft und Liebe, so wird mir wieder bewusst, warum ich Irving schätze: für seine süffige Sprache, die seltsamen Akteure und die unzähligen abgedrehten Situationen, die berühren und mir Tränen in die Augen schießen lassen – ob vor lauter Lachen, vor Rührung oder Trauer.

John Irving.
In einer Person.
September 2012, 725 Seiten, 24,90 €.
Diogenes Verlag.

kleiner zwerg GANZ GROSS.

Manche Menschen gehen sonntags in die Kirche, ich lese „Owen Meany“. Dieses Ritual hat sich eines Tages so eingeschlichen, wie eine Mücke, die durchs offene Fenster schlüpft. So ist es geblieben bis zum Schluss. Seit ich die über 853 Seiten beendet habe, ist mir ein wenig mulmig zumute, fast so, als hätte ich eine ganze Tüte Salzige Heringe auf einmal aufgefuttert. Der eigentümliche Geschmack des Abschieds schiebt sich zwischen vollem Bauch und glücklichem Herzen. Die Wehmut steigt in den nächtlichen Himmel und hinterlässt einen hellen Schweif auf meinem Gesicht. Die Sache mit dem Abschied stimmt allerdings nicht ganz, denn ein Owen Meany verschwindet nicht, er bleibt bei uns, selbst wenn das Buch längst wieder im Regal steht. Owen Meany ist nicht nur Owen Meany, denn während ich diese Zeilen schreibe, sitzt er bei mir, der kleine Zwerg mit der kratzigen Stimme. Ist das schön? Ja, das ist! Und vollkommen verrückt!

„Owen Meany“ ist das zweite Buch, das ich von John Irving gelesen habe und ich kann sagen, die Liebe bleibt erhalten. Noch befindet sich unsere Autor-Leserin-Beziehung in der Probephase, in der man sich vorsichtig annähert. Im Nachhinein finde ich, dass ich sehr mutig gewesen bin, seinen dicken Wälzer als Zweites zu lesen, doch meine Neugier war zu groß, hatten mir doch viele Menschen gerade diesen Roman ans Herz gelegt und ein guter Freund sagte mir am Telefon: „Die letzten Sätze sind es, auf das alles hinausläuft. Unglaublich, wie John Irving das gemacht hat!“

Bereits auf der dritten Seite verliebe ich mich in den Roman oder viel mehr in Owen Meany, als Irving seinen Helden aus der Sicht des Ich-Erzählers beschreibt, so liebevoll und menschlich. Ich lese Worte, die wie warme Schokoladensoße über meine Zunge fließen. Entzückt klatsche ich in die Hände, spüre eine Wärme in mir aufsteigen und die Süße überall kleben. Ich bin eine Schokoladen schleckende Bärin, so würde mich Irving bestimmt beschreiben. Wie komme ich eigentlich zu diesem Bild, wo es in diesem Roman keinen Bären gibt? Und Bären wohl eher Honig schlecken. Das sind die Nebenwirkungen einer Irving-Lektüre, würde ich jetzt einfach behaupten. Statt der Bären treffe ich auf eine Handvoll Menschen, die der Autor wieder bis zur Vollendung ausschmückt, ihnen Eigenheiten an die Fersen klebt und unerwartete Wendungen in die Taschen legt.

Im Mittelpunkt steht die besondere Freundschaft zwischen John und Owen. Sie beginnt in den zarten Kinderschuhen und hält viele Jahre lang an. Owen schillert aus dem Buch hervor wie ein eckiger Diamant, dem ich mich nicht entziehen kann. Seine direkte Art, dem Leben und den Menschen zu begegnen, ist sehr eigenwillig und eindrucksvoll zugleich. An einer Stelle heißt es, dass er wie „ein vom Himmel herabgestiegener Engel“ aussieht, „ein kleiner, aber feuriger Gott, gesandt, über unsere Irrwege zu richten.“ Das trifft es auf den Punkt und zeigt, was für ein Wesen sich hinter dem kleinwüchsigen Owen verbirgt, dessen Stimme so schrill ist, dass jeder Owen-Satz in Großbuchstaben geschrieben ist. Seine Eltern betreiben einen Steinbruch, schenken ihrem Sohn wenig Zuneigung. Die Liebe bekommt der Junge hingegen bei Johns Familie, die immer einen Platz für ihn hat. Selbst nach einem fatalen Ereignis, auf das ich nicht näher eingehen möchte, denn dort draußen gibt es sicherlich noch einige, die dieses epische Werk entdecken werden. John Irving reißt seine Leser mit, überrascht sie mit unerwarteten Wendungen, das möchte ich ihm nicht wegnehmen. Gerade dann, wenn man sich eingerichtet hat, dreht er das Ruder um und der Kopf sieht für einige Augenblicke Sterne.

„Owen Meany“ ist für mich vor allem ein Werk voller Menschlichkeit, das mir selbst an Regentagen eine Sonne ins Gesicht gemalt hat. John Irving gelingt etwas Unglaubliches: Er öffnet die Tür zu meinem Herzen und lässt Owen Meany hineinspazieren. Was er natürlich mit Freude macht. Ich finde einfach keine Worte für diese besondere Begegnung.
Der Roman umfasst ein halbes Jahrhundert und fokussiert neben der Freundschaft auch den Glauben und Amerikas Geschichte. Der Vietnamkrieg ist ein tragendes Element, der wie eine schwingende Keule in das friedliche Szenerie schlägt. John Irving führt das ganze Ausmaß vor Augen, indem er mit Zahlen der in Vietnam stationierten amerikanischen Soldaten und Gefallenen untermalt. Selbst seine Helden bleiben davor nicht verschont und letztlich ist es der Krieg, der das große Drama zum Ende nach sich zieht. Gleichzeitig erzählt er aus dem Leben einer amerikanischen Kleinstadt und von den Dingen, die Menschen beschäftigen. Manches schmückt der Autor besonders aus, wie das Weihnachtsfest im Jahr 1953 und führt mir erneut vor Augen, was er für ein begnadender Erzähler ist, der seine wahre Freude daran hat, sich bis in die hinterste Ecke zu bewegen, ohne dabei vom Weg abzukommen. Am schönsten sind die Menschen selbst, ihre Beziehungen untereinander und ihre Dialoge. Das absolute Highlight – eine wahre Explosion – passiert auf der letzten Seite. Ich nenne es einen professionellen und raffinierten schriftstellerischen Schachzug, vor dem ich niederknie. Mein besagter Freund hatte Recht: Die letzten Sätze leuchten durch die Augen hindurch in meinen Kopf und bringen ihn zum Strahlen. So sah ich am Ende aus wie eine glühende schokoladenverschmierte Bärin, die weiß, dass sie von einem Fieber befallen ist, dem John Irving Fieber. Heilung unmöglich!

John Irving.
Owen Meany.
Dezember 1998, 853 Seiten, 12,90 €.
Diogenes Verlag.

John Irving ist die beste Medizin!

Nun ist es passiert. Es war nur eine Frage der Zeit, bis auch ich in die faszinierende Welt von John Irving schlittern und mich daran festklammern sollte wie ein Kranker an seiner Medizin. Vor einigen Jahren hatten wir schon eine kurze Begegnung, damals war es anders, nicht wie heute. Jetzt brenne ich förmlich, bin eine Durstige, die den nächsten Irving-Drink kaum erwarten kann.

Lange habe ich überlegt, ob ich über „Das Hotel New Hampshire“ schreiben soll, kennen es doch bereits so viele. Aber vielleicht gibt es dort draußen noch einige wie mich, die es bisher nicht geschafft haben, dieses Buch zu entdecken. Und ich bin es John Irving in gewisser Weise schuldig, seinen grandiosen Roman an die Öffentlichkeit zu tragen. Ich hab’s ihm doch in meinem offenen Brief versprochen, dass ich seine Werke lesen möchte. Danach hat sich meine Irving-Sammlung übrigens in Nullkommanix erweitert. Jetzt stehen „Gottes Werk und Teufels Beitrag“, „Owen Meany“ und „Die wilde Geschichte vom Wassertrinker“ in meinem Regal.

Als ich „Das Hotel New Hampshire“ aufgeschlagen hatte, war ich krank. Eine Virenschar machte es sich in meinem Hals bequem. Da lag ich also im Bett, starrte an die Decke und suchte vergeblich ein Lächeln. Es kam nicht. Und dann grinste mich wie aus dem Nichts der Roman an, sagte: „Du wolltest mich so lange schon lesen und hast dich beschwert, dass ich sehr dick bin. Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Bereits nach den ersten Seiten hatte ich Schmetterlinge in meinem Bauch, so entzückt und glücklich war ich. Ich tauchte immer in tiefer in die Familiengeschichte und konnte mich nicht lösen.

John, der Ich-Erzähler, öffnet mir die Tür. Ich fühle mich von Anfang unwahrscheinlich geborgen und glaube, die Familie Berry lange zu kennen. Die Atmosphäre ist warmherzig und jeder ist mir sehr nah, als würde er direkt neben meinem Herz sitzen. Nicht nur das begeistert mich. Es sind vor allem die herrlichen Dialoge, die mir vor Lachen die Tränen in die Augen treiben. Nichts wird unter den Teppich gekehrt, sondern geradewegs ausgesprochen. Bald tauchen ein gewisser Freud und State o’ Maine auf, ein Jude und ein Bär, die zur Geschichte der Familie gehören sollten, genauso wie drei Hotels.

Diese Familie ist so wunderbar verrückt und springt aus jedem festgesetzten Raster, dass selbst John einmal ein Unbehagen beschleicht, doch seine geliebte schöne Schwester schreitet ein. „Versteh doch“, erklärte Franny Jahre später, „wir sind nicht exzentrisch, wir sind nicht bizarr. Für einander“, sagte sie, „sind wir so alltäglich wie der Regen.“ Genau diese gefühlte Normalität macht die Familie so authentisch und einzigartig. Jeder ist auf seine Weise hinreißend. John Irving entpuppt sich für mich als Meister, in jeder Hinsicht. Er schafft ungewöhnliche Charaktere und schmückt sie bis zur Vollendung aus. Ich könnte sie hier alle aufzählen und beschreiben, aber das würde den Rahmen sprengen. Außerdem muss man sie leibhaftig erlebt haben, um dieses gewisse Irving-Lächeln im Gesicht zu haben.

Der Autor überrascht mit einer Reihe komischen Szenen, bei denen die Welt Kopf steht wie die, als der Hund Kummer eine bevorstehende Liebesnacht zunichte macht. Solche Momente sind einfach unbeschreiblich, kleine Lach-Explosionen, die sogar die hartnäckigsten Viren erschüttern. Ja, John Irving ist die beste Medizin. „Das Hotel New Hampshire“ ist eine andere Welt, in der ich mich trotzdem nie fremd fühle. Es ist unglaublich bizarr, eine leuchtende Phantasie breitet die Arme auf und fängt mich ein. Ich schmunzele über den Bären, der Motorrad fährt, verdrehe die Augen, als ich in Wien das zweite Hotel betrete, in dem Prostituierte ihrem Geschäft nachgehen und Radikale ihre Pläne schmieden. Ich sauge eindrucksvolle weise und kluge Sätze auf: »Wenn wir nicht durch das, was wir verlieren und vermissen, was wir wollen und nicht haben können, stark werden könnten,“ sagte Vater, „dann könnten wir nie stark genug werden, oder? Was sonst macht uns stark?“ fragte Vater.« Und ich verliere mich in unerwarteten Dramen, vor denen auch die Familie Berry nicht verschont bleibt. Trotz aller Heiterkeit webt Irving bewegende Momente ein, die mich im Bett beben lassen.

„Das Hotel New Hampshire“ ist prall gefüllt wie eine Gans, überall lauern ungewöhnliche Geschichten und interessante Menschen, die ein bisschen verbogen und schief aussehen, sie passen in keine Schublade. Und genau das macht sie alle liebenswert. Ich verstehe nun, warum Irvings Romane dick sind wie Backsteine. Jedes Element braucht seinen eigenen Raum, um sich zu entfalten. Jeder Satz ist durchdacht, ein langer Faden, der sorgsam die ganze Geschichte zu einem warmen Mantel strickt. Nachdem mir so viele Menschen dieses Buch ans Herz gelegt hatten, dachte ich: „Da muss was dran sein.“ Und ja, da ist was dran, mehr als gedacht. Medizin geradezu.

John Irving.
Das Hotel New Hampshire.
1984, 596 Seiten, 12,90 €.
Diogenes Verlag.

Offener Brief an John Irving.

Lieber John Irving,

zunächst möchte ich Ihnen nachträglich alles Gute zum Geburtstag wünschen! Auch wenn wir uns nicht persönlich kennen, ist es mir eine Herzensangelegenheit, Ihnen zu gratulieren. Ich habe am 2. März an Sie gedacht, fast jedem Bekannten und Freund von mir angepiekst und gesagt: „Heute hat John Irving Geburtstag.“ Leider kam meist nur ein: „Ach, ja?“ Mehr nicht, das war mir eigentlich zu wenig, nur konnte ich dies meinem Gegenüber nicht sagen. Zumal es mir nicht zusteht, Sie über alles zu loben, wo ich ja bislang nur ein Buch von Ihnen gelesen habe. Ja, tatsächlich. Ein wenig schäme ich mich dann doch, aber es hat sich bisher einfach nicht ergeben, obwohl ich doch einige Bücher von Ihnen bei mir zu Hause zu stehen habe: „Das Hotel New Hampshire“, „Zirkuskind“, „Bis ich dich finde“ und „Witwe für ein Jahr.“ Letzteres habe ich übrigens gelesen, vor langer, langer Zeit. Und die anderen warten noch auf mich, viel zu lange schon, wie ich zu meiner Schande gestehen muss.

Wieso eigentlich? Nun, Sie haben nicht gerade schmale Bände geschrieben und unter uns gesagt, scheue ich mich vor so gewaltigen Werken. Das ist so eine Marotte von mir. Immerhin bin ich von vielen Büchern umgeben, auch von Berufswegen und möchte stets viele Bücher nacheinander lesen. Ich bin eine Fließbandleserin. Die Zeit sitzt mir im Nacken und hämmert auf mich ein. Nun, ich schweife ab. Sie werden verehrt, vor allem von uns Deutschen. Ihre Bücher verkaufen sich in unserem Land öfter als in den USA und Kanada zusammen. Wow! Das allein macht mich sprachlos und zeigt einmal mehr, wie großartig und wertvoll Ihr Schaffen ist. Mit Ihren 70 Jahren können Sie auf zwölf, bald dreizehn, Werke blicken. Das ist eine beachtliche Leistung, bedenkt man die vielen Seiten und die Welten, die Sie den Lesern eröffnen. Solche Welten, die die Augen verdrehen und Strudel in die Köpfe der Menschen setzen. Und da habe ich bislang nur ein Buch von Ihnen gelesen? Ich bin selbst erstaunt und schäme mich immer noch.

Allein Ihr Werk „Das Hotel New Hampshire“ wurde mir von unzähligen Menschen ans Herz gelegt. Menschen, die unterschiedlich sind wie Tag und Nacht, waren sich alle einig und sagten: „Was für ein Buch! Das musst du lesen!“ Ein junger Autor berichtete mir, dass er viel aus dem Roman gezogen hat. Sie begeistern nicht nur jede Menge Leser, sondern sind gleichzeitig ein großes Vorbild für Nachwuchsautoren. Ist das nicht schön? Und Sie schaffen bei einer Leserin, die bislang nur ein Werk von Ihnen gelesen hat, ein Leuchten im Kopf, das an ein Feuerwerk erinnert.

Wie machen Sie das nur? Wo ziehen Sie die Geschichten heraus, entwickeln die verrückten Charaktere? Wo holen Sie das her? Haben Sie eine Maschine in Ihrem Kopf zu stehen, die Ihnen die wundersamen Geschichten ausspuckt? Ein Knopfdruck und schon macht es klack, klack? Es ist Ihr Markenzeichen und Ihr Geheimnis, das sollen sie auch bleiben. Ich möchte nicht daran rütteln, sondern nur meine Hochachtung für Ihr schriftstellerisches Schaffen zum Ausdruck bringen. Und seien Sie sich sicher: Ich werde Ihnen folgen und Ihre Werke lesen. Nicht etwa, weil ich mich weniger schämen möchte, sondern weil Sie es wert sind und ich sehr neugierig auf den Sog bin, der von Ihren Büchern ausgeht.

Bleiben Sie gesund und schreiben Sie bitte weiter! Ihre Fans werden es Ihnen danken und ich natürlich auch!

Hochachtungsvoll,

Ihre Klappentexterin