Wiederentdeckte Größe: Cees Nooteboom.

IMG_0473Gibt es sie eigentlich noch, die großen Autoren? Nein, nicht die sogenannten Klassiker, bei denen nach Angabe des Geburtsjahres sofort das Jahr folgt, in dem sie uns verlassen haben. Ich meine große Autoren, die noch unter uns sind. Nein, nicht die handelsüblichen Bestseller-Garanten, nicht die Feuilleton-Lieblinge oder gar die Experten für genau kalkulierte Saisonware. Ich meine wirklich, wirklich große Autoren, solche, die zum Beispiel für den Nobelpreis in Frage kämen, so er dann eines Tages wieder verliehen werden sollte. Große Autoren scheinen eine seltene Spezies geworden zu sein. Noch seltener als die – sagen wir mal – schon ziemlich seltene Knoblauchkröte. Und ich glaube, ich habe so einen entdeckt, besser: wiederentdeckt. Cees Nooteboom, der im vergangenen, nicht enden wollenden Sommer seinen 85zigsten Geburtstag feierte. Weiterlesen

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Meisterhaft, auch ohne Meister.

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Wer auf der Suche ist, oft ja nach Antworten, oder in Sorge, oft in Hinblick auf das Morgen, und Sehnsucht nach Seelenfrieden verspürt, der könnte eines Tages auf die Zen-Kultur stoßen. Oft auch Zen-Buddhismus genannt. Oder einfach Zen. Und nichts ist so einfach und schwierig zugleich wie Zen.
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Flucht aus dem wirklichen Leben.

Wie es sich anfühlt, im Abseits zu stehen, davon erzählt Milena Michiko Flašar in „Ich nannte ihn Krawatte“. Es ist ein poetisches Buch, das mich mit berührenden Sätzen streichelt und die Zeit anhält. Alles um mich herum wird langsamer und verstummt, bis ich eine zarte Melodie wahrnehme, bei der ein sanfter Schauer über die Schulter fährt und sich ein Kräuseln im Nacken bemerkbar macht.

Den Ich-Erzähler kann ich zunächst schlecht einordnen. Zu fremd, zu rätselhaft erscheint mir sein Handeln. Taguchi spricht davon, dass er zwei Jahre lang nicht mehr draußen gewesen ist und sich nun wie ein Gefangener fühlt, der seinen ersten Freigang hat. Ein wenig unsicher tastet er sich langsam aus dem Haus und hofft, nicht entdeckt zu werden. „Nach wie vor ging es mir darum, für mich zu sein. Ich wollte niemandem begegnen. Jemandem zu begegnen bedeutet, sich zu verwickeln. Es wird ein unsichtbarer Faden geknüpft. Von Mensch zu Mensch. Lauter Fäden. Kreuz und quer. Jemandem zu begegnen bedeutet, Teil eines Gewebes zu werden, und dies galt es zu vermeiden.“ Hier tappe ich noch vollkommen im Dunkeln, erfreue mich stattdessen an der schönen Metapher, ohne zu ahnen, welche dunkle Seite sich dahinter für den Jungen verbirgt.

Irgendwann fällt das Wort Hikikomori, ein mir bis dahin unbekannter Begriff aus Japan. Hikikomoris sind Menschen, die sich vollkommen aus der Gesellschaft zurückziehen und im Elternhaus einigeln. Meist treibt sie der hohe Leistungsdruck zur Flucht aus dem wirklichen Leben. Bei Taguchi waren es zwei einschneidende Erlebnisse aus seinem Freundeskreis, bei denen er dem Tod ins Gesicht geschaut hat und seitdem von Schuldgefühlen geplagt wird. Schuldig fühlt sich auch der Geschäftsmann – im Buch wird er als Salaryman bezeichnet – Ohara Tetsu, den der Junge im Park trifft. Dort sitzt er jeden Tag auf seiner Bank und beobachtet das Treiben vor seinen Augen. Wer weiß, wie sich Taguchis Leben entwickelt hätte, wenn ihm nicht der Salaryman begegnet wäre? Immerhin war es der Mann mit der Krawatte, der Taguchi gelehrt hat, „aus fühlenden Augen zu schauen“ und der ihn in gewisser Weise wieder das Laufen beibrachte. Unvergesslich bleiben die Schritte zurück ins Leben, die aus Taguchis Mund so klingen: „Man sagt, ein Lehrer ist unsterblich. Auch wenn er seinen Körper verlässt, lebt das, was er gelehrt hat, im Herzen seiner Schüler weiter.“ Dies ist nur eine von vielen Weisheiten, mit der die Autorin mich beglückt und ihrem Buch einen fernöstlichen Hauch verleiht.

Durch Taguchi erfahre ich, was es für eine Familie bedeutet, einen Hikikomori zu haben. „Man weiß: Da ist die Schwelle, dahinter sein Zimmer, darin hat er sich totgestellt. Er lebt noch, man hört ihn manchmal, viel zu selten, auf und nieder gehen. Man stellt ihm sein Essen vor die Tür und sieht, wie es verschwindet. Man wartet. Bestimmt muss er einmal ins Bad, auf die Toilette. Man wartet umsonst.“ Eine Ohnmacht macht sich breit, selbst als Nicht-Betroffene, ahne ich das Ausmaß, aus dem mich nur ein Schweigen heraustragen kann.

Mehr Worte möchte ich nicht zum Inhalt verlieren und die Melodie für mich behalten. Sie ist zu schön, als dass ich schon vorab einen Teil mit meinen eigenen Worten wiedergebe. Nur so viel sei noch erzählt: Es ist eine nachdenkliche Geschichte über zwei Menschen, denen das Leben einen Stein ins Herz geworfen hat, der an ihnen zieht und die Leichtigkeit verjagt. Ich suche ein Lächeln und finde nur ein leises Seufzen, das an nebelverhangende Morgen erinnert. Doch wie sich die beiden Männer einander nähern, sich ihre Geschichten erzählen und dadurch langsam zu sich finden, hat etwas Anrührendes, das bewegt und gleichzeitig das Seufzen beiseite schiebt. Ein Sonnenstrahl kriecht durch die grauen Wolken und verschluckt den Nebel.

Milena Michiko Flašar ist die Tochter einer Japanerin und eines österreichischen Vaters. Gerade die japanischen Züge spiegeln sich in dem Roman wieder. Wie eine Kalligraphin schafft Milena Michiko Flašar filigrane Zeichen, die ein warmes Bild ergeben, aus dem ich mich nicht lösen möchte. Ich bleibe wie eine Klette daran hängen, sitze nicht in Berlin auf meiner Couch, sondern befinde mich in Japan unter einem Kirschbaum. Der ruhige Erzählfluss ist mir von der Autorin Banana Yoshimoto sehr vertraut und weckt schöne Erinnerungen. Ehe ich mich versehe, gleite ich in einer Stille davon, in eine andere Zeit, in eine andere Welt, die sich von meiner unterscheidet. Draußen vorm Fenster verstummen die röchelnden Motoren der Autos, einzig das Rascheln der Seiten ist zu hören und von irgendwo her nehme ich das Klappern von Holzstäbchen wahr.

Die Sprache liegt der Autorin besonders am Herzen, sie ist das Instrument, auf dem sie mit großer Hingabe spielt. Das entnehme ich ihren wohl bedachten Sätzen, die sich für mich zu einem langen Gedicht formen. Es gibt kaum eine Seite, auf der ich nicht stehen bleibe, lausche und mir wünsche, ich könnte ihre Worte auf eine lange Wäscheleine hängen. Mutmachende und kraftvolle Gedanken, die sich wie ein warmer Sonnenstrahl auf den abgekühlten Asphalt legen und der Hoffnung den richtigen Weg zeigen.

Milena Michiko Flašar.
Ich nannte ihn Krawatte.
Januar 2012, 144 Seiten, 16,90 €.
Verlag Klaus Wagenbach.

Über die Autorin:

Milena Michiko Flašar wurde 1980 in St. Pölten geboren. Sie hat in Berlin und Wien Komparatistik, Germanistik und Romanistik studiert. Sie lebt als Schriftstellerin in Wien und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. „Ich nannte ihn Krawatte“ ist ihr drittes Buch. Wer mag, kann sich gern auf der Homepage der Autorin umschauen.

Da ist so ein Spalt in der Wirklichkeit.

Das Gestern verschwimmt, das Morgen ist noch fern, es dominiert nur das Jetzt. Als ich Hiromi Kawakamis neuen Roman „Am Meer ist es wärmer“ als Hörbuch lauschte, glaubte ich daran: An eine Welt jenseits von der Wirklichkeit.

Die Japanerin erzählt die Geschichte von Kei, die den Spuren ihres verschollenen Ehemanns folgt, der sie vor 13 Jahren verlassen hat. Schon zu Beginn erfahren wir von Keis Schmerz und davon, dass sie nicht loslassen mag. Selbst ihr Geliebter spürt den Ehemann immer zwischen den beiden. Kei pendelt zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart und kann nicht loslassen:
„Rei, der nicht da war und doch da war. Und Seiji, der da war und doch nicht da.“
Rei ist vor vielen Jahren einfach so verschwunden und hat keine Nachricht zurückgelassen, nur sein Tagebuch. Darin findet sie den Namen Manazuru. Dies ist ein Ort am Meer und die einzige Spur, in der Kei hofft die Antwort zu finden. Dorthin begibt sie sich immer öfter und merkt nicht, wie sie sich von ihrer Familie und ihrem Geliebten entfernt. Die Wirklichkeit schrumpft von Mal zu Mal zu einem kleinen Etwas.

Der Roman nimmt eine Sonderstellung in Kawakamis Werken ein und unterscheidet sich sehr stark im Grundton von den Vorgängern. Dieser ist sehr melancholisch und hängt wie ein kalter Schatten auf der Schulter des Lesers. Die vertraute, verspielte Leichtigkeit suchte ich vergebens. Die Melancholie bei Kawakami ist nichts Fremdes, doch ihre anderen beiden Bücher „Herr Nakano und die Frauen“ und „Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“ – wurden von einem besonderen Witz aufgefangen. Bevor ich einen langen Seufzer ausstoßen konnte, gesellte sich schnell ein Lachen dazu. So wurden die Geschichten nie von der Schwere erdrückt.

Der aktuelle Roman wiegt einiges. Auch die skurrilen Figuren fehlen, wenn man davon absieht, dass Kei eine Begabung für tote Menschen hat. Sie spürt ihre Anwesenheit. Während sich in den anderen Romanen weitere Personen um die Ich-Erzählerinnen reihten, bleibt einzig Kei im Mittelpunkt des Geschehens. Hier dreht sich alles um ihre Gedanken und Gefühle. Kei ist wie ein Planet, der sich um die eigene Achse dreht und Kollisionen aus dem Weg geht. Ihre Gedanken führen sie in eine Welt, die sich für uns oft befremdlich anfühlt. Da ist so ein Spalt in der Wirklichkeit, in den sie abrutscht. Sie reißt uns mit und wir fallen mit hinunter. Komisch fühlt sich das an, anfangs etwas verschoben vielleicht, als hätte man das Gleichgewicht verloren. Wenn man sich darauf einlässt und ihr folgt, wird man auf eine spezielle Art belohnt.

Sprachlich ist sich Hiromi Kawakami treu geblieben. Sie schreibt sehr einfühlsam und poetisch. Die Autorin schenkt uns wieder wunderbare, wohlige Kissen, in die wir uns glücklich plumpsen lassen. Sie findet Worte für Beschreibungen, wo uns manchmal die Buchstaben im Halse stecken bleiben. Gerade dann, wenn die Gefühle die Oberhand übernehmen.

Nina Petri ist eine gute Besetzung zum Vorlesen, obwohl ich es am Anfang nicht glauben wollte. Bisher hat Fritzi Haberlandt Kawakamis Romane mit Bravour vorgelesen und mich begeistert. Ihr typischer Singsang legte sich perfekt in die jüngeren Ich-Erzählerinnen. Kei hingegen ist älter, reifer und nachdenklicher. Mit ihr schaut man aus dem Fenster und spürt noch die Vorhänge vor den Augen. Diese Trägheit hätte ich bei Fritzi Haberlandt wahrscheinlich vermisst.
Seitdem sitze ich in dem Spalt zwischen der Wirklichkeit und der Zwischenwelt. Es ist ein Kommen und Gehen, was man nur spürt, wenn man aufmerksam hinschaut und genau hinhört.

Hiromi Kawakami.
Am Meer ist es wärmer.
Vorgelesen von Nina Petri.
05 Std. 08 Min, 13,95 €,
audible.de

Weihnachtsbuchtipp Nr.8

Friederike von der Seite Japanische Literatur empfiehlt:

Dai Sijie: Wie ein Wanderer in einer mondlosen Nacht

Friederike schreibt dazu:
„Eine direkte Empfehlung abgeben ist immer schwer, da sich das
Geschenk ja auch am Beschenkten ausrichten muss. Was ich zu
Weihnachten aber auf jeden Fall ans Herz legen kann, ist Dai Sijies
„Wie ein Wanderer in einer mondlosen Nacht“. Dieses Buch bietet etwas
für jeden Geschmack: Es ist ein modernes Märchen, philosophisch,
geschichtsträchtig und entführt den Leser nach Zentralasien und
Afrika. Für den großen Geldbeutel gibt es das Buch noch in einer
schönen gebundenen Ausgabe, wer nur eine Kleinigkeit schenken will,
kann zur Taschenbuchausgabe greifen.“

Dai Sijie.
Wie ein Wanderer in einer mondlosen Nacht.
Oktober 2010, 320 Seiten, 9,95 €.
Piper Verlag.

*** Ab sofort gibt es jeden Tag bei mir Büchertipps zum Weihnachtsfest. Ganz besondere Empfehlungen von Freunden und Verbündeten meines Blogs. Mehr Infos findet ihr hier. ***

Handschuhe auf den Augen und Inspiration im Kopf.

Ich hatte lange gewartet und sah am Ende aus wie eine gut gefüllte Weihnachtsgans. Die große, tiefsitzende Sehnsucht trieb mich schon einige Tage vor Erscheinen von „1Q84“ in den Wahnsinn. Tagsüber begann ich ein Buch nach dem anderen und konnte mich nicht ganz konzentrieren. Nachts lag ich wach im Bett und schaute den Sternen im nächtlichen Himmel zu. Als der Mond schließlich zunahm, wusste ich: Die Zeit ist gekommen für einen neuen Murakami. Der Roman erschien bei zunehmendem Mond am Himmel.

Als ich das Buch in den Händen hielt, verlor ich jegliches Zeitgefühl. Die Stimmen der Menschen um mich herum rauschten vorbei und ich war vollkommen geblendet von dem Silberbarren. So sieht das Buch nämlich aus. Ein Silberschatz in der Buchhandlung und am Literaturhimmel sozusagen. Die Seiten sind feinstes Papier und sehr weich. Sie schmiegten sich vertraut um meine Finger. Schon war ich drin und saß zusammen mit Aomame im Taxi.

Sie ist unterwegs zu einem wichtigen Termin. Es kommt jedoch schnell zum Stillstand, weil sie in einen Stau geraten. Der Taxifahrer sagt, dass es lange dauern wird. Zeit hat Aomame keine, also verrät er ihr eine „inoffizielle Möglichkeit“, wie sie es doch noch pünktlich zum Termin schaffen kann. Über eine Treppe, die von der Stadtautobahn führt. Wenn sie die herabsteigt, gelangt Aomame in die Nähe „einer Station der Tokyu-Linie“. Zunächst ist die junge Frau unsicher, doch sie entscheidet sich für den Weg. Bevor sie aus dem Taxi steigt, gibt der Fahrer ihr noch einen Ratschlag mit auf den Weg: „Die Dinge sind meist nicht das, was sie zu sein scheinen.“ Warum? fragt Aomame und auch der Leser runzelt die Stirn. Das Herabsteigen über einer Treppe von der Stadtautobahn ist etwas Ungewöhnliches, sagt der Fahrer. Besonders am hellichten Tag. „Wenn man so etwas tut, kann es sein, dass einem der Alltag anschließend ein wenig – wie soll ich sagen – verschoben erscheint. Aber man darf sich nicht vom äußeren Schein täuschen lassen. Es gibt immer nur eine Realität.“ Genau hier blieb ich hängen und dachte: Es ist ein Omen, es ist verdammtes Murakami-Omen. Gib Acht!

Nur wenige Seiten weiter treffe ich im zweiten Kapitel auf Tengo. Er erinnert sich gerade, wie er mit eineinhalb Jahren seine Mutter gesehen hatte. Dabei sah er sich als dritte Person im Kinderbett liegen. Diese erste und einzige Erinnerung an seine Mutter hat sich tief in sein Bewusstsein eingebrannt. „Isoliert ragte diese Erinnerung aus einer trüben Wasserfläche heraus wie der Kirchturm einer überfluteten Stadt.“ Die Szene erscheint ihm oft, einfach so. Dann vergisst er alles um sich herum, wo er ist, was er gerade macht und ihm wird schlagartig schwindelig. So jedenfalls fühlt sich das Ereignis jedes Mal an. Diese Attacke ereilt Tengo, als er mit dem Redakteur Komatsu zusammensitzt und über das Manuskript „Die Puppe aus Luft“ redet. Eine interessante Geschichte, die leider zu schlecht geschrieben ist. Genau diese soll Tengo, der als Mathematiklehrer an einer Yobido seinen Lebensunterhalt verdient und Schriftsteller ist, so schön schreiben, dass die Verfasserin, die siebzehnjährige Fukaeri, den Debütpreis erhalten soll. Ein gewagtes Vorhaben, auf das sich Tengo einlässt.

Und wie ist das nun mit Tengo und Aomame? Zwischen den beiden besteht eine Verbindung. Das ahnt man als Leser relativ schnell. Ja, die gibt es. Eine besondere dazu. Was aber genau, das werde ich natürlich nicht verraten. Nur so viel: Ein Händedruck und zwei Monde spielen da eine nicht unbedeutsame Rolle.

In diesen beiden Handlungssträngen der beiden Hauptprotagonisten bewegt sich die Geschichte, die in zwei Büchern unterteilt ist. Aomame taucht dabei jeweils in den Kapiteln mit den ungeraden Zahlen auf, Tengo bei den geraden. Der Autor hat in seinen Roman – neben einer zauberhaften Liebesgeschichte, die den zarten Schleier von Romeo und Julia trägt – auch spannende und verschiedene Aspekte eingearbeitet. Da sind die japanischen Frauen, die unter gewaltsamen Ausbrüchen ihrer Ehemänner leiden. Und auch eine Sekte spielt ebenfalls eine große Rolle wie die „Little People“. Sie tauchen in Fukaeris Roman zum ersten Mal auf und bewegen sich auch in der wirklichen Welt. Man möchte die „Little People“ fassen, aber sie zerrinnen dem Leser immer wieder zwischen den Fingern. Am Ende bleiben Fragen im Kopf kleben wie ein Kaugummi. Dafür lieben wir ja Murakami. Für dieses Unerklärliche. Das Mystische, das Alltägliches in kleine Märchen verwandelt. Nichts ist wie es scheint. Auf vieles gibt es Antworten, aber eben nicht auf alles. Der Autor schreibt es selbst und legt die Worte Tengos Vater in den Mund:
„Was einer ohne Erklärung nicht versteht, versteht er auch nicht, wenn man es ihm erklärt.“ Diesen Satz wiederholt Murakami oft. Ist es eine winzige Botschaft an seine Leser?

Murakami hat einen weiten Spannungsbogen gezogen. Ausführlich erzählt er die vielen Geschichten, die sich in dem Werk finden. Er beweist erneut, dass er ein Meister darin ist, den Leser bei der Stange zu halten. Manche Leser meinten, man hätte den Roman auf 800 Seiten kürzen können. Das finde ich nicht. Keine Seite ist zu viel. Dies ist auch der großartigen Leistung von der Übersetzerin Ursula Gräfe zu verdanken, die hier hervorragende Arbeit geleistet hat.

Ich habe ja bereits in meinem Zwischenbericht darüber geschrieben, dass dies ein ganz anderer Murakami ist als seine bisherigen Bücher. Anfangs hat mich der Autor verwirrt und auch ein bisschen enttäuscht. Meine Erwartung wurde zunächst nicht erfüllt. Wie ein trotziges Mädchen sah ich aus. Habe mit den Füßen getreten und mich geärgert. Aus einem Impuls heraus blieb ich eines Morgens stehen und spürte etwas anderes, was von „1Q84“ ausging.

Es hatte klick gemacht. Der Schalter ging von ganz allein an. Ich strahlte zwar immer noch nicht, aber ich war kein Schattenkind mehr, dafür viel mehr ein Literaturkind, das sich leicht leuchtend mit einer Hochachtung vor dem Schriftsteller verneigte.

Während sich seine anderen literarischen Werke für mich durch eine besondere Wärme hervorhoben, bleibt es hier kalt. Bitterkalt. So verdammt fies kalt, dass ich oft einen Schal oder Handschuhe brauchte. Manchmal ist der Blick verschleiert und erscheint wie eine undurchlässige Flüssigkeit. An einigen Stellen war mir der Autor fremd. So kannte ich ihn bisher nicht, doch ausgerechnet das hat mich auf eine seltsame Weise fasziniert. Es schimmert leicht und man nimmt nur verschwommen die Umrisse wahr. Bald schon blieb ich still mit meinen Handschuhen auf den Augen und habe ihn machen lassen. Dafür hat er mich belohnt mit einer spannenden Geschichte, einem eiskalten Märchen, das er mit wunderbaren Sätzen schmückte, die ich in mein Eisfach gelegt habe.

Murakami erinnert uns mit diesem Exoten – so will ich „1Q84“ mal bezeichnen – daran, dass das Leben sich wie ein Strom bewegt und uns mitnimmt. Veränderungen kommen und gehen. Nichts bleibt wie es ist. Auch ein Murakami schnappt sich das Recht, sich literarisch zu verändern und damit seine Leser – eine eingefleischten Fangemeinde – zu überraschen. Für so eine Veränderung nimmt man auch gerne eine anfängliche Verwirrung in Kauf.

Loslassen lautet für mich das Zauberwort zu dem Roman. Alles andere bisher Dagewesene von ihm sollten wir ausradieren – meinetwegen in eine Schublade oder gern in einen tiefen Brunnen ablegen – beim Lesen den bekannten Murakami vergessen und komplett versinken. Kaltes muss sich nicht automatisch leer anfühlen. Dort passt jede Menge Gefühl rein. Und Leeres muss sich nicht automatisch kalt anfühlen. Es kann durchaus auch warm sein, auf seine eigene Weise, kalt-warm, lauwarm. All das inspiriert. Das ist der springende Punkt. Dem Autor gelingt es, durch eine Kälte und Leere anzustoßen, hier und da zu schubsen. So habe ich mir oft die beiden Monde am Himmel gedanklich vorgestellt, die Aomame und Tengo sehen. Murakami ließ mich auch darüber nachdenken, wie Tengos „Blumenkohlohren“ wohl aussehen. Im Kopf passiert so einiges, wenn man „1Q84“ liest. Sogar so viel, dass sich fremde Menschen finden und über all die Rätsel diskutieren wie beim Blog „Reading Murakami„. Wieviele solcher Autoren existieren auf unserem Planeten?

Bevor ich das Buch gelesen habe, wusste ich, dieses Werk wird sein Opus Magnum. Anfängliche Zweifel ließen die Behauptung verblassen, doch nach den 1021 Seiten, weiß ich, dass ich recht hatte. Und dass es sich gelohnt hat, wie eine gut gefüllte Weihnachtsgans auszusehen.

Haruki Murakami.
1Q84.
Oktober 2010, 1021 Seiten, 32,- €.
Dumont Verlag.

Feine Pinselstriche im Ohr.

Es hatte geregnet, als ich das Hörbuch begann. Mir war kalt und ich schaute betrübt den Regentropfen zu, die ans Fenster klatschten. Mich hatte diese typische Herbstmelancholie gepackt. Statt wortlos zu fliehen, bin ich bei ihr geblieben und habe auf Play gedrückt. Franka Potente begann aus ihrem Buch „Zehn“ vorzulesen, ich lächelte und wusste: Auch melancholische Entscheidungen sind gute Entscheidungen.

Fein wie Pinselstriche sind die Erzählungen von Franka Potente. Leicht, zurückhaltend und schnörkellos hat sie geschrieben und bewegt dabei auf eine besondere Art. Sie erzählt verschiedene Geschichten von Menschen aus einem Land, das sehr weit weg ist: Japan. Jede Erzählung steht für sich und doch haben alle Protagonisten eine Gemeinsamkeit: Jeder hat sein eigenes Päckchen zu tragen. Da ist gleich zu Beginn die Fächermalerin Frau Michi, die den Fächerladen der verstorbenen Eltern mit Mühe und Not versucht, aufrecht zu halten. „Nabemono oder der Eintopf“ erzählt von einer einsamen Frau, die sich nach der Trennung von ihrem Mann in ihrem Zuhause eingeigelt hat. Um das Ausbrechen aus den japanischen Konventionen geht es in einer anderen Erzählung. Dort reist die junge Schülerin Naski für ein Austauschjahr nach Los Angeles.

In den Geschichten hat mir Franka Potente das Land sehr authentisch näher gebracht. Die Bräuche und Eigenheiten der Japaner, die bei uns Europäern manchmal ein Kopfschütteln hervorrufen. So werden Ungeborene gern schon vorgebildet. Dazu liest die werdende Mutter Weltliteratur, hört bedeutende Musik wie Brahms oder sie lernt Sprachen, die sie selbst noch nicht beherrscht. Nicht zu vergessen: die typische Zurückhaltung der Japaner. Eine Distanz, die ehrwürdig ist und einen bestimmten Respekt hervorruft.

Ich ziehe vor Franka Potente meinen Hut. Die Schauspielerin hat ein besonderes Literaturerlebnis geschaffen, weil sie von jeder Zutat etwas in die köstliche Literatursuppe hineingestreut hat. Es gibt witzige Ereignisse, bei denen ich gelacht habe wie bei der Geschichte von Tadaski und Haruka. Bei der nächsten Erzählung hingegen ist man ergriffen, weil man das Gefühl hat, dass die Einsamkeit einen aufisst. Die Erzählungen erinnern mich ein bisschen an eine Berg- und Talfahrt. Manchmal sitzt man oben und lacht dem Leben mitten ins Gesicht, an anderer Stelle sucht man hektisch nach einem Taschentuch, um das Bedrücktsein wegzuwischen. Und überall flattert so eine Stille, einem Schmetterling gleich. Genau die Stille ist es, die uns Europäerin immer abhanden kommt. „Die Gaijin, die Außenmenschen, sind immer so laut“, sagt die Fächermalerin Frau Michi.

Mit genau dieser Stille liest die Autorin ihre Geschichten vor. Ganz ruhig und einfühlsam atmet sie ein und spricht Satz für Satz. Sie malt keine Bilder und doch spürt man feine Pinselstriche im Ohr. Die Welt verliert sofort an Tempo, alles wird langsamer und man verwandelt sich in eine glückliche Schnecke, die gern Regentropfen auf dem Häuschen spürt.

Franka Potente.
Zehn. Stories.
Gesprochen von der Autorin.
03 Std. 57 Min., 13,95 €
audible.de

Verrückte Wesen, die das Herz erwärmen.

Aha. Aha. Ich spreche das Wort zweimal aus. Aha. Dreimal. Doch irgendwie klingt es nicht so, wie erhofft. Nicht so, wie ich es mir wünsche. Aha. Vielleicht liegt es an der Sojabohne, die ich zwischen den Zähnen habe. Aha. Seltsam, aber schön und lustig. Ich lächle und spule noch einmal zurück. Aha – bei Fritzi Haberlandt hört sich das Wort anders an. Besonders. Das werde ich ihr nicht nehmen, ebenso wenig wie die wunderschöne Liebesgeschichte, die sie vorgelesen hat.

„Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“ ist eine Liebesgeschichte, die bezaubert und glücklich macht. Sie ist aber auch skurril und philosophisch, nebenbei eine kulinarische Köstlichkeit, denn um das Essen dreht sich hier vieles. Die Geschichte beginnt damit, dass Tsukiko an der Theke einer Kneipe sitzt und sich „eine Portion Thunfisch mit fermentierten Sojabohnen, einmal gebratene Lotuswurzeln in süßer Sojasoße und eingelegte Perlzwiebeln dazu“ bestellt. Als ein älterer Mann neben ihr das Gleiche ordert, horcht sie auf und betrachtet den Opa, wie sie ihn bezeichnet, genauer. Während Tsukiko noch überlegt, woher sie das Gesicht kennt, spricht der Sitznachbar Tsukiko direkt an. Der Japanisch-Lehrer erkennt seine ehemalige Schülerin sofort. Er plappert fröhlich darauf los, nennt sie beim Namen und ihr fällt nur eine Antwort ein: „Aha.“ Weil Tsukiko nach langem Überlegen immer noch nicht der Name ihres Lehrers in den Sinn kommt, nennt sie ihn Sensei. Schon nach wenigen Minuten hat sie das Gefühl, dass dieser Mensch ihr näher ist als manch gleichaltriger Freund. Sensei ist 30 Jahre älter.

Bis zu der Begegnung führte Tsukiko das Leben eines Einsiedlerkrebses, der einsam seine Runden drehte. Sie ging allein durch die Stadt, fuhr allein mit dem Bus, ging allein in die Kneipe. Ehrlich gesagt, fühlte sie sich für die Liebe nicht geeignet. Irgendwie hat sie sich mit dem Leben arrangiert. Bis zu jenem Abend als sie dem Sensei wieder trifft. Dieser Mann wirbelt vieles durcheinander. Da ist erstmal er selbst, der ein wenig verrückt ist. So sammelt der Sensei beispielsweise alte Batterien. Er tut das vor allem deshalb, weil er glaubt, dass sie noch Leben in sich haben. Dies reicht zwar nicht mehr, um einen Motor anzutreiben, aber es ist immer noch zu viel um sie wegzuschmeißen. Also hebt er sie im Schrank auf. In diesen Momenten sieht man Tsukiko direkt vor sich, wie sie schmunzelnd den Kopf schüttelt. Und da ist die andere Sache, dass sie öfter an den Sensei denkt, ihn vermisst, wenn er nicht da ist.

Schon nach der ersten Seite habe ich Tsukiko Herz geschlossen. Es ist ihre ehrliche und offene Arte, Dinge auszusprechen, der trockene Humor, den sie gern ihrem Gesprächspartner an die Stirn klatscht. Ich mochte aber auch ihre tiefsinnige Art, dem Leben zu begegnen. Ihre Gedanken sind fernab jeglicher Gefühlsduselei. Sie haben stets die Frische einer Meeresbrise. Man steht am Strand. Der Wind fährt einem durchs Haar und am Horizont erkennt man etwas. Was genau, lässt sich allerdings nicht sagen. Direkt und gleichzeitig geheimnisvoll umwoben – so empfand ich das, was die Geschichte in mir ausgelöst hat.

Fritzi Haberlandt liest in ihrem typischen Singsang, der perfekt hier rein passt. An den richtigen Stellen hebt sie die Stimme oder senkt sie. Sie liest wie eine gerade Linie, die aber auch gern vom Weg abkommt. Schief ist es immer, wenn man Romane von Hiromi Kawakami liest. Die japanische Autorin ist bekannt für ihre poetische Sprache, mit der sie das Leben von Menschen erzählt. Menschen wie du und ich sind das dort, aber sie tanzen ein bisschen aus der Reihe, weil sie skurrile Eigenarten haben.

Die japanische Autorin sprengt mit ihren Geschichten die normalen Konventionen und zeigt immer wieder, dass ausgerechnet Menschen, die anders sind als andere eine besondere Bedeutung im Leben haben. Ein Fleck, der nur für sie reserviert ist und den man sich nicht abrubbeln will. Sicherlich schmunzelt jeder über das Holprige, was die ebenmäßige Bahn unterbricht. Doch wenn wir mal ganz ehrlich sind, kriecht nicht genau dann so was Warmes ins Herz? Verrücktes ist nämlich oft auch liebenswert. Schön, dass es eine Autorin gibt, die uns daran erinnert.

Hiromi Kawakami.
Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß.
Gelesen von Fritzi Haberlandt.
4 Std. 45 Min., 13,95 €.
audible.de

He’s coming to me. I smile and…

… I’m happy like a little child. Ein Kind der Literatur strahlt mit großen Augen den neuen Murakami-Roman an, der da in großen Schritten herbeigeeilt kommt. Lange habe ich auf sein neues Werk warten müssen. Vier Jahre. Das war hart. Vier Jahre ohne Murakami ist wie Autofahren ohne Räder. So wirklich begreife ich das erst jetzt, wo ich das Ziel fast erreicht habe. Alles fällt von mir ab und ich verliere merklich an Gewicht. Ich fliege und störe mich nicht an dem kalten Wind, der mir frech ins Gesicht pustet.

Vorwärts komme ich mit dem Japaner immer. Jedesmal weiß ich zwar nicht, wie, aber ich bewege mich und mein Geist folgt mir. Murakamis Bücher eröffnen mir Welten, die ich teilweise sehr gut kenne, die mir aber an einigen Stellen doch sehr speziell erscheinen. Ein Knirschen hier, ein Lächeln dort und ein Kratzen da. Er kreiert besondere Landschaften, in die ich mich gern mit einem klopfenden Herzen setze. Und er inspiriert mich zu höchstem Maße.

Murakami setzt mir Flöhe in den Bauch und lässt mich über die Flucht nachdenken, wie ich es vorher so noch nicht getan habe. Murakami stößt mich an, mit anderen Literaturfreundinnen ein Projekt ins Leben zu rufen und er bringt mich mit anderen, fremden Menschen zusammen. Was kann man dazu sagen? Nichts. Einfach nur staunen, lächeln und sich würdevoll verneigen. Das Literaturkind ist glücklich. IQbidu!

Haruki Murakami – Ein Autor, der verbindet.

Alle Murakami-Fans und solche, die es werden wollen, aufgepasst!

Ab sofort gibt es den Blog Reading-Murakami – ein Gemeinschaftsprojekt von Ada Mitsou, Bibliophilin, Der Blaue Raum und Klappentexterin. Wir sind vier LitBloggerinnen, die im Murakamifeuer glühen und diese Begeisterung mit euch teilen wollen. Murakami ist ein Autor, der die Kraft hat, aus fremden Menschen eine Gemeinschaft zu machen. Das möchten wir nutzen und mit euch zusammen sein neuestes Buch 1Q84 lesen und darüber diskutieren. Außerdem findet ihr auf der Seite Informationen über den Autor und seine Werke sowie Neuigkeiten über Japan und seinen vielleicht geheimnisvollsten Schriftsteller.

Das Murakami-Kollektiv lädt euch herzlich ein, dabei zu sein und wir freuen uns euch bei Reading Murakami wiederzusehen!

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