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Glück unter der Sonne.

nonno

Manche Bücher stoßen zur richtigen Zeit in unser Leben. Sie fallen wie unerwartete Glücksboten in unsere Hände. Als es draußen bitterkalt war und die Sonne in weiter Ferne, rettete mich Patric Marino vorm Erfrieren und schenkte mir solches Glück. Sein Debüt „Nonno spricht“ ist im Lokwort Verlag erschienen. Es ist ein Buch, das mich schon beim ersten Anblick entzückt hat. Auf dem Cover segelt ein einsames Basilikumblatt unter dem Titel direkt hinein ins Blickfeld. Ein Flirt besonderer Art, auf den ich gern eingegangen bin. Weiterlesen

Lebensfreude am Angelhaken.

Dieses Mal gehen das Buch-Model und die Rezension Hand in Hand.

Was gibt es für ein größeres Abenteuer als das Leben selbst? Das hat sich auch Fabio Genovesi gedacht, als er „Fische füttern“ schrieb. In seinem Roman erzählt der italienische Autor von Menschen, die in einem kleinen Dorf in der toskanischen Provinz leben. Mit einer mitreißenden Leichtigkeit tanzt er übermütig durch den Roman, dass ich nicht anders kann, als zu lächeln und das Buch in einem Rutsch zu lesen. Ich spüre Flügel auf meinem Rücken wachsen, so leicht schweben die vielen Zeilen, so kraftvoll hebt mich die aufsteigende Lebensfreude nach oben.

Fiorenzo kommt als Erster zu Wort und bleibt die lauteste Stimme im Buch. Der 19-Jährige hat vor fünf Jahren bei einer Feuerwerksexplosion seine rechte Hand verloren und damit auch den Traum des Vaters ausgelöscht. Der wollte aus seinem Sohn einen Radprofi machen. Jetzt steht Fiorenzo kurz vor dem Abitur. Ob er den Abschluss schafft, steht noch in den Sternen, glänzt er doch mehr durch Abwesenheit in der Schule. Angeln und seine Band sind da viel aufregender. Als lästig empfindet er Mirko, „der kleine Champion“, den Fiorenzos Vater trainiert. Auf dem Rennrad holt er einen Sieg nach dem anderen, nur in der Schule ist er eine Niete. Damit das nicht so bleibt, soll Fiorenzo ihm Nachhilfe erteilen. Der wehrt sich zunächst gegen die Bitte des Vaters, aber Fiorenzo hat eine Idee, eine wirklich gemeine, die dazu führt, dass Fiorenzo Tiziana kennenlernt und das wiederum hat zur Folge… Nein, mehr verrate ich nicht. Nur so viel: Bei Fabio Genovesi kommt keine Langeweile auf, er wechselt die Erzählperspektiven und erfreut mich durch einen bunten Strauß an lebensklugen Sätzen wie diesem hier: „Es gibt Dinge, die sind richtig und müssen einfach passieren, weil sie so schön sind, auch wenn sie am Ende doch nicht passieren. Aber das macht nichts, vielleicht passieren sie morgen oder übermorgen oder irgendwann, wenn’s ihnen in den Kram passt.“ Oder sie passieren heute, wenn du das Buch liest. Das Abenteuer Leben erwartet dich!

Fabio Genovesi.
Fische füttern.
März 2012, 432 Seiten, 19,99 €.
Bastei Lübbe.

Über den Autor:

Fabio Genovesi wurde 1974 geboren und lebt in Forte dei Marmi am Ligurischen Meer. Er ist Bühnenautor, Drehbuchschreiber und freier Redakteur für Rolling Stone, Vanity Fair und andere Zeitschriften. Darüber hinaus ist er als Übersetzer tätig, trainiert den Radsportnachwuchs und begeistert sich für das Sportfischen. In Italien wurde Fabio Genovesi als originelle neue Erzählstimme gefeiert.

Ein poetisches Karussell an Gedanken.

In manche Bücher plumpst man sofort hinein wie in ein weiches Bett. Der Bauch wird warm und schon nach den ersten Sätzen ahnen wir, dass etwas Großes auf uns zurollt. Genauso ist es mir bei Accabadora von Michela Murgia ergangen.

Die italienische Autorin erzählt in ihrem Debüt über Menschen und deren Schicksale und über eine Insel mit deren Vergangenheit. Im Vordergrund stehen Maria und die Schneiderin Bonaria Urrai. Die beiden leben zusammen wie Mutter und Tochter, obwohl sie es nicht sind. Maria ist das vierte Kind einer armen Witwe, die ein weiteres Kind nicht auch noch durchbringen kann. Bonaria ist es seit jeher vergönnt gewesen, ein eigenes Kind zu bekommen. Also nimmt sie Maria auf. Das Mädchen entkommt auf diese Weise einem Leben in Armut. Schon bald merkt sie jedoch, dass ihre Ziehmutter ein düsteres Geheimnis mit sich herumträgt, das sie eines Tages lüftet. Das zieht einen großen Konflikt nach sich, der einen unüberwindbaren Spalt zwischen den beiden Frauen schafft.

Der andere Erzählstrang berichtet von den Menschen auf der Insel, von ihren Nöten, ihren Sehnsüchten und Gefühlen. Es wird geliebt, gehasst und natürlich viel erzählt, mal tuschelnd, mal offen. Die Autorin erzählt so detailgenau und geht dabei sehr einfühlsam vor, dass man mitfühlt und mitdenkt. Ein kleiner Stachel setzt sich in den Kopf und bleibt dort stecken. Man denkt, denkt und denkt. Und denkt und denkt.

Dieses Buch hat mich sofort gefangen. Vor allem die poetische und sensible Sprache Murgia habe ich dies zu verdanken. Auf fast jeder Seite entdeckte ich Sätze, die ich mir liebend gern auf meine Wäscheleine aufhängen möchte. Hier ist einer von vielen:

„Es gibt Gedanken, die wie eine Eule das Tageslicht scheuen.“

Gedanken tauchen in dem Buch einige auf, an denen man nicht spurlos vorbeilesen kann. Die Gedanken drehen sich um zu viele Fragen mit denen ich konfrontiert wurde. Was bedeutet Familie? Tradition brechen oder weiterleben lassen? Was ist Gerechtigkeit? Darf ich Böses mit meinem eigenen Anspruch zunichte machen? Was ist ein gutes Leben? Darf man kranke Menschen, die keine Hoffnung mehr auf Besserung haben, erlösen, wenn sie es sich wünschen?

Wir tauchen auch ein in Traditionen und uraltem Wissen auf Sardinien. Eine Insel, die eine Welt für sich ist. Die Sonne glüht, der Mund ist trocken und überall schwebt öfter ein kalter Schatten, der haften bleibt – egal wie sonnig es ist. Dieses Buch hat zurecht kurz nach seinem Erscheinen bei uns viele begeistert. Es ist ein Werk über starke Frauen für starke Frauen, aber auch ein Werk für Männer, die solchen Frauen gern ins Gesicht schauen.

Michela Murgia.
Accabadora.
Februar 2010, 176 Seiten, 17,90 €,
Klaus Wagenbach.