Schlagwort-Archive: Israel

Ein Land – zwei Welten.

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Wer kennt das nicht? Da hat man gerade ein Buch beendet und ist unheimlich traurig. Man will am liebsten weiterlesen. Genauso ist es mir im Frühjahr ergangen. Nachdem ich Amos Oz’ »Judas« beendet hatte, wollte ich in Israel bleiben und so griff ich zu Lizzie Dorons Buch »Who the Fuck Is Kafka«. Sicherlich kann man beide Werke nicht auf eine Stufe stellen. Trotzdem spüre ich zwischen beiden Büchern eine innige Symbiose – und das nicht nur, weil Mirjam Pressler die Bücher aus dem Hebräischen ins Deutsche übersetzt hat. Sie führen mich in ein Land, das zerrissen ist und unzählige Narben wie Tote und Verletzte in sich trägt, jeder auf seine Art mit der Kraft des geschrieben Wortes.

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Mirna Funk über Identität.

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Mirna Funk wurde 1981 in Ostberlin geboren, studierte Philosophie und Geschichte. Sie arbeitet als freie Jounalistin und Autorin, u.a. für »Der Freitag«, und »Zeit Magazin«. Sie schreibt über Kultur, Lifestyle und Kunst. 2014 berichtete sie für das Magazin »Interview« aus Israel. Mirna Funk lebt in Berlin und Tel Aviv. Für ihr Debüt »Winternähe«, das diese Tage beim S. Fischer Verlag erschienen ist, erhält sie den Uwe-Johnson-Förderpreis. Weiterlesen

Israel. Und seine Menschen.

amos_oz_judasSich auflösen und eins werden mit den Seiten eines Buches. In einem anderen Leben, das sich trotz aller Fremde vertraut anfühlt, als wäre es der eigene Atem. Das überdies geheimnisvoll leuchtet und gleichzeitig im Kopf viele Fenster öffnet. So hänge ich mit meinen Sinnen weiterhin in Jerusalem bei Schmuel Asch, Gerschom Wald und Atalja Abrabanel. Ich mag mich nicht aus »Judas« von Amos Oz lösen, möchte diese besondere Aura, die das Buch wie eine Wolke umgibt, nicht hinter mir lassen. Muss ich auch nicht. Dafür habe ich meinen Blog. So lächle ich und wandere zurück in die ausgelesenen Seiten.

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Erschütterungen.

Ich wusste, worauf ich mich einlasse und doch hat mich Zeruya Shalev erneut mit einer Wucht gegen die Wand geschleudert. Verletzt habe ich mich nicht, ganz im Gegenteil, ich spüre nach ihren Romanen stets eine ungeheure Kraft in mir. Wie ein Baum stehe ich fest auf dem Boden und bin glücklich, einen Sturm überlebt zu haben. Gewaltig sind ihre Bücher, radikal und kraftvoll die Worte, mit denen sie düstere, dramatische Geschichten erzählt. So auch „Für den Rest des Lebens“, in dem sie das Leben von drei Menschen durchleuchtet.

Chemda Horovitz ist der Ausgangspunkt der Geschichte. Die alte Frau liegt in ihrem Bett, ist unfähig, sich zu bewegen und übergibt dem Kopf das ganze Kommando. Der Kopf beobachtet, wie „knochig und geschrumpft“ sie ist, „leicht wie eine Feder“, dass sie wegfliegen könnte. Der Kopf nimmt die Besuche der Kinder wahr, „spürt den alten Groll, bemerkt die Blicke auf die Uhr, das erleichterte Aufatmen, wenn das Telefon klingelt.“ Der Kopf ist es auch, der ihr Gedanken einhaucht und an den Fäden der Erinnerung zieht. So wandert sie zurück, erlebt die ersten Momente des Lebens, die sie als erstes Kind im Kibbuz machen soll. Plötzlich steht sie im Mittelpunkt der Menschen. Laufen soll sie, die ersten Schritte machen, bedeutungsvolle Schritte wie sie jetzt im Nachhinein denkt: „Es schien, als hätten sich alle Sehnsüchte nach den kleinen Geschwistern, die in der Fremde geblieben waren, nach ihrer eigenen Kindheit, aus der sie aufgrund einer harten Ideologie herausgerissen worden waren, nach der Liebe ihrer Eltern, die sie nicht mehr gesehen hatten, seit sie weggegangen waren, manche im Zorn, manche mit gebrochenem Herzen, dort im gerade fertig gebauten Speisesaal versammelt.“ Es passiert das große Drama, sie fällt in dem Moment, als der Vater sie loslässt. Der Sturz bleibt ein wunder Punkt in Chemdas Leben, die erst zwei Jahre danach anfängt zu laufen.

Stagnation ist ein treffendes Wort für das Leben von Chemdas Kindern, die gefangen sind in ihren eigenen Welten, wie zwei Käfer auf dem Rücken liegen und strampeln. Avner sehnt sich nach Freiheit, will ausbrechen aus den Fesseln seiner Ehefrau, die ihn über Jahre gedemütigt hat und spürt ein großes Verlangen nach der großen erfüllenden Liebe, nachdem er im Krankenhaus ein Pärchen beobachtet hat und berührt ist. In Dina wächst der Wunsch nach einem weiteren Kind, dem verlorenen Zwillingsbruder ihrer Tochter, der die Schwangerschaft nicht überlebt hat. Es ist nicht der Verlust, der sie dazu hintreibt, viel mehr ist es das innere Bedürfnis, gebraucht zu werden. Genau das Gefühl gibt ihr die heranwachsende Tochter nicht mehr: „Früher, als Nizan sie brauchte, hatte sie wie eine Wilde geatmet, hatte Sauerstoff aus den Mündern der Vorübergehenden gesogen, doch nun, da ihre Tochter sie ignoriert, sie absichtlich kränkt, braucht sie keinen weiteren Sauerstoff, sollen ihn doch die anderen einatmen.“

Es ist ein Buch voller Zorn, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Trauer. Stachel bohren sich ins Herz, drücken den Kopf gegen kühlen Stein. Trotzdem steckt hier so viel Kraft drin, dass ich explodieren könnte. Anfangs brauchte ich ein bisschen, um mit Zeruya Shalev warmzuwerden. Wieder reihen sich ihre Sätze schlangenförmig aneinander, beinah atemlos wollen sie erzählen und dulden keine Pause. Anführungszeichen gibt es nicht, dafür unzählige Kommas, die Gedanken miteinander verbinden, die Gegenwart mit der Vergangenheit vereint. Das mag auf den ersten Seiten anstrengen, aber wer Shalev kennt, weiß, dass sich der erste Höllenlesemarsch lohnt und die Geschichten kleine Fußabdrücke hinterlassen. Die Themen wühlen auf, zu sehr bewegen die Lebensschicksale und rütteln an den eigenen Fensterläden, die ich gern geöffnet habe.

Zeruya Shalev widmet sich in ihrem neuen Roman dem Leben selbst, den Erschütterungen, den Sehnsüchten, Träumen und der Liebe. Vor allem die Liebe taucht mehr als Phantom auf, sie scheint in den Kränkungen und dem Egoismus der Menschen abhanden gekommen zu sein. Neben den einzelnen Schicksalen webt Shalev kritische Töne ein, erhebt eine Stimme gegen das Bild der israelischen Frau. Sie spricht von freiwilliger und trotzdem erzwungener Versklavung, „scheinbar sind sie unabhängig von den Männern, aber sie werden von ihren Kindern versklavt, sie hören auf, Frauen zu sein, und werden zu Müttern […]“ Darüber hinaus spüre ich aus dem Buch einen Unmut mit dem Staat Israel aufsteigen. Der Kessel brodelt und Dampf zieht nach oben, wenn ich Avners Gedanken lese, in denen er sorgenvoll über sein Land nachdenkt, hoffnungslos und „die Trauer den Hals“ zuschnürt. Die Autorin geht noch weiter und legt Avner folgende Worte in den Mund: „Vielleicht sollten sich Wissenschaftler dieses Konflikts annehmen, keine Staatsmänner, denkt er, vielleicht würde sie es schaffen, eine Formel zu finden, denn dieser Widerspruch zwischen den Einzelnen und dem Ganzen zieht sich in diesem Teil der Welt über Generationen hin […]“
Obwohl Shalevs Schreibstil sehr radikal und derb ist, fügt sie an vielen Stellen zarte Fragmente ein, die Bilder erzeugen, leise poetische Zwischentöne und mir die verlorene geglaubte Hoffnung in die Hände legt. Die Hoffnung und der Glaube daran, dass auch Wände durchbrochen werden können und damit Platz für Frieden und Liebe frei wird.

Zeruya Shalev.
Für den Rest des Lebens.
Januar 2012, 500 Seiten, 22,90 €.
Berlin Verlag.

Mut ohne Grenzen.

Manchmal kennt der Mut keine Grenzen. Man springt über den eigenen Schatten, begräbt Vorurteile und schiebt Ängste beiseite. Ein besonders aufwühlendes Beispiel dafür ist das Buch „Aftershock: Die Geschichte von Jerus und Nadira“ von Tamar Verete-Zehavi.

Sie erzählt in ihrem Jugendroman von zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein können. Jerus ist siebzehn und Israelin, die achtzehnjährige Nadira Palästinenserin. Beide leben im selben Land, aber nicht in der gleichen Welt. In einem Supermarkt in Jerusalem zündet Nadira ihren Sprengstoffgürtel. Zufällig ist Jerus auch dort und wartet auf ihre Freundin Ella. Jerus stirbt, Ella überlebt schwer verletzt. Von einem Tag auf den anderen ändert sich das Leben der 15-Jährigen komplett.

Über Ellas Schmerz schwebt eine dunkle Wolke, aber nach dem ersten Schock spielt sie die Starke und unterdrückt jeden Schmerz. Nach und nach taut sie ein wenig auf. Trotzdem legt sich eine düstere Erkenntnis wie ein zu eng gebundener Schal um ihren Hals und die ist genauso bitter wie der Schmerz über den Verlust ihrer besten Freundin: Sie fühlt sich nicht mehr dazugehörig im Kreis ihrer Freundinnen. Sie igelt sich ein und schottet sich ab von der Welt. Erst kann sie nicht verstehen, was da mit ihr passiert. Sie taucht immer mehr ab und strickt sich einen eigenen Schutzmantel, der sie vor der Realität bewahrt und nicht an das Schlimme erinnert. In einer Phantasiewelt malt sie das Bild der jungen Palästinenserin und schreibt sich alles von der Seele. Doch schon bald möchte sie es nicht bei ihrer ausgedachten Geschichte belassen und nimmt Kontakt zu Nadiras Familie auf.

Wenn man die Geschichte liest, schafft es die Luft nicht immer über den Hals hinaus. Eigentlich möchte man die Augen schließen. Nicht sehen, zu was Menschen in der Lage sind. Nicht lesen, wie weh es tut, wenn man von heute auf morgen ein fremdes Ich im Spiegel anschaut. Nicht fühlen, wie es ist, einen geliebten Menschen zu verlieren. Aber ich ermuntere alle, weiter zu lesen, denn Hoffnung und Mut brechen bald die düstere Kruste auf. Die Sonne kommt durch. Es ist eine Freude, wie aus der zusammengekauerten Ella ein Mädchen heranreift, das wieder laufen kann und dabei unwahrscheinlich gerade ist. Wie sie mit Rückgrat über Brücken läuft, die die Erwachsenen versperrt haben. Tamar Verete-Zehavi hat mit Ella eine Figur geschaffen, die sehr authentisch wirkt. Es liest sich wie ein Tagebuch, als gäbe es keine Autorin, sondern nur Ella ganz allein, die der Welt ihre eigene Geschichte erzählen möchte.

Mich hat der Roman außerordentlich beeindruckt. Es ist eines jener Bücher, die man nicht so schnell vergessen kann. Immer wieder sitzt du neben Ella und lauscht ihren Gedanken. Man möchte Ellas Hand nehmen und alle Fragen beantworten. Reden ist wichtig. Besser als schweigen. Und dass man auch aufeinander zu gehen kann, obwohl Stacheldraht dazwischen liegt, beweisen Helden wie Ella immer wieder. Mut und Zivilcourage kennen eben keine Grenzen.

PS: Es gibt diese mutigen Menschen auch im wirklichen Leben. Nicht oft, aber es gibt sie: Einer von ihnen wurde mit dem Hessischen Friedenspreis ausgezeichnet. Der Palästinenser Ismail Khatib hat 2005 seinen Sohn verloren, er wurde von israelischen Soldaten erschossen. Gemeinsam mit seiner Frau hat Ismail Khatib die Organe seines Sohnes als Spende für israelische Kinder freigegeben. Damit wollte er ein Zeichen des Friedens setzen. Im Schmerz hat der Palästinenser menschliche Stärke und außergewöhnlichen Mut bewiesen.

Tamar Verete-Zehavi.
Aftershock: Die Geschichte von Jerus und Nadira.
Februar 2009, 208 Seiten, 12,95 €.
Altersempfehlung: 12-13 Jahre.
cbt Verlag.

Nahaufnahme über Menschen wie du und ich.


Das Paradies sieht anders aus. Das weiß der Leser schon nach der ersten Seite und folgt der Geschichte auf leisen Sohlen, in der Hoffnung vielleicht doch irgendwo ein Stück vom Paradies zu finden.
Yael Hedaya hat ein Netz um die Einzelschicksale der Menschen gewoben, die in der Siedlung Eden, vor den Toren Tel Avivs, leben. Psychologisch und sensibel gibt sie jedem Protagonisten die richtige Stimme, malt das Bild so authentisch, dass man nicht das Gefühl hat, dies sei irgendein Roman, sondern viel mehr eine spannende Reportage, eine Nahaufnahme, über Menschen wie du und ich, die eigene Sehnsüchte, Träume haben und dennoch nicht vom Schicksal verschont bleiben.
Yael Hedaya schreibt ohne große Absätze, reiht die Geschichten aneinander und addiert alles zu einem großartigen Roman. Da wären einmal Mark und Alona, noch verheiratet, leben getrennt und sind Eltern von zwei Kindern. So ganz ohne können sie nicht auskommen, aber als Ehepaar funktionieren sie nicht mehr. Es fehlt ein Dazwischen, doch das will sich nicht so einfach einstellen. Ronny, die frühreife Tochter aus Marks erster Ehe, verliebt sich in ältere Männer, vor allen in den jungen Schriftsteller, Uri, den Alona als Lektorin betreut. Und dann ist auch noch Eli, mit dem sie eine Affäre hat. Eli wiederum ist verzweifelt, ein ehemaliger Yuppie, mittlerweile Rechtsanwalt und versucht mit seiner Frau, Dafna, seit sieben Jahren eigene Kinder zu zeugen, was einfach nicht gelingen will, trotz etlicher medizinischer Befruchtungsversuche.

Der Autorin berichtet mit einem geschulten psychologischen Auge über die seelischen Abgründe der Menschen – fesselnd und fantasievoll. Sie nimmt kein Blatt vor dem Mund und schreibt lieber über Ficks statt über Liebe machen. Wie Zeruya Shalev gelingt es ihr mit einer leichten Radikalität feinfühlig zu bleiben, aber nicht zu emotional zu werden.

Eden.
Yael Hedaya.
September 2008, 24.90 €.
Diogenes.