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Ein verlorenes Paradies?

elif_shafak_der_geruch_des_paradieses»Welchen Lebensweg soll ich einschlagen?« Ich spüre den Blick von Peri auf mir und drehe mich verlegen zur Seite. Diese große existenzielle Frage hallt durch Elif Shafaks Romanheldin direkt zu mir. Peri erinnert mich an eine junge Biene, die zu lange am süßen Nektar genascht hat. Nun ist sie ganz mit Blütenstaub gefüllt und sie weiß nicht, wohin mit dem Gewicht. In ihrem Falle sind es allerhand Gedanken und Gefühle. Sie arbeiten in ihr wie fleißige Ameisen, und der Wind bahnt sich einen Weg durch ihren Kopf, doch die Gedanken über Gott, das Gute und das Böse, die verschlüsselten Träume und die Einsamkeit des jungen René Descartes, sie wollen partout nicht verschwinden.

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Das Herz ist eine Black Box.

Ich habe acht Monate lang darauf gewartet und jetzt ist es endlich da: Mein persönliches Lesehighlight 2012! Es ist nicht so, dass ich vorher nicht schon wunderbare Bücher gelesen hätte, aber mir fehlte genau dieses eine, das mich vollkommen begeistert und aus dem Lesesessel in den Himmel trägt. Das kein Wenn und Aber kennt, sondern vollkommen ist. Gerade steige ich aus dem neuen Roman „Die Logik des Herzens“ von Priya Basil und muss mich festhalten. Ja, das ist es! Die Sätze hängen noch in meinen Augen, kleine Blütenblätter, die nicht wegfliegen wollen und mein ganzer Körper erinnert mich an eine Sturmflut. Ich zittere, bin zutiefst aufgewühlt und glücklich. Draußen klopfen Regentropfen ans Fenster. Ich atme auf und lächele. Selten habe ich Regen so genossen wie jetzt.

Wenn ich ganz ehrlich sein soll, habe ich schon vor dem ersten Satz gewusst, dass „Die Logik des Herzens“ ein besonderes Werk ist, das die Chance hat, für mich eines der besten in diesem Jahr zu werden. Das wunderschöne Cover berührte meine Sinne und lockte mich. Ich war eine Biene, die den Blütennektar entdeckt hatte und den süßen Saft gierig aufsaugte. Das gelb-grüne Licht strahlte sanft über den Kopf einer Frau, deren Schwermut ich in der Brust spürte. Auch der Klappentext versprach Großes und so öffnete ich neugierig das Buch.

Am Anfang warte ich mit Anil zusammen. In einem Londoner Café hat sich der Kenianer mit Lina verabredet. Sie ist jemand, der ihm viel bedeutet, das erkenne ich nach den ersten Sätzen: „Wie oft hat er gewartet, keine Ahnung gehabt, wann sie erscheinen würde, und sich ausgemalt, was alles dazwischengekommen sein könnte.“ Es ist einige Jahre her, dass sie sich gesehen haben. Später erfahre ich, dass das Warten ein tragendes Element in der Beziehung sein sollte.
Anil kehrt in dem Café zurück in jene Zeit, als die Liebe begann. Vor mir entfaltet sich eine Liebesgeschichte, die unvergesslich bleibt und einen Fußabdruck hinterlässt wie alles, was mit unseren Herzen in Berührung kommt. Die Autorin beschreibt es an einer Stelle so: „Doch noch in den schlimmsten Momenten gibt es einen Trost: dass nämlich auch du nie vergessen kannst. Denn das Herz ist eine Black Box.“

Lina. Anil. Zwei Namen, die sich spiegeln und eins sind, zwei Menschen, die sich magisch anziehen und verschmelzen wollen. Es wäre so schön, wenn da nicht die Hindernisse wären, die sich wie Feinde dazwischen stellen. Das größte ist Linas Religion. Sie ist Moslemin und stammt aus bescheidenen Familienverhältnissen. Die Eltern kommen aus Indien, vor allem Linas Eltern sind sehr streng gläubig. Ihr Vater betet jeden Tag fünfmal, zu Hause gibt es nur Fleisch, das halal ist und Verabredungen mit nichtgläubigen Jungs sind eine Schande. Anils Eltern hingegen sind vermögend und leben in Nairobi ein ganz anderes Leben. Anils Mutter veranstaltet regelmäßig Soirées, bei denen sie Leute aus dem öffentlichen Leben einlädt, der Vater hat sich als erfolgreicher Unternehmer einen Namen gemacht.

Anil studiert in London Architektur und trifft dort eines Tages bei einem Konzert auf Lina. Was für ein kosmischer Moment. Anil ist sofort von Lina verzaubert: „Er glaubte den Kopf vor dieser Fremden neigen zu müssen. Ihre Gliedmaßen waren so schön, dass er am liebsten gebetet hätte, dabei hatte er es nie zuvor getan.“ Aber Lina ist nicht perfekt, sie hat eine kleine Narbe an ihrer Oberlippe. Trotzdem und wohl gerade deshalb brennt sich dieser fremde Mensch, diese unbekannte Schöne, direkt in Anils Herz: „Sie ist es, dachte er.“ Lina ist anders als die anderen Mädchen. Sie muss ihre Beziehung geheim halten und lässt Zärtlichkeiten nur bis zu einem gewissen Punkt zu, denn mit einem Mann schlafen wird sie erst, wenn sie verheiratet ist. So sieht es die Religion vor. Doch was soll man machen, wenn die Leidenschaft größer ist als alle Gesetze dieser Welt? Anil könnte es einfacher haben und kriegt es von seinem besten Freund Merc immer wieder aufs Butterbrot geschmiert, aber er lässt nicht los, Lina ist seine große Liebe, komme, was da wolle. So dreht sich das Rad der Zeit und zieht die Liebenden immer tiefer in ihre eigene Geschichte, die zunehmend gegen Widrigkeiten kämpfen muss und im Feld reibender Konflikte steht.

Dieser Roman erzählt aber nicht nur die Liebesgeschichte zwischen Anil und Lina. Er geht viel weiter, bewegt sich aus dem Liebesnetz der beiden hinaus. Priya Basil thematisiert in ihrem Roman genauso die kritische Lage im Sudan und den Waffenhandel in Afrika. Lina arbeitet nach ihrem Jura Abschluss für die Vereinten Nationen in einem Lager im Sudan. Dort ist sie für die Unterbringung der Flüchtlinge verantwortlich und erfährt bald vom Waffenhandel. Diese Seiten im sandigen heißen und zerrütteten Land haben einen ganz eigenen Ton. Sie führen das Elend und den Konflikt vor Augen, erzählen von der Bedeutung der Waffen, die sie für die Menschen dort haben. Lina selbst bekommt es eines Tages am eigenen Leib zu spüren. Ein Satz brennt sich in diesem Zusammenhang besonders ein, ein Satz, der erschreckt und Lina verstört: „Ja, und wer keine Waffen hat, wird schließlich sterben.“ Er stammt aus dem Mund eines Vaters, dessen Sohn wegen Waffenbesitz verhaftet worden ist. Waffenbesitz ist in den Lagern der Vereinten Nationen streng verboten. Nur kurze Zeit später gibt es draußen einen Schusswechsel: Die bewaffnete Miliz aus der Region Darfur, genannt Dschandschwawid, schießt um sich und ruft: „Ihr da! Schwarze Frauen, wir werden euch ausrotten, ihr habt keinen Gott! Wir sind euer Gott! Eurer Gott ist Omar al-Baschir!“ In diesen Sekunden bleibt die Uhr stehen und der Atem stockt, nicht nur Linas, auch meiner.

Die Autorin gibt den Eltern der Liebenden ebenfalls genügend Raum, ihre Geschichte zu erzählen. Einfühlsam durchleuchtet Priya Basil die Gedanken und Gefühle der Eltern. Das Leben von Linas Vater zoomt sich dabei besonders nah heran, durch seine eigene Lebensgeschichte, die sich mir erst im Verlauf der Geschichte offenbart. Zum ersten Mal blicke ich in die Köpfe gläubiger Moslems, versuche zu verstehen und bleibe trotzdem manchmal mit hängenden Schultern stehen, weil ich nicht begreifen kann, das dass Glück ihrer Tochter nicht von der selbst gewählten Liebe abhängig ist, sondern von etwas anderem, wie es Linas Vater eines Tages sagt: „Das Gesetz ist vorhanden. Es steht eindeutig in der Schrift geschrieben. Ich habe nur gelobt, das Gesetz zu befolgen.“ Anil passt nicht in dieses Gesetz, weil er kein Moslem ist. Nur Lina kann nicht ohne Anil und Anil nicht ohne Lina. Lina muss sich entscheiden: Entweder Anil oder ihre Familie. Bei dieser Zerissenheit und dem Drama taucht ein Vergleich auf: Die Liebenden sind wie Romeo und Julia.

Priya Basil hat einen mitreißenden, vielschichtigen Roman geschrieben, der von einer kraftvollen Sprache getragen wird. Er ist unwahrscheinlich intensiv, durchbricht die Oberfläche und reißt mich wie ein Strudel mit. Er berührt mich und knistert vor Spannung. Stellt euch eine tanzende Flamme vor, von der man sich nicht lösen kann, in der man drinnen hängen bleibt und schließlich am eigenen Leib glüht, ohne zu brennen. So erging es mir während des Lesens. Dieser Roman lässt mich nicht los. Er brennt sich in die Tiefen meines Herzens und erschüttert mich. Er macht mich ohnmächtig, raubt mir mein Gleichgewicht und wühlt mich wie ein Tornado auf. Er schenkt mir die leidenschaftliche Liebe und trotz aller Dramatik das Glück und die Zuversicht, dass sich am Ende alles fügen wird. Wird es das? Das verrate ich natürlich nicht. Nur so viel: Dieses Buch hinterlässt solche Spuren, wie wir sie aus den vertrauten Kammern unserer Herzen kennen. Das Herz ist eine Black Box und speichert manchmal auch Bücher wie dieses.

Priya Basil.
Die Logik des Herzens.
Aus dem Englischen von Barbara Christ.
August 2012, 488 Seiten, 22,95 €.
Schöffling & Co.

Über die Autorin:

Priya Basil wurde 1977 geboren und wuchs in Kenia auf. Sie studierte englische Literatur in Bristol und lebt heute in London und Berlin. Neben ihrem Engagement für weltweite Waffenkontrolle begründete sie die Aktion „Authors for Peace“ mit. Ihr Debütroman wurde für zahlreiche Preise nominiert, darunter für den renommierten IMPAC-Preis; dies ist ihr zweiter Roman.

Und hier folgt noch ein kleiner Veranstaltungs-Hinweis:

Priya Basil liest beim 12. internationalen literaturfestival berlin.
Am 12.09. stellt sie ihren Roman in der JVA Moabit vor.
Am 14.09. betritt sie zusammen mit Zeruya Shalev, Carol Birch und Eric-Emmanuel Schmitt auf zum Thema „Abenteur der Seele“ die Bühne.
Am 16.09. liest die Autorin aus ihrem Buch.
Weitere Infos findet ihr hier.