Schlagwort-Archive: Hörbuch

Encore une fois: Vive la littérature!

Nachdem sich Herr Klappentexter ja schon mit seinen Favoriten zu Wort gemeldet hat, folgt nun der zweite Teil unseres Frankreich-Specials. Frankreich! Schon das Wort hält für mich viel Schönes bereit: Köstliche Croissants, stilvolle Mode, großartige Filme, eine wunderschön klingende Sprache und natürlich formidable Literatur. Französische Literatur ist für mich stets ein Garant für allerfeinste Lesestunden. Insofern war ich höchst beglückt, als ich vom diesjährigen Gastland der Frankfurter Buchmesse erfuhr. Zu diesem Anlass erschienen etliche frankophone Neuerscheinungen. Eine kleine Auswahl davon präsentiere ich euch heute. Aber nicht nur. So ist die französische Literatur in meinem Regal der Lieblingsbücher zahlreich vertreten. Was wäre ich ohne Françoise Sagan? Oder ohne Simone de Beauvoir und Irène Némirovsky? Auch ein Leseleben ohne Albert Camus oder Patrick Modiano kann ich mir nicht vorstellen. Weiterlesen

Ein liebenswerter Chaot.

mark_twain

Mark Twain und ich haben eine Gemeinsamkeit. Besser gesagt, wir teilen uns einen Satz: „Ich war schon immer kopflos.“ Darüber schmunzele ich noch jetzt wie über viele weitere Stellen aus „Meine geheime Autobiographie“, die Harry Rowohlt in einer gekürzten Hörbuchfassung meisterhaft vorliest. Dass der Sprecher und der Autor eine wunderbare Symbiose eingehen, konnte ich damals bei der Preview feststellen. Daher habe ich mich für diese Form entschieden. Eine gute Entscheidung, eine sehr gute, wie ich feststellen durfte.

Im Gegensatz zu anderen Rezensenten bin ich ohne große Erwartungen an dieses Werk herangegangen. Bisher kannte ich weder Mark Twain genauer, noch seine Romane. Die erste Lücke ist jetzt nach diesem Hörgenuss beseitigt, die andere möchte ich ebenfalls schnellstmöglich mit seinen Büchern schließen. „Tom Sawyers Abenteuer“ kenne ich aus Kindheitstagen nur aus dem Fernsehen. Weil die Bücherwelt die schönere von beiden ist, möchte ich demnächst lesend in das Mark Twain-Abenteuer steigen.

„Meine geheime Autobiographie“ ist ein bereicherndes Œuvre an Reflexionen, Gedanken und Beobachtungen, die der Autor im Laufe seines Lebens gesammelt hat. Es dauert nicht lange bis sich mein Herz für diesen Mann erwärmt. Ich erlebe großartige Augenblicke, als Mark Twain von der Zeit auf der Farm seines Onkels berichtet. „Für einen Jungen war sie ein himmlischer Ort, diese Farm meines Onkels John. Das Haus war ein doppeltes Blockhaus mit einem geräumigen (überdachten) Gang, der es mit der Küche verband. Im Sommer wurde der Tisch mitten in diesem schattigen und luftigen Gang gedeckt, und die üppigen Mahlzeiten – ach, ich muss weinen, wenn ich nur daran denke.“ Die folgende Aufzählung der köstlichen Speisen treibt nicht nur Mark Twain das Wasser im Mund zusammen. Ich rieche die duftenden Kekse und den geräucherten Schinken, schmecke die frisch gekochten Maiskolben. Wenige Sekunden später weiter verscheucht er das schlechte Gewissen sofort in den Keller, das sich bei solchen Schlemmereien automatisch einstellt: „Ich bezweifle, dass Gott uns irgendetwas geschenkt hat, was, in Maßen genossen, ungesund ist, ausgenommen Mikroben. Trotzdem gibt es Menschen, die sich alles und jedes Essbare, Trinkbare und Rauchbare, das sich einen zweifelhaften Ruf erworben hat, strengstens versagen. Diesen Preis zahlen sie mit ihrer Gesundheit. Und Gesundheit ist alles, was sie dafür bekommen. Wie seltsam das ist. Als verschleudere man sein gesamtes Vermögen für eine Kuh, die keine Milch mehr gibt.“ Das ist er, der waschechte Kritiker, der kein Blatt vor dem Mund nimmt und all das ausspricht, was ihn bewegt.

Mark Twain war ein aufmerksamer Beobachter der Gesellschaft, er schimpfte über Politiker und über die Reichen. Kritische laute Töne erlebe ich bei der Schilderung über das Massaker auf den Phillipinen, bei denen etliche unschuldige Menschen – die Wilden, wie sie bezeichnet wurden – ums Leben gekommen sind. Besonders rührend sind die Passagen, in denen seine Tochter Susy zu Wort kommt, die 1885 mit Fünfzehn die Biographie über ihren Vater begann. „Er ist ein sehr guter Mensch und ein sehr komischer. Er ist sehr aufbrausend, aber in unserer Familie sind wir das alle. Er ist der liebenswürdigste Mann, den ich je gesehen habe oder zu sehen hoffe – und oh, so zerstreut. Er erzählt ganz entzückende Geschichten.“ Mark Twain klinkt sich in Susys Aufzeichnungen ein und gibt seinen süßen Senf dazu, immer sehr liebevoll und rührend. Genauso herzerwärmend sind die weiteren Schilderungen über seine Familie und seine geliebte Frau, die für ihn mehr war als nur eine Frau. Sie war sein Fels in stürmischen Zeiten, sein Stern in den düsteren Momenten und so etwas wie seine Spielkameradin, war sie zeitlebens „Mädchen und Frau“. Diese Stellen waren meine liebsten, denn in ihnen findet sich so viel Liebe und Aufrichtigkeit, so dass mir an einigen Stellen fast das Herz still zu stehen schien und die Tränen kamen. Ich erinnere mich da besonders an den frühen Tod des einzigen Sohnes, Susy und dem seiner Frau.

Hatte ich anfangs Zweifel, ob mich die gekürzte Hörbuchfassung erfüllen würde, dachte ich in der Mitte des Werkes mit keiner Silbe mehr daran. Das Bild über Mark Twain wird mit jeder Minute runder. Ich lerne einen warmherzigen, leicht chaotischen und ehrlichen Menschen kennen, der zu seinen Leidenschaften wie zu seinen Fehlern gleichermaßen steht und auf vielseitige Weise aus der damaligen Zeit berichtet. Mark Twains Leben breitet sich wie eine bunte Patchworkdecke über mich aus, unter die ich gern krieche. Ich schmunzle an etlichen Stellen und spule bei manchen zurück, weil mich einige Sätze zutiefst beeindrucken. Sie sind klug, weise und liebreizend. Diese Freude habe ich auch Harry Rowohlt zu verdanken, der mit seiner Bärenstimme brummt, summt und geradezu Freude versprüht. Seine Zunge knetet die Worte zu einem wohligen Sound, der mich hungrig macht und mitreißt, so dass ich zum Schluss traurig und zugleich erfüllt bin, nachdem der letzte Satz verhallt ist.

Mark Twain.
Meine geheime Autobiographie.
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Hans-Christian Oeser.
Vorgelesen von Harry Rowohlt.
Gekürzt, 05 Std. 15 Min., 13,95 €.
audible.de

Feine Pinselstriche im Ohr.

Es hatte geregnet, als ich das Hörbuch begann. Mir war kalt und ich schaute betrübt den Regentropfen zu, die ans Fenster klatschten. Mich hatte diese typische Herbstmelancholie gepackt. Statt wortlos zu fliehen, bin ich bei ihr geblieben und habe auf Play gedrückt. Franka Potente begann aus ihrem Buch „Zehn“ vorzulesen, ich lächelte und wusste: Auch melancholische Entscheidungen sind gute Entscheidungen.

Fein wie Pinselstriche sind die Erzählungen von Franka Potente. Leicht, zurückhaltend und schnörkellos hat sie geschrieben und bewegt dabei auf eine besondere Art. Sie erzählt verschiedene Geschichten von Menschen aus einem Land, das sehr weit weg ist: Japan. Jede Erzählung steht für sich und doch haben alle Protagonisten eine Gemeinsamkeit: Jeder hat sein eigenes Päckchen zu tragen. Da ist gleich zu Beginn die Fächermalerin Frau Michi, die den Fächerladen der verstorbenen Eltern mit Mühe und Not versucht, aufrecht zu halten. „Nabemono oder der Eintopf“ erzählt von einer einsamen Frau, die sich nach der Trennung von ihrem Mann in ihrem Zuhause eingeigelt hat. Um das Ausbrechen aus den japanischen Konventionen geht es in einer anderen Erzählung. Dort reist die junge Schülerin Naski für ein Austauschjahr nach Los Angeles.

In den Geschichten hat mir Franka Potente das Land sehr authentisch näher gebracht. Die Bräuche und Eigenheiten der Japaner, die bei uns Europäern manchmal ein Kopfschütteln hervorrufen. So werden Ungeborene gern schon vorgebildet. Dazu liest die werdende Mutter Weltliteratur, hört bedeutende Musik wie Brahms oder sie lernt Sprachen, die sie selbst noch nicht beherrscht. Nicht zu vergessen: die typische Zurückhaltung der Japaner. Eine Distanz, die ehrwürdig ist und einen bestimmten Respekt hervorruft.

Ich ziehe vor Franka Potente meinen Hut. Die Schauspielerin hat ein besonderes Literaturerlebnis geschaffen, weil sie von jeder Zutat etwas in die köstliche Literatursuppe hineingestreut hat. Es gibt witzige Ereignisse, bei denen ich gelacht habe wie bei der Geschichte von Tadaski und Haruka. Bei der nächsten Erzählung hingegen ist man ergriffen, weil man das Gefühl hat, dass die Einsamkeit einen aufisst. Die Erzählungen erinnern mich ein bisschen an eine Berg- und Talfahrt. Manchmal sitzt man oben und lacht dem Leben mitten ins Gesicht, an anderer Stelle sucht man hektisch nach einem Taschentuch, um das Bedrücktsein wegzuwischen. Und überall flattert so eine Stille, einem Schmetterling gleich. Genau die Stille ist es, die uns Europäerin immer abhanden kommt. „Die Gaijin, die Außenmenschen, sind immer so laut“, sagt die Fächermalerin Frau Michi.

Mit genau dieser Stille liest die Autorin ihre Geschichten vor. Ganz ruhig und einfühlsam atmet sie ein und spricht Satz für Satz. Sie malt keine Bilder und doch spürt man feine Pinselstriche im Ohr. Die Welt verliert sofort an Tempo, alles wird langsamer und man verwandelt sich in eine glückliche Schnecke, die gern Regentropfen auf dem Häuschen spürt.

Franka Potente.
Zehn. Stories.
Gesprochen von der Autorin.
03 Std. 57 Min., 13,95 €
audible.de

Verrückte Wesen, die das Herz erwärmen.

Aha. Aha. Ich spreche das Wort zweimal aus. Aha. Dreimal. Doch irgendwie klingt es nicht so, wie erhofft. Nicht so, wie ich es mir wünsche. Aha. Vielleicht liegt es an der Sojabohne, die ich zwischen den Zähnen habe. Aha. Seltsam, aber schön und lustig. Ich lächle und spule noch einmal zurück. Aha – bei Fritzi Haberlandt hört sich das Wort anders an. Besonders. Das werde ich ihr nicht nehmen, ebenso wenig wie die wunderschöne Liebesgeschichte, die sie vorgelesen hat.

„Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“ ist eine Liebesgeschichte, die bezaubert und glücklich macht. Sie ist aber auch skurril und philosophisch, nebenbei eine kulinarische Köstlichkeit, denn um das Essen dreht sich hier vieles. Die Geschichte beginnt damit, dass Tsukiko an der Theke einer Kneipe sitzt und sich „eine Portion Thunfisch mit fermentierten Sojabohnen, einmal gebratene Lotuswurzeln in süßer Sojasoße und eingelegte Perlzwiebeln dazu“ bestellt. Als ein älterer Mann neben ihr das Gleiche ordert, horcht sie auf und betrachtet den Opa, wie sie ihn bezeichnet, genauer. Während Tsukiko noch überlegt, woher sie das Gesicht kennt, spricht der Sitznachbar Tsukiko direkt an. Der Japanisch-Lehrer erkennt seine ehemalige Schülerin sofort. Er plappert fröhlich darauf los, nennt sie beim Namen und ihr fällt nur eine Antwort ein: „Aha.“ Weil Tsukiko nach langem Überlegen immer noch nicht der Name ihres Lehrers in den Sinn kommt, nennt sie ihn Sensei. Schon nach wenigen Minuten hat sie das Gefühl, dass dieser Mensch ihr näher ist als manch gleichaltriger Freund. Sensei ist 30 Jahre älter.

Bis zu der Begegnung führte Tsukiko das Leben eines Einsiedlerkrebses, der einsam seine Runden drehte. Sie ging allein durch die Stadt, fuhr allein mit dem Bus, ging allein in die Kneipe. Ehrlich gesagt, fühlte sie sich für die Liebe nicht geeignet. Irgendwie hat sie sich mit dem Leben arrangiert. Bis zu jenem Abend als sie dem Sensei wieder trifft. Dieser Mann wirbelt vieles durcheinander. Da ist erstmal er selbst, der ein wenig verrückt ist. So sammelt der Sensei beispielsweise alte Batterien. Er tut das vor allem deshalb, weil er glaubt, dass sie noch Leben in sich haben. Dies reicht zwar nicht mehr, um einen Motor anzutreiben, aber es ist immer noch zu viel um sie wegzuschmeißen. Also hebt er sie im Schrank auf. In diesen Momenten sieht man Tsukiko direkt vor sich, wie sie schmunzelnd den Kopf schüttelt. Und da ist die andere Sache, dass sie öfter an den Sensei denkt, ihn vermisst, wenn er nicht da ist.

Schon nach der ersten Seite habe ich Tsukiko Herz geschlossen. Es ist ihre ehrliche und offene Arte, Dinge auszusprechen, der trockene Humor, den sie gern ihrem Gesprächspartner an die Stirn klatscht. Ich mochte aber auch ihre tiefsinnige Art, dem Leben zu begegnen. Ihre Gedanken sind fernab jeglicher Gefühlsduselei. Sie haben stets die Frische einer Meeresbrise. Man steht am Strand. Der Wind fährt einem durchs Haar und am Horizont erkennt man etwas. Was genau, lässt sich allerdings nicht sagen. Direkt und gleichzeitig geheimnisvoll umwoben – so empfand ich das, was die Geschichte in mir ausgelöst hat.

Fritzi Haberlandt liest in ihrem typischen Singsang, der perfekt hier rein passt. An den richtigen Stellen hebt sie die Stimme oder senkt sie. Sie liest wie eine gerade Linie, die aber auch gern vom Weg abkommt. Schief ist es immer, wenn man Romane von Hiromi Kawakami liest. Die japanische Autorin ist bekannt für ihre poetische Sprache, mit der sie das Leben von Menschen erzählt. Menschen wie du und ich sind das dort, aber sie tanzen ein bisschen aus der Reihe, weil sie skurrile Eigenarten haben.

Die japanische Autorin sprengt mit ihren Geschichten die normalen Konventionen und zeigt immer wieder, dass ausgerechnet Menschen, die anders sind als andere eine besondere Bedeutung im Leben haben. Ein Fleck, der nur für sie reserviert ist und den man sich nicht abrubbeln will. Sicherlich schmunzelt jeder über das Holprige, was die ebenmäßige Bahn unterbricht. Doch wenn wir mal ganz ehrlich sind, kriecht nicht genau dann so was Warmes ins Herz? Verrücktes ist nämlich oft auch liebenswert. Schön, dass es eine Autorin gibt, die uns daran erinnert.

Hiromi Kawakami.
Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß.
Gelesen von Fritzi Haberlandt.
4 Std. 45 Min., 13,95 €.
audible.de

(K)leben oder (k)leben lassen.

Klebstoffe und Menschen haben mehr gemeinsam, als man zunächst annimmt. Jeder Klebstoff reagiert anders. Der eine haftet, wenn er viel Licht hat, ein anderer braucht viel Wärme. Einige sind schnell, andere langsamer. Es kommt dabei auf die richtige Bindung an, die sie eingehen. Wie bei den Menschen. Die einen bereichern uns, die anderen ziehen Energie und wiederum andere fallen plötzlich vor unsere Augen, dass wir manchmal nicht recht wissen, was wir mit ihnen tun sollen. Laufen lassen? Festhalten? Kleben?

In ihrem neuen Buch „Das Leben kleben“ erzählt Marina Lewycka die Geschichte von Georgie Sinclair, die für ein Klebstoff-Fachmagazin arbeitet. So ganz glücklich macht es sie aber nicht, also schreibt sie nebenbei an ihrem Roman „Das verspritzte Herz“. Das ist auch ihr Herz. Kaputt. Es liegt auf dem Boden und winselt leise vor sich hin. Georgie hat nämlich ihren Mann vor die Tür gesetzt. Dem hat sie es zu verdanken, dass eine alte Dame eines Tages in den Sachen wühlt, die Georgie von ihrem Mann in den Müllcontainer geworfen hat. Die Frau heißt Mrs. Shapiro, ist Jüdin und lebt mit ihren Dutzend Katzen in einem heruntergekommenen Haus. Eines Tages kommt sie ins Krankenhaus. Von da an kümmert sich Georgie um Mrs. Shapiro, deren Katzen, das Haus und gerät immer mehr in einen Strudel unvorhersehbarer Ereignisse aus dem sie bald nicht mehr herauskommt. All das klingt verrückt und das ist es. Eine ganze Tonne, in die man fällt und wühlt, gräbt, gräbt…

Dieses Mal habe ich nicht gelesen, sondern habe mir die Geschichte von Katharina Thalbach vorlesen lassen. Ein Hochgenuss ist das gewesen. Die Schauspielerin hat für Hörbücher die perfekte Stimme. Sie ist ein Garant für ein unverwechselbares Hörerlebnis. Noch jetzt höre ich sie mit großer Inbrunst „Georgine“ sagen. So nennt Mrs. Shapiro liebevoll ihre neue Freundin. Am Anfang denkt man, dies wird eine klassische Frauengeschichte. Die eine hat Liebeskummer, die andere ist einsam und beide finden sich. Weit gefehlt. „Das Leben kleben“ ist ein Eldorado an kleinen Geschichten von Menschen mit ihren eigenen Schicksalen. Die Autorin erzählt auch über das Leben der Juden während des Zweiten Weltkrieges, aber ebenfalls von den Konflikten in Israel. Alle Seiten kommen zur Sprache. Je tiefer man in das Buch versinkt, um so mehr denkt man eine bunte Matroschka, die sich stückchenweise auspacken lässt.

Der Roman bewegt einen vom ersten Ton an. Es umweht ihn ein Hauch an Drama. Doch dies erdrückt einen nicht wie eine dunkle Wolke, die die Sonne verdeckt. Nein, die Sonne blinzelt in regelmäßigen Abständen durch die Wolken. Damit bekommt die Geschichte eine Leichtigkeit, mit der ich durch die Stadt geschwebt bin. Es ist der Ironie Lewyckas und der bemerkenswerten Stimme Thalbachs zu verdanken. Diese Kombination ist einfach perfekt!

Ich habe oft gelächelt und geseufzt, habe „Ach wirklich“ gesagt und hatte an einigen Stellen eine Gänsehaut. Als der letzte Ton verstummte, blieb etwas zurück, etwas Großes, das ich nicht so schnell vergessen werde. Und man denkt im nächsten Atemzug: Wie wahr, das Leben hat ein lachendes und ein weinendes Auge. Leben oder leben lassen. Marina Lewycka erinnert uns daran auf eine besondere Weise, dass man Ende überzeugt sagen kann: Es stimmt, alles wird gut. Früher oder später.

Marina Lewycka.
Das Leben kleben.
Gelesen von Katharina Thalbach.
Bei audible Hörbücher:
05 Std. 03 Min.
13,95 €.