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On the Road to Luck.

Jean_Philippe Blondel_zweiundzwanzig

Ein Blinzeln in der Sonne. Sandstaub auf den Lippen. Und in den Tiefen meines Bauches eine ganze Armee an Endorphinen. Ich blicke auf das schmale Buch Zweiundzwanzig von Jean-Philippe Blondel, flach wie eine Flunder und stark wie ein Elefant. Immer noch bin ich erstaunt darüber, was die kurze Geschichte mit mir angestellt hat. Großartig war’s – so viel kann ich euch schon verraten.

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Heiter bis wolkig.

Ich habe mich verliebt. Wieder einmal hat mich David Foenkinos verzaubert und mir mit seinem neuen Roman „Souvenirs“ besondere Lesestunden geschenkt, in denen ich das Gefühl hatte, zu fliegen und die Sonne im Herzen zu tragen, (auch wenn zum Schluss ein unerwarteter Regenschauer auf mich niederging).

Wie bereits in „Nathalie küsst“ konfrontiert mich der französische Autor auch dieses Mal mit den Schattenseiten des Lebens. Gleich zu Beginn berichtet der Ich-Erzähler vom Tod seines Großvaters. Zunächst nimmt ihn der Tod sehr mit, bald hingegen löst sich die dunkle Wolke auf und das Leid verschwindet, bis er seine trauernde Großmutter besucht. Er spürt ihre Leere und Hoffnungslosigkeit: „Ihre Welt war mit dem Tod meines Großvaters zusammengebrochen. Was konnte ihr einen Anreiz geben, sie wieder aufzubauen?“ Von diesen nachdenklichen Worten gibt es zahlreiche. Seine Art durchs Leben zu laufen, aufmerksam denkend und träumerisch wandelnd, setzt in mir einiges in Bewegung. Ich möchte mit ihm im Hotel sitzen, in dem er als Nachtportier arbeitet. Ich möchte ihm auf die Schulter klopfen und sagen, dass er seinen Weg schon finden wird. Jetzt schwimmt er noch im Ungewissen, findet dafür im Schreiben Halt und wünscht sich, Schriftsteller zu sein. Eine konkrete Romanidee hat er allerdings noch nicht, die schlummert in den Tiefen seiner Seele. Wird er sie aufspüren?

Eine weitere große Rolle in dem Roman spielt das Alter, ein Lebensabschnitt, in dem die Zukunft zu einem kleinen Punkt zusammenschrumpft und die Vergangenheit die Größe eines Fußballfeldes hat. So ergeht es der Großmutter, sie ist gefangen, im Nichtmehrganzkönnen und dem Nochwollen. Nachdem sie in der Wohnung hingefallen ist und sich verletzt hat, kommt sie widerwillig in ein Altenheim, in das sie aber eigentlich nicht hingehört, lauscht man den Worten ihres Enkels: „Entweder sah meine Großmutter noch so jung aus, oder die Leute hier gingen schon auf die hundert zu. Das war kein Altenheim in dem Sinne, dass sich Menschen im Alter aus dem Berufsleben zurückzogen und zur Ruhe zu setzen, das war ein Sterbeheim.“ Nicht nur seine Großmutter beschäftigt den Ich-Erzähler. Seine Eltern sind Verlorene, die sich jetzt im Ruhestand zunächst wiederfinden müssen. Während der Vater mit einer inneren Leere kämpft, zieht es die Mutter in die Ferne.

David Foenkinos trägt mich erneut mit seiner leichten Art durch die Geschichte, die an einigen Stellen mit schweren Steinen besetzt ist. So fühlt sich das Ausmaß der Dramen nur halb so schlimm an, nicht wie ein Orkan, eher wie ein Windstoß, der kurz das halbgeöffnete Fenster aufspringen lässt. Er überrascht mich wieder mit kleinen Nebensächlichkeiten wie seinen unaufdringlichen Fußnoten und den Erinnerungen bedeutender und ganz normaler Menschen. Die schieben sich in kursiver Schrift zwischen die einzelnen Kapitel und zeigen auf diese Weise nicht nur Lebensstücke von allen Beteiligten des Romans – selbst von den Nebenfiguren -, sondern auch von Persönlichkeiten wie Patrick Modiano, Francis Scott Fitzgerald oder Serge Gainsbourg. Doch letztlich überwiegt für mich eine tiefe Verbundenheit mit dem Ich-Erzähler, den ich ins Herz geschlossen habe. David Foenkinos hat einen sehr symphatischen und liebenswerten Helden erschaffen, den ich nur lieben kann. Mit anderen Worten: Foenkinos löst die Distanz zwischen dem Protagonisten und mir auf. Wir reichen uns die Hände, spüren eine vertraute Nähe und in mir geht die Sonne auf.

„Souvenirs“ wäre perfekt, wenn er sich für mich auf den letzten Metern nicht drehen würde. Zum Ende hin zieht Foenkinos seinen Roman wie einen Reißverschluss auf und vor meinen Augen schlüpft das Unerwartete heraus und schleicht davon. Der Geschichte wird jede Überraschung entzogen, wobei der Plot für mich an Kraft verliert, weil alles vorhersehbar wird, viel anders als auf den Seiten zuvor. Regen prasselt auf mich nieder und ich rutsche nach meinen Luftsprüngen aus. Plötzlich fällt das Funkeln aus meinen Augen und die ganze Szenerie schmeckt wie abgestandener Kaffee. Mein Puls verläuft wieder in ganz normalen Bahnen und ich sehne mich nach der Sonne. Aber vielleicht sind das nur meine eigenen Erwartungen, die nicht erfüllt worden sind und euch ergeht es da anders. Und ehrlich gesagt, mag ich den Roman immer noch sehr, zu besonders waren die vorangegangen Seiten, die überwiegen. Ich werde die schönen Erinnerungen weiterhin in meinem Herzen tragen und lächelnd an die Momente zurückdenken, in denen die Sonne in mir aufging, trotz des Regenschauers.

David Foenkinos.
Souvenirs.
Juli 2012, 332 Seiten, 17,95 €.
C.H. Beck.

Gefangen im Spinnennetz.

Hier ist eine Spezialistin am Werk. Als erfahrene Drehbuchschreiberin und Regisseurin weiß Hélène Grémillon, wie wichtig ein gut durchdachter Spannungsbogen ist. Genau dieses Wissen hat sie eindrucksvoll in ihrem Debüt „Das geheime Prinzip der Liebe“ umgesetzt.

Der Roman teilt sich in mehrere Erzählebenen auf. Die Rahmenhandlung wird aus der Perspektive einer jungen Pariser Verlegerin erzählt, die im Jahre 1975 – noch vollkommen betäubt vom Tod ihrer Mutter – Kondolenzschreiben durchsieht. Bei einem Brief verspürt Camille sofort eine Neugier: „Der Umschlag hatte meine Aufmerksamkeit geweckt, noch bevor ich ihn öffnete.“ Auf der nächsten Seite wechselt nicht nur die Schrift, sondern auch die Perspektive. Der unbekannte Briefschreiber heißt Louis und erzählt von Annie, einem Mädchen, das „zwei Jahre minus einige Tage“ jünger war als er und das ihm viel bedeutet hat. „Ich habe sie geliebt, wie ein Kind liebt, das heißt, im Beisein der anderen. Ich kam gar nicht auf den Gedanken, mit ihr allein zu sein, ich war noch nicht im Alter für die Zweisamkeit. Ich liebte sie, um zu lieben, nicht um geliebt zu werden. Es genügte, Annie zu treffen, um mich froh zu machen.“ So oft es geht, sucht er ihre Nähe, informiert sich sogar über die Malerei, da Annie leidenschaftlich gern malt. Auf diese Weise möchte er ihr nah sein und Zeit mit ihr verbringen. Was weder Louis noch Annie zum Zeitpunkt ahnen: Ausgerechnet dieses Hobby wird der Ausgangspunkt eines Dramas. Louis beschreibt es so: „Wenn Annie nicht so gern gemalt hätte, wäre das alles nicht geschehen.“

Camille verliert sich zunehmend in dieser Geschichte. Voller Ungeduld wartet sie auf die weiteren Briefe, die stets an einem Dienstag eintreffen. Sie glaubt, dass sich hinter dem Verfasser ein Autor verbirgt, der ihr sein Manuskript auf diesem Wege anbieten will: „Das Schreiben hatte eindeutig was Literarisches.“ Aber ist es wirklich so? Hat die Geschichte nichts mit ihr zu tun? Und was hat es mit der Madame M. auf sich, die plötzlich in Louis Erzählungen auftaucht? Sie ist es, die wie Annie die Malerei liebt und sie eines Tages zum Tee bei sich einlädt. Madame M. ist eine junge wohlhabende Frau, die mit ihrem Mann in das L’Escalier, ein schönes altes Herrenhaus zieht und für Unruhe sorgt: „Als das Ehepaar dort einzog, war es wie ein Gewaltakt. Alle fühlten sich durch das Eindringen dieser Fremden beraubt. Alle außer Annie, die sich über die Gelegenheit freute, neue Bilder zu schaffen.“ Zwischen Madame M. und Annie kommt es zu einer zaghaften Annäherung, aus der sich eine Freundschaft entwickelt. Alles wäre so schön, wäre da nicht der Kummer, der Madame M. bedrückt. Eines Morgens blickt Annie hinter die dunkle Fassade der Madame M. Ich höre ein Glas zerspringen, so eindringlich schlägt sich das Ereignis nieder. Die eine Frau offenbart der anderen ihren Schmerz und entzündet damit eine wahnsinnige Idee, die mir jetzt noch eine Gänsehaut beschert.

Hélène Grémillon webt ein Spinnennetz, in dem ich festhänge. Ich bin ihre Beute und ihr vollkommen ausgeliefert. Zu ergreifend ist das Abkommen zwischen Annie und Madame M., das zunehmend alles vergiftet. Aus Freundinnen werden Feindinnen. Zu mitreißend empfinde ich die Liebesgeschichten, die sich mir offenbaren. Hier zeigt sich die Kunstfertigkeit der Autorin, die mit unerwarteten Wendungen so sehr überrascht, dass der Atem stockt.
Hélène Grémillon erzählt mit einer sehr eleganten Feder eine unglaublich klug ausgefeilte Geschichte, die vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges spielt. In den Wirren des Krieges, in dem die Not und das Elend am größten ist, verlieren sich Grémillons Protagonisten in ihrer eigenen Welt. Sie sind Gefangene ihres Schicksals, vor allem Annie, die die größte Last zu tragen hat. So grausam das Geschehen ist, so schön ist die Sprache der Autorin, wundervoll poetisch. Manche Sätze sind wie Seide, die die raue Fläche mit einer Feinheit überziehen. Zwischen all dem Zerbrechlichen wütet das Drama bis zum Schluss. Es bleibt kaum Zeit, Luft zu holen und sich zu entspannen. Immer dann, wenn ich glaube, die Antwort in den Händen zu halten, schnappt Hélène Grémillon zu. Sie ist wie eine Spinne – grausam und wichtig zugleich.

Hélène Grémillon.
Das geheime Prinzip der Liebe.
Februar 2012, 255 Seiten, 19,99 €.
Hoffmann und Campe.

Der perfekte Liebeskummerroman!

Wenn ich könnte, dann würde ich mit Dominique einen Kaffee trinken, irgendwo in einem Pariser Café. Um uns herum gäbe es ein lautes Stimmengewirr. Ich würde sie fragen, wie es ihr geht und was aus der Sache mit Luc geworden ist. Aber das funktioniert nicht, weil es sich bei Dominique nur um eine Romanfigur von Françoise Sagan handelt. So bleibe ich schweigend zurück, blicke auf „Ein gewisses Lächeln“ von der französischen Schriftstellerin, in dem Dominique von ihrer Affäre mit Luc erzählt. Was für eine mitreißende, sinnliche und tragische Liebesgeschichte, die wieder den typisch französischen Charme versprüht.

Dominiques Leben hat etwas von einem ruhigen See. Die Studentin lebt in den Tag hinein, studiert an der Sorbonne und ist mit Bertrand zusammen. Er ist ihr erster Liebhaber, mit dem sie den Duft ihres Körpers kennengelernt hat. Françoise Sagan entzückt mich mit einer wunderschönen Beschreibung: „Man entdeckt den eigenen Körper, seine Länge, seinen Geruch, immer an den Körpern der anderen – erst mit Mißtrauen, dann mit Dankbarkeit.“ Eine wohlige Zärtlichkeit setzt sich zu mir und haucht ihren sanften Atem aus. Trotzdem nehme ich eine Unruhe in Dominiques weiteren Gedanken wahr, etwa eine bestimmte Sehnsucht, bei der die Füße unruhig hin und her wippen. Die Sehnsucht bekommt bald einen Namen, nur drei Buchstaben: Luc. Er ist der weitgereiste Onkel von Bertrand, der sie mit ihm bekannt macht. Das Eis zwischen den Fremden schmilzt und Dominique weiß sehr schnell: „Er mußte mein Freund werden.“ Das wird er auch, zusammen mit seiner liebenswürdigen Frau Françoise. Beide schließen Dominique ins Herz, sie kaufen ihr sogar einen Mantel, den sie zum Ärger von Bertrand annimmt. Bereits hier zeigt sich, dass Bertrand ein vollkommen anderer Mensch als Dominique ist, so anders, dass ich schon jetzt einen Riss in der jungen Liebe wahrnehme.

Dominique fühlt sich zu Luc hingezogen, „möchte dieses Gesicht“ in ihre Hände nehmen. Ganz zart, wie ein Schneeglöckchen, das sich durch die kalte Erde nach oben kämpft, nimmt die Beziehung zwischen Luc und der Studentin Gestalt an, ohne dass zunächst etwas passiert. Bis Luc ihr eines Abends einen Vorschlag unterbreitet: Er will ein Abenteuer. Dominique fühlt sich zunächst ein wenig überrumpelt: „Ich begann dumm zu lachen. Ich war unfähig zu reagieren.“ Aber Luc, der Charmeur, scharwenzelt um seine Katze, raubt ihr die Angst und spricht aus, was beide verbindet: „In gewisser Hinsicht“, sagte Luc ernsthaft, „gibt es da etwas. Ich will sagen: zwischen uns. Sonst habe ich im allgemeinen für junge Mädchen nicht sehr viel übrig. Aber wir sind vom gleichen Schlag. Ich meine, es wird weder so dumm noch so abgedroschen sein. Und das kommt selten vor. Also denken Sie darüber nach.“

Und so kommt, was kommen muss. Beide nähern sich wie zwei Tropfen aufeinander zu, die zu einem Fleck werden. Luc und Dominique sind Seelenzwillinge, die sich einfach finden mussten. Françoise beschreibt es Dominique so: „Sie haben die gleiche Natur wie Luc. Ihr seid beide etwas unglückliche Naturen, dazu bestimmt, von Venusmenschen wie mir getröstet zu werden. Sie können dem nicht entgehen…“ Während die eine Natur oben schwimmt, in dem Fall Luc, versinkt die andere immer mehr und verliert ihr Herz an diesem Mann, ohne es zunächst selbst wahrhaben zu wollen. Beide verbringen zwei Wochen an der Riviera, zwei glückliche Wochen, aus denen Dominique zum Ende nicht aussteigen möchte und die mehr nach sich ziehen werden, als sie es sich zunächst eingestehen will.

Wenn es einen idealen Liebeskummerroman gibt, dann diesen! Françoise Sagan begibt sich vollkommen in die Lage einer unglücklich Verliebten. Niemals wird es zu rührselig oder schwer, vielmehr sitzt eine Leichtigkeit zwischen den Zeilen und verscheucht das Tragische auf die letzten Reihen. Ich finde eine stille Melancholie, die sich hinter klaren und bildhaften Wörtern versteckt, beinahe so als würde der Mond leise seufzen und den Sternen zu zwinkern.
Die französische Autorin zeichnet auch das Bild einer Affäre, von der man von vornherein weiß, dass es nur einen Gewinner und eine Verliererin gibt. Obwohl ich Dominique nicht als solche bezeichnen möchte, denn sie ist ein Mädchen mit Kopf und Verstand, selbst wenn das Gefühl der Liebe sie zunehmend aufsaugt. Vieles kann ich nachempfinden wie die Worte, die sie anfangs über Luc fallen lässt: „Wahrscheinlich war er der erste Mensch, mit dem ich mich vollkommen wohl fühlte und nicht im geringsten langweilte.“ Vielleicht ist es das, was mich auf besondere Weise an das Buch bindet, denn wie Dominique kenne ich so einen Menschen. Nur hatte ich das Glück, dass ich ihn mir nicht teilen musste. Schade, ich hätte es Dominique gern erzählt. So bleibt mir das gewisse Lächeln, das ich insgeheim auf meinen Lippen aufblitzen lasse.

Françoise Sagan.
Ein gewisses Lächeln.
2011, 144 Seiten, 9,90 €.
Verlag Klaus Wagenbach.

Drama à la française.

Die Franzosen gehören literarisch gesehen für mich zu den Größten. Das vorliegende Buch ist wieder einmal ein wunderbares Beispiel für meine These. Die französischen Werke dringen tief in mich ein, bohren sich Löcher in den Kopf und lassen mich beinah sprachlos zurück. Zwischendurch brodeln kleine Vulkane auf, sie schießen heiße Lava in die Luft und schüren das Entsetzen zu einer anhaltenden Flamme, die bis zum Schluss nicht ausgeht.

Am Anfang von „Kümmernisse“ hätte ich mit solch einer Hitze nicht gerechnet. Ziemlich nüchtern, beinah eiskalt wie ein klarer Gebirgssee, schildert Judith Perrignon den Niedergang vom Frauengefängnis vergangener Zeiten. „Dann waren die Arbeiter gekommen, sie waren hinter den Mauern verschwunden.“ Eines Tages machte es „Tak-tak-tak“, eine gewaltige Stahlkugel, die von einem der Kräne hing, zerstörte das Gebäude, arbeitete sich vor. Allmählich zerfiel jenes Stück Geschichte, mit dem auch das Leben Helenas verbunden war. Eine ehemalige Inhaftierte, die dort in den kalten Gemäuern im Jahre 1967 eine Tochter zur Welt gebracht hatte. Die Schreie hallen selbst Jahre später noch nach, erzählen von dem Schicksal einer jungen Frau, das sich durch das ganze Buch zieht.

Helena hat mit ihrem Freund ein Juweliergeschäft überfallen, er konnte fliehen, sie wurde auf der Flucht festgenommen. Aus großer Liebe verschweigt Helena dem Gericht bis zum Schluss den Mittäter. Sie kommt hinter Gittern. Was keiner ahnt, die junge Frau ist schwanger und bringt schon bald ein Mädchen zur Welt. An der Stelle schlägt der Stil des Buches um, wie es sonst nur ein Sommergewitter vermag. Nur ist hier vom Regen keine Spur, es wird zunehmend wärmer als würde die Sonne aus einem Tiefschlaf erwachen. Es kehrt Leben ein, was ich zu fassen bekomme und mich zusehends in eine Sprachlosigkeit schiebt. Das Ausmaß Helenas Verurteilung dringt immer mehr in den Vordergrund. Zunächst schreibt Helenas Mutter zahlreiche Briefe, erzählt von ihren Gedanken und von Angèle, Helenas Tochter, die bei ihr aufwächst. Helena hingegen hält weiterhin an ihrem Schweigen fest und treibt damit Mila in eine Verzweiflung. Selbst Jahre nach ihrer Inhaftierung bleibt Helena in der eigens geschafften Festung, öffnet keine Fenster. Das Leben der Mutter bleibt der Tochter auch nach deren Tod ein großes Rätsel. Durch Zufall stößt sie in der Wohnung auf einen Artikel und nimmt Kontakt mit dem Gerichtsreporter auf, der damals von dem Gerichtsprozess berichtet hatte. Allmählich kommt der Ball ins Rollen, Licht huscht durch das dunkle Leben, erste Spuren werden sichtbar.

„Kümmernisse“ vereinigt in getrennten Kapiteln die Briefe und Monologe aller Beteiligten, einzig Helena verharrt in ihrer Sprachlosigkeit und bleibt am Rande stehen. Sie erinnert an ein Labyrinth, aus dem kein klarer Weg hinaus führt. Judith Perrignon spart Anführungszeichen aus, damit schwimmt das Mündliche direkt ins Schriftliche. Unterschiedliche Lebensschicksale verbinden sich zu einer langen Schnur, die letztlich zu der großen Wahrheit führen. Mit schmerzhaft schönen Wörtern zeichnet die Französin Bilder, in denen das Ausmaß jener Tragödie sichtbar wird wie das Verlorensein der Tochter und die Kümmernisse, die auf den Schultern der Menschen so schwer sitzen, dass man Stahlarme braucht, um sie zu halten. Das Buch haucht eine Vielzahl an Themen aus: Liebe, Vergebung, Verzweiflung, Mutter-Tochter-Beziehung und die all umfassende Liebe. In dem Ganzen steht die Geschichte am Ende für sich allein. Anders ausgedrückt: Man muss das Buch gelesen haben, um sich vollkommen in der Geschichte aufzulösen. Fast jeder Satz bewegt und setzt in mir etwas in Bewegung, eine Flut an Gefühlen und Gedankenspiralen, bei denen ich berührt bin. „Kümmernisse“ ist ein dichtes Buch, in vielerlei Hinsicht, das mir wieder einmal vor Augen führt, wie sehr ich die französische Literatur schätze, für all das, was sie beim Lesen freisetzt.

Judith Perrignon.
Kümmernisse.
August 2011, 192 Seiten, 18,90 €.
Verlag Klaus Wagenbach.

Junge Wilde.

Die jungen französischen Autoren treten ein schweres Erbe an. Vor ihnen waren die großen, einflussreichen Schriftsteller zugange, ebenso der in vielen Ländern exportierte Michel Houellebecq. So steht es in der Einleitung dieses Buches. Genau der Herausforderung nehmen sich die jungen französischen Autoren im beeindruckenden Maße ein.

„Tour de France“ enthält 18 Kurzgeschichten. Manche sind kurz, andere wiederum erzählen auf einem längeren Weg unglaubliche Geschichten. Martin Page beginnt die Anthologie mit „Ein kleines bißchen Zärtlichkeit“. Ein Mann wartet in einem Café auf eine junge Frau. Er trinkt seinen Kaffee nicht und die Eier sind kalt geworden. Man ahnt schon, dieser Mann ist angespannt. Als seine Verabredung eintrifft, verschwinden sie bald auf der Damentoilette. Aber nicht bevor er das Lied in der Musikbox wählt, was seine Frau und ihn verbindet. Sie ist es auch, die die junge Frau engagiert hat. Wozu, das erfahren wir kurze Zeit später. Und das, liebe Leute, schockiert! Oder die Geschichte von dem Mann, der von seiner Liebsten nach dem letzten Streit verlassen wird. Eines Morgens findet er im Garten eine tote Giraffe vor. Geschrieben hat sie Thomas Gunzig. Ich traf in der Sammlung auch auf Anna Gavalda. In „Happy meal“ besucht der Ich-Erzähler mit einem Mädchen McDonalds‘. Er bevorzugt lieber die gute Küche und nimmt sich vor, ihr diese zu zeigen, sollten sie länger zusammenbleiben. Die Auflösung der Geschichte hat mir in der S-Bahn viele Blicke beschert, weil ich überrascht gelacht habe, vor Schock oder Entzücken, kann ich heute nicht mehr sagen. Denn es bleibt rätselhaft und äußerst suspekt.

Das haftet den meisten Geschichten an. Sie sind extrem, verstörend, eindringlich, surreal, witzig und in der Sprache sehr vielfältig. Die jungen Autoren führen den Leser mit einer Inbrunst hinters Licht. Dies gelingt ihnen auf eine erstaunliche Weise. Erst locken sie uns, wir verfallen ihnen, dann schalten sie die Lampen aus und lassen uns im Dunkeln zurück. Die jungen Autoren haben auf den wenigen Seiten, große Literatur geschaffen. Mal haben sie mich geschockt zurückgelassen. Ein anderes Mal habe ich mir vor Erstaunen Luft zuwedeln müssen und an anderer Stelle bin ich nicht weitergekommen, weil mich die Form des Erzählens zu sehr verwirrte, als hätte sich eine undurchsichtige Schicht in meinen Kopf gesetzt. Weiterkommen unmöglich.

Diese Sammlung schenkt nicht nur einen wahrhaftigen Einblick in die junge französische Literaturszene. Sie zeigt uns auch: Die Literaturerben stehen bereit. Dieses schmale Bändchen bleibt so lange dünn, bis man es gelesen hat.

Annette Wassermann (Hg.)
Tour de France. Junge französische Literatur.
März 2005, 192 Seiten, 9,90 €.
Wagenbach Verlag.