Löwenjunge liebt Rosenrot.

Weiß hat viele Bedeutungen. Es steht für Reinheit, Unschuld und Sauberkeit. Für Leo verkörpert die Farbe was ganz anderes. Wenn alles um ihn herum weiß ist, verschwindet er in einem Berg aus Einsamkeit und Stille. Davor haut er gerne ab und sehnt sich nach Rot. Rot wie die Liebe und Beatrice.

Leo ist wahrlich ein Löwe! Mit seiner Mähne und dem aufbrausenden Temperament ähnelt der 16-Jährige dem Raubtier aus der afrikanischen Steppe. Der Junge ist die Hauptperson in „Weiß wie Milch, rot wie Blut“ von Alessandro D’Avenia. Leo liebt Fußball, rast gerne mit seinem Moped durch Rom, trifft sich am liebsten mit seinem besten Freund Niko. Und er ist unsterblich in Beatrice verliebt. Als er jedoch erfährt, dass sich etwas Schlimmes zwischen seine Liebe schiebt, mischt sich das Weiß einfach in das Rot.

Gleich von Beginn an verführte mich Alessandro D’Avenia mit seiner poetischen Sprache, die wie der Ich-Erzähler in einem fort sprudelt und sich durch eine Vielfalt auszeichnet. Mal ist sie leicht wie eine Feder, mal wiegt sie etliche Tonnen Stahl, mal ist sie rotzfrech und klatscht mitten ins Gesicht.
Alessandro D’Avenia hat die große Wucht der ersten großen Liebe in eine zauberhafte Geschichte verpackt, die ebenso bewegt und mitreißt. Plötzlich verwandelte ich mich wieder in ein junges Mädchen, das mit tobenden Gefühlen und nervenaufreibendem Chaos kämpft. Mir wurde heiß und kalt, kalt und heiß… Ja, die Geschichte erinnert mich an ein Wettrennen mit warmen und kalten Wasser. Es läuft, läuft und hört nicht auf, bis man den letzten Punkt aufgesogen hat und das Buch mit einem wehmütigen Lächeln zuschlägt.

Alessandro D’Avenia.
Weiß wie Milch, rot wie Blut.
November 2010, 288 Seiten, 14,99 €.
btb Verlag.

Über den Autor:

Alessandro D’Avenia wurde 1977 geboren und stammt aus Palermo. Seit einigen Jahren arbeitet er als Lehrer an einem Mailänder Gymnasium. Sein Debütroman „Weiß wie Milch, rot wie Blut“ wurde von der Presse und den Lesern feiernd aufgenommen.

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Ein Freund, ein guter Freund…


Es ist jedes Mal ein unbeschreibliches Erlebnis, wenn mir ein Buch die Sprache raubt. Ich möchte so viel schreiben und tauche in ein tiefes Schweigen, das mich wie eine dicke Strickjacke umarmt. Die Macht der Geschichte ist einfach zu groß und hält mich fest im Arm. Leise sitzen wir da und schauen uns lächelnd an. „Luke und Jon“ von Robert Williams ist so ein Buch. Ich bin durch einen Artikel auf Spiegel Online auf das Debüt gestoßen und wusste sofort: An einen Buchhändler, der in der Mittagspause eine Jugendgeschichte aufschreibt, möchte ich nicht vorbeilaufen. Die Entscheidung war Gold wert.
Der junge Engländer erzählt in seinem Roman auf eine warmherzige Art über zwei Außenseiter, denen das Schicksal hart zusetzt. Für Luke hat gerade das andere Leben angefangen, ohne seine geliebte Mutter. Die ist nach einem Verkehrsunfall gestorben. Als wäre das nicht schon schlimm genug, eskaliert die finanzielle Situation der Familie. Luke und sein Vater müssen in eine andere Stadt ziehen und finden außerhalb, auf einem Berg, ein heruntergekommenes Haus. An einem regnerischen Tag erreichen sie die neue Heimat und überfahren fast einen Jungen. Es folgen kurze Schockmomente und dann ist er fort. Bald kommt der regnerische Schatten namens Jon zurück, und es beginnt eine ungewöhnliche Freundschaft. Jon lebt bei seinen Großeltern, die keine Kraft mehr haben, das Haus zu bewirtschaften. Er wohnt in einem schmutzigen Loch, und wird als Ausgestoßener in der Schule gehänselt. Wie Luke für seinen neuen Freund einsteht und wie viel Kraft selbst in Menschen größter Not steckt, zeigt uns Robert Williams mit seiner feinfühligen Sprache. Er zeichnet atmosphärische Bilder und lässt uns darin aufgehen wie Blumen, die aus einem Winterschlaf erweckt werden. Dieser Autor wird zu Recht als neuer Salinger bezeichnet und sollte von jedem Heranwachsenden gelesen werden. Selbst wenn man am Ende sprachlos zurückbleibt, ist eine geballte Ladung Gefühle da, um an das Gute zu glauben.

Robert Williams.
Luke und Jon.
November 2010, 186 Seiten, 8,95 €.
Berliner Taschenbuch Verlag.

Die Klappentexterin ♥ Robert Williams:
Jemand, der in der Mittagspause so ein Werk zusammenschreibt, kann ich nur mögen. Ich bin beeindruckt von so vielem: Die Sprache, die Geschichte, der Plot – alles!

Über den Autor:
Robert Willams ist 32 Jahre alt und der Sohn zweier Bibliothekare. Er verbrachte während seiner Kindheit viel Zeit in der Stadtbibliothek einer nordenglischen Kleinstadt. Acht Jahre lang arbeitete der junge Autor als Buchhändler. „Luke und Jon“ ist sein erster Roman, mit dem er ausgezeichnet worden ist.

Goldstaubkörner zwischen den Augen.

Es ist Winter und ich tanze im feinen Sommerregen. So geht es mir jedesmal, wenn ich eine Geschichte von Gwendoline Riley lese. Sie erzeugt mit ihrer poetischen Sprache stets eine ganz besondere Melancholie, die mich glücklich macht. Es ist eine schöne Traurigkeit, der ich mich kaum entziehen kann.

Dieses Gefühl hat mich auch in ihrem Roman „Krankmeldungen“ gepackt. Die junge Autorin aus Großbritannien erzählt von Esther, die gerade von eine Reise aus New York nach Manchester zurückkehrt. Sie lässt sich treiben, vom Tag in die Nacht und von der Nacht in den Tag. Esther empfindet ihr Leben als Labyrinth, ohne Anfang und Endpunkt. So läuft sie durch Straßen, geht in die Bibliothek, schreibt in ihr Notizbuch und wärmt sich im Kino auf. Wie ein ruhiger Fluss fließt sie dahin, bis eines Abends eine große Welle über sie hereinbricht. Esther trifft in einer Bar auf den Musiker Newton und gerät in einen mitreißenden Strudel aus tobenden Gefühlen und einer brennenden Leidenschaft. Ganz anders, als sie es eigentlich geplant hatte.

Gwendoline Riley schafft beim Erzählen etwas Wunderbares. So etwas, dass man sich hinterher verträumt in den Augen reibt und kleine Goldstaubkörner hinausrieseln. Ihre Romanheldinnen sind oft Mädchen, die der Kindheit entfliehen und sich auf dem Weg befinden, erwachsen zu werden. Sie verharren auch mal mit verschränkten Armen atemlos am Straßenrand oder ertrinken fast im Gin-Glas. Gwendoline Riley erzählt uns, was in den Mädchenköpfen vor sich geht, das gelingt ihr so zart wie es sonst nur feiner Sommerregen vermag. Müttern sollte man dieses Buch nicht in die Hand drücken, Töchtern dafür um so mehr!

Gwendoline Riley.
Krankmeldungen.
Dezember 2010, 224 Seiten, 8,99 €.
Goldmann Verlag.

Die Klappentexterin ♥ Gwendoline Riley:
Ich habe die junge Autorin ausgewählt, weil sie Gefühle mit einer wunderbaren poetischen Sprache beschreibt. Ebenso mag ich ihren unaufgeregten Stil. Der feine Sommerregen küsst sanft mein Gesicht und erzählt leise von den Dingen des Lebens, die junge Menschen bewegen. Gwendoline Riley wärmt mich jedesmal auf eine ganz besondere Art.

Über die Autorin:

Gwendoline Riley wurde 1979 geboren und lebt in Manchester. Schon ihr erster Roman „Cold Water“ erhielt begeisterte Kritiken und die Auszeichnung Betty Trask Award 2002. The Guardian schrieb über sie: „Manchesters Antwort auf Charles Bukowski.“

Alice Munro schubst uns an. Damals wie heute.

Zeitweise hängen sie schüchtern in unseren Köpfen. Zaghaft und leise sind sie, wollen keinen Lärm machen, weil ihnen noch etwas fehlt. Ein Schubs etwa oder ein Klaps. Manchmal finden wir sie im Gesicht eines anderen, versteckt zwischen einem Lächeln oder einer bestimmten Mimik. Sie haben viele Formen. Schön ist es, wenn es dann jemanden gibt, der den Sehnsüchten den Anstoß gibt wie Alice Munro. Jemand, der unsere Gedanken mit Mut auffüllt.

Unzählige Erzählungen hat die kanadische Schriftstellerin bereits geschrieben. Im Februar diesen Jahres ist ihr erster Erzählband mit 15 Geschichten erschienen. Der Dörlemann Verlag hat das Buch herausgegeben und dies auf eine würdevolle Art getan. Das Buch trägt einen wunderschönen Leineneinband. Je nach Lichteinfall schimmert er dunkelblau oder weinrot. Ein zurückhaltendes Farbspiel ist das, was beglückt und dem Buch etwas Geheimnisvolles verleiht, etwas Wertvolles über das man immer wieder mit den Fingern streift.

Im Mittelpunkt stehen junge Frauen und Mädchen, die in Kleindstädten wohnen. Das Leben dort ist meist begrenzt und bewegt sich in einem Mikrokosmos. Die Protagonistinnen hingegen verharren nicht regungslos. Sie wollen hinaus aus ihren Schneckenhäusern, sie wollen hinter den eigenen Horizont steigen. Die Rede ist nicht vom Fernweh, sondern vom Wunsch, den eigenen Vorstellungen zu folgen, Ängste hinter sich zu lassen, Sehnsüchte zu stillen, gerecht zu sein – mit sich und den anderen. Wir lesen uns durch ihren Alltag, ihren Begegnungen und Ereignissen. Meist sind die Frauen stille Beobachterinnnen, die präzise registrieren, was vor ihren Augen passiert. Sie gehen dabei sehr feinfühlig vor und hinterfragen vieles. Einfach Dinge hinnehmen, weil es andere schon getan haben? Nein, das wollen sie nicht.

Da ist Mary in der Erzählung „Die leuchtenden Häuser“. Sie ist Mutter von einem Sohn, Danny, und lebt in einer Kleinstadt, die sich verwandelt. Aus Alt mach Neu – so lautet das Motto. Am liebsten wollen die neuen Bewohner, in ihren weißen, hellen Häusern, das alte, Verwesene abreißen und die Menschen gleich mit. Wie Mrs. Fullerton. Sie lebt allein in ihrem alten, heruntergekommenen Haus, das den jungen Frauen und Männern ein Dorn im Auge ist. Es muss weg. Während sich alle beim Kindergeburtstag den Kopf darüber zerbrechen, sitzt Mary da und überlegt, wie sie Mrs. Fullerton retten kann. Sie erhebt ihre Stimme gegen die Pläne der anderen. Aber die wollen sie nicht hören. Mary, so schlau und einsichtig wie sie ist, belässt es dabei, zieht ihren Mantel an und denkt zum Schluss: „Es gibt nichts, was du im Augenblick tun kannst, außer die Hände in die Taschen zu stecken und dir dein unvoreingenommenes Herz zu bewahren.“
Ein Raunen geht selbst jetzt noch durch mein Herz, wenn ich diese Worte streife. Eine kleine Träne sammelt sich ganz vorsichtig hinter meinen Augen. Plötzlich habe ich da so einen Schleier zwischen der Welt in mir drinnen und der da draußen. Ich bin berührt, atme, schlucke und lächle die Träne weg, denn mit einem Mal spüre ich einen Klaps auf der Schulter. Nach der Einsicht folgt die Zuversicht. Ja, so ist es oft, wenn man am Ende einer Munro Erzählung aus dem Werk angekommen ist.

Alice Munro zeigt sich in den früheren Jahren auch als Kämpferin der Frau. Wie bei der Protagonistin aus „Das Büro“. Die Ich-Erzählerin möchte schreiben. Es fällt ihr schwer zu sagen, dass sie Schriftstellerin ist. „Zu anmaßend“ klingt das für sie. Trotzdem oder gerade deswegen braucht sie ein Büro. Warum? Weil ein Mann in einem Haus arbeiten kann, eine Frau hingegen nicht. Eine Frau hat Pflichten zu erledigen: Den Haushalt, das Essen, die Kinder, den Mann. Eine Frau, die nur da sitzt, in die Weite schaut und einfach nur schreibt, ist undenkbar. Sie hat immer da zu sein, für jeden. Abtauchen in ferne Welten ist eine Utopie. Also muss ein Büro her. Ein Ort, der Raum für eigene Gedanken und Ideen schenkt.

Alice Munro setzt sich besonders hier dafür ein, dass man die Frauen als eigenständige, selbstdenkende Wesen sehen sollte. Dass sie nicht nur bügeln, sondern auch schreiben oder malen können. Munro belehrt nicht, nein, sie spricht es auf eine sehr clevere Art an. Sie erhebt keinen Zeigefinger. Das wäre keine echte Munro. Sie schreibt schnörkellos, setzt dabei ihren leichten ironischen Blick hinzu und lässt die großen Gefühle draußen. Emotionen bleiben eher im Miniformat. Sie sind sehr zart und schmal, dass sie gerade so durch einen Briefkastenschlitz passen. Wer nun denkt, dass sich das kühl anfühlen muss, irrt sich. Es bleibt warm und bemerkenswert, denn Munro zu lesen, bedeutet jedes Mal, bewegt zu werden und das auf vielfältige Weise.

Die frühen Geschichten unterscheiden sich von den Erzählungen, die danach folgten. Sie sind kürzer. Auch die Sätze, die sie beschreiben. An einigen Stellen hat Alice Munro auf nähere Einzelheiten verzichtet. Damit schafft die Autorin Raum für uns, in dem wir uns ausbreiten können. Ich hätte nie geglaubt, dass sich Distanz auch nah anfühlen kann. Es ist als wäre eine Fensterscheibe durchlässig wie eine Membran, die die Innen- und Außenwelt mühelos verbindet. Genau so ist es mir ergangen. Als ich die Erzählungen mit ihren späteren Werken verglich – das tut man automatisch als Munro-Leserin – tat sich vor mir folgendes Bild auf: Eine Knospe, der man ansieht, dass sie ganz bald zu einer schönen Blume gedeihen wird. Man ahnt schon jetzt, dass hier eine besondere Schriftstellerin am Werk ist. Hier reift etwas Wunderbares, etwas, das uns an unsere eigenen reichhaltigen Ressourcen erinnert, die wir alle haben. Alice Munro zu lesen, bedeutet auch Mut zu atmen und Kraft zu spüren. Sie schubst uns an. Damals wie heute.

Alice Munro.
Tanz der seligen Geister.
Februar 2010, 380 Seiten, 23,90 €.
Dörlemann Verlag.

Ebbe geht, Flut kommt. Das Leben bleibt.

Das Leben ist kein Ponyhof, sondern eine kleine Ansammlung von Schmetterlings- und Nackenschlägen. Mal ist es liebevoll und streichelt einem sanft über den Kopf. Ein anderes Mal knallt es einem im Gegenzug brutal in den Nacken, dass der Kopf Schwierigkeiten hat, aufrecht stehen zu bleiben.

Selbst die junge Gesa Petersen auf Nördrum bleibt von dem Wechselspiel nicht verschont. Sie ist die Hauptperson in Michael Gantenbergs Roman „Zwischen allen Wolken“. Die 19-Jährige steckt mitten in ihren Abiturprüfungen, als etwas Furchtbares passiert: Ihr Bruder kommt ums Leben. Damit gerät nicht nur ihr eigenes, sondern auch das der Familie durcheinander.

Familie Petersen betreibt eine kleine Pension, Möwennest heißt sie. Der Vater ist mit dem Tod des Sohnes überfordert. Fortan müssen die drei Damen – Gesa, die Mutter und Großmutter – den Betrieb schmeißen, was allerdings nicht so einfach ist. Auch sie stehen noch unter Schock. Jede verarbeitet ihn auf seine eigene Weise. Gesas Mutter beispielsweise findet Trost bei Jean-Pierre – einer Ente. Bei Gesa ist es auch etwas suspekt: Ihr Bruder besucht sie in regelmäßigen Abständen. Einfach so. Plötzlich ist er da und unterhält sich mit ihr. Diese Wahnvorstellungen führen sie schließlich zu Dr. Niedlich, einem Psychologen. Und dann ist das noch die Liebe, die die junge Frau mächtig durcheinander wirbelt.

Aus einem beständigen Wechsel der Gezeiten wird von einem Tag auf den anderen eine Dauerflut. Es schwappt über. Jeder will dem Schicksalsschlag, der Flut entkommen, doch die Schwimmwesten, die alle Betroffenen tragen, passen nicht oder lassen sich nicht ganz schließen. So paddeln alle wie wild mit den Armen und bewegen sich doch nicht von der Stelle, verharren und warten. Vielleicht ist es das Beste, was sie tun können. Irgendwann, das ahnt man, kommt die Ebbe von ganz allein zurück und dann brauchen sie keine Schwimmwesten mehr.

Michael Gantenberg fragt: Wie geht man in so einer schrecklichen Situation um? Er tut es nicht direkt, sondern legt sie seinen Protagonisten in die Hand. Was wir sehen ist: Die einen bleiben und die anderen flüchten. Oma Insa beispielsweise wächst über sich hinaus und offenbart ihrer Familie sogar ein lang gehütetes Geheimnis. Gesas Vater hingegen haut ab. Flucht hilft manchmal, raus aus dem Schlamassel, irgendwo hin, doch dauerhaft ist dies keine Lösung. Das Ereignis holt einen immer wieder ein wie ein treuer Boomerang, der einfach zurückkommt.

Dies ist ein sehr bemerkenswertes Buch. Ich wusste es schon nach der ersten Seite. Dem Autor ist der Spagat zwischen Drama und Leichtigkeit sehr gut gelungen. Es tauchen Passagen auf, in denen habe ich schon ganz schön mit den Tränen gekämpft. Dafür lacht man anderer Stelle wieder aus ganzer Seele, klopft sich auf die Schenkel und freut sich des Lebens.

Die Sprache ist schnörkellos und umfing mich beim Lesen wie eine frische Meeresbrise. Michael Gantenberg erzählt einerseits witzig, andererseits sehr tiefgründig. Zwischen den Zeilen fand ich Sätze, die sich wunderbar lasen. So wunderbar, dass ich sie wie ein schönes Bild für schlechte Tage an die Wand hängen wollte. Gedanken, die einem wieder auf die Beine stellen, wenn man umgeknickst ist und die daran erinnern, wie schön Schmetterlingsschläge sein können. Auf eine berührende und sensible Weise ist Michael Gantenberg in den Kopf einer heranwachsenden Frau geschlüpft. Eine Freundin hat mir vor kurzem gesagt: „Es gibt Autoren, die erzählen nur und es gibt Autoren, die erzählen und schenken ihrer Geschichte Leben.“ Letzteres trifft auf Michael Gantenberg zu. Ich denke da auch an die bemerkenswerte Charaktere, die er geschaffen hat. Es macht neben all dem Drama Freude, den einzelnen Menschen zu folgen, ja es entzückt die schräge Familie Petersen zu erleben. Jeder ist auf seine Art ein bisschen verrückt, aber gerade dadurch sehr liebenswert.

Sicherlich wird es immer wieder Nackenschläge geben. Vollkommen unerwartet treten sie in unser Leben und pieksen uns wie spitze Dornen, doch letztendlich zählt, wie wir mit ihnen umgehen. Ob wir flüchten oder uns ihnen stellen. Ob sie uns in ihrer Macht haben oder wir sie festhalten. Das ist eine von vielen Weisheiten, die ich aus dem Roman gezogen habe. Was ich allerdings immer noch vergeblich, suche ist das Lachen der Sandflöhe. Ist ja auch schwierig in einer Großstadt. Auf dem Asphalt hocken sie bestimmt nicht. Demnach wird es Zeit, dass ich ganz bald an die See fahre, mich in den Sand lege und lausche, so lange bis ich ein Lachen vernehmen werde.

Michael Gantenberg.
Zwischen allen Wolken.
Mai 2010, 288 Seiten, 14,95 €,
Scherz Verlag.

Der Autor ist am Sonnabend, 24. Juli, ab 20 Uhr zu Gast bei STORY! im Heimathafen Neukölln und liest aus seinem Roman „Zwischen allen Wolken“.

Mehr über den Autor erfahrt ihr auf seiner Homepage. Und morgen verrät er in einem Interview, wie er über Heimat denkt. Seid also gespannt!

Max ♥ Andreas Steinhöfel

Bücher sind zum Lesen da. Klar. Sie sind aber auch da, um uns glücklich zu machen und andere. Heute teilt Max, 22 Jahre, Student, mit uns sein Glück.

Sein ♥ Stück:

Andreas Steinhöfel: Die Mitte der Welt. Carlsen Verlag,
2004, 476 Seiten.

1. Welcher war der beste Satz? Oder: Welche Stelle hat dir am besten gefallen?
„Stell dir das Leben vor wie ein großes Haus mit vielen Zimmern (…)
Einige dieser Zimmer sind leer, andere voller Gerümpel. Manche sind groß und voller Licht, und wieder andere sind dunkel, sie verbergen Schrecken und Kummer. Und ab und zu – nur ab und zu, hörst du? – öffnet sich die Tür zu einem dieser schrecklichen Zimmer und du musst hineinsehen, ob du willst oder nicht. (…) Dann denkst du daran, dass es dein Leben ist – dein Haus, mit deinen Zimmern. Du hast die Schlüssel!
Also schließt du die Tür zu diesem schrecklichen Zimmer einfach zu.

(…) eines Tages spürst du vielleicht, dass nur durch dieses schreckliche Zimmer ein Weg in einen größeren, schöneren Teil des Hauses führt. Und dann brauchst du den Schlüssel!“

2. Um was geht es in dem Buch?
Phil ist erst 17. Er lebt mit seiner Schwester und seiner Mutter alles andere als angepasst. Ihr außergewöhnliches Erscheinen führt in einer kleinen Stadt zu erheblichen Verwunderungen.
Der Jugendroman handelt von der ersten großen Liebe, die so sehr weh tut, wenn sie enttäuscht wird; vom Outing; vom Anderssein, kurzum: Eigentlich nur vom Erwachsenwerden und den Schwierigkeiten, die das so mit sich bringt.

3. Warum sollte man das Buch unbedingt lesen?

Die Mitte der Welt ist ein phantasievoll-bezaubernder Jugendroman, der so packend und emotional ist, dass man ihn stets lesen und aufs Neue entdecken will. Das Buch ist nicht nur für Jugendliche, sondern auch für alle Erwachsenen. Es bewegt einen, immer und immer wieder.

♥ lichen Dank!

Nichts bleibt wie es ist, aber alles ist machbar, wenn man sich ein bisschen mehr anstrengt.

Voreingenommen, das war ich und bin es nun nicht mehr. Voreingenommen, wenn Schauspieler einen Roman schreiben. Ihr Platz ist auf der Bühne und nicht hinter der Schreibmaschine. Sicherlich war diese Einstellung etwas überheblich, aber sie existierte nun mal und hockte die ganze Zeit neben mir, als ich das Buch von dem Schauspieler Max Urlacher las. Nun ist sie auf und davon geflogen.

Rückenwind ist sein zweiter Roman. Der Erstling war ein Briefroman. Zusammen mit Franka Potente hat er damals über Sehnsüchte, Freundschaft, Träume, Liebe, Heimweh und Fernweh geschrieben. Einiges davon beschäftigt den Schauspieler erneut im Rückenwind. Er erzählt von Tobias und Anton, die sich als kleine Lausbuben begegnen und gemeinsam groß werden. Sie erleben all das zusammen, was man eben durchmacht, wenn man vom Kind zum Mann wird. Das ist das eine Thema. Ein anderes ist die Liebe, die Anton in seinen jungen verzweifelt sucht und sie irgendwann findet. Aber sie bleibt nicht so, wie es Anton sich erhofft. Freundschaft und Liebe bestehen manchmal nicht ein Leben lang, weil etwas passiert – mit einem selbst oder mit dem anderen – so dass man loslassen muss, ob man mag oder nicht.

Max Urlacher hat einen wunderbaren Roman geschrieben, weil er das beschreibt, was jedem in uns beschäftigt. Leider war er dabei etwas zu großzügig, weil er zu viele Themen auf einmal angefasst hat. Oft hört eine Sequenz plötzlich auf, gerade dann, wenn man sich richtig eingefunden, es sich quasi gemütlich gemacht hat und weiter aufgehen möchte. Nach dem Abbruch fühlt sich das Ganze wie ein Kuchen an, der nur halb gebacken ist. Einige wenige Stellen sind noch weich und ein bisschen roh. Dennoch schmeckt der halbfertige Kuchen, weil der Autor Zauberpuder drüber gestreut hat. Ich meine damit besondere Sätze über die man sich freut und die man nicht so schnell aus den Augen lassen kann.
„Ich wünschte, ich wäre ein Lufthauch, den du einatmest und könnte dich von innen erkunden.“ / „Manchmal muss man auch die Häppchen essen, wo die Wurst nach oben gerollt ist und der Käse schwitzig ist.“ / „Der Mond sieht aus wie hinter Spinnweben, als müsse man nur den Vorhang zur Seite schieben und könnte nach ihm greifen.“

Nichts bleibt wie es ist, aber alles ist machbar, wenn man sich ein bisschen mehr anstrengt, loslässt von Dingen, die man nicht mehr ändern kann, nach vorne läuft. Das hat mir Max Urlacher gesagt. Es ist ihm gelungen.

Rückenwind.
Max Urlacher.
März 2010, 332 Seiten, 8,95 €.
Knaur.

Max Urlacher liest am Mittwoch, 19. Mai um 20:00 Uhr im Berliner Heimathafen aus seinem Roman.

Übermut tut manchmal richtig gut.

Mathilda möchte man adoptieren. Sofort! Auf der Stelle! Obwohl sie als Kind nicht einfach ist. Jemand, der sich vornimmt, gemein zu sein und sich auch so nennt, kann nicht pflegeleicht sein. Neimeg. Diesen Namen gibt sie sich eines Tages in Anwesenheit ihrer schönen Freundin, die natürlich nicht merkt, was das Wort bedeutet. Das ist Mathilda, ein Mädchen, das andere gern austrickst. Sie fordert ihre Mitmenschen auf eine geschickte Art, dass man froh ist, nicht selbst einer von ihnen zu sein. Und doch geht davon eine Faszination aus, von der man sich nicht losreißen möchte.

Victor Ladato lässt in seinem Roman Mathilda Savitch die 13-Jährige Mathilda zu Wort gekommen. Das ist eine gute Idee gewesen, eine sehr gute sogar. Mathilda hat ihre Schwester Helena verloren. Irgendjemand hat sie vom Gleis geschubst, als der Zug einfuhr. Den Täter hat man bis heute nicht gefunden. Und so versucht Mathilda, ein Jahr danach, den Tod aufzuklären. Sie taucht ein in Helenas Leben, schreibt über deren Email-Account die Jungs an, mit denen Helena Kontakt hatte. Ehe sie sich versieht, steckt Mathilda mittendrin im geheimnisvollen Leben ihrer verstorbenen Schwester. Man ahnt schon, dass diese Aktion und auch ihre Gemeinheiten einen Sinn haben: Von sich abzulenken. Mathilda hat zu kämpfen mit sich und dem Verlust ihrer Schwester. In stillen Momenten kommt sie aus ihrer stolzen Fassade herausgekrochen und bewegt den Leser um so mehr. Sie ist ganz allein mit ihrem Schmerz. Eltern hat sie keine mehr, denn die hüllen sich seit dem Tod ihrer älteren Tochter in einen Mantel der Sprachlosigkeit.

Der Roman lebt vor allem durch die Gedanken. Man möchte gar nicht aufhören, Mathilda zuzuhören. So herrlich erfrischend ist ihr Wesen. Sie ist jemand, den man sich in eine Vitrine stellen will, weil sie einem trotz der schrecklichen Geschichte, die sie da erzählt, glücklich macht. Dieses Überhebliche, dieses Neumalkluge, dieses Philosophische – all das schwingt in fast jedem Satz mit und macht süchtig.

Victor Ladato hat Mathilda ihre eigene Stimme gegeben, ist dabei sehr authentisch vorgegangen, dass man als Leser denkt, Mathilda selbst hätte das Buch geschrieben, dieses Mädchen, das mit der Geburt die Weisheit mit den Löffeln gegessen haben muss.
Diese Lektüre ist so vieles: Erschütternd, traurig, unterhaltsam, mutig, frech, philosophisch. In all der Frische wird man leicht übermütig und vergisst jegliche Regeln, die einen die eigenen Eltern damals beigebracht haben. Bevor man sich versieht, sitzt man neben Mathilda und schmiedet zusammen mit ihr Pläne.

Mathilda Savitch.
Victor Ladato.
Juli 2009, 299 Seiten, 17,90 €.
C.H. Beck.

Auch Enten suchen sich selbst.

Zuckersüß, zauberhaft – einfach großartig!! Dies ist ein wunderbares, kurzweiliges Buch, das dafür verantwortlich ist, dass alle Leser ständig lächeln während sie es lesen – anders geht es nicht. Paola Mastrocola erzählt in ihrem Roman Ich dachte, ich wär ein Panther die Geschichte einer Ente, die eines Abends aus einem Transporter in die Welt hinausgeschleudert worden ist. Wer ist sie? Wo kommt sie her? Die kleine Ente weiß es nicht und beschließt zunächst, dass ein Pantoffel ihre Mutter ist. Nur irgendwie komisch, dass alle anderen Mütter mit ihren Kindern sprechen, aber ihre nicht. Also macht sich die Ente auf die Reise. Zu anderen und zu sich selbst. Es ist ein reines und durch aus weises Lesevergnügen dem kleinen gelben Wesen zu folgen!

Ich dachte, ich wär ein Panther.
Paola Mastrocola.
Januar 2010, 7,95 €.
Piper.

Bungee-Jumping zwischen Herzrasen und Tränenvergießen.


Es gibt Begegnungen, die begleiten uns ein Leben lang wie ein treuer Schatten, der einfach nicht von unserer Seite weichen will. Nur ist dieser Schatten nicht schwarz und kalt, sondern viel mehr schillernd bunt und wohlig warm. Er hält uns fest, mal mehr, mal weniger, aber er ist da, immer, irgendwie, irgendwo. Wie zwischen Emma und Dexter. Schon nach den ersten Seiten denkt man bei ihren großartigen Dialogen: Da geht was, da geht doch was, oder nicht? Es herrscht ein selbstverständliches Verständnis zwischen den beiden und das obwohl sie grundverschieden leben, anders denken und in unterschiedlichen Verhältnissen aufgewachsen sind. Schnell kommen da Vergleiche und Gedanken auf: Tag und Nacht – beides gleichzeitig zusammen, verträgt sich das? Hund und Katze – passt das? Natürlich! Lest dieses Buch, dann wisst ihr, was ich meine, denn David Nicholls erzählt uns die Geschichte zwischen zwei Menschen, die dazu verdammt sind, ein Leben lang beisammen zu sein und das in zauberhafter, aber auch tragischer Weise. Zwischen Herzrasen und Tränenvergießen lesen wir auch Wunderbares über Träume, Sehnsüchte, Schwächen, Ängsten, Abstürze.

Emma ist allen selbstbestimmten Frauen eine nahe Stimme und nicht selten ertappt man sich dabei, wie man bei ihren Gedanken nickt, innehält und dann ganz plötzlich aus tiefstem Herzen lächelt, so losgelöst schmunzelt, dass selbst die Tauben auf der Bank sich umdrehen.

„Sie ging weiter nach Süden auf The Mound zu. Der konventionelle Ratschlag lautete: „Lebe jeden Tag, als ob es dein letzter wäre, aber wer hatte schon die Kraft dazu? Was, wenn es regnete oder man kränkelte? Es war einfach nicht machbar. Da war es weit besser, sich zu bemühen, gut, mutig und unerschrocken zu sein und etwas zu verändern. Vielleicht nicht gleich die ganze Welt, nur das kleine Stück um dich herum.“

Dexter ist ein Mann wie er im Machobuche steht: Selbstsicher, arrogant. Aber Vorsicht, der Schein trügt, wenn man genau zwischen den Zeilen liest, ahnt man schnell, was sich hinter seiner Fassade verbirgt. Sicherlich gibt es einige Passagen, wo man dem Bengel am liebsten links und rechts eine scheuern will, doch im Grunde seine Herzens ist er wie ein Schiff, das ein Loch hat und sich nie ganz füllen lässt, wäre da nicht seine Emma… Em und Dex… Dex und Em… Man ahnt bei diesem Spiel schon bald, was kommen könnte. Wird es passieren?

Zwei an einem Tag.
David Nicholls.
August 2009, 22.90 €.
Kein & Aber.