Das Mädchen und das Wir.

carson_mccullers_frankieFrankie – dieses junge, unruhige Mädchen aus Carson McCullers gleichnamigem Roman geht mir immer noch nicht aus dem Kopf. Es schaut mich mit seinen grauen Augen an und weckt in mir den Wunsch, es zu umarmen. Ich möchte es beschützen und weiß, dass ich es doch nicht kann. Genauso wenig würde Frankie es zulassen, dass ich sie umarme. Frankie erinnert mich ein bisschen an eine Katze. Und so wird Frankie noch einige Zeit neben mir sitzen, mal schnurrend, mal miauend, und ich werde mich voller Dankbarkeit an ein erneut beeindruckend schönes Buch von Carson McCullers erinnern. Ein Buch, das deshalb heute hier einen Platz bekommt.

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Die Mädchen, die Freiheit und das Grauen.

emma_cline_the_girlsEs ist still vor meinen Fenstern, wie in der nächtlichen Wüste. Ferienzeit, die meisten Familien sind verreist, und ihre Abwesenheit überzieht die Straße mit einem Teppich aus Schweigen. In mir hingegen brummt es gewaltig. Stellt euch ein Sommergewitter vor, das plötzlich seine Wolkenschleusen öffnet. Emotionen und Gedanken stoßen hin und her. Und alles nur, weil ich ein Buch gelesen habe. Ich lächle, denn ich bin endlich, wieder dort, wo ich mich am wohlsten fühle: Im Reich der Worte. Emma Cline hat mich mit ihrem erstaunlichen Debüt »The Girls« aus dem Sommer-Dornröschenschlaf geweckt. So flitzen meine Finger über die Tastatur des Rechners und übertönen den Lärm in meinem Kopf, während ich zurück ins Buch laufe.

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Der Wind erzählt eine schreckliche Geschichte.

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Aus diesem Buch weht ein Wind, der mich in eine Welt getragen hat, die ich vorher so noch nicht kannte. Einmal begonnen, konnte ich „Das Haus des Windes“ von Louise Erdrich nicht mehr aus den Händen legen. Die Geschichte gelangte in meine eigene Blutlaufbahn und ich habe statt Luft den Roman eingeatmet. Das Hier verschmolz mit dem Dort zwischen den Buchdeckeln und trug mich davon.

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Sensenmann lädt ein.

landsdale

Der Sensenmann ist mir auf den Fersen. Er ist aus „Dunkle Gewässer“ hervorgekrochen. Nun hat er mich am Schopfe gepackt und meinen Kopf um 180 Grad gedreht. Bevor ich schreien konnte, flogen meine Gedanken quer und schräg vor mir nieder. Jetzt sortiere ich sie, grinse mir ins Fäustchen und spüre immer noch am ganzen Körper eine Gänsehaut. Joe R. Lansdale hat einen schrägen, unheimlichen Krimi geschrieben, bei dem die Welt verkehrt herum steht. Das ist verrückt und ein atemberaubendes Abenteuer!

Der erste Satz kneift mich wie eine Wäscheklammer, die man mir auf die Nase gesetzt hat und verrät, dass es sich hier wahrhaftig um ein sehr spezielles Buch handelt: „In jenem Sommer hörte Daddy auf, Fische mit dem Telefon oder mit Dynamit zu fangen, stattdessen vergiftete er sie mit grünen Walnüssen.“ Die Geschichte haucht mir an dieser Stelle ihren Atem ins Gesicht. Leicht würzig, sauer und auf eine besondere Weise süß. Ein seltsamer Mix, bei dem sich unweigerlich ein Kopfschütteln einstellt. Ist diese ganz spezielle Kombination doch recht bizarr und makaber. Zwei Adjektive, die mich im Verlauf des Lesens immer wieder anstupsen wie zwei Katzen, die nicht müde werden, mit mir zu spielen.

„Dunkle Gewässer“ beginnt – wie es sich für einen Krimi gehört – mit einer Leiche. Während die Ich-Erzählerin Sue Ellen mit ihrem Vater, Onkel und ihrem Freund Terry am Sabine River sitzt, beißt plötzlich etwas sehr Schweres an, so dass alle gemeinsam das Seil ziehen müssen, bis sie feststellen: Dies ist kein Fisch, sondern eine Leiche. May Lynn war eine gemeinsame Schulfreundin von Terry und Sue Ellen. Jetzt liegt sie vor ihnen, an eine Nähmaschine gebunden und ist mächtig aufgedunsen vom Wasserbad. Aus Lansdale Feder liest sich das so: „Urplötzlich fing May Lynn an zu zucken und auszulaufen. Sie hatte Blähungen, die wirklich furchtbar stanken, wie ein gewaltiger Furz.“ Erschaudern und Grinsen geben sich gegenseitig die Hand. Diese komische Wechselbeziehung ist eines der herausragenden Elemente, die oft wohlwollend hervorblitzen. So verliert die Geschichte an Schwere und spannt einen hellen Rettungsschirm über die Düsternis, die morastartig aus den Seiten sickert.

Aufgeklärt wird der Mord indes nicht, dafür findet die Beerdigung in Windeseile statt. Aus, vorbei. Doch nicht bei Lansdale. Der amerikanische Autor schickt seine Helden durch eine aufregende Abenteuerjagd. May Lynn wollte zu Lebzeiten unbedingt nach Hollywood. Eben diesen Wunsch holen die Freunde jetzt postum nach. Also wird die Leiche transportfähig gemacht, verbrannt und die Asche in einen Behälter gefüllt. Vor der Reise graben sie noch einen Schatz aus, der wie gerufen kommt. May Lynn hielt die Schatzkarte von ihrem verstorbenen Bruder in ihrem Tagebuch versteckt, das ihre Freunde gefunden haben. Leider bleibt die Tat nicht unentdeckt und so werden Terry, Sue Ellen und Jinx zu den Gejagten. Während sie zusammen mit Sue Ellens Mutter auf einem Floß flüchten, heften sich habgierige Angehörige und der Constable an ihre Fersen. Sie bleiben nicht die einzigen Jäger, haben sie noch schnell den Killer Skunk auf die Gruppe angesetzt. Ein Mann, bei dessen Beschreibung schon allein die Zähne klappern. Daher mag es nicht verwundern, dass sich mit seinem Erscheinen eine äußerst gruselige Stimmung über den Schauplatz erhebt.

So nervenaufreibend und gefährlich die Flucht für Sue Ellen und die anderen wird, so befreiend ist sie für alle. Sue Ellens Mutter erlebt einen Entzug von ihrem „Allheilmittel“. Sue Ellen, die zeitlebens Angst vor ihrem Stiefvater hatte, will ihm entkommen, und beweist mit ihren Taten eine ungeheure Stärke. Terry, gesteht sich endlich seine Homosexualität ein und die schwarze Jinx, von der Gesellschaft wegen ihrer Rasse diskriminiert, findet in der Gruppe eine zweite Familie. Joe R. Lansdale hat ein Händchen für spezielle Charaktere, die genauso mitreißend sind wie das ganze Abenteuer.

„Dunkle Gewässer“ ist genreübergreifend. Crime, dazwischen Horror, Sozialdrama, Mystik und Coming of Age. Diese Vielfalt zeichnet das Gesamtstück aus, wie die einnehmende Atmosphäre und nicht zuletzt auch die wunderbare Sprache des vielfach ausgezeichneten Autors. Lansdale schafft großartige, bildhafte Vergleiche. Sie zerschmelzen wie leckere Schokolade auf der Zunge und ziehen lautes Gekicher gleichermaßen aus mir heraus. Nehmen wir Sue Ellens Beschreibung über Jinxs Aussehen: „Ihr Gesicht war niedlich, aber ihre Augen wirkten alt, wie bei einem Großmütterchen, das in ein Kind hineingestopft worden war.“ Hier stößt man in eine wahre Goldgrube an wunderschönen Bildern.
Bis zum Schluss bleibt es spannend. Der Sensenmann schleudert seine Axt und raubt mir den Frieden. Aber ich bleibe standhaft und hänge mich an die Stärke der Romanhelden. Aufgegeben wird nicht. Durchhalten lautet die Devise. Da kann der Sensenmann noch aufdringlich an meinen Fersen kleben. Ich komme durch, irgendwie.

Joe R. Lansdale.
Dunkle Gewässer.
Aus dem Amerikanischen von Hannes Riffel.
Februar 2013, 320 Seiten, 19,95 €.
Tropen bei Klett-Cotta.

Großes, tragisches Theater.

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Womit fange ich am besten an? Die Frage treibt mich immer um, sobald ich ein Buch von John Irving beendet habe. Sie schleicht wie eine Katze durch meinen Kopf. Auf und ab, schnurr, schnurr. Den richtigen Einstieg zu finden, ist gar nicht so einfach, denn Irvings Romane erinnern mich an aufregende, schillernde Jahrmärkte, auf denen es vor Buden und Karussells nur so wimmelt. Es hupt, es schimmert und es knallt. Die große Vielfalt öffnet ihre Arme, in die ich mich fallen lasse. Wenn ich John Irving lese, vergesse ich alles um mich herum, auch, dass ich im Anschluss an die Lektüre noch eine Rezension schreiben möchte. Das heißt, ich mache mir keine Notizen und sitze am Ende mit staunendem Mund vor dem Buch und frage mich: Womit fange ich nur an?

Am besten mit dem Anfang von „In einer Person“. Der ist skurril und herrlich genug, um ihn an dieser Stelle zu erwähnen. Dort erzählt der fast siebzigjährige Ich-Erzähler den Zusammenhang zwischen seinem sexuellen Erwachen und der „Sturzgeburt“ seiner Phantasie. Dazu kehrt er zurück in seine Jungend. Der junge William, genannt Billy Abbott, fühlt sich zu Miss Frost, der älteren Bibliothekarin der Gemeindebücherei von First Sister in Vermont, hingezogen. Und – schwupp – schlüpfte aus ihm der Wunsch, später Schriftsteller zu werden und Sex mit Miss Frost zu haben. Irving legt seinem Erzähler dabei einen klugen Satz in den Mund: „Was wir begehren, prägt uns.“ Auf der ersten Seite erfahre ich außerdem, dass unser Romanheld Schwierigkeiten damit hat, bestimmte Wörter auszusprechen. Es dauert nicht lange, und schon habe ich Billy in mein Herz geschlossen. Während mir diese Gedanken durch den Kopf fahren, stelle ich fest, dass ich bereits nach der ersten Seite einiges über den Protagonisten erfahren habe. Das ist Irving! Er liebt es, seine Figuren auszuschmücken und sie wie Weihnachtsbäume mit besonderen Eigenheiten zu behängen. Nach Billy stoße ich auf seine Familie, die ein bisschen aus der Reihe tanzt. Den Vater gibt es nicht mehr, zumindest nicht zu Hause. Die Mutter angelt sich einen Lehrer, der sich fürs Theater begeistert und ein großes Herz für Shakespeare-Stücke hat. Ein großes Theater. Und alle spielen mit. Billys Großvater schlüpft am liebsten in Frauenrollen und seine „besserwisserische“ Tante liebt das Schauspielern nur, um „ihrer erhaben klingenden Stimme etwas Originelles zu sagen zu geben.“ Billys Mutter ist Souffleuse.

Das Wesentliche, der zentrale Mittelpunkt, ist und bleibt Billy, der als Teenager entdeckt, das er sich nicht nur zu Mädchen hingezogen fühlt, sondern überdies noch andere Vorlieben hat. So fragt er seine besten Freundin Elaine nach ihrem BH, den er selbst gern tragen möchte. Seine gute Freundin Elaine, mit der Billy seine ersten sexuellen Erfahrungen sammelt und die wie Billy für einen Ringer schwärmt. Jacques Kittredge heißt der Rotzlümmel. Frech ist er und überheblich, ein starker Platzregen, vor dem man sich nicht schützen kann. Das hält beide dennoch nicht davon ab, für den Ringer zu schwärmen. Er ist nicht der einzige Mensch, für den Billys Herz schlägt, so liebt er ebenfalls ältere Frauen – neben Miss Frost, also die bereits erwähnte Bibliothekarin, gehört Elaines Mutter in den engen Kreis seine Träume. In der heutigen Zeit wäre all dies kein großes Problem, doch Billy besucht zur damaligen Zeit, Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre, eine konservative Jungenschule und genau das macht alles verzwickt. Ja, bei diesem ganzen Durcheinander kann einem schon schwindelig werden. Obwohl ich mich prächtig amüsiert habe, befand ich mich in keiner Komödie, sondern in einem Film, der vom Suchen und Sich-Finden erzählt.

John Irving macht eine große Schleife. Er beginnt in den fünfziger Jahren und führt den Leser bis in die Gegenwart. Es geht von Amerika aus nach Europa, und von dort wieder zurück. Im Fokus drehen sich Billy und die Menschen, die sich um ihn finden. Mal ist es Donna, ein Transvestit, mal der schwule Professor Larry und mal Elaine, seine langjährige Freundin, die für mich eine der schönsten Beziehungen in diesem Roman darstellt. Die beiden verbindet eine Freundschaft, die zu Herzen geht und glücklich macht.

Das letzte Drittel hebt sich aus dem Roman ab, als wäre es eine Straße, die viele Löcher hat. Plötzlich drosselt sich die Geschwindigkeit. Irving schreibt von der großen Seuche – Aids – die etliche von Billys Freunden und Liebhabern tötet. Diese Seiten haben einen eigenen Ton, der mich an das Knarzen von alten Dielen erinnert. Bewegende und eindringliche Szenen umgeben die Momente der Ohnmacht und Verzweiflung, in denen Billy seine Freunde am Sterbebett besucht und sich auf eine Art schuldig fühlt, weil er gesund ist. „Ich fürchtete mich nicht vor dem Sterben; ich fürchtete mich vor endlosen Schuldgefühlen, weil ich nicht starb.“

John Irving konnte mich erneut auf seine Seite ziehen. Ich habe seinen Roman genüsslich aufgesogen und überhaupt nichts vermisst. Selbst in den schlimmsten Augenblicken scheut er nicht davor, komische Szenen einzubauen wie die Tochter von Billys todkranken Freund Tom, die jedes Mal schreit, sobald sie Männer sieht. Dieser Roman strahlt wie eine glückliche warme Sommersonne vor Menschlichkeit, Freundschaft und Liebe, so wird mir wieder bewusst, warum ich Irving schätze: für seine süffige Sprache, die seltsamen Akteure und die unzähligen abgedrehten Situationen, die berühren und mir Tränen in die Augen schießen lassen – ob vor lauter Lachen, vor Rührung oder Trauer.

John Irving.
In einer Person.
September 2012, 725 Seiten, 24,90 €.
Diogenes Verlag.

Lebensfreude am Angelhaken.

Dieses Mal gehen das Buch-Model und die Rezension Hand in Hand.

Was gibt es für ein größeres Abenteuer als das Leben selbst? Das hat sich auch Fabio Genovesi gedacht, als er „Fische füttern“ schrieb. In seinem Roman erzählt der italienische Autor von Menschen, die in einem kleinen Dorf in der toskanischen Provinz leben. Mit einer mitreißenden Leichtigkeit tanzt er übermütig durch den Roman, dass ich nicht anders kann, als zu lächeln und das Buch in einem Rutsch zu lesen. Ich spüre Flügel auf meinem Rücken wachsen, so leicht schweben die vielen Zeilen, so kraftvoll hebt mich die aufsteigende Lebensfreude nach oben.

Fiorenzo kommt als Erster zu Wort und bleibt die lauteste Stimme im Buch. Der 19-Jährige hat vor fünf Jahren bei einer Feuerwerksexplosion seine rechte Hand verloren und damit auch den Traum des Vaters ausgelöscht. Der wollte aus seinem Sohn einen Radprofi machen. Jetzt steht Fiorenzo kurz vor dem Abitur. Ob er den Abschluss schafft, steht noch in den Sternen, glänzt er doch mehr durch Abwesenheit in der Schule. Angeln und seine Band sind da viel aufregender. Als lästig empfindet er Mirko, „der kleine Champion“, den Fiorenzos Vater trainiert. Auf dem Rennrad holt er einen Sieg nach dem anderen, nur in der Schule ist er eine Niete. Damit das nicht so bleibt, soll Fiorenzo ihm Nachhilfe erteilen. Der wehrt sich zunächst gegen die Bitte des Vaters, aber Fiorenzo hat eine Idee, eine wirklich gemeine, die dazu führt, dass Fiorenzo Tiziana kennenlernt und das wiederum hat zur Folge… Nein, mehr verrate ich nicht. Nur so viel: Bei Fabio Genovesi kommt keine Langeweile auf, er wechselt die Erzählperspektiven und erfreut mich durch einen bunten Strauß an lebensklugen Sätzen wie diesem hier: „Es gibt Dinge, die sind richtig und müssen einfach passieren, weil sie so schön sind, auch wenn sie am Ende doch nicht passieren. Aber das macht nichts, vielleicht passieren sie morgen oder übermorgen oder irgendwann, wenn’s ihnen in den Kram passt.“ Oder sie passieren heute, wenn du das Buch liest. Das Abenteuer Leben erwartet dich!

Fabio Genovesi.
Fische füttern.
März 2012, 432 Seiten, 19,99 €.
Bastei Lübbe.

Über den Autor:

Fabio Genovesi wurde 1974 geboren und lebt in Forte dei Marmi am Ligurischen Meer. Er ist Bühnenautor, Drehbuchschreiber und freier Redakteur für Rolling Stone, Vanity Fair und andere Zeitschriften. Darüber hinaus ist er als Übersetzer tätig, trainiert den Radsportnachwuchs und begeistert sich für das Sportfischen. In Italien wurde Fabio Genovesi als originelle neue Erzählstimme gefeiert.

Wie Sauerkraut und Katzenpfötchen.

Schon ein Wimpernschlag kann die Welt verändern. Vielleicht, weil sich nach einer Sekunde ein Bild vor die Augen schiebt, das bis ins Innerste berührt oder weil wenige kraftvolle Worte eine Gedanken-Lawine im Kopf auslösen, etwas Großes passiert, mit dem man nicht gerechnet hat. So ist es mir mit „Alles über Lulu“ ergangen. Von außen betrachtet, ist das Buch eher unscheinbar und verrät lediglich, dass hinter dem Deckel eine Geschichte voller Leidenschaft steckt, aber Achtung, der Schein trügt. Hier ist viel mehr im Spiel als ihr denkt und schon ein Wimpernschlag genügt, um den Blick zu verschieben.

Jonathan Evison hat mich mit seinem Roman begeistert und gleichermaßen positiv überrascht. Er hat eine Geschichte geschrieben, die mich an ein schiefes Haus erinnert. Überall gibt es kleine Ritzen durch die der Wind hineinzieht, die Bilder an den Wänden hängen ein wenig quer und der Boden ist uneben, eine kleine Stolperfalle schiebt sich in die nächste. Trotz allem fühle ich mich gut aufgehoben, es ist die Sprache, die mich wie eine gerade Linie durch das Chaos der ungewöhnlichen Familie in „Alles über Lulu“ führt. Niemals bewege ich mich auf verlorenen Wegen, sondern lausche Will, dem Ich-Erzähler. Bereits mit sieben Jahren muss der Junge den Tod seiner Mutter verkraften. Seitdem fristet er Zuhause ein Außenseiter-Dasein, auch dadurch, dass er überzeugter Vegetarier ist, was so keiner nachvollziehen kann. Für den Vater, der sich Big Bill nennt, ist das eine Tragödie. Obwohl Big Bill dies irgendwann akzeptiert, kann er es dennoch nicht lassen, seinen Sohn ständig damit aufzuziehen. Nicht nur der väterliche Knuff schubst ihn aus der Mitte weg, auch seine beiden jüngeren Brüder – Doug und Ross – drücken ihn nach draußen. Sie machen nicht viel, die Tatsache, dass sie so ganz anders sind als er, reicht schon aus. Das beginnt beim Fleisch und erstreckt sich über weitere Teile des Lebens. All das passiert ohne Absicht und doch verschiebt sich beim kleinen Will einiges im Herzen.

Big Bill schleppt als ehrgeiziger Bodybuilder seine Jungs täglich mit ins Fitnessstudio. Anders als Will mögen seine Zwillingsbrüder diesen Sport. Während die beiden wie ausgelassene Welpen toben, empfindet Will sich selbst als Stehlampe. So wird es zunehmend dunkel in Wills Leben, seine Stimme verändert sich, wird kratzig und klingt wie eine brüllende Maus. Also schweigt der Junge lieber und vergräbt sich immer mehr in seinem eigenen Loch, bis eines Tages ein heller Stern aufgeht. Sein Name ist Lulu, die Tochter von Big Bills neuer Freundin. Will beschreibt ihr Erscheinen mit den schönen Worten: „Ohne Lulu hätte ich vielleicht nie mehr richtig existiert, vielleicht nie den Geruch eines Mullverbands gerochen oder das zarte Zwinkern einer Augenwimper auf meiner Wange gespürt.“ Zwischen den beiden herrscht sofort eine tiefe Innigkeit, die sich mit Worten schlecht beschreiben lässt. Will fühlt sich in Lulus Anwesenheit geborgen, ein vertrautes Kissen, auf das er seinen Kopf legen kann. In nur kurzer Zeit verändert sich nicht nur Wills Stimme, auch das triste Dasein verliert an Dunkelheit.

So schön die Liebe auch ist, manchmal hat sie etwas Hexenhaftes. Das muss Will bald am eigenen Leib erfahren. Es zieht sich eine schmerzliche Odyssee durch das Buch, die nicht immer schmerzt. Dies ist Evisons glänzender Sprache zu verdanken, die an den richtigen Stellen auslotet und finstere Momente mit einem Besen wegfegt. In einem tragisch-komischen Ton fängt er mich auf, schiebt tiefe Seufzer weg und entlockt mir ein Schmunzeln. Jonathan Evison ist ein Meister der Worte, er begeistert mich mit schönen Bildern, dem poetischen Singsang zwischen den Zeilen und Metaphern. Die klammern sich wie Schneeflocken an meine Wimpern und umschmeicheln mich, verwandeln die Unruhe in eine Stille, die ich mir um den Hals binden will.

„Alles über Lulu“ ist viel mehr als eine Liebesgeschichte, es ist auch die Geschichte darüber, sich selbst in dem warmen Schoß der Familie fremd zu fühlen, mit einer Kälte zwischen dem Herzen. Will ist ein kleiner Zyniker, der trotz Melancholie eine erfrischende Überheblichkeit in sich trägt. Da rutschen ihm auch mal Gedanken wie dieser heraus: „Manchmal fällt der Apfel eben weit vom Stamm, und gelegentlich rollt er dann den Berg runter und in den Bach, und bisweilen wird er sogar stromabwärts gespült oder gerät in einen Strudel.“ Ein schiefes Kräuseln umspielt an solchen Stellen die Lippen. Die Familie Miller ist sehr ungewöhnlich, eine Variation aus Sauerkraut und Lakritz-Katzenpfötchen. Bis zur letzten Seite flatterten meine Wimpern auf und ab, die Augen hatten dabei so ein Strahlen, manchmal waren sie feucht vor Rührung oder manchmal vor Lachen.

Jonathan Evison.
Alles über Lulu.
August 2011, 379 Seiten, 19,99 €.
Kiepenheuer & Witsch.

Sehnsucht Afrika.

Wie fange ich nur eine Rezension über ein Buch an, das einfach perfekt ist? Von Stolpersteinen oder windigen Zügen fehlte jede Spur, ans Hadern und Zögern war erst gar nicht zu denken. Stattdessen hatte ich nur einen Wunsch: Lesen! Die Lektüre hat mich von der ersten Seite bis zum Ende begeistert und zog sich geradlinig durch meinen hungrigen Lesefluss. Wie eine Schiffsschraube drehe ich selbst jetzt noch unendliche Runden in der Geschichte, rudere mit den Armen und weiß gar nicht so recht, wie beginnen soll.

Am besten mache ich es wie die Protagonistin gleich zu Beginn des Buches und erzähle ebenfalls „hübsch ordentlich der Reihe nach“. Gina Mayer entführt mich in ihrem neuen Buch „Die Wildnis in mir“ nach Namibia um 1900, als das Land noch von Kolonialmächten aufgeteilt worden war. Im Mittelpunkt steht die junge Henrietta, die ich zunächst in Deutschland kennenlerne, in der Wuppertaler Kohlstraße. Dort fristet sie mit ihrer Mutter ein armes Dasein. Der Vater ist verstorben und das vererbte Geld an die Tochter hat die Mutter längst aufgebraucht. Als eines Tages ein zweiter Brief aus Afrika ins Haus flattert, schiebt sich eine kleine Aufregung in Henriettas freudloses Leben. Was dort wohl drinnen steht? Neugierig schleicht sie um ihre Mutter und fragt sie aus, doch die entgegnet ihr, das sei nichts von Belang. Mit dieser einfachen Antwort kann sich die aufgeweckte Henrietta nicht zufriedengeben. „Nichts von Belang. Als ob einer einen Brief durch die halbe Welt schicken würde, wenn er nichts wirklich Wichtiges mitzuteilen hätte.“ Die Mutter verscheucht weitere Fragen der Tochter und beendet abrupt das Gespräch, selbst später beim Abendbrot geht sie nicht mehr auf den Brief ein. Stattdessen eröffnet sie ihrer Tochter, dass Henrietta als Dienstmagd anfangen wird. Das erzürnt Henrietta innerlich so sehr, hat sie doch ganz andere Zukunftspläne: Im nächsten Sommer soll ihre Ausbildung am Lehrerinnenseminar beginnen! Mit einer Lüge gelingt es dem 15-jährigen Mädchen relativ schnell, sich dem Job zu entziehen. Die daraus schwindende Geldeinnahme treibt die Mutter in Verzweiflung, bis sie nur noch eine Chance sieht, der Armut zu entfliehen: Sie nimmt das Angebot an, das sich im weitgereisten Brief befindet. Der Missionar Freudenreich hat um die Hand der Mutter angehalten. Also brechen die beiden ihre Zelte in Deutschland ab und nehmen Kurs auf Afrika.

Eine atemberaubende Reise erstreckt sich über die vielen Seiten, mit der ich nicht gerechnet habe. Ein Hindernis schiebt sich über das nächste, an ein entspanntes Ankommen ist in keiner Sekunde zu denken. Dem Klappentext zufolge dachte ich, es geht auf nach Afrika und dort endet die Reise. Weit gefehlt! Gina Mayer schiebt mich zusammen mit Henrietta durch das heiße, unbekannte Land, treibt mir Schweißperlen auf die Stirn, weckt meinen Entdeckergeist und entlockt das Abenteuer in mir. Der Hals ist trocken, das Herz pumpt und versetzt mir einen Adrenalinschub nach dem anderen.

Henrietta ist eine bemerkenswerte Person, die ich sofort ins Herz geschlossen habe. Ich liebe ihre Zielstrebigkeit, Träume, Sensibilität und Kraft, von der sie sicherlich damals in der Kohlstraße nicht ansatzweise geahnt hat. Gina Mayer stellt nicht nur das Leben der jungen Frau in den Vordergrund, sie hat noch eine zarte Liebesgeschichte hinzugefügt, die bewegt und nicht einen Moment in den Kitsch abknickt. In einer sehr schnörkellosen, feinfühligen Sprache erzeugt die Autorin viel Gefühl, eine knisternde Spannung und legt der Ich-Erzählerin kluge, selbstbewusste Gedanken in den Kopf. Um Henriettas Geschichte herum hat Gina Mayer das Namibia vergangener Jahre authentisch beschrieben, mir die unendliche, verdorrte Landschaft nach Berlin geschafft und darüber hinaus ein sehr wichtiges Thema, den Rassenkonflikt, angesprochen. So ist ein wunderbares Jugendbuch entstanden, das einfach perfekt ist und all das bietet, was junge Menschen begeistert. „Die Wildnis in mir“ ist mehr als nur ein Abenteuer, es ist… hach, lest es selbst!

Gina Mayer.
Die Wildnis in mir.
August 2011, 336 Seiten, 16,95 €.
Altersempfehlung: 13 bis 16 Jahre.
Thienemann Verlag.

Schnapp dir deine Vision und pfeif auf die Masse!

Ich mag den Mainstream nicht. Die breite Masse langweilt mich, weil sie so leicht durchschaubar und aufregend wie eine Schlaftablette ist. Wie fantastisch ist es dann, wenn ich auf Gleichgesinnte stoße.

Gem ist so ein Mädchen, mit dem ich gerne mal eine Limo trinken und das Anderssein feierlich begießen möchte. Sie ist die Ich-Erzählerin in dem Buch „Kunst, Baby!“ von Simmone Howell. Eigentlich heißt sie Germaine. Ihre Mutter, eine überzeugte Hippiefrau, hat die Tochter nach ihrer Lieblingsfeministin Germaine Greer benannt. Während die eine die Ikone schlechthin war, sieht sich die andere eher als rohen „Tonklumpen“. Auch wenn sich die junge Gem zur Kino-Expertin ernennt, knabbert sie immer wieder in ihrem Jungfrau-Dasein. Gems Freundinnen haben den Status längst überschritten. Gem hingegen muss sich noch mit dem Schild der Spätzünderin schmücken und stöhnt über den anhaltenden Zustand. Ist auch gar nicht so einfach, die Tatsache zu übersehen, wenn die beiden besten Freundinnen, Lo und Mira, sie immer wieder damit aufziehen. Etwas anderes muss her! Wie das anstehende Sommerprojekt.

Einst hat es als Witz angefangen, als eigene Revolte gegen den starren Lehrplan. Seitdem gibt es bei Gem, Lo und Mira ein Geheimthema, dass die „Außenseiterrolle festigen sollte“. Die Mädels schwimmen gegen den Strom, heben sich von der Masse ab und teilen neunzig Prozent der männlichen Bevölkerung als Strichcode-Jungs ein. Die angesagten Mädchen der Schule sind ihnen lästig, deshalb bietet ihnen ihr Projekt Inspiration und Bestätigung, dass sie einzigartig sind.

Im vergangenen Jahr badeten die Mädchen in einem „satanistischen Sommer“ und dieses Mal soll der Sommer kunstvoll werden. Andy Warhol befruchtet Gem in einer Ausstellung in der Nationalgalerie so sehr, dass sie schon bald eine zündende Idee hat: Ein eigener Film soll her! Für unsere Filmexpertin ist das ein mitreißendes Projekt, das ihre beiden Freundinnen leider weniger leidenschaftlicher angehen. Hier fängt das Dreigespann an zu zittern und schon bald bewegen sich die Beteiligten in verschiedene Richtungen. Brisant und mitreißend verfolgt man das kleine mädchenhafte Intermezzo.

Dies ist ein kluger, witziger und alternativer Roman für die Erwachsenen von Morgen. Für Menschen wie mich, die keinen Einheitsbrei wollen und gerne aus der Reihe tanzen. Gem stammt aus einer ungewöhnlichen Familie, die so gar nicht ins Raster der Normalität passt, der Vater lebt in der Wildnis Tasmaniens als Ranger. Seine einzigen Lebenszeichen sind moderne Haikus, die er zu Weihnachten und zum Geburtstag verschickt. Gem überzeugen sie gar nicht: „Sie sind bescheuert und geben keinen Sinn.“ Eine Kostprobe gefällig? Bitteschön:

„Das Jungtier ahnt den Schlund
In seiner Brust schmerzt Mut
Im Schlund blitzen mörderische Zähne.“

Gems Mutter, Bev, ist eine alternative Frohnatur. Sie hat Furcht vor Fastfood und Antibiotika, liest die Grüne Linke Zeitung und lässt sich von der Tochter mit Vornamen ansprechen. So komisch Gem manchmal Bev findet, so sehr bewundert sie ihre Mutter auch: „Meine Mutter – die Köchin, Kunstkritikerin und Philosophin – war immer sie selbst und konnte sich nicht verstellen, und sie war alles gleichzeitig.“

Dieser außergewöhnliche Roman reflektiert gleichzeitig die Tücken mit denen junge Frauen zu kämpfen haben. Zickenkampf, Erwachsenwerden, Träume und die erste Liebe. Simmone Howell schildert dies auf eine äußerst schöne rebellische Weise. Ein bisschen frech und raffiniert. Gem weiß genau, was sie will und geht ihren Weg unbeirrt weiter, ganz egal – oder jedenfalls nur halb egal – was Lo und Mira davon halten. Am Ende zählst nur du allein, du und deine Vision. Es ist vollkommen nebensächlich, ob sie passt. Hauptsache es ist dein Werk zu dem du stehst. Wenn es aus der Allgemeinheit fliegt, um so besser. Noch irgendwelche Zweifel? Dann schnapp dir das Buch!

Simmone Howell.
Kunst, Baby!
September 2010, 360 Seiten, 16,90 €.
Altersempfehlung: 14 – 17 Jahre.
Berlin Verlag.