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Flucht aus dem wirklichen Leben.

Wie es sich anfühlt, im Abseits zu stehen, davon erzählt Milena Michiko Flašar in „Ich nannte ihn Krawatte“. Es ist ein poetisches Buch, das mich mit berührenden Sätzen streichelt und die Zeit anhält. Alles um mich herum wird langsamer und verstummt, bis ich eine zarte Melodie wahrnehme, bei der ein sanfter Schauer über die Schulter fährt und sich ein Kräuseln im Nacken bemerkbar macht.

Den Ich-Erzähler kann ich zunächst schlecht einordnen. Zu fremd, zu rätselhaft erscheint mir sein Handeln. Taguchi spricht davon, dass er zwei Jahre lang nicht mehr draußen gewesen ist und sich nun wie ein Gefangener fühlt, der seinen ersten Freigang hat. Ein wenig unsicher tastet er sich langsam aus dem Haus und hofft, nicht entdeckt zu werden. „Nach wie vor ging es mir darum, für mich zu sein. Ich wollte niemandem begegnen. Jemandem zu begegnen bedeutet, sich zu verwickeln. Es wird ein unsichtbarer Faden geknüpft. Von Mensch zu Mensch. Lauter Fäden. Kreuz und quer. Jemandem zu begegnen bedeutet, Teil eines Gewebes zu werden, und dies galt es zu vermeiden.“ Hier tappe ich noch vollkommen im Dunkeln, erfreue mich stattdessen an der schönen Metapher, ohne zu ahnen, welche dunkle Seite sich dahinter für den Jungen verbirgt.

Irgendwann fällt das Wort Hikikomori, ein mir bis dahin unbekannter Begriff aus Japan. Hikikomoris sind Menschen, die sich vollkommen aus der Gesellschaft zurückziehen und im Elternhaus einigeln. Meist treibt sie der hohe Leistungsdruck zur Flucht aus dem wirklichen Leben. Bei Taguchi waren es zwei einschneidende Erlebnisse aus seinem Freundeskreis, bei denen er dem Tod ins Gesicht geschaut hat und seitdem von Schuldgefühlen geplagt wird. Schuldig fühlt sich auch der Geschäftsmann – im Buch wird er als Salaryman bezeichnet – Ohara Tetsu, den der Junge im Park trifft. Dort sitzt er jeden Tag auf seiner Bank und beobachtet das Treiben vor seinen Augen. Wer weiß, wie sich Taguchis Leben entwickelt hätte, wenn ihm nicht der Salaryman begegnet wäre? Immerhin war es der Mann mit der Krawatte, der Taguchi gelehrt hat, „aus fühlenden Augen zu schauen“ und der ihn in gewisser Weise wieder das Laufen beibrachte. Unvergesslich bleiben die Schritte zurück ins Leben, die aus Taguchis Mund so klingen: „Man sagt, ein Lehrer ist unsterblich. Auch wenn er seinen Körper verlässt, lebt das, was er gelehrt hat, im Herzen seiner Schüler weiter.“ Dies ist nur eine von vielen Weisheiten, mit der die Autorin mich beglückt und ihrem Buch einen fernöstlichen Hauch verleiht.

Durch Taguchi erfahre ich, was es für eine Familie bedeutet, einen Hikikomori zu haben. „Man weiß: Da ist die Schwelle, dahinter sein Zimmer, darin hat er sich totgestellt. Er lebt noch, man hört ihn manchmal, viel zu selten, auf und nieder gehen. Man stellt ihm sein Essen vor die Tür und sieht, wie es verschwindet. Man wartet. Bestimmt muss er einmal ins Bad, auf die Toilette. Man wartet umsonst.“ Eine Ohnmacht macht sich breit, selbst als Nicht-Betroffene, ahne ich das Ausmaß, aus dem mich nur ein Schweigen heraustragen kann.

Mehr Worte möchte ich nicht zum Inhalt verlieren und die Melodie für mich behalten. Sie ist zu schön, als dass ich schon vorab einen Teil mit meinen eigenen Worten wiedergebe. Nur so viel sei noch erzählt: Es ist eine nachdenkliche Geschichte über zwei Menschen, denen das Leben einen Stein ins Herz geworfen hat, der an ihnen zieht und die Leichtigkeit verjagt. Ich suche ein Lächeln und finde nur ein leises Seufzen, das an nebelverhangende Morgen erinnert. Doch wie sich die beiden Männer einander nähern, sich ihre Geschichten erzählen und dadurch langsam zu sich finden, hat etwas Anrührendes, das bewegt und gleichzeitig das Seufzen beiseite schiebt. Ein Sonnenstrahl kriecht durch die grauen Wolken und verschluckt den Nebel.

Milena Michiko Flašar ist die Tochter einer Japanerin und eines österreichischen Vaters. Gerade die japanischen Züge spiegeln sich in dem Roman wieder. Wie eine Kalligraphin schafft Milena Michiko Flašar filigrane Zeichen, die ein warmes Bild ergeben, aus dem ich mich nicht lösen möchte. Ich bleibe wie eine Klette daran hängen, sitze nicht in Berlin auf meiner Couch, sondern befinde mich in Japan unter einem Kirschbaum. Der ruhige Erzählfluss ist mir von der Autorin Banana Yoshimoto sehr vertraut und weckt schöne Erinnerungen. Ehe ich mich versehe, gleite ich in einer Stille davon, in eine andere Zeit, in eine andere Welt, die sich von meiner unterscheidet. Draußen vorm Fenster verstummen die röchelnden Motoren der Autos, einzig das Rascheln der Seiten ist zu hören und von irgendwo her nehme ich das Klappern von Holzstäbchen wahr.

Die Sprache liegt der Autorin besonders am Herzen, sie ist das Instrument, auf dem sie mit großer Hingabe spielt. Das entnehme ich ihren wohl bedachten Sätzen, die sich für mich zu einem langen Gedicht formen. Es gibt kaum eine Seite, auf der ich nicht stehen bleibe, lausche und mir wünsche, ich könnte ihre Worte auf eine lange Wäscheleine hängen. Mutmachende und kraftvolle Gedanken, die sich wie ein warmer Sonnenstrahl auf den abgekühlten Asphalt legen und der Hoffnung den richtigen Weg zeigen.

Milena Michiko Flašar.
Ich nannte ihn Krawatte.
Januar 2012, 144 Seiten, 16,90 €.
Verlag Klaus Wagenbach.

Über die Autorin:

Milena Michiko Flašar wurde 1980 in St. Pölten geboren. Sie hat in Berlin und Wien Komparatistik, Germanistik und Romanistik studiert. Sie lebt als Schriftstellerin in Wien und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. „Ich nannte ihn Krawatte“ ist ihr drittes Buch. Wer mag, kann sich gern auf der Homepage der Autorin umschauen.