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Herbstglück in der Großstadt.

Da ist er nun, der bunte Herbst. Er kam nicht überraschend, lang ersehnt war er nach dem wechselhaften Sommer auch nicht, aber er ist schön anzusehen. Hält er für uns immer wieder besondere Bilder vor Augen: Blätter in unterschiedlichen Farbtönen, Kastanien, die auf dem Boden liegen und dieser goldene Sonnenschein. All das verzaubert mich immer wieder.

Und was kann es Schöneres geben, als an einem sonnigen Herbstsonntag über den Buchmarkt am Kupfergraben in Berlin zu schlendern? Nach dem Trubel setze ich mich gern mit meinem Liebsten auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof auf eine Bank. Hier sind wir in bester Gesellschaft mit Literaten wie Bertolt Brecht, Heinrich Mann und Anna Seghers.

Unter dem Dach der Bäume verhallt der Lärm von Berlin-Mitte. Die Blätter rascheln leise, erzählen sich ihre Geschichten und lassen Sonnenstrahlen hindurchhuschen. Einzig das Knirschen der vorbeilaufenden Besucher ist neben dem Vogelgesang zu vernehmen. Dieses kleine Paradies in der großen Stadt lässt mich glücklich lächeln wie die fröhlichen Herbstblumen.

Hotel Mensch.

Das Hotel ist ein spannender Ort, den ein geheimnisvoller Hauch umweht. Er ist wie ein Koffer, prall gefüllt mit vielen Geschichten. Vicki Baum hat dies wie folgt beschrieben: „Was im großen Hotel erlebt wird, das sind keine runden, vollen, abgeschlossenen Schicksale. Es sind nur Bruchstücke, Fetzen, Teile; hinter den Türen wohnen Menschen, gleichgültige oder merkwürdige, Menschen im Aufstieg, Menschen im Niedergang; Glückseligkeiten und Katastrophen wohnen Wand an Wand. Die Drehtür dreht sich, und was zwischen Ankunft und Abreise erlebt wird, das ist nichts Ganzes.“ Wie so etwas aussehen kann, hat die Autorin in ihrem Roman „Menschen im Hotel“ wunderbar erzählt. Mit feinfühliger Hand hat sie verschiedenste Menschen und deren Schicksale zu einem großen Bild zusammengesetzt.

Ich betrete das Buch durch das Foyer und mache dort die Bekanntschaft mit Herrn Senf, der aufgelöst aus der Telefonzelle 7 heraustritt. Seine schwangere Frau wurde plötzlich und viel zu früh in die Klinik gebracht, genau das versetzt den Portier in Unruhe. Unweigerlich treffe ich auf das erste Schicksal im Berliner Grand Hotel. Noch nicht ganz angekommen, fliegen mir weitere Menschen um die Ohren, manche direkt, andere durch Hören und Sagen. Von einer Tänzerin, namens Grusinskaja ist beispielsweise die Rede, die es vorm Auftreten stets mit den Nerven bekommt. Seit 18 Jahren kennt man die Primaballerina schon. Weiter geht’s zum langen Herrn im Klubstuhl, „dessen Beine wie ohne Gelenke waren“. Doktor Otternschlag steht auf, bewegt sich zur Rezeption und fragt: „Post für mich gekommen?“ Der Portier schaut im Fach Nr. 218 nach und verneint die Frage, wie immer. Selbst von draußen nehme ich eine leichte Gereiztheit der Angestellten wahr, denn das Frage-Antwort-Spiel wiederholt sich Jahr für Jahr, wenn der Herr für ein paar Monate im Grand Hotel wohnt. Eine Endlosschleife. Bald schon wird wieder an den Nerven der Portiers gesägt, als der schlecht angezogene Otto Kringelein nach einem Zimmer verlangt, doch der wird abschätzig behandelt und auf morgen vertröstet. Dies will der Buchhalter nicht auf sich sitzen lassen, eine hitzige Diskussion entfacht, bei der Doktor Otternschlag einspringt und ihm sein Zimmer anbietet. Das wiederum will der Portier nicht und schon sitzt auch mir der Schweiß auf der Nase. Amüsiert verfolge ich das Spektakel und treffe auf weitere Menschen.

Nach und nach packe ich Geschichten aus dem Koffer aus und bin aufgekratzt, zu aufregend lesen sich die Momentaufnahmen aus den Lebensschicksalen. Hier bin ich gerne Mäuschen und blicke in die verschiedensten Köpfe der Menschen. Vicki Baum gibt ihren Figuren die entsprechende Stimme, den Herrschsüchtigen die Machtgier, den Gescheiterten das Leid und Gebeugte, den Einsamen die große Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung. Das ist die eine Seite. Die andere erzählt von den Beziehungen, in die sich die Hotelgäste begeben, gute und schlechte, selbstlose und selbstverliebte, Abscheu trifft auf Anbetung. Das Glück ist zum Greifen nahe während das Unglück in einer Ecke lauert und seine Zähne fletscht. Es passieren Dinge, von denen selbst die Beteiligten nicht gedacht hätten, dass sie jemals passieren würden. Eigentlich knistert es die ganze Zeit.

Mit einem Blick fürs Detail beschreibt Vicki Baum das Treiben im Grand Hotel im Berlin der 20er Jahre und holt das Schauspiel direkt ins Wohnzimmer. Ironische Töne mischen sich in sentimentale und schaffen eine prickelnde Abwechslung. Der Roman erzählt nicht nur das Hotelleben, er ist gleichzeitig eine Feldstudie über die unterschiedlichen Menschentypen, die aufeinandertreffen. Spannender kann ein Hotelbesuch nicht sein.

Vicki Baum.
Menschen im Hotel.
Februar 2007, 318 Seiten, 7,99 €.
Kiepenheuer & Witsch.

Ein Denkmal fürs Lesen.

Wie ihr wisst, bin ich ein literaturverliebtes Wesen. Da kann es passieren, dass ich mich auch außerhalb der wunderbaren Bücherwelt an bibliophilen Augenblicken erfreue und sie – klick, klack – mit meiner Kamera einfange. Genau das habe ich die Tage getan, als Berlin von der zurückhaltenden Sommersonne Besuch hatte. Am Gendarmenmarkt – in der leuchtenden Mitte Berlins – steht dieses Kunstwerk, das beim Betrachten jedes Bücherfreundherz höher schlagen lässt. Es handelt sich um das Schillerdenkmal. Besonders ins Auge gestochen, ist mir dabei eine lesende Frau, die mir ihre ganze Aufmerksamkeit geschenkt und mich mit ihrem Anblick erfreut hat. Weil ich Freuden gern mit euch teile, lade ich euch zu einer kleinen Bildreise ein.

Hingehen – zur 13. Langen Buchnacht in der Oranienstraße.

Foto: Jörg Schaper/Illustration: Rafael Varona

Das ist wirklich eine besondere Nacht: Sie beginnt, wenn die Sonne am höchsten steht. Ja, ihr lest richtig, eine Nacht die schon am Tag anfängt. Das kann nur die Lange Buchnacht. Am kommenden Samstag, 14. Mai, verwandelt sich ab 12 Uhr die Kreuzberger Oranienstraße in eine besondere, aufregende Literaturmeile, genau dann, wenn die 13. Lange Buchnacht alle Bücherfreunde zu sich einlädt. An 50 Orten könnt ihr bei freiem Eintritt Lesungen und andere bibliophile Veranstaltungen erleben. Dieses Mal gibt es etwas Neues, denn die Organisatoren haben das Konzept erweitert, nicht nur drinnen wird vorgelesen, sondern auch draußen, an Hofeinfahrten, Straßenecken und auf Plätzen.

Das Programm ist wieder vielfältig und hat für jeden was Schönes in der Tasche, kleine und große Bücherwürmer kommen dabei voll auf ihre Kosten. Ich habe persönliche Highlights rausgefischt und möchte sie euch nicht vorenthalten:

Den Anfang macht die größte Autorenlesung der Welt. Ab 12 Uhr lesen über 100 Co-Autorinnnen- und Autoren für zehn Minuten etwas vor. Das ganze Spektakel erstreckt sich über 12 Stunden. Um 15.45 Uhr wird die dreifache Preisträgerin des Deutschen Jugendliteraturpreises Rotraut Susanne Berner mit Kindern im Publikum ein Wimmelhaus zeichnerisch bevölkern. Wie aus einem PDF ein druckfertiges Buch entsteht, verrät der epubli verlag um 18 Uhr. Freunde guter Krimiliteratur empfehle ich Linus Reichlin. Der Autor liest um 20.15 Uhr aus seinem aktuellen Roman „Er„. Die Lesung werde ich leider verpassen, weil ich um 20 Uhr im Max & Moritz sitzen werde. Dort lausche ich Astrid Rosenfeld, die aus ihrem beeindruckenden Debüt „Adams Erbe“ vorlesen wird. Um 22 Uhr liest Catalin Dorian Florescu aus seiner Familiengeschichte „Jacob beschließt zu lieben„.

Das gesamte Programm findet ihr hier.

Als Buchnacht-Expertin empfehle ich, sich schon im Vorfeld Veranstaltungen herauszusuchen, weil die Lesungen von bekannten AutorInnen stets sehr gut besucht sind. Und die Orte sind teilweise weiter von einander entfernt als zunächst angenommen. Da ist die Zeit manchmal schneller als man selbst.

© Rafael Varona

Kriminalisten in Kreuzberg.

Die Krimiwelt erinnert mich an einen Marsch durch den Dschungel. Die Auswahl ist riesig und raubt mir oft meinen Durchblick. So bewege ich mich leicht blind durchs wilde, pieksende Gestrüpp. Richtungsweisende Trampelpfade tauchen so gut wie nie auf. Wie schön ist es da, dass es spezielle Buchhandlungen wie die „HAMMETT-Krimibuchhandlung“ gibt, die mir den richtigen Weg zeigen. Dort wird jeder Fall gelöst, wenn es darum geht: Welchen Krimi lese ich als nächsten? Genau die Buchhandlung möchte ich euch heute vorstellen.

Die „HAMMETT-Krimibuchhandlung“ befindet sich im bekannten Bergmannkiez in Berlin Kreuzberg. Wenn man aus der Markthalle herauskommt, sind es nur wenige Schritte und schon steht man mittendrin in einer Welt, bei der alle Krimifans glücklich in die Hände klatschen. Spannung, wohin das Auge reicht! Links und rechts in den Regalen, auf den Tischen, an der Kasse und in einzelnen Schütten. Krimis und Thriller aus aller Welt. Bekannte Autoren sind ebenso dabei wie unbekannte. Von vielen Schriftstellerinnen und Schriftstellern aus dem Genre sind nahezu alle Werke vorhanden. Dazwischen entdecke ich auch neue Namen, die meine unbändige Neugier auf zauberhafte Weise wachkitzeln. Daher empfehle ich für den ersten Besuch, ein bisschen Zeit mitzubringen, denn die braucht man, wenn man sich durch dieses Kleinod bewegt.

Am Kassentresen erspähe ich eine TOP-TEN Liste. Auf jeder Zahl von 1 bis 10 liegen Bücher. Was ist das? „Das ist unsere eigene Bestsellerliste,“ sagt Heinz Scheffelmeier. Die TOP-TEN zeigt den Kunden, welche Bücher am häufigsten im Vormonat gekauft worden sind. Dort stoße ich auf Bestseller-Autoren wie Lars Kepler und Don Winslow, ebenso wie auf mir eher unbekannte Schriftsteller: D.B. Blettenberg und Thomas Ross. Alle sind vor allem aus der persönlichen Empfehlung dort gelandet. Respekt! Man entdeckt in der „HAMMETT-Krimibuchhandlung“ die sogenannte Mainstream-Lektüre und großartige Raritäten. Mein scharfer Miss Marple Blick fängt rechts neben der Kasse noch etwas auf: Eine kulinarische Krimiecke mit schwarzen Revolver-Nudeln, die man dort kaufen kann. „Die sind eins unserer beliebtesten Geschenke,“ sagt der Buchhändler. Passend zum Thema gruppieren sich kulinarische Krimis um das liebevoll-dekorierte Arrangement. Da läuft mir allein beim Anblick das Messer, ach Pardon, das Wasser im Mund zusammen.

Die beiden Räume, die zur Buchhandlung zählen, sind klein, doch der Schein trügt, denn hier steht eine riesige Auswahl an Krimi-Literatur. Die Kunden finden zahlreiche Kinderkrimis, True Crime Werke und Sekundärliteratur sowie 2500 neue deutsche Krimis, 700 englischsprachige Titel, 2500 antiquarische Werke, 1000 englische antiquarische Bücher sowie 1500 besonders gesuchte und vergriffene Werke. Für die ausrangierten Titel, die man im Buchhandel nicht mehr kaufen kann, gibt es einen extra Raum. Ich ziehe dort aus einer Schütte einen sehr gut erhaltenen Martha Grimes Roman. Den lege ich zu „Der Blinde von Sevilla“ von Robert Wilson. Eine persönliche Empfehlung von Heinz Scheffelmeier, nachdem ich ihm von Jussi Adler-Olsen vorgeschwärmt hatte.

Der Inhaber, Christian Koch, hat 1999 die Buchhandlung übernommen. Zusammen mit Heinz Scheffelmeier führt er seinen Laden. Ein großes Vorbild war dazu auch die Buchhandlung „Wendeltreppe“ aus Frankfurt. Mit jedem Schritt spüre ich die Leidenschaft der beiden Buchhändler, die ich hier und auch im Internet auffange. Auf der eigenen Internetseite finden sich neben informativen Links zu Suchdatenbanken auch aktuelle Nachrichten aus dem Genre sowie über 850 Rezensionen aus den letzten acht Jahren.

Im Fokus der Buchhandlung stehen vor allen Hardboiled Krimis wie Hammett oder Chandler und Noir. Gleich links am Eingang begrüßen einen die großen Meister auf zwei Plakaten. „Gerade das Lebensgefühl der Noir passt wunderbar nach Kreuzberg,“ sagt Scheffelmeier. Man stelle sich das mal in Charlottenburg vor! Fühlt sich irgendwie ein bisschen verdreht an. Ich kann mir zunächst unter dem Genre „Noir“ nur grob etwas vorstellen. Sofort eilt mir der Buchhändler zur Hilfe und reicht mir „Westküstenblues“ von Jean-Patrick Manchette. Beim Lesen des Klappentextes denke ich an wunderbare Chabrol Filme. Und nach einer kurzen Recherche später Zuhause entdecke ich, dass beide auch gemeinsam Filmarbeit geleistet haben. „Ein guter Roman Noir ist ein Sozialroman, ein sozialkritischer Roman, der die Geschichte eines Verbrechens als vordergründige Handlung nimmt.“ Dieses Zitat habe ich bei Wikipedia entdeckt und konnte es nicht wortlos dort stehen lassen. Ich ging zu „HAMMETT“ und entdeckte für mich nun auch ein neues Genre. Die Krimiwelt darf gerne weiterhin ein undurchsichtiger Dschungel sein. Ich weiß ja nun, wo ich einen guten Trampelpfad finde. Der „HAMMETT-Krimibuchhandlung“ sei Dank!

HAMMETT-Krimibuchhandlung
Friesenstraße 27
10965 Berlin
Telefon: 030 – 691 58 34
Internet: www.hammett-krimis.de

Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag 10 bis 20 Uhr
Samstag 10 bis 18 Uhr

Weihnachtsbuchtipp Nr.5

Elke vom Blog Gespenst der Armut empfiehlt:

Sarah Khan: Die Gespenster von Berlin

Elke schreibt dazu:
„Eine Anmerkung vorweg: Es gibt ja viele gute, wichtige, kluge, schöne Bücher. Die lese ich gerne und freue mich. Und dann gibt es Bücher, die mich ad hoc in die Position der siebenjährigen Leserin katapultieren, die ich mal war, und diese Leserin will nur eines: Weiterlesen! Und zwar unbedingt! Am besten unter der Bettdecke oder auf dem Sofa, die Welt kann untergehen, ist mir egal. So ein Buch ist „Die Gespenster von Berlin“ von Sarah Khan. Die geschätzte Autorin geht darin spukhaften Phänomenen in Berlin nach. Ja, ganz unmetaphorisch sind Phänomene wie seltsames Klopfen in der Wand, ungute Gefühle in Wohnungen und eigenartige Erscheinungen gemeint. Was Sarah Khan daraus als „Gespensterdetektivin“ macht, ist sehr spannend, häufig witzig und auch oft spooky. Es ist eine literarische Leistung, die althergebrachte – und häufig stereotyp verlaufende – Gespenstergeschichte so zeitgemäß zu transformieren. Denn Sarah Khan befördert die verdrängten, unabgegoltenen Geschichten hinter diesen „Erscheinungen“ zutage, die bis in die Gegenwart wirken, sie arbeitet als „Gespensterjägerin“, die sich in die Untiefen individueller und kollektiver Geschichte(n) begibt. Da ich so begeistert war, habe ich sofort ein Interview mit Sarah Khan geführt, es steht auf meinem Blog gespenst-der-armut.org. Hier kann man die unerschrockene Autorin persönlich treffen.“

Sarah Khan.
Die Gespenster von Berlin.
Oktober 2009, 190 Seiten, 9,90 €.
Suhrkamp Verlag.

*** Ab sofort gibt es jeden Tag bei mir Büchertipps zum Weihnachtsfest. Ganz besondere Empfehlungen von Freunden und Verbündeten meines Blogs. Mehr Infos findet ihr hier. ***

Ein funkelndes Schlaraffenland.

Was ist das? fragte ich mich kürzlich, als ich in Gedanken versunken die Berliner Auguststraße entlangschlenderte. Ich kam an einem besonderen Laden vorbei, der mich magisch anzog. Im Schaufenster unzählige, großartige Druckerzeugnisse, die mich staunen ließen…

Ein neugieriger Blick hinein verriet mir sofort und charmant…

… dass ich hier einkehren muss. Gehorsam folgte ich meinen flinken Füßen…

… bis ich in einem Meer aus unzähligen Magazinen aus aller Welt schwamm. Vor denen selbst eine Leiter nicht Halt machte…

… Hat dieser bemerkenswerte Ort auch einen Namen? Ja, hat er:

So heißt der Laden. Dort findet man ein ausgesuchtes Sortiment an Magazinen und Lektüren aus aller Welt. Ich habe Printprodukte entdeckt, von deren Existenz ich bis dahin gar nichts wusste. Ich fühlte mich wie in einem funkelnden Schlaraffenland, lächelte, zückte meine Kamera und hielt mit freundlicher Genehmigung alles fest. Bei eurem nächsten Spaziergang solltet ihr also einfach mal einen Blick in dieses Wunderland wagen.

do you read me?!
Magazine und Lektüre der Gegenwart
Auguststraße 28 (Ecke Große Hamburger Str.)
10117 Berlin-Mitte
Tel. 030. 695 49 695
Internet: www.doyoureadme.de

Öffnungszeiten:
Montag bis Samstag: 10 bis 20.30 Uhr

Neulich in der Bibliothek… Teil 4

… als die ersten Studenten fröstelnd in ihre Bücher hineinkrochen und sich den Sommer zurückwünschten, lief die Klappentexterin wieder durch die Gänge des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums und blieb vor einem Regal stehen. Sie traute ihren Augen nicht, was sie dort sah. Manch einer würde wortlos dran vorbeilaufen, aber die Klappentexterin schüttelte den Kopf. Was für ein Zufall! Sie griff aus dem Regal ein Buch und musste sich erst einmal setzen.

Dann schlug sie das Buch auf, lächelte und quiekte wie ein glückliches Trüffelschwein. Sie hielt ein Buch in den Händen, von dem sie bis dahin gar nicht wusste, dass sie sich das wünschte. Noch vollkommen betrunken vor Staunen, las sie die ersten Zeilen…

Wo sie das Druckerzeugnis gefunden hat und wie es heißt, verrät sie euch beim nächsten Mal. Vor allem der Platz, wo es stand, ist äußerst interessant.

Fortsetzung folgt.

Literatur? Alles nur Theater!

Wieder ist es passiert. Wieder habe ich ein Werk von Anton Tschechow nicht gelesen, sondern gesehen. Als Theaterstück. In Frank Castorfs Inszenierung „Nach Moskau! Nach Moskau!“.

Der Intendant der Berliner Volksbühne hat Tschechows „Drei Schwestern“ und die Erzählung „Die Bauern“ damit auf die Bühne gebracht. Ganz nach alter Manier wurde geschrien, um sich geworfen, randaliert und sich aneinander gerieben. Castorf Theater liebt man oder nicht. Ich liebe ihn. Jetzt wieder. Seine letzten Stücke haben mich vor kurzem enttäuscht.

Tschechow mag ich aber immer wieder gern sehen. Meine erste Begegnung war in der Berliner Schaubühne. Damals habe ich „Die Möwe“ gesehen. Ich schätze seine klugen Gedanken und Sätze über die Vergänglichkeit, über das Glück und das Drama dazwischen. Die großen Fragen und die kleinen Fragen. Ja, er fragt viel in seinen Stücken und lässt uns die Antworten selbst suchen. Tschechow war ein Kenner des Volkes. Er reflektiert in seinem Stück „Die Bauern“ die Situation der Armen wieder. Später hat er in „Drei Schwestern“ der russischen Bourgeoisie den Spiegel vors Gesicht gehalten.

Ausgesprochen fühlen sich manche Ausdrücke anders an, als wenn es nur das bloße Auge aufliest. Trotzdem möchte man all das, was sich zwischen dem Zuschauerraum und der Bühne abspielt, auch für sich selbst haben. Aus Neugier auf diesen Autor habe ich mir nach der „Iwanow“ Inszenierung dieses Buch gekauft:

Lange habe ich darin nicht mehr geblättert. Dies werde ich natürlich nachholen. An meinem Klassiker-Sonntag ist das doch ideal! Vielleicht ist es ja so, dass man manche Literaturstücke erst wieder sehen muss, bevor man sie sich zugute zieht? Oder ist es am Ende alles nur Theater? Heute jedenfalls bin ich eine Irina, die sich so glücklich fühlt als säße sie in einem Segelboot „über dem weiße Vögel in einem endlosen blauen Himmel kreisen.“

Sinn und Sinnlichkeit.

Papiergeruch kriecht in meine Nase. Erst denke ich, dass sei nur eine Eingebung und ich schnuppere nochmal wie eine Hündin. Nein, es stimmt, Papier ich rieche Papier, glückliches Papier. Um mich herum reihen sich Rücken an Rücken Bücher so viele, dass mir fast schwindelig wird. So etwas, ja so etwas, habe ich noch nie gesehen. Dass es das noch gibt. Ich staune wie ein kleines Mädchen, das zum ersten Mal vor einem geschmückten Weihnachtsbaum steht. Während die großen Kettenbuchhandlungen mehr auf Frontalpräsentation setzen, fährt die autorenbuchhandlung berlin in eine andere Richtung. Immer schon, immer noch. Immer weiter. Ich lächle und streife an den Regalen vorbei. Dort finde ich Autoren, von denen ich noch nie gehört habe. Kurz erröte ich bei der Tatsache, dass ich wahrlich nur einen Bruchteil der Bücher kenne.

„Wir haben viele Stammkunden“, berichtet die Filialleiterin Nicola Gaedicke. Manche halten sich gern auch mal ganze Vormittage und Nachmittage in der autorenbuchhandlung berlin auf. Das ist nur allzu verständlich, wenn ich mir die Vielzahl der Werke anschaue, die dort stehen und auf den Tischen liegen. Das Publikum interessiert sich vor allem für anspruchsvolle Literatur. Die findet man hier auch zu genüge. Von vielen Autoren stehen etliche Ausgaben im Regal wie beispielsweise Werke von Ingeborg Bachmann, Günter Grass, Thomas Bernhard und John von Düffel. Bei Ingeborg Bachmann finde ich elf Titel, bei Thomas Bernhard 13 Bücher und bei John von Düffel sechs Exemplare. Werden die denn regelmäßig gekauft? Nein, aber sie verkaufen sich irgendwann, bestätigt mir Nicola Gaedicke. Gerade die oben genannten Autoren haben sie stets vorrätig. Dann fügt sich noch hinzu:„Jedes Buch hat seinen Käufer. Früher oder später.“ Sicherlich würden sie auch Titel, die sich gar nicht verkaufen an den Verlag zurückschicken, denn es erscheinen ja beinah täglich neue Bücher. Die finde ich auch neben den Klassikern.

„Schauen Sie hier“, sagt die Buchhändlerin nur wenige Minuten später. Sie hält mir „Das bulgarische Gefühl“ von Ralf Themior vor die Augen. Das Exemplar hat zwölf Jahre in der Buchhandlung gelegen, natürlich längst vergriffen. Jetzt wünscht sich ein Kunde dieses Werk.
Als nächstes begrüßt sie einen Kunden, der vorm ersten Tisch neben dem Eingang stehenbleibt. Er nimmt ein dünnes Buch in die Hand, das fast wie ein Heft aussieht. Was ist denn das? „Marilyn Monroe liest Ulysses“ von Walter Kappacher. Erschienen ist es im Ulrich Keicher Verlag. Ich stutze. Nie gehört. „Das ist einer der Verlage von denen man wissen muss, dass es sie gibt“, sagt Nicola Gaedicke. Der Verlag ist nicht im Verzeichnis lieferbarer Bücher und bei einer Eigenrecherche im Internet finde ich es selbst bei amazon.de nicht. Die Ausgabe ist eine besondere Rarität. Schmal ist sie. Leicht wie eine Feder liegt das Büchlein in der Hand. Ich blättere ehrwürdig darin, erfreue mich an den Fotografien und nachdenklichen Texten.
Die Kunden wissen den aufmerksamen Blick sehr zu schätzen, denn gerade dieser Titel ist einer von denen, die oft gekauft werden. Nun bin ich also einem Bestseller der autorenbuchhandlung berlin persönlich begegnet.

Eine Frage brennt mir natürlich besonders unter den Nägeln: Kommen Autoren in die Buchhandlung? „Ja“, antwortet Nicola Gaedicke. Sie nennt mir einige: Ingo Schulze, Peter Sloterdijk, Lars Gustafsson und Ursula Krechel. Danach fügt sie hinzu, dass die autorenbuchhandlung berlin heute eine eigentümergeführte Buchhandlung ist, während damals die Autoren u.a. Teilhaber waren. Die Buchhandlung hat eine Tradition, die schon viele Jahre überdauert. Gegründet wurde sie 1976 von Künstlern, Verlegern und renommierten Autoren und Autorinnen. Günter Grass, Heinrich Böll, Ingeborg Drewitz, Klaus Wagenbach beteiligten sich an der Buchhandlung, um nur einige Namen zu nennen. Übernommen wurde sie 2008 von Fürst & Iven. Die Inhaber führen seit Anfang der 90er Jahre in der Akademie der Künste im Hansaviertel die Buchhandlung und nun auch seit 2005 in der neu errichteten Akademie der Künste am Pariser Platz. Seit zwei Jahren gehört auch die autorenbuchhandlung berlin zu ihnen.

Die Form hat sich gewandelt. Verändert hat sich inhaltlich jedoch nicht viel. Auf den 90 Quadratmetern bietet die autorenbuchhandlung berlin eine Auswahl von über 28000 Titeln aus Belletristik und Lyrik, den Geisteswissenschaften und der Kultur sowie ausgewählte Biographien und Kinderbücher.
Man findet sich sofort zurecht, weil über den Regalen jeweils auf den weißen Wänden mit schwarzer Schrift die einzelnen Bereiche stehen. Heller ist die Buchhandlung geworden. Das ist den Inhabern durch andere Möbel gelungen. Außerdem haben sie die Dielen abschleifen lassen. Es finden sich hier und da kleine feine Veränderungen, die den Geist des Ladens keineswegs zerstört haben. Ganz im Gegenteil, hier schwebt etwas Besonderes, wenn man an den Regalen vorbeigeht. Hier klopft das Herz jeden Buchliebhabers höher, man lächelt und möchte bleiben.

Die autorenbuchhandlung gehört übrigens zu den 5 Plus über die ich demnächst ausführlicher berichten werde.

autorenbuchhandlung berlin
Carmerstraße 10
10623 Berlin-Charlottenburg
Telefon: 030 – 313 01 51
Internet: autorenbuchhandlung berlin

Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag 10 bis 20 Uhr
Samstag 10 bis 18 Uhr

Die autorenbuchhandlung berlin lädt an einigen Sonntagen zum Sonntags-Matineé ein.
Das nächste ist am 26. September 2010.
Mehr Infos dazu gibt es hier.