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Vom Gestern und vom Heute.


Ich weiß nicht, wie viele Sekunden ein Atemzug braucht, aber ich weiß, dass er sich mit diesem Buch sehr intensiv anfühlt, unwahrscheinlich lange, Zeitlupentempo wäre vielleicht ein passender Begriff dafür. Es ist ein bewusstes Senken und Heben des Brustkorbes, ein Auf und Ab, die Augen fahren über Marica Bodrožićs Worte, in denen ich aufgehe, innehalte, verweile, aus der S-Bahn schaue und dem Echo des Geschriebenen lausche. Ich habe für „kirschholz und alte gefühle“ mehr Tage gebraucht als ich zunächst annahm und das aus einem einfachen Grund: Marica Bodrožić liest man nicht nebenbei, man atmet ihre Sprache und damit ihre Geschichten, die mit vielen Gedanken und Gefühlen gefüllt sind.

„kirschholz und alte gefühle“ ist der zweite Teil einer Trilogie. „Das Gedächtnis der Libellen“ nennt sich das erste Buch, das Ada Mitsou wundervoll besprochen hat. In ihrem neuen Roman schenkt die Autorin Arjeta Filipo eine Stimme. Durch die Ich-Erzählperspektive radiert Marica Bodrožić jede Distanz aus und holt mir Arjeta ganz nah heran. Es dauert nicht lange und schon ist die Protagonistin eine Vertraute, die mir ihre Geschichte erzählt und von ihren Absencen berichtet: „Unser Arzt sprach von Anfällen. Pétit mal. So nannte er die Pausen in meinem Gedächtnis. Manchmal wurde mein Kopf von einer mir unbekannten Kraft nach hinten gezogen. Vor den Augen meiner Familie war kein Entkommen. Und wenn das kleine Übel vorbeigezogen war, nannten mich meine Eltern ihre Sternenguckerin.“ Diese Lücken will sie nun in ihrer neuen Wohnung in Berlin füllen, indem sie sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt. Sieben Tage lässt sie mich an ihrem Leben teilhaben, das einige bewegende und schmerzvolle Erfahrungen in sich trägt.

Die neue Wohnung ist leer, darin finden sich nur Kartons und Fotos, die sie auf dem geliebten Kirschholztisch ihrer Großeltern ausbreitet. Dieser Tisch ist etwas Besonderes und macht Arjeta glücklich. Draußen fliegen Schwalben, die Arjeta anfängt zu zählen und zu denen sie eine besondere Beziehung hat: „Ich fühle mich von ihnen begrüßt, stelle mir vor, dass ein kleiner blauer Vogel durch meinen Verstand fliegt. Vielleicht kann er mir helfen, in der Gegenwart zu leben.“ Das Vögelchenzimmer wird ihr Rückzugsort, „einfach nur ein Raum, kein Gegenstand, kein Gedanke soll ihn verstellen.“ Mit diesem Zimmer hofft sie, endlich zur Ruhe zu kommen.

Noch ist die Ruhe ein ferner Geselle. Ihre Erinnerungen, die aufblitzen und die sie mit mir abgeht, führen mich zuweilen an meine Grenzen. Als Arjeta damals Jugoslawien verließ, um in Paris Philosophie zu studieren, begann der Balkankrieg, vor dem sie in ihren Erzählungen nicht haltmacht. Es fallen furchtbare Zahlen: 1425 Tage dauerte die Belagerung, es fielen durchschnittlich pro Tag 329 Granaten. Aber auch in Worten bringt die Autorin das Grauen zum Ausdruck, dass ich den Schmerz fühle, das Blut förmlich rieche und zittere.

Es stürmt nicht die ganze Zeit in ihren Erinnerungen, es gibt auch sanfte Momente des Aufatmens wie die mit einem guten alten Freund. „Mischa Weisband war kein Mensch, der die Straßen und die Sprache seiner Kindheit hassen konnte“. Er ist ein deutscher Jude, der in Paris lebt, ein Nachbar im Haus Arjetas Tante, den sie kennenlernt. Eine Begegnung, aus der sich eine besondere Freundschaft fürs Leben entwickelt, eine starke Hand und ein Geschenk des Schicksals, wie er es an einer Stelle so schön beschreibt. Nicht so warm ist die Beziehung zu Arik, einem Künstler, der nie ganz in Arjetas Leben bleibt, immer wieder flüchtet, ein Schatten, der schnell um die Ecke huscht und in der Dunkelheit verschwindet. An ihn verliert Arjeta ihr Herz und fast sich selbst.

Es ist ein Ziehen und Dehnen, ein ständiges Flattern der Gedanken und Gefühle, die Marica Bodrožić bei mir auslöst. Arjeta bewegt sich in den sieben Tagen zwischen gestern und heute. Sie kehrt zurück nach Paris, das sie mit zwei besonderen Freundinnen gemeinsam erlebt hat, Hiromi und Nadeshda. Während Hiromi wieder nach Japan ging, zog Nadeshda nach Berlin und kümmerte sich um einen Job für Arjeta, als sie ihre Zeit in Paris beenden wollte. Und nicht zuletzt der wunderbare Mischa Weisband und der anstrengende Arik. Sie sind Fäden, die sich durch Arjetas Leben ziehen, genauso wie die Familiengeschichte, in der neben hellen Augenblicken auch Reibungen und schmerzvolle Erfahrungen lauern wie das große Loch, das der Krieg hinterlassen hat mit den Verlusten und Brüchen. Arjeta beugt sich der Vergangenheit, verlässt die Gegenwart, öffnet den Erinnerungen die Tür und kehrt abwechselnd zurück in das Jetzt.

Marica Bodrožić erzählt mit einem unglaublichen Sprachgefühl, jedes Wort entstammt einer inneren Stille, wurde mit Bedacht gewählt und entfaltet sich auf seine Weise. Ich konnte das Buch nicht verschlingen, ich habe es gelöffelt wie eine heiße Hühnersuppe. Zwischendurch habe ich dem Dampf zugeschaut, wie er sich verflüchtet hat, die Worte hingegen blieben in mir. „kirschholz und alte gefühle“ ist genau das Richtige, wenn einem die Welt draußen zu schnell und laut wird. Das Buch setzt vieles in Bewegung und verströmt trotzdem eine Ruhe, in die ich mich jetzt im Herbst so gern lege. Einerseits löst die Geschichte eine Anspannung aus, andererseits führt sie zu einer inneren Einkehr der eigenen Gedanken über Familie, Liebe, Freundschaft und den Wurzeln. Der Roman lässt dich spüren, was es bedeutet, anzuhalten und auf die Stille zu hören, den Weg deines eigenen Atems zu verfolgen und zu fühlen, wie schön es sein kann, anzukommen, egal, wie lang und anstrengend deine Reise auch sein mag.

Marica Bodrožić.
kirschholz und alte gefühle.
September 2012, 224 Seiten, 19,99 €.
Luchterhand Literaturverlag.

Über die Autorin:

Marica Bodrožić wurde 1973 in Svib/Dalmatien, dem heutigen Kroatien, geboren. Sie lebt seit 1983 in Deutschland und schreibt Gedichte, Essays, Romane sowie Erzählungen. Ihre Bücher wurden mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet. So erhielt sie den Förderpreis für Literatur von der Akademie der Künste in Berlin. Claudio Magris über Marica Bodrožić: „Eine der ungewöhnlichsten frischesten und originellsten Stimmen der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur.“

Mit dem Buch ist an dieser Stelle nun Schluss, doch am Donnerstag geht es mit einem Interview weiter. Seid gespannt!

In der Stille liegt die Kraft – Eine Lesung mit Marica Bodrožić.

Der Sommer hauchte seine letzten Atemzüge aus, als ich wieder einmal einen besonderen literarischen Abend erleben durfte. Die Autorenbuchhandlung Berlin und der Luchterhand Literaturverlag hatten zur Buchpremiere von „kirschholz und alte gefühle“ geladen. Als mich die Einladung erreichte, hing ich bereits mit meinen Augen in dem Roman, so dass es für mich nur eine Antwort gab: Ja, da will ich hin!

Da lagen sie, die wunderbaren Werke von Marica Bodrožić.

Das Café in der Autorenbuchhandlung war bis auf den letzten Platz gefüllt, trotzdem bekam ich einen Platz, von dem aus ich Marica Bodrožić und die Moderatorin Maike Albath genau im Blick hatte. Überall standen gefüllte Rot- und Weißweingläser, die der Verlag an diesem Abend gesponsert hatte. Christian Dunker von der Autorenbuchhandlung begrüßte die Autorin mit großer Begeisterung, die auf eigenem Wunsch an diesem Ort ihr neues Buch vorstellen wollte. Es sollte dort ansetzen, wo es einst begann. Schließlich hat die Autorin „Das Gedächtnis der Libellen“ ebenfalls zuerst in der Autorenbuchhandlung, damals noch in der Carmerstraße, vorgestellt.

Während des Abends las die Autorin aus ihrem neuen Buch, unterhielt sich aber auch mit Maike Albath, die mit ihren Fragen einen wunderbaren Einblick in das Schaffen der Autorin und das Werk geben konnte. Marica Bodrožić wurde 1973 in Svib, dem heutigen Kroatien, geboren und kam zehn Jahre später nach Deutschland. In dieser Entwurzelung ist auch der Ursprung ihres Schreibens entstanden. Sie tastet sich mit den Wörtern an, still und langsam nähert sie sich der Welt, um Schicksalsnähte zusammenzufügen. Insgesamt neun Bücher hat die Autorin bereits veröffentlicht, die obendrein als Übersetzerin arbeitet. Während die beiden Frauen im Gespräch vertieft waren, fuhr über uns die S-Bahn und hinterließ für wenige Augenblicke ein Brummen in dem sonst so stillen Raum. Die Zuschauer blickten interessiert zu den beiden Damen und ich fragte mich, ob sie diesen lauten Eindringling spürten. Im Laufe des Abends überhörte ich jedoch das Brummen und war mit all meinen Sinnen in die Veranstaltung vertieft.

Diese Dekoration fand ich sehr raffiniert.

Bis zum 20. Lebensjahr umgab die Autorin ein großes Schweigen, dem sie sich später mit ihrer eigenen Sprache annähern konnte. Diese Vorsicht spüre ich in ihrer Literatur. „kirschholz und alte gefühle“ ist kein Roman, den ich schnell lesen konnte. Viel mehr las ich ihn mit einer bewussten Langsamkeit. Zu reichhaltig sind die Sätze, zu umfassend und ergreifend die Gedanken. Die Stille, das Wort und den Rhythmus zueinander seien ihr wichtig, erzählt sie weiter. Sie möchte über ihren Atem spüren, ob alles stimmt. Die Zeit erhält in Marica Bodrožićs Welt für mich eine andere Dimension. In der heutigen schnelllebigen virtuellen Welt, kommt ihr die Behutsamkeit des Schreibens entgegen. So findet sie von der Sprache zu den Figuren, ein Faden, der sich durch alles zieht und eine Verbindung schafft.

Nach der Lesung wollten alle nur eins: Ihre Bücher signieren lassen.

„kirschholz und alte gefühle“ beschäftigt sich vorrangig mit dem Gedächtnis und Erinnerungen. Dazu sagt Marica Bodrožić einen schönen Satz, den ich hier für sich allein stehen lassen möchte: „Man kann nicht vergessen, wenn man sich nicht erinnert.“ Genauso wenig möchte ich diesen eindrucksvollen Abend und das besondere Buch vergessen. Diese Erinnerung bleibt wie die an den Sommer mit seinen warmen Momenten. Allesamt werde ich konservieren und fortan mit einem Lächeln bei mir tragen.

Die Autorin und die Leserin treffen aufeinander. (Foto: Christian Dunker)

Am Dienstag öffne ich für euch das Buch und am Donnerstag dürft ihr euch auf ein sehr schönes Interview mit der Autorin freuen. Diese Tage widme ich also ganz Marica Bodrožić. Es ist mir eine Freude und Ehre zugleich.

Ein Ort für schöne Bücher.

Ich habe die Akazienbuchhandlung noch nicht betreten und spüre schon das Besondere. Fragen nach dem Wieso und Warum sind hier zwecklos. Es ist einfach das Gefühl einer Bücherfreundin, die eine feine Nase hat und am Ende natürlich nicht verwundert ist, dass sie mit ihrer Intuition recht hatte.

Bevor ich die Buchhandlung jedoch erreicht habe, begrüßt sie mich bereits in der U-Bahnhaltestelle Eisenacher Straße mit einer liebevoll gestalteten Auslage. Ein kleiner warmer Lichtblick im sonst so ungemütlichen Untergrund.

Die Buchhandlung befindet sich in der Berliner Schöneberger Akazienstraße. An dieser Stelle kann ich mir die Bemerkung nicht verkneifen: Eine schönere Umgebung kann es für eine Buchhandlung nicht geben. Kleine Geschäfte mit besonderen Auslagen entzücken den Flanierenden genauso wie die Cafés und Restaurants, die zum Verweilen einladen.

Die Akazienbuchhandlung verströmt beim Eintreten eine schöne und gemütliche Atmosphäre. Kunstvoller Stuck an der Decke verleiht dem Laden ein malerisches, leicht verträumtes Bild. Ich fühle mich sofort gut aufgehoben und streife durch die etwa 90 Quadratmeter. Hier gibt es viel zu entdecken wie zum Beispiel die liebevoll gestaltete britische Wand, die das Queen-Jubiläum würdigt. Beim Rundgang stoße ich auf vertraute und fremde Werke, die ich in die Hand nehme und lächle.

„Unser Schwerpunkt liegt in der Belletristik“, sagt Herbert Bahlinger. Der Buchhändler leitet seit 2009 das Geschäft, nachdem sich die Inhaberin aus dem aktiven Tagesgeschehen zurückgezogen hatte. Seit 1994 existiert dieser literarische Ort in dem Schöneberger Kiez. Meine Augen stolzieren wir emsige Wanderer über die Tische und durch die Regale. Vor allem die kleinen Editionen funkeln mich wie kleine Schätze an und wecken mein Interesse. Herbert Bahlingers Augen leuchten, als er mir „Leben als Literatur“ von Alexander Nehamas aus dem Lagerfeld Steidl Druck – kurz L.S.D. – in die Hand legt. Von dem Karl Lagerfeld? Ja, von dem. Was für ein Exemplar! Ich spüre die Liebe zum Buch und verliere mich in der schlichten Gestaltung. Schon fällt mir ein Gedanke aus dem Mund, schneller als ich ihn aufhalten kann: „Ist da an ein eBook zu denken?“ „Wohl kaum“, antwortet mir Herbert Bahlinger. Wir gucken uns beide an und denken das Gleiche, ohne dass es weiterer Worte bedarf, außer vielleicht staunenden Ausdrücken. „Unsere Kunden schätzen solche Raritäten.“

Es sind vorrangig das fünfköpfige Buchhändlerteam und die Stammkunden, die der Akazienbuchhandlung die Luft zum Atmen schenken. „Wir sind alle total unterschiedlich, aber genau das zeichnet uns aus“, berichtet Bahlinger. Die Bindung an ihre Kunden ist groß und ein wichtiges Element. Man kennt sich nach den vielen Jahren so gut, dass die Mitarbeiter bei neuen Büchern sofort an bestimmte Kunden denken und diese zur Seite legen. „Was wir hier machen ist ein ganz direktes Tun“, erzählt er. Sie wissen ihre Kunden zu schätzen und verschenken jedes Jahr zu Weihnachten kleine Jahresbändchen. Darüber hinaus werden Akazien-Kunden einmal die Woche mit einem Newsletter, dem „literaturkurier“, versorgt. Der redaktionelle Teil mit dem Hinweis auf Neuerscheinungen und Literaturtipps in Funk und Fernsehen kommt vom Deutschlandfunk und KulturRadio, die persönlichen Empfehlungen erstellen die Buchhändler aus der Akazienbuchhandlung.

Neben belletristischen Titeln gibt es auch eine gute Auswahl an Kinder- und Jugendbüchern, Psychologie, Biographien, Politik, Zeitgeschehen, Philosophie, Hörbüchern, Reiseführern, Berlin-Titeln und Postkarten. Er zeigt mir beim Postkartenständer die zauberhaften Karten von der japanischen Künstlerin June Keser (http://www.humwithme.com/v2/) die mich sofort begeistern. Seit neuestem bietet die Buchhandlung auch das „Philosophie-Magazin“ an.
Ja, es gibt viel zu entdecken in diesem Fleckchen inmitten von Schöneberg. Ich erspähe u.a. ein Holzkästchen mit Heften, auf dem steht: „Friedenauer Presse“. Herbert Bahlinger sieht die Fragezeichen in meinen Augen auf und ab laufen. „Noch nie gehört?“ „Nein, ich muss passen.“ Dann erzählt er mir von der 80-jährigen Verlegerin, die mit großer Leidenschaft noch selbst publiziert. Bei solchen Geschichten wird mir automatisch ganz warm ums Herz. Welche Freude ist es zu hören, dass diese liebevoll gestalteten Heftchen hier ihre Liebhaber haben!

Die Akazienbuchhandlung ist eine Buchhandlung mit Tradition und Liebe für das Besondere, die wirklich an alles denkt, selbst an durstige Kunden. Rechts vom Eingang steht ein Wasserspender, an dem man sich bedienen kann. Nach meinem Besuch lächle ich und bin froh, dass ich diesen Laden entdeckt habe und kann ihn nur wärmstens weiterempfehlen. Gleich nebenan gibt es übrigens das Bilderbuchcafé, in dem alle bibliophilen Menschen einen wunderbaren Ort des Verweilens genießen können. Die Akazienstraße ist eben ein Fleckchen für Bücherfreunde, denen das Besondere am Herzen liegt.

Akazienbuchhandlung.
Akazienstraße 26, 10823 Berlin.
Telefon: 030 – 7 88 12 78.
Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag: 10 bis 20 Uhr, Samstag: 10 bis 17 Uhr.

Ein würdevolles Familienerbe.

Außergewöhnliche Familiengeschichten müssen erzählt werden und ich bin froh, dass Marion Brasch dies getan hat. Die Berliner Autorin ist die einzige Stimme der Familie Brasch, die noch lebt und die Geschichte in „Ab jetzt ist Ruhe“ für alle öffentlich macht. Das Buch sticht für mich aus den Frühjahrsneuheiten heraus, denn es ist so eins, bei dem meine Augen automatisch leuchten, wenn ich darüber spreche. Kleine Sterne, die auch im Tageslicht strahlen und die Nacht überdauern.

Marion Brasch fängt mich schon mit ihrem ersten Satz ein: „Ich war vier Jahre alt, als ich das erste Mal von zu Hause fortlief.“ Sie selbst könnte sich daran nicht mehr erinnern, doch ihr wurde diese Begebenheit „von verschiedenen Seiten auf sehr widersprüchliche Weise kolportiert.“ Was für ein Mädchen! Mutig und abenteuerlich ist sie, einfach mitreißend sind ihre Sätze, die wie feine Fäden gleich an meinen Augen ziehen. So verwundert es nicht, dass ich ihr folge. Und ich stecke ganz schnell mittendrin in der Familie Brasch, in der es eine Oma London und eine Oma Potsdam gibt. Für die letztere dreht die kleine Marion Zigaretten und darf so lange Westfernsehen gucken, wie sie will. Ihre Oma Potsdam ist es auch, die der Enkelin Geschichten von damals erzählt: „Es war die Welt einer wohlhabenden jüdischen Familie, die aus einem Kaff bei Breslau nach Berlin gekommen war.“ Da blitzt das eine Wort auf, das ihre Mutter und den Vater einst vereinte: jüdisch. Waren es doch die jüdischen Wurzeln, die Gerda und Horst zusammenführen sollten. Beide sind im 2. Weltkrieg nach England geflüchtet und lernten sich im Londoner Exil kennen. Marions Vater war ein überzeugter Katholik, der in England im „Kommunistischen Manifest“ eingetaucht war und dem es nach dem Krieg nach Ostberlin zog, um dort den Kommunismus zu leben. Seine Frau folgte ihm ein Jahr später mit dem ersten Sohn, nur widerwillig, denn sie sehnte sich zurück in ihre Heimat nach Wien. Thomas sollte nicht das einzige Kind der Familie Brasch bleiben. Danach folgten noch Klaus, Peter und Marion.

Während der Vater ganz in seiner Funktion als SED-Parteifunktionär aufging, fanden seine Söhne in der Literatur und Kultur ein Ventil für ihren Unmut gegen das System. Thomas wurde Schriftsteller, Klaus Schauspieler, Peter verfasste Theaterstücke und Hörspiele. Jeder wehrte sich auf seine Weise und Marion saß zwischen den Stühlen. Der staatstreue Vater auf der einen Seite, die rebellischen Brüder auf der anderen. Den Vater empfindet sie als hart, dennoch entzieht sich ihm nicht, besucht ihn auch später nach ihrem Auszug. Während ihre Brüder ihrer Berufung folgen, schwimmt Marion ziellos umher und formuliert mit 23 Jahren einen entscheidenden Satz, der verdeutlicht, wie sich die junge Frau im Vergleich zu den schöpferischen Brüder fühlt: „Meine Brüder hatten in dem Alter schon ganz andere Dinge getan als ich jetzt.“

In einem Gespräch erzählte Marion Brasch, dass sie die eigene Familiengeschichte ihrer Tochter nahe bringen wollte. Das spüre ich in jedem Satz. Die Autorin schreibt nicht trocken oder ausschweifend erklärend, sondern bleibt durch und durch menschlich. Wie eine gute Freundin, der man gebannt bei einer Tasse Tee lauscht. Leichtfüßig schreite ich durch die Geschichte, finde mich in dunklen Ecken wieder, sinke jedoch niemals tief, weil mich Marion Brasch immer wieder hochzieht. Der Erzählton hat etwas von einem Sommerwind, der durch das verschwitze Gesicht fährt und Schweißperlen wegpustet. Ich möchte tanzen, so herrlich unbeschwert lesen sich ihre Sätze! Marion Brasch baut keine Barrieren auf, die blockieren. Nein, sie schreibt ohne Umschweife, bringt die Dinge auf den Punkt, bleibt als sympathische Erzählerin bodenständig. Bei den eigenen Gedanken und Gefühlen ist sie direkt, nennt alles bei seinem Namen, so dass ich es spüren kann wie die Lederjacke ihres ältesten Bruders: „Er war neunzehn, sah toll aus und trug eine Lederjacke, die unglaublich gut roch und bei jeder Bewegung knarzte wie ein alter Baum.“ Distanziert bleibt sie hingegen außerhalb ihres eigenen Universums, die eigenen Brüder erwähnt sie nie mit ihren Namen wie so viele andere Dinge. Dafür nutzt sie signifikante Merkmale wie „der Dichter mit der weiten Stirn“. Anfangs war ich ein wenig unruhig, weil ich nicht immer sofort wusste, um wen es sich handelt. Doch das legte sich mit der Zeit, schließlich ging es hier um die Familiengeschichte, bei der genaue Klassifizierungen eine Nebenrolle spielt.

Das Buch strahlt eine besondere Wärme aus, die glücklich macht, obwohl sich einige Passagen aufwühlend lesen. Es enthält auch wunderschöne, herzergreifende Anekdoten wie die, als Marions ältester Bruder an ihrem sechsten Geburtstag sagt, er würde sie heiraten, wenn sie achtzehn sei. Diesen Zauber macht ihr „blöder kleiner Bruder“ noch am gleichen Tag zunichte, als er verrät, dass Schwestern und Brüder nicht heiraten dürften. Gleichzeitig bewege ich mich durch das Berlin vergangener Jahre, spüre den kalten Windzug die maroden Altbauhäuser und das Pochen auf den Straßen je weiter wir uns auf das Jahr 1989 zubewegen. Marion Brasch führt mich genauso durch die Geschichte eines Landes, in dem ich meine ersten Jahre verbracht habe. Ich erlebe den Widerstand der Brüder, die Gesetze, denen man nicht entkommen konnte und eine junge Frau, die ihren Weg sucht, irgendwo dazwischen. Liebenswert ist der Titel des Romans, der mich an eine herzliche Umarmung erinnert. Es ist jener Satz, den die Mutter und die Kinder vorm Schlafen stets in den Raum warfen, nach dem Gutenachtkuss sprach jeder ein Wort: Ab-jetzt-ist-Ruhe! So werden aus Worten bedeutungsvolle Momente wie der Roman selbst. Marion Brasch ist ein großes Erbe angetreten, dem sie mit diesem Buch würdevoll begegnet ist.

Marion Brasch.
Ab jetzt ist Ruhe.
Februar 2012, 398 Seiten, 19,99 €.
S. Fischer Verlag.

Mit dem Roman ist hier erst einmal Schluss, doch mit Marion Brasch geht es am Sonntag weiter. Dann kommt die Autorin in einem Interview bei mir zu Wort.

Die langsame Reise des Alterns.

So ist es wohl, wenn sich das Alter zwischen die Zeilen setzt und mit der Langsamkeit eine warme Tasse Tee trinkt. Die Zeit verliert an Tempo und kriecht wie ein Wurm voran. Da kann das Schnelle noch so laut an die Tür klopfen, es passt einfach nicht in diese gesellige Runde. Ob sich das Gabriele Weingartner beim Schreiben ihres Romanes „Villa Klestiel“ gedacht hat? Selten habe ich ein Buch so langsam gelesen, nicht etwa, weil es mich nicht packen konnte. Nein, es war die besondere Eigenart, die der Geschichte innewohnt.

Die Rahmenhandlung spielt in einer Berliner Villa. Ihre Bewohner haben sie nach dem Eigentümer benannt, dem sie das Haus abgekauft haben. Samuel Klestiel hatte das Gebäude zwischen 1906 und 1908 erbauen lassen. Es ist kein besonderes Meisterwerk geworden, „aber immerhin nah am See gelegen und mit einem Türmchen versehen, in dem jetzt Mäuse und Spinnen hausten, weil zur Renovierung das Geld gefehlt hatte.“ Nun beherbergt die Villa Klestiel eine Handvoll Menschen, die nicht allein alt werden wollen. Bunt ist die Mischung: Lehrer, Juristen, Schauspieler, Kritikerinnen und Witwen. Vielfältig sind die Charaktere – und genau hier liegt der Spannungsbogen der Geschichte, eine pulsierende Ader. Die verschiedenen Lebensschicksale, denen die Autorin Raum bietet und mich als Leserin direkt daran teilhaben lässt. Ich stehe nicht draußen, sondern hocke in ihren Köpfen, sammle die Gedanken und Gefühle ein, bin bewegt und amüsiere mich bisweilen. Bei einigen runzle ich zunächst die Stirn, weil sie mir auf dem ersten Blick etwas unsympathisch sind. Bei anderen fällt mir ein Lächeln aus dem Mund. Ich denke an die eigensinnige Kritikerin Leonor Zierer, die ständig friert und sich aus einer Trotzhaltung keine warmen Hauspantoffeln bestellt hat, dafür aber zwei herumstreuende Jugendliche in ihre Wohnung hineinlässt, Tim und Struppi nennt sie die Hausgemeinschaft schon bald. Mit Hinblick auf den Lebenslauf der Autorin, Kulturjournalistin und Literaturkritikerin, macht sich gerade bei der Person eine besondere Nähe bemerkbar.

Schwer hingegen wiegt das Schicksal von dem Ehepaar Lichtblau, dem ich an der Stelle nicht vorgreifen möchte. Wie in jeder Gemeinschaft gibt es mindestens einen Außenseiter, einen Querdenker, der Unruhe stiftet. Xaver Brandis, ehemaliger Diplomingenieur, fühlt sich unter den Intellektuellen – wie er sie selbst nennt – unwohl, meidet sie und hält sie unbewusst mit seiner Leidenschaft für würzige Käsesorten auf Abstand. So suspekt ihn die Zeitung lesenden Mitbewohner auch sind, insgeheim gehört er mehr zu ihnen als er selbst glauben mag. Brandis entdeckt auf seine alten Tage selbst die Kunst des Fotografierens. Er verliert sich in seinen Motiven, jagt ihnen hinterher, sein Herz erwacht und atmet Gedanken aus, die für ihn früher undenkbar gewesen waren. Im weiten Feld der Natur begegnet er der Melancholie, schaut ihr in der einsamen Schneelandschaft ins Gesicht und spürt eine Tiefe wie er sie früher nie erlebt hat: „Ja doch, anfänglich freute es ihn, dass er traurig war und lange nicht wusste, warum.“ Solche Momente lassen mich für einige Sekunden stehen. Und in dem unruhigen Strudel der mitmenschlichen Begebenheiten ist die Schreibkraft Frederika eine Konstante, an der sich einige gern festhalten. Der gute Geist des Hauses kümmert sich um die Steuererklärungen ihrer Schützlinge oder gibt praktische Tipps. Doch auch Frederika ist nicht gefeit vor eigenen Träumen und Problemen.

„Villa Klestiel“ gehört mit 238 Seiten nicht zu den üppigsten Büchern, doch es hat das Gewicht von einem Wälzer. Was auch daran liegen mag, dass die Autorin einen eigenwilligen Schreibstil hat. Nicht so einer, den man eben schnell auf dem Weg zur Arbeit in der Bahn weg liest. Viel mehr erdet das Buch, verscheucht das Schnelle und ist angenehmes Futter für ein anspruchsvolles Leseerlebnis. Gabriele Weingartner fordert die Konzentration ihrer Leser, wer die nicht mitbringt, verliert den Faden, doch diesen sollte man hüten wie ein Geheimnis. Es wäre zu schade, die Puzzleteile zu übersehen, die sich zwischen den einzelnen Wörtern verstecken. Dem Buch wohnt eine versteckte Dynamik inne, nicht auch zuletzt durch die Wendungen und Bewegungen zwischen den Bewohnern, der ich gern langsamen Schrittes gefolgt bin.

Neben den Menschen schiebt sich das Alter immer wieder in den Vordergrund. Vorsichtig hupend fährt es an mir vorbei, zeigt Leiden und Sorgen genauso wie Erfahrungen und lang gehegte Sehnsüchte, denen noch nicht nach Schlafen zumute ist. Manche Dinge lassen sich eben nicht ganz ersticken. Die Einsamkeit gehört ebenfalls dazu. Selbst eine Gemeinschaft kann sie nicht vertreiben, das wird an den Protagonisten klar sichtbar. So strampeln die Bewohner der Villa Klestiel im Netz, jeder sucht für sich den eigenen Ausweg und das stille Glück des Alters, was darauf wartet, entdeckt zu werden. Das Buch ist ein kluger Wegweiser durch diese Phase, selbst für so junge Geister wie mich, die auch mal einen Schritt langsamer lesen können.

Gabriele Weingartner.
Villa Klestiel.
September 2011, 238 Seiten, 19,80 €.
Limbus Verlag.

Herbstglück in der Großstadt.

Da ist er nun, der bunte Herbst. Er kam nicht überraschend, lang ersehnt war er nach dem wechselhaften Sommer auch nicht, aber er ist schön anzusehen. Hält er für uns immer wieder besondere Bilder vor Augen: Blätter in unterschiedlichen Farbtönen, Kastanien, die auf dem Boden liegen und dieser goldene Sonnenschein. All das verzaubert mich immer wieder.

Und was kann es Schöneres geben, als an einem sonnigen Herbstsonntag über den Buchmarkt am Kupfergraben in Berlin zu schlendern? Nach dem Trubel setze ich mich gern mit meinem Liebsten auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof auf eine Bank. Hier sind wir in bester Gesellschaft mit Literaten wie Bertolt Brecht, Heinrich Mann und Anna Seghers.

Unter dem Dach der Bäume verhallt der Lärm von Berlin-Mitte. Die Blätter rascheln leise, erzählen sich ihre Geschichten und lassen Sonnenstrahlen hindurchhuschen. Einzig das Knirschen der vorbeilaufenden Besucher ist neben dem Vogelgesang zu vernehmen. Dieses kleine Paradies in der großen Stadt lässt mich glücklich lächeln wie die fröhlichen Herbstblumen.

Hotel Mensch.

Das Hotel ist ein spannender Ort, den ein geheimnisvoller Hauch umweht. Er ist wie ein Koffer, prall gefüllt mit vielen Geschichten. Vicki Baum hat dies wie folgt beschrieben: „Was im großen Hotel erlebt wird, das sind keine runden, vollen, abgeschlossenen Schicksale. Es sind nur Bruchstücke, Fetzen, Teile; hinter den Türen wohnen Menschen, gleichgültige oder merkwürdige, Menschen im Aufstieg, Menschen im Niedergang; Glückseligkeiten und Katastrophen wohnen Wand an Wand. Die Drehtür dreht sich, und was zwischen Ankunft und Abreise erlebt wird, das ist nichts Ganzes.“ Wie so etwas aussehen kann, hat die Autorin in ihrem Roman „Menschen im Hotel“ wunderbar erzählt. Mit feinfühliger Hand hat sie verschiedenste Menschen und deren Schicksale zu einem großen Bild zusammengesetzt.

Ich betrete das Buch durch das Foyer und mache dort die Bekanntschaft mit Herrn Senf, der aufgelöst aus der Telefonzelle 7 heraustritt. Seine schwangere Frau wurde plötzlich und viel zu früh in die Klinik gebracht, genau das versetzt den Portier in Unruhe. Unweigerlich treffe ich auf das erste Schicksal im Berliner Grand Hotel. Noch nicht ganz angekommen, fliegen mir weitere Menschen um die Ohren, manche direkt, andere durch Hören und Sagen. Von einer Tänzerin, namens Grusinskaja ist beispielsweise die Rede, die es vorm Auftreten stets mit den Nerven bekommt. Seit 18 Jahren kennt man die Primaballerina schon. Weiter geht’s zum langen Herrn im Klubstuhl, „dessen Beine wie ohne Gelenke waren“. Doktor Otternschlag steht auf, bewegt sich zur Rezeption und fragt: „Post für mich gekommen?“ Der Portier schaut im Fach Nr. 218 nach und verneint die Frage, wie immer. Selbst von draußen nehme ich eine leichte Gereiztheit der Angestellten wahr, denn das Frage-Antwort-Spiel wiederholt sich Jahr für Jahr, wenn der Herr für ein paar Monate im Grand Hotel wohnt. Eine Endlosschleife. Bald schon wird wieder an den Nerven der Portiers gesägt, als der schlecht angezogene Otto Kringelein nach einem Zimmer verlangt, doch der wird abschätzig behandelt und auf morgen vertröstet. Dies will der Buchhalter nicht auf sich sitzen lassen, eine hitzige Diskussion entfacht, bei der Doktor Otternschlag einspringt und ihm sein Zimmer anbietet. Das wiederum will der Portier nicht und schon sitzt auch mir der Schweiß auf der Nase. Amüsiert verfolge ich das Spektakel und treffe auf weitere Menschen.

Nach und nach packe ich Geschichten aus dem Koffer aus und bin aufgekratzt, zu aufregend lesen sich die Momentaufnahmen aus den Lebensschicksalen. Hier bin ich gerne Mäuschen und blicke in die verschiedensten Köpfe der Menschen. Vicki Baum gibt ihren Figuren die entsprechende Stimme, den Herrschsüchtigen die Machtgier, den Gescheiterten das Leid und Gebeugte, den Einsamen die große Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung. Das ist die eine Seite. Die andere erzählt von den Beziehungen, in die sich die Hotelgäste begeben, gute und schlechte, selbstlose und selbstverliebte, Abscheu trifft auf Anbetung. Das Glück ist zum Greifen nahe während das Unglück in einer Ecke lauert und seine Zähne fletscht. Es passieren Dinge, von denen selbst die Beteiligten nicht gedacht hätten, dass sie jemals passieren würden. Eigentlich knistert es die ganze Zeit.

Mit einem Blick fürs Detail beschreibt Vicki Baum das Treiben im Grand Hotel im Berlin der 20er Jahre und holt das Schauspiel direkt ins Wohnzimmer. Ironische Töne mischen sich in sentimentale und schaffen eine prickelnde Abwechslung. Der Roman erzählt nicht nur das Hotelleben, er ist gleichzeitig eine Feldstudie über die unterschiedlichen Menschentypen, die aufeinandertreffen. Spannender kann ein Hotelbesuch nicht sein.

Vicki Baum.
Menschen im Hotel.
Februar 2007, 318 Seiten, 7,99 €.
Kiepenheuer & Witsch.

Ein Denkmal fürs Lesen.

Wie ihr wisst, bin ich ein literaturverliebtes Wesen. Da kann es passieren, dass ich mich auch außerhalb der wunderbaren Bücherwelt an bibliophilen Augenblicken erfreue und sie – klick, klack – mit meiner Kamera einfange. Genau das habe ich die Tage getan, als Berlin von der zurückhaltenden Sommersonne Besuch hatte. Am Gendarmenmarkt – in der leuchtenden Mitte Berlins – steht dieses Kunstwerk, das beim Betrachten jedes Bücherfreundherz höher schlagen lässt. Es handelt sich um das Schillerdenkmal. Besonders ins Auge gestochen, ist mir dabei eine lesende Frau, die mir ihre ganze Aufmerksamkeit geschenkt und mich mit ihrem Anblick erfreut hat. Weil ich Freuden gern mit euch teile, lade ich euch zu einer kleinen Bildreise ein.

Hingehen – zur 13. Langen Buchnacht in der Oranienstraße.

Foto: Jörg Schaper/Illustration: Rafael Varona

Das ist wirklich eine besondere Nacht: Sie beginnt, wenn die Sonne am höchsten steht. Ja, ihr lest richtig, eine Nacht die schon am Tag anfängt. Das kann nur die Lange Buchnacht. Am kommenden Samstag, 14. Mai, verwandelt sich ab 12 Uhr die Kreuzberger Oranienstraße in eine besondere, aufregende Literaturmeile, genau dann, wenn die 13. Lange Buchnacht alle Bücherfreunde zu sich einlädt. An 50 Orten könnt ihr bei freiem Eintritt Lesungen und andere bibliophile Veranstaltungen erleben. Dieses Mal gibt es etwas Neues, denn die Organisatoren haben das Konzept erweitert, nicht nur drinnen wird vorgelesen, sondern auch draußen, an Hofeinfahrten, Straßenecken und auf Plätzen.

Das Programm ist wieder vielfältig und hat für jeden was Schönes in der Tasche, kleine und große Bücherwürmer kommen dabei voll auf ihre Kosten. Ich habe persönliche Highlights rausgefischt und möchte sie euch nicht vorenthalten:

Den Anfang macht die größte Autorenlesung der Welt. Ab 12 Uhr lesen über 100 Co-Autorinnnen- und Autoren für zehn Minuten etwas vor. Das ganze Spektakel erstreckt sich über 12 Stunden. Um 15.45 Uhr wird die dreifache Preisträgerin des Deutschen Jugendliteraturpreises Rotraut Susanne Berner mit Kindern im Publikum ein Wimmelhaus zeichnerisch bevölkern. Wie aus einem PDF ein druckfertiges Buch entsteht, verrät der epubli verlag um 18 Uhr. Freunde guter Krimiliteratur empfehle ich Linus Reichlin. Der Autor liest um 20.15 Uhr aus seinem aktuellen Roman „Er„. Die Lesung werde ich leider verpassen, weil ich um 20 Uhr im Max & Moritz sitzen werde. Dort lausche ich Astrid Rosenfeld, die aus ihrem beeindruckenden Debüt „Adams Erbe“ vorlesen wird. Um 22 Uhr liest Catalin Dorian Florescu aus seiner Familiengeschichte „Jacob beschließt zu lieben„.

Das gesamte Programm findet ihr hier.

Als Buchnacht-Expertin empfehle ich, sich schon im Vorfeld Veranstaltungen herauszusuchen, weil die Lesungen von bekannten AutorInnen stets sehr gut besucht sind. Und die Orte sind teilweise weiter von einander entfernt als zunächst angenommen. Da ist die Zeit manchmal schneller als man selbst.

© Rafael Varona