Schlagwort-Archive: Aufbau Verlag

Von beeindruckender Größe: der beste Freund des Menschen.

Neulich, so schien es, hatte mich die Schreibblockade gepackt. Jegliche Lust am Rezensieren war mit dem steifen Wind über die Nordsee verflogen. Bis zu jenem Sonntag, an dem ich Der Freund von Sigrid Nunez aufschlug und anfing, darin zu lesen. Von Seite zu Seite spürte ich mehr, wie die leuchtende Kraft der Inspiration aus ihrer unfreiwilligen Pause zurückkam.

Bald hüpfte ich durch die Wohnung und versuchte, die Horde herumgaloppierenden Pferden in meinem Geist zu zähmen. Nun sitze ich am Computer, die Pferde haben sich mittlerweile beruhigt, zupfen gemächlich am Gras und blicken mich mitunter an. Als würden sie sagen: Los mach schon! Schreib, was du zu schreiben hast. Also tippe ich, erst vorsichtig und schließlich immer schneller, Sätze über ein Buch, dem ich sehr viel verdanke. Weiterlesen

Der Wind erzählt eine schreckliche Geschichte.

louise_erdrich_das_haus_des_windes
Aus diesem Buch weht ein Wind, der mich in eine Welt getragen hat, die ich vorher so noch nicht kannte. Einmal begonnen, konnte ich „Das Haus des Windes“ von Louise Erdrich nicht mehr aus den Händen legen. Die Geschichte gelangte in meine eigene Blutlaufbahn und ich habe statt Luft den Roman eingeatmet. Das Hier verschmolz mit dem Dort zwischen den Buchdeckeln und trug mich davon.

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Dame und König.

 dubois

Wie soll man weitermachen, wenn man weiß, dass man verlieren wird? Diese große Frage schwebt wie ein riesiger Schirm über Das Leben ist groß von Jennifer DuBois. Sie ist die Verbindungslinie zu den Koordinaten, die zwei fremde Menschen zusammenführt.

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Ein Buch im Bernstein.

ambra

Wenn das erste Buch erfolgreich war, hat es das zweite schwer. Sabrina Janesch musste sich dieser großen Herausforderung stellen. Würde sie mich mit „Ambra“ genauso begeistern können wie mit „Katzenberge“?

Zeit und Ruhe braucht man, wenn man sich diesem Buch öffnen möchte. Also nahm ich es an einem meiner freien Tag mit ins Bett, stellte eine Kanne Tee daneben, begann zu lesen. Und der Roman ließ mich nicht los. Aus ihm strömte etwas Geheimnisvolles, ein geradezu hypnotischer Lockstoff.

Sabrina Janesch rollt die Geschichte von hinten auf. So stehe ich zunächst mit der Ich-Erzählerin Kinga Mischa in der Küche und erfahre, dass sie von Bronka eingeschlossen worden ist. Weil sie die Wahrheit kennt, wohin Bronkas Sohn verschwunden ist. Erzählen soll Kinga, erzählen. Das kann sie nicht. Dann soll sie es schreiben, sagt Bronka, und legt Kinga zwei Hefte und einen Stift hin. In Kinga brodelt es: „Wenn ich die Wahrheit sagen soll, wird es länger dauern, als Bronka sich vorstellen kann, ich werde sie etwas hinhalten müssen, um Zeit zu gewinnen, ich muss mich richtig erinnern, an jedes Detail des vergangenen Jahres, mich erinnern an alles, was ich sah, was ich hörte und was ich, sagen wir: bemerkte, und worum es sich auch immer handelt, ich werde es einfügen, der Vollständigkeit halber.“ Nach dieser Stelle rutsche ich weiter in das Geschehen. Vorher hält sie Bronka noch den Bernstein vor die Augen, mit dem so viel zusammenhängt. Ambra ist ein altes Wort für Bernstein und als Leserin schiebt sich mir eine Ahnung vor die Augen, die mit jeder Seite näher an mich herankommt.

Der Roman teilt sich in verschiedene Erzählstränge. So ist es nicht immer Kinga, die erzählt. Eine objektive Stimme schiebt sich dazwischen wie die Vergangenheit und damit verbunden Kingas Familiengeschichte. Kinga hat von ihrem verstorbenen Vater eine Wohnung in Danzig geerbt. Der Name der Stadt fällt nicht, aber man spürt schnell, dass die Stadt als Schauplatz dient. Dorthin begibt sich die junge Frau und stößt auf einen Teil der Familie, den sie bis dahin nicht kannte. Sie wird von ihrem Cousin Bartosz, der Tante Bronka und dem Onkel Brunon nicht mit offenen Armen empfangen, denn sie fürchten um die zusätzliche Einnahmequelle, die ihnen die Wohnung bietet. Obendrein hat Kinga noch den Bernstein bei sich, ein Familienbesitz, um den sich viele Geschichten ranken. Die sind es auch, die Sabrina Janesch entfaltet. Nicht auf einmal, sondern mit Bedacht und mit einem geheimnisvollen Flunkern. Die junge Autorin schafft es meisterhaft, eine mystische Stimmung zu kreieren, so dass ich am eigenen Fenster hinter jedem Regentropfen etwas Verstecktes vermute. Sabrina Janesch ist einer Fee ähnlich, die mich zunehmend verzaubert, und in ihren Bann zieht. Da kann ich auch die anfänglichen Hindernisse wie die unzähligen fremden verwirrenden Vornamen, die alle mit B beginnen, ausblenden. Die Autorin entführt mich nicht nur in eine aufreibende Familiengeschichte, sondern auch in einen magischen Salon, wo Menschen mit kosmischen Begabungen auf der Bühne stehen, die jede greifbare Norm ausblenden.

Ein weiteres Stilelement sind die kursiven Einschübe, die sich plötzlich in das Geschriebene drängen. Anfangs verwirren diese Fremdkörper, später sind sie ein fester Bestandteil in dem Buch. Sabrina Janesch nutzt diese Form, um den Lesern u.a. Einblicke in Bartosz’ Gedankenwelt zu geben, eine bleischwere Welt. Er war als Soldat im Irak und trägt Wunden in der Seele, die in den aufblitzenden Momenten ans Licht kommen, indem er seine Erfahrungen rekapituliert. Diese Szenen gehen an die Substanz und sind äußerst beklemmend. Über diese Erzählebene tauche ich auch in Renias Leben, eine weitere wichtige Person in diesem Ensemble.

Sabrina Janesch gelingt mit ihrem Roman ein wunderbares Porträt über Danzig. Sie spürt Stimmungen auf, legt Bilder und Sinneseindrücke in ihre Sätze, dass man sich direkt dort wiederfindet. Feinfühlig schreibt sie über die polnische Stadt am Meer, in der sie selbst für ein halbes Jahr als Stadtschreiberin zu Gast war. Sie versteht es, Geschichte lesbar und fühlbar darzustellen, sei es die der Stadt oder die der Familie. Beides macht Freude und ist unwahrscheinlich bereichernd.

Die junge Autorin hat eine besondere Gabe. Ihr gelingt es, eine anziehende Atmosphäre heraufzubeschwören, die an Nebel verhangende Täler erinnert. Ein Bild, das ich bereits in ihrem Debüt „Katzenberge“ vor mir sah. Sie liebt das Verborgene und legt dies mit aller Kraft in ihre Sprache. So verwundert es mich nicht, dass ich plötzlich das Buch in einem Bernstein liegen sehe. Dort ist es gefangen und wartet auf unsere Befreiung. Ein flüchtiges Aufkratzen allein reicht nicht aus, man braucht Geduld und Zeit für dieses Vorhaben. Vieles ist in „Ambra“ versteckt und verschachtelt, dass es besonderer Konzentration bedarf, um zum Kern durchzudringen. Das störte mich keineswegs, als ich in meinem eingeschlossenen Lesereich lag, jenseits von Lärm und anderen ablenkenden Faktoren. Dennoch fehlte mir bis zum Schluss eine Komponente, die dem Buch eine goldene Krone aufsetzen konnte. War es diese seltsame Protagonistin, mit der ich nicht warm wurde? Selbst heute noch beschäftigt mich die Frage: Was war anders als bei „Katzenberge“? Ich weiß es nicht. Parallelen zum Erstling gab es einige: Neben der wunderbaren Atmosphäre und dem geschichtlichen Hintergrund, steht erneut eine junge suchende Frau im Mittelpunkt. Vielleicht schenkt mir die vielversprechende Autorin die Antwort mit ihrem nächsten Roman. Auf den freue ich mich schon jetzt. Denn eins ist gewiss: Sabrina Janesch hat großes Talent. Und verdient für dieses Buch eine silberne Krone.

Sabrina Janesch.
Ambra.
August 2012, 372 Seiten, 22,99 €.
Aufbau-Verlag.

Wenn ihr die Autorin näher kennenlernen wollt, möchte ich euch ihre Homepage ans Herz legen. Außerdem kam sie bereits bei Mara von buzzaldrins Bücher in einem Interview zu Wort und bei mir hier.

Hans-Christian Oeser über die Kunst des Übersetzens.

Kürzlich hatte ich euch von dem wunderschönen Mark Twain-Abend berichtet. Zu meinem Glück konnte ich Hans-Christian Oeser für ein Interview gewinnen. Er hat die große Aufgabe auf sich genommen und „Meine geheime Autobiographie“ von Mark Twain ins Deutsche übersetzt.

                                          Foto: privat.
Hans-Christian Oeser wurde 1950 in Wiesbaden geboren. Er ist freier literarischer Übersetzer, Herausgeber, Reisebuchautor, Publizist, Redakteur, Korrektor und Sprecher. Hans-Christian Oeser wurde mit dem Europäischen Übersetzerpreis Aristeion für Der Schlächterbursche von Patrick McCabe (1997) ausgezeichnet. Er lebt und arbeitet in Berlin und Dublin.

Klappentexterin: Wie fühlt es sich für Sie an, ein Werk wie die Autobiographie von Mark Twain übersetzen zu dürfen?
Hans-Christian Oeser: Dies war kein Übersetzungsauftrag wie jeder andere, einmal der schieren Textmasse wegen (die deutsche Version umfasst mehr als 900 Normseiten!), aber auch, weil es sich um einen Klassiker handelt, und dazu noch um einen, der wunderbar schreiben – oder wie im vorliegenden Fall –diktieren kann. Als Übersetzer hat man häufig ein angespanntes Verhältnis zu dem Werk, das es zu übertragen gilt. Diese Ambivalenz kann sich, zumindest für die Dauer des Arbeitsprozesses, bis zur Haßliebe steigern. Dann wirft man dem Autor – natürlich in völliger Überschätzung der eigenen Möglichkeiten – mangelhafte Sprachbeherrschung, mangelnde Stilsicherheit, mangelnde Gestaltungskraft vor, denn man ist ja sein genauester Leser und, was das Sprachliche betrifft, sein intimster Kenner. Dieser kritische Blick hat damit zu tun, dass man sich an widerständigem Material abarbeiten muß, dass sich etwaige Schwächen des Originals, ja die Unzulänglichkeit der Sprache, in der es verfaßt ist, voll und ganz erst im Akt des Überführens in eine andere, ebenso unzulängliche Sprache offenbaren, vom eigenen Ungenügen einmal abgesehen. Die Übersetzung der Autobiographie hingegen war eine beglückende Erfahrung. Die Treffsicherheit des Ausdrucks noch in der mündlichen Rede – denn dieses letzte Werk Mark Twains basiert zum allergrößen Teil auf Diktaten –, die Souveränität der Stoffbeherrschung, der lange erzählerische Atem hat mir mit jedem Wort, mit jedem Satz mehr Bewunderung abgenötigt.

Wie lange waren Sie mit der Übersetzung beschäftigt?
Etwa sechs bis sieben Monate, allerdings unterbrochen von der Arbeit an anderen Büchern, darunter etwas zu „Lenin und die Philosophie“. Neun Monate wären angemessener gewesen.

Welchen besonderen Herausforderungen mussten Sie sich stellen?
Mark Twains Autobiographie ist ein Panorama, ein Potpourri, ein Sammelsurium, ein Bilderbogen. Das liegt nicht nur daran, daß ihr vorherrschendes Strukturprinzip die Abschweifung ist, sondern auch daran, daß der Autor in den breiten Strom der Erinnerung die unterschiedlichsten „Textsorten“ einstreut: Telegramm, Brief, Zeitungsmeldung, Vortrag, Tagebuch, Gedicht, redigiertes Manuskript, eine töchterliche Biographie mit Rechtschreibfehlern etc. Im Grunde müßte man von einer Collage sprechen. Stilistisch war also eine gewisse Wendigkeit gefordert. Da ich ein sturer Kopf bin, hat mir das am meisten Schwierigkeiten bereitet.

Wie vertrauter ist Ihnen Mark Twain jetzt nach dieser Arbeit?
Ich war kein Mark Twain-Spezialist und bin auch jetzt keiner. Aber natürlich habe ich, gerade weil der Autor, wie ein Freund ihm schrieb, „nackter als Adam und Eva zusammengenommen“ ist, Einblicke in sein inneres und äußeres Leben nehmen können, die mir vorher nicht vergönnt waren. Wer weiß, hätte ich das Buch nicht übersetzt, hätte ich es womöglich nie gelesen! So aber bin ich hineingezogen worden in eine pralle Selberlebensbeschreibung, die Privates und Persönliches mit Öffentlichem und Politischem kombiniert, die Ernst und Witz, Kritik und Humor verknüpft, die immer kurzweilig, immer tiefschürfend, immer wahrhaftig ist. Besonders anrührend waren für mich die Episoden, in denen der Vater in den Vordergrund tritt, der spielende Vater, der erzählende Vater, der seine Tochter Susy zitierende Vater, der um seine Tochter Susy trauernde Vater.

Haben Sie von Mark Twain ein Lieblingsbuch?
Ich schätze sehr den „Bummel durch Europa“ und nehme mir als nächstes die Spätwerke „Was ist der Mensch?“ und „Briefe von der Erde“ vor.

Wie kann ich mir Ihre Arbeit als Übersetzer vorstellen?

Plackerei von morgens bis abends. Eintauchen in fremde Welten. Im Dienste des Anderen stehen. Freude über das treffende Wort, die gelungene Satzperiode, den musikalischen Klang. Haareraufen, wenn all dies sich nicht einstellen will. Unzufriedenheit über niedrige Honorarsätze. Zufriedenheit über ein kleines Lob in einer kleinen Zeitung.

Wie wird man Übersetzer?
Durch Liebe zur Sprache (zur fremden und zur eigenen) und durch Liebe zur Literatur (zur fremden und zur eigenen). Und weil man sonst nichts kann. Aber es gibt mittlerweile auch universitäre Ausbildungsgänge.

Was ist das Besondere an dieser Tätigkeit?
Daß jedes einzelne Buch das Besondere ist. Keines gleicht dem anderen (wie auch keine Übersetzung der anderen gleicht). Seltsamer Kontrast zwischen dem Mechanischen des Arbeitsablaufs (jeder Übersetzer ist eine kleine Wortfabrik) und der Entdeckung immer neuer Sphären und Galaxien.

Hatten Sie in Ihrer Berufslaufbahn besondere, unvergessliche Momente, von denen Sie mir berichten möchten?
Thessaloniki: die Überreichung eines goldenen Lorbeerkranzes zum Europäischen Übersetzerpreis Aristeion 1997 durch den bulligen Evangelos Venizelos, seinerzeit Kulturminister, in jüngster Zeit Finanzminister und damit einer der Politiker, die im Auftrag des internationalen Finanzmarktkapitals das griechische Volk ausrauben.

Welches Buch werden Sie als nächstes übersetzen?

Juliet Nicolsons historischen Roman „Abdication“ über die Liebesaffäre König Edwards VIII. mit Wallins Simpson.

An dieser Stelle möchte ich Ihnen und den vielen anderen Übersetzern danken. Ohne Sie blieben mir viele Bücher unentdeckt! Gibt es eigentlich einen Übersetzerfeiertag?
Danke für den Dank! Mein Lieblingszitat in dieser Hinsicht ist der kluge Ausspruch des portugiesischen Romanciers und Literaturnobelpreisträgers José Saramago: „Der Autor schafft mit seiner Sprache nationale Literatur, die Weltliteratur wird von Übersetzern gemacht.“ Und ja, seit 1991 wird der 30. September als Internationaler Übersetzertag begangen. Es ist der Gedenktag des hl. Hieronymus, des großen Schöpfers der Vulgata, der am 30. September 420 in Betlehem starb.

Reizt es Sie nicht, einmal selbst ein Buch zu schreiben?
Nein. Diese Frage wird Übersetzern oft gestellt, weil man offenbar davon ausgeht, daß Übersetzen eine uneigentliche, sekundäre oder jedenfalls nicht ganz vollwertige, weil abgeleitete Tätigkeit sei. Die Übersetzung ist aber, mit Walter Benjamin gesprochen, eine eigenständige literarische Form. Übersetzer sind Schriftsteller, allerdings nur in dem Sinne, daß sie Spezialisten für Sprache sind. Wir erfinden keine Figuren, keine Schauplätze, keine Handlungen, wir bearbeiten keine Stoffe, wir setzen uns nicht mit Themen auseinander, wir erinnern uns nicht, wir beobachten nicht, wir fühlen uns nicht ein. Es fehlt uns an künstlerischer Imagination. Aber wir sind kreativ, denn wir schaffen ein sprachliches Gebilde, das es so noch nie gegeben hat, auch und gerade nicht in der Originalsprache. So konnte Friedrich Rückert schreiben: „Wer Philolog und Poet ist in Einer Person, wie ich Armer, kann nichts besseres tun als übersetzen wie ich.“ Den Stachel originärer Produktion verspüre ich nicht. Ich habe der Welt nichts mitzuteilen.

Die Klappentexterin dankt für das Interview und wünscht Hans-Christian Oeser weiterhin alles Gute und viel Erfolg.

Ein Ereignis: Harry Rowohlt liest Mark Twain.

Er war noch gar nicht da und doch ahnte ich bereits, dass etwas Wunderbares auf mich zuschweben würden. So Etwas, an das ich mich noch lange mit einem Lächeln erinnern würde. Die Rede ist von einem Abend der besonderen Art.

Der Aufbau-Verlag hatte zur Preview eingeladen. Harry Rowohlt las „Meine geheime Autobiographie“ von Mark Twain. Ja, der Harry Rowohlt, den ich aus der Lindenstraße kenne, der Mann mit dem Riesenbart, an dem ich gern mal ziehen möchte. Neben ihm befand sich eine weitere wichtige Person, ohne die wir dieses bedeutende Werke auf Deutsch gar nicht lesen könnten: der Übersetzer Hans-Christian Oeser. Er zeigte ein Exemplar vom amerikanischen Original. Dabei blieb mir der Mund offenstehen: Dieses Buch war größer als ein Ziegelstein. Die Autobiographie, die auf Wunsch des Autors erst 100 Jahre nach seinem Tod erscheinen durfte, enthält im amerikanischen Original neben seinen Aufzeichnungen auch zahlreiche Fußnoten und weiterführende Informationen. Der Aufbau Verlag macht es uns viel leichter. Dieses Werk wird in nun auf Deutsch zwei Büchern erscheinen, die in einem Schuber zusammenfinden. Einmal die persönlichen Berichte von Mark Twain, dazu ein Band mit den wichtigen Daten.

Hans-Christian Oeser und Harry Rowohlt.

Hans-Christian Oeser und Harry Rowohlt waren ein eingespieltes Team. Der Übersetzer lieferte Informationen zu Mark Twain, Harry Rowohlt las im Anschluss Passagen aus dem Buch vor und zog dabei gern kleine Anekdoten aus dem Ärmel, bei denen sich das Publikum in eine lachende Welle verwandelte. Ein beeindruckendes Schauspiel war das Vorlesen! Plötzlich verwandelte sich der starke Mann in einen kleinen Jungen, der mit seinen Armen und Händen herumwirbelte. Sie waren seine Kraftbomben, die ihn ins Schwitzen brachten, so dass er bald sein Angeberjacket – wie er das Kleidungsstück selbst bezeichnete – ausziehen musste.

„Meine geheime Autobiographie“ ist ein wahres Feuerwerk! Ich hatte das Gefühl, als würde Mark Twain direkt neben mir stehen und aus seinem Leben erzählen. Jeder Satz war ein Abenteuer, manchmal sehr nachdenklich, ein anderes Mal erheiternd oder verführerisch. Die Autobiographie sprüht vor Leben und ich wollte hineinkriechen. Nicht zuletzt auch durch Harry Rowohlt, der dem Buch eine eigene Stimme gegeben hat, einen Ton, der noch lange im Ohr summte. Zeit zum Innehalten boten die Blues-Musiker Dieter Faber auf seinen beiden Gitarren und Steve Baker auf seiner Mundharmonika. Die Kraft der Mundharmonika war beeindruckend. Der ganze Körper zitterte, eine Gänsehaut prickelte an meinem Pullover und ich flog direkt ins Amerika vergangener Jahre.

Fotos (2): Reno Engel, Aufbau Media.

Nach der Lesung war das Gewusel groß, ein Herankommen an Harry Rowohlt schien unmöglich. So wurde er gleich von einem Kamerateam umzingelt und interviewt. Mein Liebster und ich gingen daraufhin nach draußen, wollten den Abend bei einem Wein ausklingen lassen. Und dann ging alles sehr schnell. Plötzlich fand sich der Übersetzer an unserem Tisch ein und kurze Zeit später Harry Rowohlt persönlich. Ehe wir uns versahen, befanden wir uns im Gespräch und Harry Rowohlt plauderte aus seinem Leben. Dabei ließ ich es mir nicht nehmen, ihn zu fragen, wie er zur Lindenstraße gekommen ist. Es war eine Fotoaktion von der Zeitschrift „essen und trinken“. Ein Mitarbeiter rief ihn an und fragte, ob er Lust hätte, sich in einem Lokal fotografieren zu lassen, wo er bis zum Platzen essen und trinken könnte. Er wies den Anrufer daraufhin, dass er kein Promi sei, sondern vom Beruf Übersetzer und legte auf. Seine Frau kam aber mit der Idee, das „Akropolis“ aus der Lindenstraße vorzuschlagen, ein Ding der Unmöglichkeit. Nicht ganz, denn es gelang der Zeitschrift, Harry Rowohlt einen Termin am Set zu arrangieren. Gesagt, getan. So fand sich Harry Rowohlt dort ein und begeisterte am Ende den Erfinder der Lindenstraße, Hans W. Geißendörfer, der ihm eine Rolle anbot. Er sagte zu, aber unter einer Bedingung: Wenn dann nur als Penner, eine Randgruppe, die bislang eher unterbesetzt war. Das ist er nun seit mehr als 16 Jahren.
Und noch etwas habe ich zu berichten: Wer es sich nicht mit Harry Rowohlt verscherzen will, sollte genau auf seine Wortwahl achten. So ist „letztendlich“ in seiner Gegenwart tödlich. Ja, dieses Gespräch war sehr aufschlussreich, interessant und äußerst amüsant – wie der komplette Abend. Ich danke dem Aufbau-Verlag und allen Beteiligten für dieses Ereignis der besonderen Art!

Harry Rowohlt schwirrte dann weg, aber Hans-Christian Oeser konnte ich festhalten. Der Übersetzer wird demnächst in einem Interview bei mir zu Wort kommen.

Und zum Schluss habe ich für euch noch wichtige Daten zum Buch:

Erscheinungstermin: 1. Oktober 2012
Einführungspreis: 49,90 €, ab. 1. Januar 2013: 59,90 €.
2 Bände im Schmuckschuber.
Band 1: Meine geheime Autobiographie, aus dem amerikanischen Englisch von Hans-Christian Oeser, mit einem Vorwort von Rolf Vollmann
736 Seiten, 46 Abbildungen, Leinen, 2 Lesebändchen
Band 2: Zusätze und Hintergründe, aus dem amerikanischen Englisch übersetzt und betreut an den Universitäten München, Graz und Berlin
397 Seiten, 21 Faksimiles, Broschur, 2 Lesebändchen

Stöbern könnt ihr bereits beim Aufbau Verlag. Einfach hier klicken, schon seid ihr vor Ort und könnt auch unter dem Punkt Veranstaltungen nachschauen, ob ihr nicht bei zukünftigen Lesungen dabei sein könnt. Die Berliner sollten sich schon jetzt den 2. Dezember vormerken, dann findet die Lesung im Maxim Gorki Theater statt.