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Psychotherapie zwischen zwei Buchdeckeln.

Die Einladung klang viel zu interessant, als dass ich sie ausschlagen konnte. Selten habe ich die Möglichkeit, einem Psychologen bei der Arbeit zuzuschauen und was über Ängste fremder Menschen zu erfahren. Heimlich und leise habe ich so meine vielen Fragen auf diesem Gebiet in „Der gute Psychologe“ von Noam Shpancer stillen können und wurde dabei bestens unterhalten.

Noam Shpancer ist Professor für klinische Psychologie, ein Fachmann auf dem Gebiet, dem ich Vertrauen schenkte und dessen ersten Roman ich mit wachen Augen gelesen habe. Die Geschichte gliedert sich in drei Ebenen. Da ist der Psychologe mit dem eigenen Leben und Sehnsüchten. Er liebt Nina, mit der er eine gemeinsame Tochter hat. Seine Liebe wird von seiner Kollegin nicht erwidert, sie bietet ihm nur eine Freundschaft an. Mit der kann sich der Psychologe schlecht arrangieren. So nagt dieser Zustand an ihm wie ein Biber am Baumstamm. Auf der anderen Seite erlebe ich den namenlosen Psychologen in seiner Praxis. Dort sitze ich wie eine Assistentin neben ihm und erfahre von den unterschiedlichsten Ängsten seiner Patienten. Vor allem die Vier-Uhr-Klientin, eine Stripperin, die nicht mehr tanzen kann, zieht mich in den Bann. Sie ist es auch, die im Mittelpunkt des Romans steht. Und ich lausche dem Psychologen in seinen Vorlesungen. Als Dozent berichtet er aus der Praxis, bringt den Studenten das Fach mit interessanten Fragen und Ansätzen nahe.

Insgesamt spaltet sich das Buch für mich in zwei Bereiche: das Private und das Öffentliche. Wir sind unter uns, wenn ich die Gedanken und Gefühle des Psychologen auffange, die mich emotional treffen. Seine Liebe zu Nina ist stark, nicht zuletzt auch dadurch, da sie eine gemeinsame Tochter haben. Meist bleibt er souverän und hält die Gefühle in Schach, doch manchmal brechen sie wellenartig aus und treiben ihn zu Taten, die man von verliebten Menschen kennt. Der Kopf wandert in eine dunkle Kiste und das Herz stürmt unkontrolliert los. Gerade diese Passagen verdeutlichen: Auch ein Psychologe ist nur ein Mensch wie du und ich, da hilft selbst kein Wissen oder eine Analyse. Gefühle haben eben ihre eigene Macht und ignorieren jegliche Gesetze.

Besonders erkenntnisreich sind die Lehrstunden, in denen der Psychologe den Studenten im Kurs „Einführung in die Prinzipien der Therapie“ verdeutlicht, wie man als Psychologe mit seinen Patienten umgeht: „Wir wollen nicht gedankenlos nach Wachstum und Veränderung streben; nicht um ihrer selbst willen zumindest; nicht um jeden Preis. Wir wollen sie nicht vergöttern. In der Therapie gibt es andere würdige Ziele: Beharrlichkeit, Kontinuität, Stabilität, Unterordnung. Denken Sie daran, dass wir Psychologen im sozialen Kontext Stabilisatoren sind, keine Unterwanderer. Wir agieren weder, noch rufen wir zur Revolte auf, sondern wir haben den Auftrag, die Menschen wieder zu ihrer wahren Bestimmung zurückzuführen, zur Normalität, an den Busen des gesellschaftlichen Konsens…“ Noam Shpancer zeichnet in diesen Abschnitten das Bild des Psychologen und stellt sich Fragen, die aufkommen, meist in sehr unterhaltsamer Form, dass ich mir manchmal ein Grinsen nicht verkneifen kann. Einige seiner Studenten sind nachdenklich, andere rebellisch, bisweilen sehr herausfordernd. So bleibt der Geist die ganze Zeit wach wie bei den Therapiesitzungen mit der Vier-Uhr-Patientin. Gerade hier erlebe ich hautnah, wie die Theorie in die Praxis übergeht und die Oberfläche durchbrochen wird. Er deckt tiefe Schichten auf, von denen ich als Leserin anfangs nichts wusste, wie die junge Frau sicherlich selbst. Und ich spüre, wie ein Psychologe zwischen der Nähe und Distanz zu einer Patientin ins Schwanken kommt.

Noam Shpancer hat einen sehr interessanten und lesenswerten Roman geschrieben. Einerseits finde ich in ihm den Charakter eines Sachbuches über das Fachgebiet der Psychologie. Obwohl der Aspekt zunächst ein bisschen trocken klingt, ist er es keineswegs. Der Autor greift sich lebensnahe Beispiele, die nachvollziehbar sind. Andererseits schaue ich hinter die Wand des professionellen Psychologen, erlebe sein Innenleben sowie den Grenzgang zwischen ihm und seiner Patientin, vor dem wohl kein Psychologe gefeit ist. Nach dieser Lektüre stellt sich eine Erkenntnis ein, die erfrischt und mir ein gutes Gefühl gibt. Wem es genauso juckt wie mich, wenn er das Wort Psychologie liest, sollte an dem Buch nicht vorbei lesen. Es lohnt sich!

Noam Shpancer.
Der gute Psychologe.
September 2011, 288 Seiten, 19,99 €.
Albrecht Knaus Verlag.