Der schmerzvolle Stachel der Apartheid.

Wir kennen alle diesen ganz besonderen Moment, wenn uns ein Debüt derart überwältigt hat, dass wir das zweite Werk kaum abwarten können. Ist es endlich da, zögern wir, nur kurz, eins, zwei Atemzüge lang, um die Vorfreude ein wenig länger auszukosten. Oder aus Vorsicht vor einer möglichen Enttäuschung. Als ich Der Anfang einer Zukunft von Kenneth Bonert in den Händen hielt, musste ich einen Moment innehalten, schließlich hatte mich der Autor mit seinem preisgekrönten Erstling Der Löwensucher höchst beeindruckt und sehnsuchtsvoll zurückgelassen.

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Der Wahnsinn.

Es gab einmal ein idyllisches Dorf in den Bergen, an der Grenze Österreichs zur Schweiz. Sein Schicksal war es, dass sich die besten und schönsten Skigebiete der ganzen Alpen in direkter Nachbarschaft befinden. Und so wurde aus dem kleinen Dorf mit nicht einmal zweitausend Einwohnern ein Lifestyle-Mekka, wie es im Marketing-Sprech von Menschen genannt wird, die aktiv an seiner Zerstörung mitwirken. Wobei – dieser Prozess ist eigentlich abgeschlossen.

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Preiswürdige, pure Lesefreude.

Bücher und speziell die Buchbranche sind schon so eine Sache für sich – vor allem die Welt der Buchpreis-Listen. Jedes Jahr warten im August viele Buchhändler*innen gespannt auf die sogenannte Longlist. Ist sie endlich da, gibt’s Jubel, Staunen und bisweilen tiefe Seufzer der Enttäuschung oder Entrüstung. Für mich kann ich nur sagen, dass ich bereits das zweite Jahr in Folge recht zufrieden war. Eine gelungene Mischung tummelte sich da auf der langen Liste. Als aber nun die Shortlist veröffentlicht wurde, musste ich doch tief und langanhaltend seufzen. Weiterlesen

Rendezvous mit dem Schlickmergel.

Foto: Herr Klappentexter

Unsere neue Heimat ist wohltuend für Geist und Seele, dabei auch inspirierend. So erstaunt es nicht, dass in dem Land rund um das faszinierende Wattenmeer bereits zahlreiche Kunstwerke wie auch Bücher entstanden sind.

Jana Scheerer hat sich von dieser Energie offenbar anstecken lassen und mit „Das Meer in meinem Zimmer“ einen erstaunlichen Roman vorgelegt. Das Werk ist sicher keine harmonische Urlaubsgeschichte, aber doch eine echte Sommerlektüre. Die Geschichte ist faszinierend, manchmal weht ein kräftiger Wind und verdreht den Menschen die Köpfe, aber stets strahlt sie wie ein Leuchtturm. Weiterlesen

Der Hundertjährige, der aus dem Sixpack stieg.

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Man stelle sich nur mal vor, Charles Bukowski wäre tatsächlich hundert Jahre alt geworden. Gut, wahrscheinlich würde er dann im Rollstuhl sitzen, und Linda müsste ihn zum Wettschalter auf der Pferderennbahn schieben. Auf das Jubiläum würde er mit einem Achselzucken reagieren und jedem unangekündigten Besucher eine eiskalte Bierdose entgegenschleudern. Ein lebendiger, hundertjähriger Bukowski wäre tatsächlich ein medizinisches Wunder, eine Fackel im Sturm des Gesundheitswahns, ein Sieg gegen den allgegenwärtigen Stumpfsinn.
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Reisen mit Herrn Unseld.

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»Reiseberichte« von Siegfried Unseld. Lesebericht von Herrn Klappentexter. Allgemeines: Reisen im Kopf einmal um die ganze Literaturwelt.

Teilnehmer: Nur die hochkarätigsten der sowieso schon hochkarätigen Autoren des Suhrkamp-Verlages. Dazu bekannte bis berühmte Personen aus Kultur, Gesellschaft und Politik. Unseld traf Legenden noch zu Lebzeiten.
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Der Unermüdliche.

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Foto: © Hermance Triay

Wer als Schweizer, noch dazu als Nationalrat, den Kapitalismus kritisiert, der muss Mut haben. Die Schweiz, dieses angeblich neutrale Land im Herzen Europas, ist ja geradezu die Verkörperung des Kapitalismus in seiner Funktion als Heimat der diskreten Banken, als Schauplatz der Hochfinanz und Zufluchtsort der Superreichen. Da können Sie prima unter sich sein, es stellt ihnen niemand unangenehme Fragen oder hinterfragt gar ihre ethisch-moralische Einstellung. Wo das viele Geld herkommt? Psst, ist schließlich Privatsache. Unangenehme Fragen müssen sich in der Schweiz nur Einwanderer oder Einbürgerungswillige aus den unteren Klassen gefallen lassen.

Jean Ziegler ist Schweizer und einer der leidenschaftlichsten Kritiker des internationalen Kapitalismus im Allgemeinen und der imperialen Strategien der Großmächte im Besonderen. Dazu ein unermüdlicher Autor erhellender Bücher, wie zum Beispiel den aktuellen Werken „Was ist so schlimm am Kapitalismus?“ und „Warum wir weiter kämpfen müssen“, auf deren Inhalte ich nun näher eingehen möchte.
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Das Leben ist eine Reise.

Ein Blick aufs Meer verursacht ja oft Fernweh, und auch der Roman „Offene See“ ist eine Einladung zu einer Reise. Der Autor Benjamin Myers nimmt uns mit ins England der späten Vierziger Jahre, der Zweite Weltkrieg ist endlich vorbei, alle atmen auf, doch die Narben sind noch spürbar. Genauso wie beim Protagonisten dieses vielfach gelobten Romans – Robert ging als Kind in den Krieg und kehrt als junger Mann zurück.

In seinem Rucksack trägt er nach den aufregenden Erlebnissen eine unbändige Sehnsucht nach Natur und – vor allem – dem Meer. So macht sich Robert auf den Weg, eine Wanderung mit offenem Ausgang, der wir uns nur zu gern anschließen. Das Buch wurde schon vor Erscheinen überschwänglich gelobt, und das nicht nur wegen seiner wundervoll anmutenden äußeren Erscheinung. Wir Buchhändler sind ja so etwas wie Goldgräber: Aufmerksam und neugierig forschen wir bei den zahlreichen Neuerscheinungen nach herausragenden Titeln. Weiterlesen

Nachtschicht in der Stadt der Träume.

Wenn bei uns zu Hause einmal nicht gelesen wird, dann kommt manchmal sogar der Fernseher samt des guten alten DVD-Players zum Einsatz. Im wahrsten Sinne des Wortes – denn Familie Klappentexterin schätzt gut gemachte Polizei- und Politserien. Zum Beispiel The Wire, Homicide oder auch Homeland sind absolut empfehlenswert und noch vor dem ganzen Streamingwahnsinn entstanden. Serien, die intelligent gemacht sind und zudem etwas vom Alltag der Menschen hinter den einzelnen Fällen erzählen. Weiterlesen

Sommersonne? Einverstanden!

Brauchen wir derzeit nicht alle ein bisschen mehr Sonne als sonst? Vor allem die im Herzen. Und wenig bringt so viel Licht ins Leben, wie ein gutes Buch. Ein richtig gutes Buch, wie es
»Hintergrund für Liebe« von Helen Wolff ist. Schon nach den ersten Sätzen zieht die Autorin die Vorhänge auf und lässt ganz viel Licht hinein. Aufmerksame Leserinnen und Leser werden sich bei dem Nachnamen der Autorin vielleicht schon gefragt haben, ob sie etwas mit Kurt Wolff zu tun hat. Ja, hat sie! Weiterlesen