Archiv der Kategorie: Kurz & gut.

Du lesen das Buch!

Und dir dann gut gehen es wird! Das sagt Yoda. Sprechen gehört nicht zu seinen Stärken, das ist wohl kaum von der Hand zu weisen, dafür kann er anderes um so besser. Den Blick in die Zukunft beispielsweise. Hast du eine Frage? Kannst du dich nicht entscheiden, was du wie machen sollst? Kein Problem, frag einfach Yoda und schon wird dir geholfen. Schreck bitte nicht zurück, wenn ich dir sage, dass unser Held eine aus Papier gefaltete Fingerpuppe ist, eine Origami-Figur. Gebastelt hat sie der Schüler Dwight. Ein komischer Junge und äußerst seltsam ist es schon, dass er solch ein weises Ding mit sich herum trägt. Was du wissen solltest: Dwight ist ein Looser, der vieles falsch macht und oft Ärger hat. Er bohrt leidenschaftlich gerne in der Nase herum und wird von allen gehänselt. Nun taucht er eines Tages mit Yoda auf, der zu allen Fragen eine Antwort weiß.

In der gesamten McQuarrie Mittelschule führt das natürlich zu einer hellen Aufregung. Sein Mitschüler Tommy will herausfinden, ob das alles nur Hokuspokus ist oder ob da wirklich ein Fünkchen Wahrheit drin steckt. Dies möchte er ein bisschen aus Eigennutz, denn Yoda hat auch Tommy einen Rat gegeben und jetzt muss er eine Entscheidung treffen. Also legt er eine Akte an, in der jeder Schüler zu Wort kommt, der mit Yoda seine eigenen Erfahrungen gesammelt hat. Harvey – eine böse, ungläubige Zunge – kommentiert jeden Eintrag. Keine Bange, die Akte ist überhaupt nicht staubtrocken wie man es sonst von solchen Dokumenten kennt. Ganz im Gegenteil: Sie macht total Spaß und lacht gemeinsam mit uns.

Erfrischend und witzig ist das Buch von Tom Angleberger. Wenn man nicht aufpasst, kringeln sich die Münder der kleinen Leser und lassen sie mit Lachfalten zurück. „Gregs Tagebuch“ habe ich noch nicht kennengelernt, doch Gregs Witz ist mir bekannt. Der gute Junge sollte sich schleunigst warm anziehen, denn er hat hier eine ernstzunehmende Konkurrenz bekommen. Wer weiß, vielleicht hat Greg sich schon seinen eigenen Yoda gebastelt, die Anleitung gibt es nämlich dazu hinten im Buch.

Tom Angleberger.
Yoda ich bin! Alles ich weiß!
Altersempfehlung: 8 – 9 Jahre.
Februar 2011, 160 Seiten, 12,99 €.
Baumhaus.

Meister der Menschlichkeit.


Siegfried Lenz ist ein Meister kleiner Tragödien, die uns berühren und die vielleicht jeder so schon mal erlebt hat. Er erzählt sie uns auf einfühlsame und klare Weise. Das erinnert mich an einen starken Windstoß, der durch das offene Fenster weht und die Vorhänge aus einem Tiefschlaf erweckt. Ungewöhnlich wach bin ich immer, wenn ich Siegfried Lenz lese. Der Autor schildert uns das Leben, wie es täglich stattfindet. Das sieht er auch als seine Aufgabe: „Mir klar zu werden über dieses unglaubliche Dickicht des Lebens.“

Auf sein erzählerisches Können traf ich erneut in dem schmalen, feinen Band „Die Flut ist pünktlich.“ Hier fand ich kurze und längere Kurzprosa, die sich durch eine breite Vielfalt auszeichnet. Bereits die erste Geschichte „Die Flut ist pünktlich“ beeindruckte mich, weil ich Rätselhaftes liebe. Davon gibt es in der Episode jede Menge. Es geht um eine Frau und einen Mann, die den Wattgang des Ehemanns der Frau beobachten. Dieses Mal ist er später dran, als sonst. Das weiß die Frau. Schnell entfacht ein Gespräch über die Ehe, wie sie sich verändert hat, nachdem ihr Mann vor zwei Jahren aus Dhahran wieder gekehrt es. Trotz allem ist sie bei ihm geblieben, bis jetzt. Was genau passiert ist, und wie sie mit dem anderen Mann in Beziehung steht, bleibt in der Schwebe wie so vieles. Wesentlich offener und besonders warmherzig ist die Erzählung „Meine Straße“. Schon der erste Satz lädt ein, mehr zu erfahren: „Nein, in diese Gegend wollten wir nicht ziehen.“ Es ist der typische hamburgerische Schick, den uns der Autor Augenzwinkernd und sehr menschlich schildert. Mensch trifft nicht nur auf Mensch, auch auf die Geschichten, die zwischen ihnen liegen. Geradezu unerhört hingegen ist „Herr und Frau S. in Erwartung ihrer Gäste“. Man hat mehr das Gefühl, ein Theaterstück zu erleben. Das Drama ist gleich von Beginn spürbar und schafft sich mit dem Fortschreiten der Geschichte seinen eigenen Raum.

Unter dem Titel des Buches steht der Zusatz „Meistererzählungen“. Sobald man in den Band eintaucht und ihn hinterher zuschlägt, nickt man diesem Wort zu. Das Buch überzeugt durch seine nachhaltige Schlichtheit, die viel Menschlichkeit trägt. Es ist übrigens ein wunderbares Geschenk an Menschen, die einem nahe stehen und auch an Leute, die man nicht genau kennt. Unverbindlich und auf besondere Weise eindrucksvoll. Meisterhaft eben.

Siegfried Lenz.
Die Flut ist pünktlich. Meistererzählungen.
September 2010, 128 Seiten, 10,- €.
Hoffmann und Campe.

Nah und fern.

Es ist eine verstörende Geschichte, der ich mich nicht entziehen konnte. Das passt, denn um Anziehung und Abstoßung geht es hier. Der Roman beginnt mit einem Mann, der sich von Berlin nach Frankfurt/Oder begibt, um dort Fotos zu schießen. Weil die Bahn aber zu spät kommt, kauft Hermann Mildt erst gar keine Fahrkarte. Dieses Verhalten verrät schon viel über die eine Hauptperson in dem Debütroman „Silberfischchen“ von Inger-Maria Mahlke. Zu Beginn finde ich den pensionierten Polizeibeamten bereits sehr merkwürdig und irgendwie abstoßend. Ein ätzender Griesgram ist das, der aber auch Mitleid in mir erzeugt. Die junge Autorin strickt jedoch eine so faszinierende Geschichte, das man nicht anders kann und ihr folgt. Als die Schaffnerin wegen der Schwarzfahrerei Mildts Daten aufnehmen will, trifft er auf Jana Potulski. Jana ist eine polnische Putzfrau ohne Papiere. Sie entwischt jedoch und taucht kurze Zeit später an der Bushaltestelle auf. Die Polin erklärt Herrn Mildt, dass sie eine Unterkunft sucht und drängt sich ihn auf. Sie begleitet ihn bis zu ihm nach Hause. Die Wohnung wird der Schauplatz recht merkwürdiger Begebenheiten, die mir oft ein Stirnrunzeln beschert und mich nicht selten ratlos zurückgelassen haben. Was die Autorin dort erzählt, ist keineswegs abwegig. Es geht um einen alleinstehenden Witwer, der selbst von sich sagt, er stehe kurz vor der Verwahrlosung. Und eine Frau auf der Suche nach einem warmen Heim, für kurze Zeit. Nüchtern liest sich das Buch und erinnert mich an eine Dokumentation. Wenn da nicht zwischendurch die kleinen Einblicke in das Gefühlsleben des Herrn Mildt wären. Suspekt und skurril sind zwei weitere Wörter, die zum Buch passen. Wer Zeuge davon werden möchte, wie sich Anziehung und Abstoßung anfühlen, wird hier nicht enttäuscht. Ungewöhnlich, befremdlich, aber gut.

Inger-Maria Mahlke.
Silberfischchen.
Juli 2010, 199 Seiten, 16,95 €.
Aufbau Verlag.

Die Klappentexterin ♥ Inger-Maria Mahlke:
Die junge Autorin schafft es mit einem nüchternen, klaren Stil eine ungewöhnliche Geschichte zu erzählen, die mich verstört und anzieht.

Über die Autorin:
Inger-Maria Mahlke wurde 1977 in Hamburg geboren und lebt heute in Berlin. Sie hat an der Berliner FU Rechtswissenschaften studiert. 2005 war sie Teilnehmerin der Werkstatt für Nachwuchsautoren unter der Leitung von Herta Müller, 2008 Autorenwerkstatt der Jürgen-Ponto-Stiftung und 2009 Auswahl für die Autorenwerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin. 2009 gewann die Autorin den 17. open mike.

Ein eiskaltes Vergnügen.

Das ist ein besonderes Kinderbuch. Ich ahnte es schon, als ich „Hundewinter“ in den Händen hielt. Auf dem Cover ist ein Mädchen mit einem Hund zu sehen. Große Schneeflocken und ein brausender Wind fegen durch das Bild, doch die beiden laufen einfach weiter in den Wald hinein. Ich bin ihnen lesend gefolgt und möchte euch dieses wunderbare Buch ans Herz legen. K. A. Nuzum hat ein aufregendes und gefühlvolles Winterbuch für Kinder geschrieben, was große Kinder wie mich ebenso begeistert. Es handelt von Liebe, Verlust und Mut. Der Winter zieht sich durch das ganze Buch. Es ist kalt, schneit und ein kleines Mädchen namens Dessa guckt dem Treiben draußen zu. Richtig hinaus traut sie sich seit dem Tod ihrer Mutter nicht mehr. Dann bekommt sie jedes Mal Ohrenschmerzen. Aber Rettung naht in Gestalt eines Hundes, der genauso stur und Schicksal trotzend ist wie die Hauptfigur. Beide werden Freunde, so richtig dicke Freunde, wie man es sich in den fiesen Momenten des Lebens wünscht. Ihr Glück ist zerbrechlich und wird von einem Bären auf die harte Probe gestellt. Natürlich verrate ich euch nicht, wie das Ganze am Ende ausgeht. Nur so viel: Ich habe jede Seite verschlungen und hatte am Ende Schneeflocken im Haar, so sehr steckte ich dort drinnen. Schön, dass es noch solche Geschichten gibt, die uns zeigen, wie großartig es sein kann, über sich hinauszuwachsen.

K. A. Nuzum.
Hundewinter.
September 2010, 205 Seiten, 12,90 €.
Ab 10 Jahre.
Carlsen Verlag.

Kurz & gut.

Manchmal lese ich schneller als ich schreibe. In meinem Alltag komme ich teilweise nicht hinterher, weil ich nebenbei noch andere Dinge um mich herum habe: Einen Job, einen Liebsten, Freunde und Hobbys. Dann fehlt mir einfach die Zeit, für jedes Buch eine ausführliche Rezension zu schreiben. Folglich wandern Bücher ohne Worte zurück ins Regal. Das möchte ich jedoch nicht mehr, weil es mich traurig macht. Ich lese mit Bedacht gute Bücher und wünsche mir für jedes einen besonderen Platz auf meinem Blog. Deshalb wird es ab sofort bei mir auch Besprechungen geben, in denen ich kurz über Bücher berichte. Die Kürze soll aber den Stellenwert jenes Werkes nicht herabsetzen. Jedes Buch ist für mich eine Herzensangelegenheit – ob in kurzer oder ausführlicher Form.