Archiv der Kategorie: Der gute Laden

Das ist ja der Hammer!

„Ich möchte vor dem Literaturgott im Himmel auf die Knie gehen und ihm für jeden, aber für jeden verdammten Satz danken“, sagt Kurt von Hammerstein, wenn man ihn nach einem seiner liebsten Bücher fragt. 2666 von Roberto Bolaño ist so eins von vielen, die man in seiner Buchhandlung Hundt Hammer Stein in der Alten Schönhauser Straße findet. Sobald man im Souterrain angekommen ist, der eine Fuß noch halb auf der Treppe schwebend, spürt man schon, dass einem hier etwas Besonderes erwartet. Ein Gesandter vom Literaturgott persönlich ist hier am Werke.

Zuerst begrüßen mich auffällige Karten mit künstlerischen Berlinmotiven und die lustigen Joker Spruchkarten. Links von ihnen erstreckt sich ein wahres Paradies für alle Fans von englischsprachiger Literatur. Darauf legt Kurt von Hammerstein großen Wert, weil etliche Kunden in die Buchhandlung kommen, die englische Bücher kaufen. Aber auch viele Touristen tauchen hier ein. Ganze vier Regale sind mit englischen Titeln gefüllt. Selbst den kleinen Lesern erwartet ein kleines Paradies with english books. Auf der gegenüberliegenden Seite werden alle Liebhaber von feinster Literatur ebenfalls fündig. „Wir setzen nicht auf Bestseller“, sagt der Ladeninhaber. Er wählt mit Absicht keine Spitzentitel der Verlage aus. Stephenie Meyer hätten sie auch da, eins zwei Titel, mehr jedoch nicht. Die Kunden schätzen die Buchhandlung gerade wegen ihrer speziellen Auswahl. Hundt Hammer Stein pflegt eben einen gewissen Standard. Immer schon. Daran gibt es nichts zu rütteln, selbst die Vertreter von großen Publikumsverlagen können es manchmal nicht glauben, wenn der Buchhändler ausgerechnet die Titel aussucht, auf die der Verlag keinen Schwerpunkt setzt. „Das kann man doch nicht machen!“ höre ich manchen Vertreter sagen. Doch das kann er. Sehr gut sogar, einige Jahre schon. Seit 2004 ist die Alte Schönhauser Straße durch einen besonderen Laden schöner geworden.

Entstanden ist die Idee beinah zufällig. Nach einem abgebrochenen Literaturstudium hatte Kurt von Hammerstein sich zunächst auf Online Education spezialisiert. Er wollte bald jedoch was Eigenes auf die Beine stellen. Eine Kneipe schwebte ihm da vor Augen. Eine Freundin hatte dagegen eine viel bessere Idee: „Lass uns eine Buchhandlung eröffnen!“ Gesagt, getan. Also sind die beiden erst einmal zum Börsenverein des Deutschen Buchhandels gegangen. Dort haben sie sich eine Übersicht von allen Buchhandlungen Berlins geholt, eine Berlin-Karte ausgebreitet und mit Nadeln die Flächen abgesteckt, die schon mit Buchhandlungen bestückt waren. In Mitte waren nur ganz wenige. Der Ort war also gefunden. In der Alten Schönhauser Straße haben sie schließlich vor einem aus Holz verbarrikadierten Laden mit Souterrain gestanden und wussten: Das ist es! Seitdem gibt es Hundt Hammer Stein. Cecily von Hundt – seine Mitstreiterin – ist mit ihrer Hündin, Momo, 2007 zurück in den Süden gegangen – das Heimweh war zu groß.

Kurt von Hammerstein ist geblieben und mit ihm ein Stückchen Erde, das jeden Bücherfreund von guter Literatur glücklich macht. Liebevoll liegen auf den Tischen besondere Werke, wie man sie in großen Läden selten findet. „Unser Publikum hat oft einen akademischen Hintergrund und legt dementsprechend einen hohen Anspruch bei Büchern“, erzählt er. Der Babyboom in Mitte und Prenzlauer Berg hat ihn zudem dazu inspiriert eine Kinderbuchecke einzurichten. „Die“, sagt er, „liebe ich besonders.“ Dann erzählt er euphorisch von seinem liebsten Kinderbuch, das sich liest „wie Kästner auf LSD.“ Es handelt sich um „Sie sind ein schlechter Mensch, Mr Gum“ von Andy Stanton. Übersetzt hat es Harry Rowohlt.

Mit seiner Angestellten, Dana Sachse, und der Auszubildenden, Urte Beer, führt Kurt von Hammerstein den Laden, der 60 Quadratmeter groß ist. „Wir drei ergänzen uns prima, weil jeder einen anderen Büchergeschmack hat“, berichtet Kurt von Hammerstein während er ein Buch in das schöne Geschenkpapier einwickelt. Orange ist es wie eine saftige Apfelsine und zum Schluss kommt in die Mitte der firmeneigene Stempel drauf. Dort bewacht Momo das eingepackte Buch und guckt zum Schriftzug Hundt Hammer Stein als wäre es ein ganz besonderes feiner Knochen.

„Wie kann sich so eine ausgewählte Buchhandlung halten?“ frage ich einige Minuten später. Eine Antwort brauche ich eigentlich nicht. Mittlerweile sitzen wir vor dem Eingang auf zwei Stühlen. Jeder zweite Passant, der an uns vorbeiläuft, grüßt den Buchhändler oder winkt ihm auf dem Fahrrad zu. Ich habe das Gefühl nicht nur neben einem Ladeninhaber zu sitzen, sondern auch neben einem Menschen, der hier einen Ort geschaffen hat, wo jeder gern ein- und ausgeht. „Es ist ein unwahrscheinlich tolles Gefühl“, sagt er. Es macht ihn sehr glücklich, seine Bücher, die er liebt, an andere zu empfehlen. Dies tut er mit so viel Leidenschaft, dass selbst mir manchmal die Luft wegbleibt. Für jeden seiner Autoren findet er die richtigen Worte, dass ich beispielsweise ernsthaft darüber nachdenke, vielleicht doch nochmal in den David Mitchell reinzulesen.

Der Buchhändler ist wahrlich eine Literaturexperte auf höchstem Niveau. Er hat ein Gespür für die Vorlieben seiner Kunden. Das merke ich daran, weil er ganz genau hinhört, was ich sage, was ich lese und warum ich es tue. Als ich ihm beispielsweise davon berichte, dass ich mit Michael Chabon nie warm geworden bin, fragt Kurt von Hammerstein mich nach dem Titel. Es hieß: „Die Vereinigung jiddischer Polizisten“. „Das war ein Fehlstart. Wonder Boys solltest du lesen. Es ist eines seiner besten und wurde auch verfilmt.“ Wieder vor dem Literaturgott niederknien? So in etwa. Das sagt er zwar nicht, da ich es nicht laut ausspreche. Sein Leuchten in den Augen verraten mir hingegen alles. Also kaufe ich es. Und nun habe ich den Roman schon durchgelesen, in einem Ruck, weil es tatsächlich ein großartiges Buch ist, das einen von der ersten Seite packt. Als großer Chabon-Fan empfiehlt Kurt von Hammerstein aktuell auch in seinem Laden:
Schurken der Landstraße. „Das Buch hat einfach unglaubliche Dialoge, intelligent und philosophisch.“

Ich freue mich, eine besondere Buchhandlung in der Mitte Berlins entdeckt zu haben. Es ist schön zu sehen, dass es sie wahrlich noch gibt, die Buchhändler, die mit jedem Herzschlag für ihre Bücher kämpfen, mit jeder Seite und jedem Augenschlag. Kurt von Hammerstein ist einer von ihnen.

Hundt Hammer Stein Buchhändler:
Alte Schönhauser Straße 23/24
Telefon: 030 – 23 45 76 69
Internet: www.hundthammerstein.de

Die Öffnungszeiten sind:
Montag bis Freitag 11 bis 19.30 Uhr.
Samstag 11 bis 19 Uhr.

Regenbogenland für Bücherfreunde.


Wie ein Bad in einem satten Regenbogen. So fühlt es sich an, wenn man den temporären Buchladen in der Berliner Linienstraße betritt. Von links und rechts umgeben einen die farbigen Ausgaben der edition-Suhrkamp und der bibliothek-Suhrkamp. Sie schmücken in Regalen – die bis knapp unter die Decke reichen – die weißen Wände. Es dauert nur wenige Sekunden und man lächelt automatisch, weil Farben jeden Menschen glücklich machen. Auch die Sitzecke ist von dem Farbstrudel erfasst worden. Grüne, gelbe, rote, grüne, blaue Vierecke tummeln sich auf den Polstern.

Geöffnet hat der edition-suhrkamp-laden seit dem 6. Mai (Die Klappentexterin berichtete) und wird dies erst einmal bis zum 24. Juli bleiben. „Entstanden ist die Idee, als klar war, dass Suhrkamp nach Berlin kommt,“ erzählt Marc Iven, Mitbetreiber der Fürst & Iven autorenbuchhandlung am Savignyplatz. Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Joachim Fürst hat er sich für das Projekt begeistert und mit dem Verlag den Laden aus der Taufe gehoben. Im Vordergrund stehen – neben den Suhrkamp Publikationen – vor allen Veranstaltungen. Alle sind gratis und gut besucht.

Dienstag ist Kinotag. Gezeigt werden Filme über Schriftsteller und Literatur. Donnerstags knistert es schon mal, wenn die Spannung im Laden steigt: An den Abenden stehen Lesungen und Diskussionen im Vordergrund. „Man kommt immer automatisch ins Gespräch. Dazu ist Literatur ja da, dass man drüber spricht. Manchmal wird schon sehr diskutiert“, erzählt Iven. Zwei Tage später – am Samstag – gehört der Laden ab 16 Uhr ganz den Autoren. Hier haben sie Freiräume und lassen ihrer Kreativität freien Lauf. Die Besucher erwartet mehr als eine einfache Lesung. Rainald Goetz beispielsweise ist hier nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder aufgetreten und hat einfach sein Arbeitszimmer mitgebracht.

Der Laden ist unglaublich gut angenommen worden. „Die Menschen sind neugierig und manchmal reicht der Raum gar nicht aus“, berichtet Iven. Die Tische haben Räder, so dass sie sich für die Veranstaltungen schnell aus den Raum rausschieben lassen. Im Untergeschoss werden Dia-Vorträge gezeigt, aber der Aufenthaltsraum bleibt die Verkaufsfläche. Sie ist sehr schlicht gehalten. Dadurch bekommen die Bücher ihren eigenen Raum und natürlich die Regenbogenwand.

Fazit: Den Machern ist wirklich ein wunderbares Ambiente und ein Ort gelungen, wo sich jeder Bücherfreund wohlfühlt. Wenn man den Raum verlässt, sieht man tatsächlich ein bisschen aus wie ein glücklicher Regenbogen.

Die Öffnungszeiten sind:
Dienstag bis Freitag 13-20 Uhr
Samstag 11 – 20 Uhr
http://www.edition-suhrkamp-laden.de

Natürlich verlässt die Klappentexterin nicht eher eine Buchhandlung, bevor sie persönliche Empfehlungen mitgenommen hat.

Marc Iven schwärmt für:
Pablo Alabarces: Für Messi sterben? Der Fußball und die Erfindung der argentinischen Nation. „Hier spürt man mit jeder Seite die Identifikation mit den Fußballern. Das begeistert!“


Slatan Dudow: Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt? „Ein großartiger Film, der 80 Jahre alt ist und trotzdem noch unglaublich modern wirkt.“

Eine zauberhafte Begegnung.

Ja, ist das denn die Möglichkeit? Gestern noch habe ich an Sylvia Beach und Adrienne Monnier gedacht. Heute haben sie mir geantwortet, zumindest Adrienne Monnier. Mir ist bei Zweitausendeins folgendes Buch in die Hand gefallen:


Adrienne Monnier: Aufzeichnungen aus der Rue de l’Odéon. Erste Auflage 1998, Suhrkamp.

Mein Klappentexterin♥ schlägt Purzelbäume und ich? Ich folge weiterhin den beiden Damen und freue mich schon jetzt auf weitere Begegnungen.

Das gute Buch im guten Laden.

Ich liebe gute Bücher und gebe vor allen denen, die nicht auf der Bestsellerliste stehen, hier eine Stimme. Und ich reiche sie weiter an Autorinnen und Autoren, die solche Werke schreiben. Nun fehlt in der Reihe noch der Ort, wo man sie am liebsten kauft: Der gute Laden. Deshalb werde ich mich ab sofort in Berlin auf die Suche nach solchen Buchhandlungen machen und darüber berichten. Ich möchte den Charme und den Zauber einfangen, die man in den großen uns bekannten, sogenannten Kettenbuchhandlungen nicht mehr findet.

Als kleine Einstimmung gibt es ein Foto von der bekannten „Shakespeare & Company“ Buchhandlung in Paris. 1919 eröffnete die junge Sylvia Beach in der Rue de l’Odéon diesen Laden. Ich fühle mich sehr mit Sylvia und ihrer Freundin Adrienne Monnier – die ebenfalls eine Buchhandlung direkt gegenüber führte – verbunden. Beide liebten die Bücher und die Schriftsteller. Da sehe ich es als Klappentexterinpflicht, ihren Geist zu folgen.