Lucrezia und das zweite Gesicht.

Historische Romane gehören eher nicht zu meinen Favoriten, aber an Maggie O’Farrell komme ich nicht vorbei. Die preisgekrönte nordirische Autorin hat eine Sprache, bei der man Raum und Zeit vergessen kann. Bevor du nachdenken kannst, fällst du in ein bildstarkes und stimmungsvolles Ambiente, bist darin gefangen wie im Netz einer Spinne.

In ihrem neuen Roman reist O’Farrell mit uns ins Jahr 1560 und erzählt die tragische Geschichte von Lucrezia di Cosimo de‘ Medici Florenz. Welch ein Name! Lucrezia ist das fünfte Kind einer aristokratischen Familie. Als sie gezeugt wird, ist ihre Mutter Eleonora völlig in einer eigenen Gedankenwelt gefangen. Das mag sich auf Lucrezia übertragen haben, denn das Mädchen ist so ganz anders als ihre Geschwister: einerseits ein Wildfang und andererseits unglaublich feinsinnig, künstlerisch begabt, voller Phantasie. Und sie hat eine übersinnliche Begabung, was bei einer der stärksten Szenen der Geschichte offensichtlich wird.

Lucrezias Vater hat eine Leidenschaft für wilde Tiere und hält im Keller des Schlosses eine Menagerie mit Löwen, Affen und einem Wolf. Und es kommt sogar noch eine Tigerin dazu. Als der Vater den Kindern seine Sammlung zeigt, bleibt Lucrezia vor dem Käfig mit der Tigerin stehen. Die Raubkatze hat sich versteckt, doch als sie Lucrezia entdeckt, nähert sie sich dem Mädchen und dann, ja dann passieren merkwürdige Dinge.

Foto: Maggie O’Farrell | © Murdo Macleod

Lucrezias Kindheit endet viel zu früh. Ihre Schwester stirbt, so wird die Jüngere Alfonso II., Herzog von Ferrera, zur Frau versprochen. Mit gerade mal zwölf Jahren. Zwei Jahre kann ihr Kindermädchen die Vermählung hinauszögern, doch dann muss Lucrezia den 26jährigen Mann heiraten und verlässt den elterlichen Hof. Ihr Mann ist seltsam, einerseits durchaus dem Mädchen zugewandt, kann er im nächsten Moment unbeherrscht und aufbrausend sein. Er hat ein zweites Gesicht, das spürt Lucrezia. Sie kann dem geheimnisvollen Mann nicht entkommen, ahnt und fühlt immer mehr.

Ein wirklich packender Roman! Spannend, betörend, mitreißend und mit einem unglaublichen Finale. Das Porträt einer außergewöhnlichen Frau, ein berührendes und aufregendes Sittengemälde, das seinesgleichen sucht. Der perfekte Lesestoff für lange Wintertage! Für Liebhaberinnen des historischen Romanes ein Muss, aber auch für alle anderen ein echtes Erlebnis.

Maggie O’Farrell: Porträt einer Ehe. Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Bodmer. Piper, Oktober 2022, 464 Seiten, 24,- €.

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