Es bleibt spannend!

Weiter geht’s durch spannende Seiten dieses Herbstes. So folgt der zweite Teil meines Krimi-Spezials. Den Auftakt findet ihr hier. Heute erwarten euch drei – wie ich finde – äußerst bemerkenswerte Autorinnen. Drei unterschiedliche Bücher und doch eint alle eins: Sie enthalten erstklassigen und absolut packenden Stoff!

Liz Nugent – Auf der Lauer liegen

Es gibt Bücher, die machen was mit dir. Liz Nugent hat genau das mit mich mit ihrem Krimi „Auf der Lauer liegen“ bei mir geschafft. Ein verstörendes, befremdliches und gleichermaßen faszinierendes Buch! Gleich zu Beginn bin ich Zeugin eines Mordes und kenne bereits die Täter: Lydia und ihr Mann Andrew bringen im Auto eine junge Frau um. Was ist passiert? Zunächst mutet die Geschichte wie ein klassischer Krimi an, doch er entwickelt sich mehr und mehr zu einem psychologischen Kammerspiel.

Die Eheleute Fitzsimons leben mit ihrem Sohn Laurence in einem Herrenhaus. Eigentlich können sie sich das stattliche Anwesen gar nicht mehr nicht mehr leisten. Aber Andrew hält daran fest. Er ist Anwalt, seine Frau die klassische Hausfrau. Nach der Tat wiegen sie sich in Sicherheit mit ihrem dunklen Geheimnis, doch ihr Sohn hat mehr mitbekommen, als das Ehepaar ahnt. Während Andrew zunehmend die Fassung verliert, scheint seine Frau Nerven aus Stahl zu haben.

Liz Nugent überrascht uns mit wechselnden Erzählperspektiven. So befinde ich mich mal im Kopf von Lydia, dann bin ich plötzlich Laurence oder Karen. Letztere ist die Schwester der Ermordeten. Allerdings weiß Karen nicht, dass Annie nicht mehr lebt. Dabei sind fast fünf Jahre seit ihrem Verschwinden vergangen.

Was mich an der Story besonders verstört hat, ist das, wozu Menschen fähig sind. Dabei geht es nicht nur um Mord, sondern auch um Manipulation und Abhängigkeit. Das ewige Nicht-Loslassen-können. Die Verbindungen zwischen den Beteiligten vibrieren, und auch du musst immer weiterlesen, keine Pause ist gestattet. Lydias bedingungslose Abhängigkeit zu ihrem Sohn, Karens Beharrlichkeit, nicht aufgeben zu wollen und Laurence oszilliert irgendwo dazwischen. Liz Nugent hält die Spannung wie ein gespanntes Seil, und wir balancieren zwischen Himmel und Hölle. Ja, das macht was mit dir. Und dieses Das ist wahnsinnig aufregend!

Liz Nugent: Auf der Lauer liegen. Aus dem Englischen übersetzt von Kathrin Razum. Steidl, August 2022, 352 Seiten, gebunden mit Lesebändchen, 28,- €

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Attica Locke – Pleasantville

„Pleasantville“ in nur wenigen Zeilen wiederzugeben ist schier unmöglich. Zu vielschichtig sind Attica Lockes Bücher. Gut, die Story beginnt wie ein klassischer Krimi: Ein Mädchen verschwindet und wird wenig später tot aufgefunden. Sie war eine Wahlhelferin, und schon bekommt der Fall eine politische Note.

Wir schreiben das Jahr 1996, Bill Clinton ist gerade zum Präsidenten wiedergewählt worden. Zeitgleich laufen die Vorbereitungen der Wahlen für das Bürgermeisteramt in Houston. Erstmalig ist in Axel Hathorne ein schwarzer Kandidat der Favorit. Aber dann wird Hathornes Neffe beschuldigt, das Mädchen ermordet zu haben. Nun wird es wirklich interessant. Was ist noch wahr? Was ist bereits Berechnung? Und was Manipulation? Ist sogar Hathornes Kontrahentin – die Strafverteidigerin Sandy Walcott – in den Fall verwickelt? Und welche Verbindung besteht zu den gewaltsamen Todesfällen von zwei anderen Mädchen?

Der Rechtsanwalt Jay Porter soll nun Neal, den Beschuldigten, verteidigen. Porter ist alleinerziehender Vater, jongliert zwischen Familienleben und Job, eigenen Ansprüchen an die Gerechtigkeit und hat obendrein noch einen zeitraubenden Prozess gegen ein Chemie-Unternehmen am Laufen. Nun dieser Fall. Dann wird er auch noch attackiert.

Wieder einmal wird mir bewusst, warum ich Krimis aus dem Polar Verlag schätze. Sie sind mehr als normale Krimis, in ihnen finde ich das wieder, was ich an den hochkarätigen Serien wie The Wire und Homicide so geschätzt habe: Tiefe, gesellschaftskritische Töne und trotz aller Gewalt Menschlichkeit. Ich sage euch – spannungsgeladenen Stunden warten auf euch. Mehr können wir von einem guten Krimi nicht erwarten.

Attica Locke: Pleasantville. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Andrea Stumpf, herausgegeben von Wolfgang Franßen, Polar, November 2022, 450 Seiten, gebunden mit Lesebändchen, 26,- €.

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Viveca Sten – Kalt und still

„Kalt und still“ von Viveca Sten ist ein Winterkrimi im allerbesten Sinne. Die Kulisse ist winterlich, doch unberührt und friedlich wie eine Schneedecke ist hier gar nichts. Die Stockholmer Polizistin Hanna Ahlander wird von ihrem Freund verlassen und soll dann auch noch sofort aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen. Ausgerechnet an dem Tag, als sie ihren Job verliert.

Hanna flüchtet in die Ferienwohnung ihrer Schwester nach Åre. In diesem beschaulichen Ort verschwindet dann kurz vor Weihnachten die 18jährige Amanda, als sie nachts von einer Party auf dem Weg nach Hause ist. Irgendwie schafft es Hanna, an den Ermittlungen beteiligt zu werden.

Viveca Sten ist bekannt als „Meisterin der sanften Erschütterung“. Diesem Markenzeichen wird sie in ihrem aktuellen Krimi erneut gerecht. Sie taucht tief in die Seelen aller Akteure und beleuchtet ihre dunklen Seiten der Seelen – selbst die des leitenden Kommissars. Das Setting ist wundervoll winterlich mit der eingeschneiten Landschaft am Polarkreis. Aber der Rest, der ist echt finster. Denn der auf den ersten Blick eindeutige Fall entwickelt sich auf den zweiten zu einer komplexen Sache. Wer unblutige, aber psychologisch ausgefeilte Krimis mag, der sollte „Kalt und still“ an eben so einem kalten und stillen Winterabend lesen.

Viveca Sten: Kalt und still. Aus dem Schwedischen übersetzt von Dagmar Lendt. dtv, Oktober 2022, 512 Seiten, Paperback, 16,95 €.

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