Thomas Wörtche über Krimis.

Foto: Thomas Wörtche | © Anna Hoffmann – 09.2022

Wie bereits hier angekündigt, ist heute Thomas Wörtche bei uns zu Gast. Der Publizist, Literaturwissenschaftlicher, Kritiker beschäftigt sich für Print, Online und Radio mit Büchern, Bildern und Musik, schwerpunktmäßig mit internationaler crime fiction in allen medialen Formen, und mit Literatur aus Lateinamerika, Asien, Afrika und Australien/Ozeanien. Herausgeber der »global crime«-Reihe metro in Kooperation mit dem Unionsverlag (1999 – 2007), der Reihe »Penser Pulp« bei Diaphanes (2013-2014). Thomas Wörtche gibt ein eigenes Krimi-Programm für Suhrkamp heraus.

Klappentexterin: Wie steht es um die Krimis in unserem Land?
Thomas Wörtche: Das, liebe Frau Finkenwirth, sind eigentlich zwei Fragen: Einmal – der Markt. Dem geht es gar nicht so schlecht, verlässliche Seller wie Fitzek, Nele Neuhaus oder Klaus-Peter Wolf bringen hohe Umsätze, das gilt auch für die sogenannten „Destination“-Krimis, also Krimis, die in der Deutschen liebsten Urlaubsregionen spielen, in der Bretagne, auf Kreta und so weiter. Dieser Typus ist eigentlich nur die Fernreisevariante des deutschen Regio-Krimis, der immer noch blüht. Dazu kommen Phänomene wie die „Achtsam-Morden“-Serie, die man als taste of the year bezeichnen könnte, obwohl sie auch ganz schön persistent sein können – so wie „Knödel“- und „Allgäu“-Krimis. Immer noch fröhlich rollt die nordische Welle und auch anglophone „Schlachteplatten“ haben stets ein großes Publikum.  

Das alles schafft ein günstiges Markt-Klima für das Genre. Allerdings – zweitens: Neben diesem „U“-Segment gibt es ein immer stärker werdendes „E“-Segment, um´s mal so auszudrücken. Kriminalromane, die das sind, was sie sind: Romane, nach allen Maßgaben der Literatur. Manche Leute sagen dazu „Arthouse“.  Das sagt nicht unbedingt etwas über absolute Zahlen aus – aber Autor:innen wie Andreas Pflüger, Friedrich Ani, Merle Kröger, Max Annas, Oliver Bottini, Franz Dobler, Regina Nössler, Zoë Beck, Simone Buchholz, Matthias Wittekindt oder Monika Geier gehören in ein anderes Register, das gilt auch für viele Romane aus Japan, Korea oder Hongkong oder China, aus Spanien, Lateinamerika und Afrika, die sich peu à peu hierzulande etablieren können. Und natürlich aus Australien, mit den beiden Flaggschiffen Garry Disher und Candice Fox. Allerdings hat diese Sorte Kriminalliteratur mit den oben genannten Standard-Formaten manchmal nur noch sehr wenig zu tun, so dass für die Rezeption der Begriff „Krimi“ anfängt, lästig zu werden, weil die Texte, die er definieren soll, bis zum tertium non datur literarisch/ästhetisch auseinanderliegen.
Kriminalliteratur hat sich formal und inhaltlich derart diversifiziert, dass kaum noch Gemeinsamkeiten zu finden sind. Kriminalliteratur, aber das hat sie immer schon ausgezeichnet, entwickelt sich, manchmal schneller, manchmal langsamer – aber derzeit eher radikal, mit der Gefahr eben, dass der Begriff unbrauchbar werden könnte. Ich sehe das als Chance.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Suhrkamp?
Der Suhrkamp Verlag und ich sind schon lange Zeit umeinander herumgeschlichen, das erste Mal 1998. Aber irgendwie war die Situation immer ungünstig, aus den unterschiedlichsten Gründen.  Der leider viel zu früh gestorbene Cheflektor Raimund Fellinger hatte aber immer im Hintergrund gewirkt. 2014 hat dann aber alles gepasst, nach einer Reihe von zunächst „unschuldigen“ Gesprächen mit dem Programmleiter Taschenbuch, Winfried Hörning, kamen wir dann zusammen, glücklicherweise.

Wie haben Sie Candice Fox aufgespürt? Mögen Sie ein paar Worte zu dieser bemerkenswerten Autorin sagen?
Auf Candice Fox bin ich mit ihrem ersten Roman, „Hades“ gestoßen. Ihr deutschsprachiger Agent Christian Dittus, der meine Arbeit für „metro“, die Reihe, die ich in Kooperation mit dem Unionsverlag 1999 bis 2007 herausgegeben hatte,  gut kannte, ahnte, dass Candice Fox genau in mein Beuteschema passte: eine damals noch sehr junge Autorin mit einer unglaublichen Fantasie, mit einer Fähigkeit, Konventionen des Genres auseinanderzunehmen und ganz überraschend neu zusammenzubauen, mit einem feinen Gespür für timing, für außergewöhnliche Figuren, mit hoher Intelligenz und Witz, und der Fähigkeit, die Leser:innen in ihre Geschichten zu ziehen. Perfekt. Und rasend erfolgreich zudem.

Sie lassen sich nicht in die Karten schauen, aber wollen Sie mir trotzdem ein bisschen verraten, wie Sie bei Ihrer Suche vorgehen?
Naja, es gibt verschiedene Pipelines: Da sind zunächst einmal die Agenturen aus aller Welt, die einen mit Texten aller Art versorgen. Gute Agenturen wissen so ungefähr, was man brauchen könnte. Dann habe ich eine Menge Kolleg:innen, auch aus aller Welt, mit denen ich mich austausche. Ich lese Zeitungen, wühle im Netz, kenne viele Menschen, deren Meinungen und Hinweise auf Bücher ich schätze und einschätzen kann, Übersetzer:innen schleppen Texte an, und ich lese viel, und denke schon, dass ich nach so vielen Jahren im Geschäft ungefähr weiß, wo ich hinlangen muss. Und ganz, ganz selten schlägt ein unaufgefordert eingesandtes Manuskript ein, wie gerade Sybille Ruges „Davenport 160×90“, aber das ist die absolute Ausnahme – eins unter Tausenden.

Sehe ich das richtig, dass Sie vornehmlich deutsche und englischsprachige Krimis herausgeben? Warum?
Das ist bis jetzt eher Zufall, mit Matteo Strukul hatte ich schon einen italienischen Autor im Programm, mit Jesús Cañadas kommt im nächsten Jahr ein spanischer Autor, mit Hervé Le Corre ein französischer. Richtig ist allerdings, dass ich keine Autor:innen mache, die aus Sprachen und Kulturen kommen, die ich nicht selbst lesen oder einschätzen kann, ich verlasse mich ungern auf Gutachten, die ich nicht kontrollieren kann. Kann sein, dass mir dadurch einiges durch die Lappen geht, aber hey, die Welt ist groß und voller wunderbarer Bücher. Die anglophone Welt und die Romania decken schon viel ab. Und man soll natürlich nie nie sagen.

Was muss ein Krimi mitbringen, damit er in Ihre Verlagsliste aufgenommen wird?
Das lässt sich nicht schematisieren, da sind viele Faktoren im Spiel. Natürlich muss mich der Text interessieren, ästhetisch und intellektuell. Plot ist da zweitrangig – wenn ich einen guten Plot habe, das Buch aber grottig geschrieben ist, pas de chance. Oder das Buch ist gut geschrieben, hat aber keine Geschichte zu erzählen oder keine interessanten Figuren, pas de chance. Hat das Buch gute, frische, gar unkonventionelle Ideen, einen eigenen Ton, originelle Figuren, eine gewisse Artistik des Erzählens   und auch noch eine gute Geschichte, dann kommen wir der Sache näher. Bücher, die über das Thema kommen, also Bücher „über“ irgendetwas (Klimawandel, Corona etc.) betrachte ich eher skeptisch. „Engagierte“ Romane, die sich lesen wir Pamphlete oder Diskurse mit Spielhandlung oder Schulfunk (hat man öfters bei „historischen“ Krimis“ à la Volker Kutscher) versuche ich, zu vermeiden. Was nicht heißt, dass ich nicht auf die „Haltung“ eines Romans achte, die ist sogar sehr wichtig. Aber „Haltung“ manifestiert sich nicht nur auf der Handlungsebene, da muss die meaning of structure eben auch passen.
Und wenn Romane auch noch mit Komik (auf keinen Fall aber „mit Humor gewürzt“) arbeiten, mit dem Bizarren und Grotesken, dem Abseitigen, Marginalisierten, Abweichenden – welcome (bitte nicht mit schenkelklopfender Lustischkeit verwechseln, sowas hat nicht die geringste Chance bei mir). Und dann kommen natürlich strategische Überlegungen dazu: Passt der Roman in mein Programm? Oder wäre er anderswo besser aufgehoben? Ist das Buch zu nahe an einem anderen Buch meines Programms? Springt das Buch auf einen Trend auf? Da bin ich lieber die Lokomotive als der Anhänger.  Also eher: könnte es einen Trend setzen? Lässt es sich vermutlich gut verkaufen? Das soll es nämlich dringend tun – es geht natürlich auch um Geld. Aber es weiß kein Mensch vorher, ob ein Buch ein Bestseller wird oder nicht. Das ist schon spannend. Wichtig ist auch, wie ernst sich die Autorin, der Autor nimmt, d.h. ich möchte Bücher, die geschrieben werden müssen, nicht solche, die man mal so schreiben kann. Wenn mich eine Autorin oder ein Autor fragt, wie ich das Buch denn gerne hätte, ist die Zusammenarbeit schon beendet. Ich mag auch gerne grenzgängige Bücher, Genre-Hybride zum Beispiel, oder Bücher, die man nicht genau einsortieren kann, die sich angeblich festliegenden Kriterien verweigern.

Welcher Krimi hat Sie zuletzt besonders begeistert?
Ich rede mal jetzt nicht pro domo. Oliver Bottinis „Einmal noch sterben“ hat mich gerade sehr beeindruckt, ein ungeheuer intelligenter Polit-Thriller.

Welchen Krimiautor:innen würden Sie hierzulande noch mehr Aufmerksamkeit wünschen?
Oh, da könnte ich jetzt ganze Seiten vollschreiben. Auf jeden Fall ist hierzulande Regina Nössler sträflich unterschätzt, so eigenständig, klug und widerborstig allen Konventionen gegenüber sie ist. Ivy Pochoda sollte viel mehr gefeiert werden, dito Colin Niel. Aber wie gesagt ….

Was fasziniert Sie an der Krimiliteratur?
Dass sie aus dem ganzen Irrsinn dieser Welt, der Gewalt, dem Verbrechen, die es überall gibt, die alle gesellschaftlichen Bereiche konstitutiv durchdringen, große Kunst machen kann, die die Augen nicht zumacht. Und dass sie das auf unendliche viele, unendlich spannende Arten tun kann, als Literatur, aber auch multimedial, was schon immer ein fester Bestandteil von Crime Fiction war und ist.

Wenn Sie nicht gerade Krimis lesen, was bevorzugen Sie dann für Literatur?
Ich bin ein literarischer Allesfresser – ich lese Noncrime-Romane, viel Kulturgeschichte, Soziologie, Theorie, Comics, Science Fiction, immer wieder Patrick O´Brian, Kafka, Joyce oder Homer. Aber – man kommt ja zu nix, und zum Fremdlesen aus reiner Muse habe ich viel zu wenig Zeit, und bewegte Bilder will ich ja auch noch zur Kenntnis nehmen. Naja, Déformation professionelle … 

Die Klappentexterin dankt für das Interview und ist schon jetzt auf die nächsten Krimis gespannt!

Werbung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s