Kriminell gut!

Krimi ist nicht gleich Krimi. Nachdem ich zuletzt zahlreiche, spannende Sachen gelesen habe, bin ich erst so richtig auf die Vielfältigkeit dieses Genres gestoßen.

Da gibt es den klassischen Thriller, das nicht minder klassische Crime Noir, die Großstadtkrimis, zuletzt viele regionale Krimis, und dann noch die Underdogs, wie auch die bekannten Größen. So konnte ich neue Lieblingsverlage für mich entdecken, den Polar Verlag zum Beispiel. Nun ist es an der Zeit, euch im Rahmen eines Krimi-Spezials dieses aufregende Spannungsfeld mit all seinen Facetten zu präsentieren. Seht es als Hommage an dieses große, großartige Genre.

Ganz besonders freue ich mich, dass ich Thomas Wörtche für ein Interview gewinnen konnte. Der Publizist ist ein ausgewiesener Experte auf diesem literarischen Gebiet und hat bei Suhrkamp seine eigene Krimi-Reihe. Bisher hat mich nie ein Buch aus seiner Edition enttäuscht.
Candice Fox zählt zu einer meiner großen Entdeckungen, die ich Thomas Wörtche zu verdanken habe. Wie schafft er das, stets wirklich gute Krimi-Literatur an Land zu ziehen? Wie geht der Experte an die Auswahl heran? Da die Klappentexterin von Natur aus neugierig ist, ist sie dem nachgegangen. Das Interview gibt es in den kommenden Tagen an dieser Stelle. Nun lasst erst einmal die Bücher sprechen.

Sybille Ruge – Davenport 160 x 90

Herbst und Winter geizen nicht mit trüben Tagen. Da empfehle ich natürlich ein gutes Buch, gern auch eines voller Spannung und Witz. Sybille Ruge erfüllt beide Voraussetzungen.
„Davenport 160 x 90“ klingt erstmal nach der Beschreibung eines Bettes. Also anders als die reißerischen Titel herkömmlicher Krimis. Und dieser ist tatsächlich auf wohltuende Art anders.

Wir begegnen Sonja Slanski, die als Ich-Erzählerin eine Inkassofirma betreibt. Klingt erstmal nicht so sympathisch, aber das ändert sich im Laufe der Geschichte. Denn ihr „Forderungsmanagement“ hat ganz eigene Methoden. Als Sonja den Auftrag einer wohlhabenden Lady annimmt, gerät plötzlich ihr eigenes Leben aus den Fugen. Erst steht ihre Halbschwester vor der Tür und wird wenig später in Sonjas Wohnung ermordet. Galt der Anschlag wohlmöglich Sonja? Schließlich hat sie im Auftrag besagter Lady einer dubiosen Anwaltskanzlei mächtig Druck gemacht.

Dieses Buch sprüht vor Energie und hat einen frechen Ton, den ich bislang nur aus den Krimis von Simone Buchholz kannte. Tobias Gohlis – Juror der Krimibestenliste – sagt über diesen Krimi: „Ein überragendes Meisterwerk, das neue Maßstäbe setzt.“ Dem möchte ich nichts hinzufügen. Gut, vielleicht noch dies: Ein Krimi, der die Schlechtwetterlaune eiskalt abblitzen lässt.

Sybille Ruge: Davenport 160 x 90, Suhrkamp, 261 Seiten, 15,- €. Herausgegeben von Thomas Wörtche.

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S. A. Cosby: Die Rache der Väter

Barack Obama und ich haben eine Gemeinsamkeit: Wir schätzen gute Bücher. Jedenfalls gehört „Die Rache der Väter“ von S.A. Cosby sowohl zu Obamas als auch zu meinen Favoriten.


Und schon nach den ersten Seiten höre ich mein Blut rauschen, derart geladen ist die Story. Im Mittelpunkt stehen Ike und Buddy. Die beiden verbindet erstmal wenig, sie sind wie Tag und Nacht, sehen auch so aus. Ike ist Schwarzer, Buddy Weißer, aber ihre Dialoge bestechen durch einen lockeren, amüsanten Ton. Wobei – zum Lachen ist hier gar nichts. Denn ihre beiden Söhne waren schwul, miteinander verheiratet und wurden wohl auch deshalb ermordet. Die Polizei ermittelt eher lasch, so nehmen die beiden Männer die Sache auf ihre eigene Art in die Hände. Und geraten sofort an dubiose Gestalten, wow, dafür braucht ihr schon starke Nerven.

Dieses Buch ist wie Dynamit. Fast könnte man meinen, Cosby hatte beim Schreiben die Verfilmung im Kopf, derart szenische Bilder entstehen vorm inneren Auge. Und es ist viel mehr als nur ein Krimi. Der Autor führt uns den allgegenwärtigen Rassismus genauso vor Augen wie die Homophobie und den Hass auf Menschen, die anders lieben und leben. Selten so einen wichtigen wie packenden Krimi gelesen!

S.A. Cosby: Die Rache der Väter, übersetzt von Jürgen Bürger. ars vivendi, 344 Seiten, 24,- €,

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Christoffer Carlsson: Was ans Licht kommt

Im Mittelpunkt stehen nie aufgeklärte Verbrechen. Am 28. Februar 1986 wird der schwedische Ministerpräsident Olof Palme ermordet. Fast zeitgleich geht in einer südschwedischen Kleinstadt ein Anruf ein. Ein Mann behauptet, er habe eine Frau vergewaltigt und wird es wieder tun. Er nennt den Ort des Verbrechens und legt auf. Kommissar Sven Jörgensson rast an den Ort, bringt die Verletzte ins Krankenhaus, wo sie stirbt. Stina bleibt nicht das einzige Opfer. Aber Sven wird die Verbrechen Zeit seines Lebens nicht mehr lösen können. Dann tritt Sohn Vidar in seine Fußstapfen, doch auch er tappt zunächst im Dunkeln. Jetzt – im Jahr 2019 – reißt ein neugieriger Autor die alten Wunden auf. Kann er die Rätsel lösen? Als Vidar einen Karton mit Unterlagen zu all diesen Fällen findet, wird auch er wieder aktiv.

Carlsson ist ein echter Könner, denn er hält die Spannung auf über fünfhundert Seiten aufrecht. Wirklich meisterhaft! Besonders bemerkenswert sind die klug ausgefeilten Figuren und die melancholische Grundstimmung, wie wir sie aus Henning Mankels Krimis kennen. Obendrein ist da das Echo der philosophisch anmutenden Gedanken über Leben und Menschsein, über Gute und Böse. Ob sich alles am Ende auflöst? Nun, dazu müsst ihr diesen hochspannenden Krimi selbst zur Hand nehmen.

Christoffer Carlsson: Was ans Licht kommt. Aus dem Schwedischen übersetzt von Ulla Ackermann, 496 Seiten, 23,- €.

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Wusstet ihr, dass der erste Detektivroman bereits 1868 erschienen ist? Sozusagen also die Urform des Krimis, und sie verwöhnt die Freunde der Spannung immer noch mit neuen Ermittlern. Woher rührt die Faszination? Valerie Wilson Wesley liefert uns mit „Ein Engel über deinem Grab“ gleich eine Antwort, eine weibliche obendrein. Denn Tamara Hayle ist eine Privatermittlerin, alleinerziehend, schwarz und oft klamm. Aber die ehemalige Polizistin schafft es stets aufs Neue, sich in ihrem nicht einfachen Leben zu behaupten. Ihr dabei zu folgen, macht Spaß und Mut gleichermaßen.

Im aktuellen Fall wird die Ermittlerin von ihrem Exmann kontaktiert. Sein zweiter Sohn ist verstorben. Angeblich an einer Überdosis. Aber DeWayne glaubt das mehr dahinter steckt und bittet Tamara Nachforschungen anzustellen. Als ein weiterer Sohn von DeWayne tot aufgefunden wird, glaubt selbst Tamara nicht mehr an Zufall. Sie selbst sorgt sich bald um ihren eigenen Sohn Jamal. Ist er das nächste Opfer?

Tamara Hayle ist eine coole Ermittlerin, und Valerie Wilson Wesleys Stil passt perfekt zu ihr. Sie manövriert mich raffiniert, charmant und mit Verve durch die Geschichte. Das liest sich obendrein spannend – nicht nur wegen des Falls, denn in Wesleys Krimis schwingt auch immer ein kritischer Blick auf die Gesellschaft mit. Wem bluttriefende Thriller zu aufregend sind, dem lege ich diese äußerst moderne Version des unsterblichen Detektivromans sehr ans Herz.

Valerie Wilson Wesley: Ein Engel über deinem Grab. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Gertraude Krueger, 287 Seiten, Diogenes Verlag, 2912, 16,- €

2 Gedanken zu „Kriminell gut!

  1. Pingback: Thomas Wörtche über Krimis. | Klappentexterin und Herr Klappentexter

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