Zeugen des Grauens.

Foto: Gisela Merkuur

Traditionell gedenken wir an Totensonntag den Toten, auch auf unserem Blog. In diesem Jahr ist viel passiert, viel zu viel Schreckliches für mein Empfinden. Hauptverantwortlicher ist der paranoide Herr P. aus R., der es sich in seinem Machtwahn nicht nehmen ließ, ein benachbartes Land in einen sinnlosen wie folgenreichen Krieg zu verwickeln. Krieg in Europa! Das haben viele von uns noch nie erlebt, und manche von den Älteren nur aus Erzählungen ihrer Eltern oder Großeltern.

Ich erinnere mich noch gut an die Sprachlosigkeit meiner Eltern und Großeltern, die Furchtbares erlebt haben. Mein Vater wurde seiner Jugend beraubt, indem er in jungen Jahren in einen bereits verlorenen Krieg geschickt wurde. Der ihn traumatisiert zurückgelassen hat, nur gab es damals noch keine Diagnose wie „posttraumatische Belastungsstörung“. Keinerlei Hilfe, der junge Mann kämpfte sich aus einem belgischen Gefangenenlager zurück in die Heimat. Wobei, die gab´s nicht mehr. Auch nicht für meine Mutter und die beiden Großmütter. Geflüchtete aus Pommern und Ostpreußen, die eine wahre Odyssee hinter sich hatten, bevor sie im Norden von Deutschland ankamen. Und keinesfalls willkommen waren. Fremde waren, selbst bei sogenannten Landsleuten. Flüchtlingsschicksal.

Das Schweigen der Traumatisierten.

Es brauchte Jahre, um das Schweigen zu brechen. Zumal du als Kind der 70iger natürlich auch ein paar kritische Fragen im Gepäck deiner Gedanken hattest. Fragen zur Schuld. Die man im aktuellen Fall gern auch Frau M. aus B. stellen möchte. Nun, sie lacht alles weg, was ihr Vorgänger noch aussaß. Meine Vorfahren konnten nicht lachen über das, was mit Ihnen geschehen war, was ihnen angetan wurde.

So blieb mir nur die Konsequenz, den Kriegsdienst (oh ja, das war die offizielle Bezeichnung!) zu verweigern. Und auch jetzt immer noch kritisch besonders diejenigen zu hinterfragen, die plötzlich ihre Lust an kriegerischen Handlungen entdeckt haben. Schöne Grüße an Campino!

Für ihn und alle anderen, die im Krieg noch irgendetwas (was nur?) Heroisches entdecken können, aber auch für alle unter euch, die ihr auch heute den sogenannten Kriegsdienst verweigern würdet, habe ich ein Buch ausgesucht, das wir bereits vor Jahren angepriesen haben. Und die aktuelle Situation zeigt uns ja überdeutlich, dass es nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat: Wilfred Owen – Die Erbärmlichkeit des Krieges.

Die Erbärmlichkeit des Krieges.

Es handelt sich um einen ungeschönten Erfahrungsbericht aus dem Ersten Weltkrieg. Wilfred Owen war einfacher Soldat, der zwar literarische Ambitionen hatte, aber er war keiner der bereits bekannten Literaten, die sich mit großem Hurra ins vermeintliche Abenteuer stürzten.

Über hundert Jahre her, und doch beklemmend genug, als käme es direkt aus den Schützengräben in der Ukraine.

„Dieses Buch handelt nicht von Helden. Die englische Dichtung ist noch nicht soweit, von ihnen zu sprechen. Weder handelt es von Taten, von Ländern, noch irgendetwas wie Ehre, Ruhm, Majestäten, Herrschaft, Macht oder Kraft, nur von Krieg. Vor allem befasse ich mich nicht mit Dichtung. Es geht mir um den Krieg und um die Erbärmlichkeit des Krieges. Die Poesie findet sich in der Erbärmlichkeit.“

Natürlich liegt die Poesie, die Kraft der Darstellung, nicht nur im Krieg als Ereignis selbst, sondern besonders in den Reflektionen eines begabten jungen Mannes:

„Sitz auf dem Bett. Bin blind, dreiviertel zersplittert. Vorsicht kann gerade nicht Händeschütteln, werde es auch nicht mehr tun. Beide Arme haben sich gegen mich erhoben – die Bestien. Meine Finger zappeln wie zehn faule Bälger.“

Drei Zeilen braucht Owen nur, um die Gewalt, die einem Menschen im Krieg angetan wird, zu beschreiben. Drei Zeilen, die uns zeigen sollten, dass Krieg tatsächlich nichts weiter ist als ein Gemetzel, ein Spiel der Kriegsherren und der Interessen des Kapitals.

So gedenken wir heute den Toten des Krieges in der Ukraine. Allen Toten, auch den russischen. Sie waren größtenteils nur das Kanonenfutter von Herrn P. aus dem großen Reich, das dieser größenwahnsinnige Kleinkarierte unbedingt noch größer machen will. Und doch ein menschlicher Zwerg bleiben wird. Ich habe neulich schon einmal einen Anti-Kriegs-Slogan zitiert und tue es nun wieder: Frieden schaffen ohne Waffen. Keine weiteren Worte. Nur das noch: Verweigert euch!

Wilfred Owen – Die Erbärmlichkeit des Krieges, Übersetzt und mit einem Nachwort von Johannes CS Frank, illustriert Andrea Schmidt – Verlagshaus Berlin, erschienen in der Edition Revers, 140 Seiten, 14,90 €

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