Grenzgängerin.

Bis an die äußerste Grenze bin ich mit Karine Tuil gegangen. Ich wusste, was mich in „Diese eine Entscheidung“ erwartet – und doch wurde es am Ende heftiger als gedacht. Da sitze ich nun. Bin sprachlos, machtlos, suche nach Wörtern, um diesen grandiosen wie gleichsam erschütternden Roman zu reflektieren.

Karine Tuil ist dafür bekannt, keine Wohlfühlromane zu schreiben. Auch ihre vorangegangen Bücher („Die Gierigen“ und „Menschliche Dinge“) haben in uns Kraterlandschaften zurückgelassen. So verwundert es einen nicht, dass man für ihren neuen Roman wieder starke Nerven braucht. Manch einer wird sich fragen: Warum liest du solche aufwühlenden Bücher? Ist das Leben gerade nicht bewegend genug? Ja, und doch muss ein Buch für mich eine Axt sein!

Foto: Karine Tuil |  © Francesca Mantovani

Im Mittelpunkt steht die 49jährige Untersuchungsrichterin Alma, die eine wichtige Entscheidung treffen muss: Soll der inhaftierte Terrorist freigelassen werden oder nicht? Die Autorin wechselt dabei ihre Erzählperspektive, mal bin ich ganz nah an Alma und ein anderes Mal lese ich die Protokollaufzeichnungen des jungen Mannes, um dessen Freilassung es hier geht. Kurz fühle ich mich an Katie Kitamuras aktuellem Roman „Intimitäten“ erinnert. Diese Ausnahmesituation. Wenn man plötzlich mittendrin steckt in einem Verhör, vor dem die Öffentlichkeit ausgeschlossen wird. Der Terrorist wird ein Mensch. Doch was ist wahr? Vieles klingt plausibel. Anderes wiederum nicht.

Gleichzeitig erlebe ich eine zweigeteilte Alma – die äußere, die tough sein muss in ihrem Job, aber immer wieder an ihre Grenzen stößt. Sie bekommt oft Morddrohungen, die Bedrohung ist eine unterschwellige Begleiterin. Und ich beobachte die innere Alma mit ihren Zweifeln und menschlichen Gedanken: „Ich bin wie alle anderen, weder besser noch schlechter, und auch nicht besser vorbereitet auf die Anfechtungen des Lebens.“

Alma steht gerade auf einer wackelnden Brücke ihrer Ehe. Soll sie versuchen, sie zu flicken oder einen Schlussstrich ziehen? Aber das Sichere aufgeben angesichts all der Unsicherheiten da draußen? Wäre da nicht Emmanuel, den sie eines Tages im Parkhaus trifft und das in einen Moment, in dem sie die Kontrolle verliert. Emmanuel wiederum ist der Anwalt dieses Terroristen.

Ziemlich vertrackt das alles. Für Alma, für mich. Fragen kreisen über uns wie Satelliten. Was ist die richtige Entscheidung? Als sie diese fällt, denke ich: Ja! und dann hinterher wieder Nein!

So erlebe die ganze Lektüre als eine Art innere Zerreisprobe. „Diese eine Entscheidung“ ist ein aufwühlendes Buch, das viel Gesprächsstoff liefert. Und es ist ein Buch, mit dem man nicht allein gelassen werden möchte.

Karine Tuil: Diese eine Entscheidung. Aus dem Französischen übersetzt von Maja-Ueberle Pfaff. dtv, September 2022, 350 Seiten, 23,- €.

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