Seepferdchenmonologe im Hippocampus.

Es lohnt sich, hin und wieder auf seine Mutter zu hören. Aber die Ich-Erzählerin aus Stine Pilgaards neuem Roman Meine Mutter sagt ist da ganz anderer Meinung. So umgeht sie die mütterlichen Ratschläge und Lebensweisheiten – und das obwohl sie gerade jetzt auf der holprigen Straße des Lebens durchaus eine Stütze sein könnten.

Wie bereits in Pilgaards Roman Meter pro Sekunde steht eine erzählende junge Frau im Mittelpunkt und die hat’s gerade echt nicht leicht: Sie ist von ihrer Liebsten nach dreieinhalb Jahren verlassen worden. Und zu ihrem Vater, einem Pfarrer und großen Pink-Floyd-Fan, gezogen. Zusammen mit seiner Frau kümmert er sich rührend um die liebeskranke Tochter. Genauso wie Mulle, die Freundin der Erzählerin. Doch Mulle sagt in einem ihrer Gespräche: „… du hast ein besonderes Talent dafür, der Welt deine Leiden mitzuteilen.“ Schon damals, als sie kleine Mädchen waren, sei sie eine Dramaqueen gewesen. Autsch! Auch die Mutter der Erzählerin ist mitunter barsch, kränkt die leidende Frau mit belehrenden Sätzen: „… du träumst von einem Märchen, doch die Wirklichkeit sieht anders aus.“ „Und dieser Traum, er bringt mich nie nach Haus“, entgegnet unsere Erzählerin.

Die Autorin hat ihren eigenen Sound. Er ist zauberhaft verschroben, zart melancholisch, unaufdringlich witzig und äußerst charmant. Ganz oft lächele ich über Pilgaards herrliche Sprachbilder, den fantastischen Einfallsreichtum, die skurrilen Situationen und spüre eine Wärme im Bauch. Oder ist das die Pilgaard‘sche Zirkusmanege? Was? Ja, genau, ihr lest richtig, dazu gleich mehr.

Trost findet die Frau bei ihrem Arzt, bei dem sie eine Art Flatrate haben muss, so oft konsultiert sie ihn. Er versucht ihr, chemische Prozesse im Kopf und Körper zu erklären. Dabei erfährt sie, dass das eine Hirnareal Hippocampus heißt und entscheidet, was aus dem Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis wandert. Weil diese Region da oben wie ein Seepferdchen ausschaut, streut unsere Erzählerin noch Seepferdchenmonologe in ihre Geschichte mit ein. So wandere ich durch den ganzen Körper. Finde im Herzen ein verstaubtes Museum voll gebrochener Herzen, im Zwerchfell eine Diskothek, im Solar Plexus eine Bibliothek und im Bauch eine Zirkusmanege mit Elefanten.

Das klingt eigen. Und ist es auch. Als würde man Kopfstand machen und dabei lesen. Ja, so in etwa fühlt sich Stine Pilgaard an. Dieses Debüt muss sich hinter *Meter pro Sekunde überhaupt nicht verstecken. Es knüpft genau da an. Solltet ihr in diesem Frühjahr Meter pro Sekunde verpasst haben, und euch jetzt hier angesprochen fühlen, dann eilt zu eurem Buchladen des Herzens. Holt euch dieses wundersame wie tröstliche Buch – oder am besten gleich beide.

*Meine Besprechung zu „Meter pro Sekunde“ findet ihr auf Instagram. Dazu musst ihr euch ein bisschen durch meinen Feed nach unten scrollen. Wenn ihr einen Esel entdeckt, dann, ja, dann seid ihr dem Text sehr n a h. Iiiah!

Stine Pilgaard: Meine Mutter sagt. Aus dem Dänischen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel. Kanon Verlag, November 2022, 192 Seiten, 22,- €.

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