Die Liebe in Zeiten der Angst.

Es gibt nicht viele Bücher, die gleichzeitig Verzweiflung und Hoffnung vermitteln. „Unsre verschwundenen Herzen“ von Celeste Ng ist eines dieser seltenen Werke.

Dabei beginnt dieser Roman wirklich beklemmend, so dass ich ihn fast aus der Hand gelegt hätte. Aber ich blieb und das war gut so. Einerseits haben wir von sogenannter Wohlfühlliteratur schon mehr als genug, andererseits hat mich Ngs rhythmische Sprache geradezu magisch in den Roman und seine Story gezogen.

Ng hat mich schon mit ihren bisherigen Werken („Kleine Feuer überall“ und „Was ich euch nicht erzähle“) beeindruckt, so dass mir die Autorin mit ihrer mutigen Stimme vertraut war. Eine Stimme, die auf Ungerechtigkeiten hinweist und an Menschlichkeit appelliert. Das macht sie sehr unaufdringlich, zart und doch einnehmend. Die Bücher von Celeste Ng lassen dich nie kalt, ganz im Gegenteil: Du bleibst berührt und im besten Sinne belesener zurück.

Ihrem neuen Roman verleiht Celeste Ng einen dystopischen Zug: In Amerika herrscht die PACT – der Preserving American Culture and Traditions Act, ein Gesetz zur Erhaltung amerikanischer Kultur und Tradition. Der große Feind ist mittlerweile China mit seinem Machtstreben. So werden Menschen, die asiatische Züge tragen, mindestens gemieden, wenn nicht gleich diskriminiert. Alle, die gegen PACT aufbegehren, werden verhaftet. Und die Kinder von unliebsamen Eltern getrennt.

Der zwölfjährige Bird gehört mit seinen asiatischen Zügen zu dieser Gruppe von Menschen. Das ist ebenso bedrückend geschildert, wie die Sehnsucht nach seiner Mutter, die eines Tages plötzlich verschwand. Seitdem verbietet der Vater seinem Sohn, über die Mutter zu sprechen. Als Bird einen mysteriösen Brief mit Katzenzeichnungen erhält, fängt er an, nachzufragen: Gibt es eine Verbindung zu seiner Mutter? Und falls ja: Wie kann er sie finden?

Foto: Celeste Ng |  © Kieran Kesner

Das Leben von Bird und seinem Vater ist von einer erdrückenden Dunkelheit durchzogen. Sie leben in einer kleinen Wohnung im Studentenwohnheim. Früher war sein Vater Dozent, jetzt sortiert er Unterlagen und Bücher in der Uni-Bibliothek. Früher hatten sie ein Haus mit Garten, waren eine richtige, glückliche Familie – bis der Wind sich drehte, und PACT die Herrschaft über alles an sich zog.

Angesichts der aktuellen Weltlage scheinen solche Bücher notwendig, wenngleich sie manchmal noch mehr dunkle Schatten über die eigene, an sich schon besorgte Seele legen. Aber es ist einfach viel zu wichtig, gegen das Schweigen und die Angst anzugehen, beides uns immer wieder vor Augen zu führen.

Aber da wäre ja noch die Hoffnung. Und die heißt Bird. Ein mutiges, schlaues Kerlchen, das sich einfach nicht unterkriegen lässt und mich an die Hand genommen hat. Aufmerksam beobachtet er die Proteste gegen PACT und erfährt dann, was es mit den Protestherzen, die heimlich auf den Asphalt gesprüht werden, auf sich hat.

Ganz ehrlich: So utopisch ist die hier literarisch gezeichnete Welt gar nicht, sind Diskriminierung und staatliche Kontrolle doch bereits allgegenwärtig. Ebenso mutige Menschen, die das nicht hinnehmen wollen und viel riskieren.

Fazit: Es braucht dringend Bücher wie dieses, die uns immer wieder verdeutlichen, was wir nicht ausblenden dürfen. Bücher, die trotz aller Düsternis ein leuchtendes Zeichen von Hoffnung in die mitunter finstere Welt setzen. Und Bird ist ein derartig lebendiges Zeichen von Hoffnung, dass ich ihn überall hin folgen würde. Denn seine Liebe besiegt die Angst.

Celeste Ng: Unsre verschwundenen Herzen. Aus dem Englischen übersetzt von Brigitte Jakobeit. dtv, Oktober 2022, 400 Seiten, 25,- €.

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