Lektionen in Demut.

Mein Buch sieht aus wie ein pinker Pudel, der gerade frisiert wird. Derartig viele rosafarbene Post-Its stecken in dem Buch. In mir schlängeln sich immer noch Buchstaben und Eindrücke durch jede Zelle des Körpers. Wieder einmal zeigt mir Ian McEwan, warum mich die Welt der Bücher so erfüllt. Sie macht mich innerlich reich, füllt mich vollkommen aus und selbst die lähmende Müdigkeit nach meiner Infektion scheint wie verflogen

„Lektionen“ heißt das neue Werk des britischen Autors, und es ist in jeder Hinsicht ein Schwergewicht. Nicht nur wegen seiner über 700 Seiten. Auch, weil der Roman inhaltlich viel zu bieten hat. Schon jetzt blicke ich in Richtung Weihnachten, denn „Lektionen“ sehe ich als willkommenes Geschenk für viele Bücherwürmer. Perfekt geeignet für lange Abende an den Feiertagen.

Dazu passt der Stil des Autors sensationell gut, denn er erzählt sehr traditionell, ruhig und voller Tiefe. Wenngleich die Story mit einem echten Paukenschlag beginnt.

Ein Junge sitzt bei seiner Klavierlehrerin und übt. Nur macht er wieder und wieder denselben Fehler. Seine Lehrerin verliert die Nerven und fasst ihren jungen Schüler in den Schritt. Später würde er an dieser Stelle einen blauen Fleck haben. Dieses Ereignis aus seiner Kindheit verfolgt Roland in seinen Wachträumen immer wieder aufs Neue, bis er als 37jähriger Mann an einem Scheideweg steht.

Seine Frau hat ihn und den gerade sieben Monate alten Sohn verlassen. Sie schickt Postkarten mit immer gleichen, belanglosen Texten: „Mir geht’s gut. Mach Dir keine Sorgen. Gib Larry einen Kuss von mir. Gruß Alissa.“

Dann bekommt der verlassene Ehemann auch noch Besuch von Detective Inspector Browne, der dem Verschwinden von Alissa nachgehen will. Er hat keine neuen Nachrichten, versteigt sich aber in Andeutungen wie: „Ist eine vermisste Frau tot, ist meist ihr Mann der Mörder.“ Schublade auf, Schublade zu. Roland ist entsetzt, tieftraurig und fühlt sich obendrein als Schuldiger gebrandmarkt. Aber noch ist nichts bewiesen. Und die Postkarten seien ja immerhin ein Lebenszeichen.

Foto: Ian McEwan © Annalena McAfee

Ab diesem Moment oszillieren wir zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Den ersten Teil seiner Kindheit hat Roland in Libyen verbracht, bis er in England auf ein Internat kommt. Dort trifft er auf besagte Klavierlehrerin, die ihn auch noch küsst und befiehlt, gefälligst wiederzukommen. Was der Elfjährige zunächst verweigert. Aber drei Jahre später nimmt er den Kontakt wieder auf und wird als Jugendlicher der Geliebte seiner Lehrerin.

Im Verlauf seines weiteren Lebens machen sich die Spuren der frühkindlichen Erfahrung am Klavier und besonders die fatale Liaison bemerkbar. Roland versucht, sich ein eigenes Leben aufzubauen, scheitert aber immer wieder und bricht vieles ab, Erst die Schule, später jongliert er sich durch verschiedene Jobs, spielt aber weiterhin Klavier und verdient sich so den Lebensunterhalt.

Er beginnt, zu schreiben, aber seine literarischen Ambitionen bringen weder Erfolg noch Geld. So verdingt er sich als Kartenschreiber für einen Freund.

McEwan spannt fast nebenbei einen weiten Bogen der Zeitgeschichte in seine Handlung mit ein: Die weiße Rose, der kalte Krieg, die Kubakrise, die Atomwolke aus der Ukraine, das geteilte Deutschland, bis hin zur von der Pandemie geprägten Gegenwart.

Roland erlebt, wie Freunde von der Stasi verhaftet werden, zerbricht fast daran, weil er glaubt, daran nicht unschuldig zu sein. Alles nur, weil er verbotene Bücher und Platten in die Zone geschmuggelt hat. Später erleben wir ihn im Chaos der Maueröffnung, Menschenmassen von Ost und West vermischen sich im freudentrunkenen Berlin. Als er im Café Adler verschnaufen will, trifft er plötzlich – unglaublich, aber wahr – seine schmerzlich vermisste Alissa wieder. Um dann endlich den wahren Grund für ihr Verschwinden zu erfahren.

„Hast du auch nur die geringste Ahnung, wie schwierig es – historisch gesehen – für Frauen gewesen ist, etwas zu erschaffen, Künstlerin zu sein, Wissenschaftlerin, zu schreiben oder zu malen?“ Als Roland wenig später ihren ersten Roman in den Händen hält, spürt er so etwas wie Vergebung: „Weil sie so gut schrieb, würde er ihr vergeben müssen. War sie nicht eigennützig und kalt gewesen, als sie ihm die Liebe entzog? Und jetzt, in diesem Vorabexemplar, bot sie unbegrenzte schöpferische Wärme dar. Ein Ausbund humanistischer Tugend!“ (359)

Es sind viele Lektionen, die unser Held lernen und durchmachen muss. Aber er ist nie allein, da ist stets eine wunderbare Gewissheit, die sich wärmend um ihn und die Menschen legt, die er noch treffen wird, Wie seinen Sohn Lawrence. Und, ja, dann erlebt er doch die Erfüllung von einer großen, bedingungslosen Liebe.

Unglaublich berührend, schön und traurig sind die letzten Seiten, durch die mich meine Gefühle trugen. Nichts war mehr zu spüren von meiner anfänglichen Unruhe, ich habe mich ganz tragen lassen von diesem ruhigen Erzählfluss.

„Lektionen“ braucht viel Raum, damit man sich ganz darin fallen lassen kann. Und wenn du dir diesen Raum lässt, erfährst du, was es heißt, einen so großartigen, zeitgenössischen Autor zu lesen. Ich betrachte diesen Roman als sein Meisterwerk, nicht nur wegen des Umfangs an Seiten. Sondern wegen des Umfangs an meisterlich erzählten Schicksalen und tiefen Gefühlen, die nur jemand wecken kann, der wirklich etwas vom Erzählen versteht. Jemand, der uns Lektionen in Demut erteilt, ohne uns zu belehren.

Ian McEwan: Lektionen. Aus dem Englischen übersetzt von Bernhard Robben. Diogenes, September 2022, 720 Seiten, 32,- €.

Werbung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s