Das Herz, ein Raubvogel.

Am 27. Oktober wäre die große Lyrikerin Sylvia Plath 90 Jahre alt geworden. Bekanntlich war ihr nur ein kurzes Dasein auf unserer verletzlichen Erde beschieden – mit 31 Jahren nahm sie sich das Leben. Der Suhrkamp-Verlag ehrt sie nun mit dem Gedichtband „Das Herz steht nicht still“. Der Titel ist durchaus wörtlich zu nehmen, denn die Kunst von Sylvia Plath hat bis heute nichts von ihrer Vitalität eingebüßt.

Aber was wäre Plath ohne ihren Fels von Ehemann, dem ebenfalls legendären Dichter Ted Hughes? Zugegeben, eine hypothetische und nicht ganz unbrisante Frage. Trotzdem: Zufällig erschienen in diesem Frühjahr „Wodwo. Ausgewählte Gedichte“ von Ted Hughes bei Hanser, kongenial übersetzt von Jan Wagner.

So wagen wir´s, diese beiden Werke zusammen zu feiern. Oh ja, feiern ist der richtige Ausdruck für Lyrik, deren Kraft ausreicht, um ein ganzes Leben davon zu zehren. Mehr noch: Plath und Hughes besaßen die Gabe, einzig mit Worten die Welt mitsamt ihrer Unerbittlichkeit und ihrer Grausamkeit so einzufangen, dass für uns trotzdem genug Trost übrigbleibt.

Nichts anderes ist das Leben: Das ständige Nebeneinander von Schönheit und Scheitern, von Hoffnung und Tod. Alles ist immer gegenwärtig, nichts für immer, und genau dies finden wir in den Naturbetrachtungen sowohl bei Plath, als auch bei Hughes.

„Übernachten in der Mojave-Wüste“ von Plath ist ein Kurzfilm mit prallvollen Bildern: „Hier draußen gibt es keine Herdstellen/Nur heiße Körnchen/Es ist trocken, trocken./Und die Luft gefährlich…/Objekte neben der irren, schnurgeraden Straße/…/Die vor den sehr Durstigen herschweben/…“

Durstig sind wir, nach Leben und Liebe. Und der Raubvogel? Er durstet nach Fleisch und Blut. Ted Hughes´ „Habicht auf einem Ast“ ist nichts anderes als Darwin in Verse gepackt: „Die gesamte Schöpfung war nötig/Um meine Fänge zu formen…/Jetzt halte ich die Schöpfung in den Klauen/…/Meine Umgangsform ist das Kopfabreißen./…“

Dieses Giganten-Paar schrieb auch über ihr gemeinsames Leben. Plath, „Bei Kerzenschein“: Das ist der Winter, das ist die Nacht, kleiner Liebling –/Ich halte dich auf dem Arm/.“

Hughes: „Voller Mond und kleine Frieda“. Ein kühler, kleiner Abend/…/Und du lauschst/…/“Mond!“, rufst du plötzlich…/Der Mond macht einen Schritt zurück wie ein Künstler, der staunend sein Werk betrachtet/Das staunend auf ihn zeigt.“

Das Paar hatte zwei Kinder. Der gemeinsame Sohn hat ebenfalls Suizid verübt. Frieda lebt noch. Ihr Herz steht nicht still. Ebenso, wie die Lyrik dieser Lebensliebenden – es sind oft die Depressiven, die das Leben lieben – immer noch quicklebendig ist. Kauft beide, und eure Leben werden reicher. Ohne Geld, versteht sich.

Wenn ihr noch mehr über Sylvia Plath erfahren wollt, dann werdet ihr auf unserem Blog weiter fündig. Die Klappentexterin hat sich in weiteren Beiträgen mit Sylvia Plath beschäftigt. Ihr werdet hier und dort fündig.

Sylvia Plath: Das Herz steht nicht still. Gedichte 1960-1963. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Englischen übersetzt von Judith Zander, Suhrkamp, 2022, 209 Seiten, 25,- €. Ted Hughes: Wodwo. Aus dem Englischen übersetzt von Jan Wagner, Hanser, 256 Seiten, 25,- €.

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