Nie aufgeben! Auch nach hundert Jahren nicht.

Isabel Allende: Eine Bestsellerautorin, ein großer Name mit ebenso großen Erwartungen. Bestseller finden sich auf unserem Blog eher selten, doch diesmal mache ich gern eine Ausnahme.

Ist ihr neuer Roman „Violeta“ doch ein ganz und gar außergewöhnliches Buch, das es verdient hat, auch außerhalb von Kategorisierungen gewürdigt zu werden. Jedenfalls steht es schon felsenfest auf meiner persönlichen Longlist des Lesejahres 2022.

„Auf der Reise durchs Leben legt man lange gleichförmige Strecken zurück, Schritt für Schritt, Tag für Tag, ohne dass etwas Aufsehenerregendes geschieht, aber die Erinnerung besteht aus den unerwarteten Ereignissen, die den Kurs prägen. Sie sind es wert, erzählt zu werden.“

So berichtet die Ich-Erzählerin ihrem Enkel von ihrem Leben. Genauer – sie schreibt es auf, und das auch noch als Briefroman. Über 100 Jahre Leben öffnet Allende so, und es ist eine spannende, ergreifende und mitreißende Geschichte.

Violeta kommt 1920 auf die Welt, damals wütet die Spanische Grippe rund um den Globus, und Violetas Vater handelt vorausschauend: „Er hatte sich mit demselben Eifer gegen sie gewappnet, den er bei allem an den Tag legte, der ihm bei seinen Geschäften half und dabei, an Geld zu kommen.“ Die Familie kommt mit einem blauen Auge davon. Doch einige Jahre später, in der Weltwirtschaftskrise, verliert der Vater sein Vermögen. Dieser Verlust, den der Vater als Niederlage empfindet, zwingt ihn in die Knie, und der verzweifelte Mann erschießt sich.

Plötzlich steht die Familie mittellos da und kommt bei Freunden unter, in Nahuel, tief im Süden Lateinamerikas. Einem gottverlassenen Ort. Was danach alles passiert, und wie sich die Dinge entwickeln, das liest sich spannend wie ein Krimi. Immer wieder schaue ich auf die Vita der Autorin und denke mir, wie blitzgescheit ist diese weise Dame. Immer noch und immer wieder.

Im Mittelpunkt der Geschichte leuchten starke Frauen – allen voran natürlich unsere Romanheldin Violeta. Sie entwickelt sich von einem unzähmbaren Mädchen zu einer selbstbewussten Geschäftsfrau. Eine Frau, die leidet, kämpft und leidenschaftlich liebt. Sie hat für jeden Lebensabschnitt einen Mann an ihrer Seite, doch die Unabhängigkeit ist ihr stets am wichtigsten. Auch das Kindermädchen Josephine Taylor beeindruckt mich, wie noch viele andere tapfere Frauen.

Während sich im ersten Abschnitt der Großteil um Violetas Leben dreht, ändert sich im hinten Drittel der Blickwinkel, und wir erfahren viel über die Geschichte. Die Opfer der Diktatur werden sichtbar, die Unterdrückung, die lähmende Angst. Allende nennt kein Land, man kann es nur deuten. Episch ist dieser Roman, nichts für Schnellleser, schließlich geht es um ein hundertjähriges Leben. Das Leben einer starken Frau, die nie aufgegeben hat.

Isabel Allende: Violeta. Aus dem Spanischen übersetzt von Svenja Becker. Suhrkamp Verlag, Juli 2022, 400 Seiten, 26,- €.

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2 Gedanken zu „Nie aufgeben! Auch nach hundert Jahren nicht.

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