„Ich habe eine tiefe Faszination für Sprachwelten.“ Leona Stahlmann im Gespräch.

Leona Stahlmann | Foto: Niklas Hoffmann

Wie angekündigt, möchte ich euch heute die Autorin Leona Stahlmann näher vorstellen. Leona Stahlmann wurde 1988 geboren, lebt als Schriftstellerin und Drehbuchautorin am Staffelsee. Für ihre literarischen Arbeiten wurden sie mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet. Nach ihrem viel beachtetem Debüt „Der Defekt“ ist nun ihr zweiter Roman „Die ganzen belanglosen Wunder“ bei dtv erschienen.

Klappentexterin: Warst Du in Deinem vorherigen Leben ein Austernfischer? Deine Beschreibungen lesen sich so authentisch und wahrhaftig, dass man  meinen könnte, Du seist darin großgeworden. Du bist ein bisschen wie Zeno.
Leona Stahlmann: Austernfischer schleudern aus großer Höhe Schnecken und Muscheln auf Steine, um an das weiche Innere zu kommen. Der ein oder andere Exfreund hätte seinen Spaß an dieser Metapher, schätze ich, und auch meine Arbeit besteht daraus, an das weiche Innere zu kommen, aber ich bin eher ein Stocherer als ein Schleuderer: Ich suche mir eine brüchige Stelle und bohre mich da rein. Dahingestellt, ob das appetitlicher ist oder angenehmer 😉 – Jeder hat wohl einen Zeno in sich, wenigstens wünsche ich das jedem. Es hat viel damit zu tun, gerade dann zu spielen, wenn es ganz ernst um einen wird. Und zu wissen, dass Sichwundern nicht das Vorrecht der Kinder ist, sondern eine Überlebenstechnik.

Woher rührt Deine Liebe zur Marsch?
Ich habe eine tiefe Faszination für Sprachwelten. Meine beiden Romane spielen in Ökosystemen, deren Flora und Fauna in ihren botanischen und zoologischen Bezeichnungen wiederum sprachliche Ökosysteme sind mit eigenständigen bildlichen und klanglichen Ästhetiken: Salzaster und Andelgras, Milchkraut und Meerfenchel, Steinfliegen und Kriebelmücken und Neunaugen. Meine Salzmarsch in den „Wundern“ ist aber eine Kunstlandschaft, kein sortenreines Nature Writing: Inspiriert haben mich neben meiner Recherche in den Marschen um Venedig und an der Nordsee der Garten des verstorbenen Filmemachers Derek Jarman in Dungeness, dorthin bin ich 2018 gereist und durfte einige Tage zwischen Jarmans Meerkohlbeeten und den unwahrscheinlichen Rosen verbringen, die dem rauen Klima und den salzigen Böden dort trotzen, das Geheimnis, wie man an diesem unwirtlichen Ort, in direkter Nachbarschaft eines Atomkraftwerks, einen solchen magischen Garten wachsen lässt, kennt wohl nur Jarman. Prospect Cottage, das pechschwarze Schindelhäuschen, das der Garten umgibt, ist ein Vorbild gewesen für Ledas und Zenos Haus am Fluss. Frischer Meerkohl schmeckt übrigens sehr gut, wie salziger zarter Spargel. 

Du hast ja lange Zeit in Hamburg gelebt. Was zieht ein Nordlicht wie  Dich in den Süden?
Ein fliegenfischender Mann, der ohne seine Gebirgsflüsse nicht leben kann 🙂 Aber ich habe immer noch eine kleine Wohnung in Hamburg, und Hamburg wird meine zweite Heimat bleiben.

Schön finde ich Ledas Ratschlag an Zeno: „Nimm Zahnseide mit.“ Nur meine ist 50 Meter lang und keine 500. Ich werde also keinen Jupiter aufhängen können. Was könnte ich stattdessen damit anstellen? Warum Zahnseide und kein Angelgarn?
Du musst Dich eben mit jemandem zusammentun. Mit 2 x 50 Metern reicht es für den Pluto. Und das wäre ein ziemlich großartiges erstes Date! Zähne sind ein zentrales Motiv im Roman; darum musste es die Zahnseide sein. Das Angelgarn überlasse ich, siehe oben, meinem Mann 😉 

Deine Figuren tragen alle sehr eigensinnige Namen. Wie kommt das? Und haben Sie eine Bedeutung?
Alle Namen haben ihre eigene Genese, aber sie ist von außen kaum nachzuvollziehen – mit dem Versuch, dem Text einen Bezug zur griechischen Mythologie anzudienen, läuft man ins Leere: Meine Leda hat mit der griechischen Leda mit Schwan überhaupt nichts zu tun. Sie ist angelehnt an eine Figur in James Salters Roman „Lichtjahre“; im Text verstecken sich noch einige andere Hommagen an Salter. 
Zeno wird Italienisch ausgesprochen, denn ich habe ihn aus Venedig mitgebracht. Dort ist ein Palazzo und eine Gasse nach ihm benannt, in dessen Nähe ich gewohnt habe. 

Würdest Du Deinen Roman als Dystopie bezeichnen?
Die Keimzelle dieses Romans ist eine Kurzgeschichte, mit der ich 2018 den wortmeldungen Förderpreis bekommen habe; es war ein düsteres Porträt der „New Work“-Szene in Hamburg. Damals haben das alle als Dystopie bezeichnet, dabei war es die reine Gegenwart, nichts daran habe ich mir ausgedacht. Interessanterweise habe ich die Bezeichnung „Dystopie“ über die „Wunder“ jetzt, vier Jahre später, niemanden mehr sagen hören…

An einer Stelle heißt es: „Der Planet geht den Erwachsenen aus, das ist  schon so, seit Zeno sich erinnern kann. […]“ Dich beschäftigt wie viele  von uns der Klimawandel. Ich habe das Gefühl, alle reden darüber, doch es passiert so wenig. Es gibt weiterhin große Autos. Die Menschen sparen beim Essen, viele Unverpackt-Läden stehen vor dem Aus. Was kann uns noch  retten? Kann uns überhaupt noch etwas retten?
Hoffnung gibt mir mein fester Glaube an die Dummheit unserer Spezies. Das Anthropozän kann in der Geschichte der Erde am Sichtbarsten abgegrenzt werden seit dem Aufkommen des Kapitalismus; das Chaos und die Zerstörung, die wir angerichtet haben, ist also nicht begründet in unserer artenspezifischen Biologie. Und damit ist es, wenn schon nicht mehr umkehrbar, doch zumindest eindämmbar, denn wir haben die Erde auf die stupideste Weise ausgebeutet: wir sind in Ökosysteme eingedrungen, komplexe Verflechtungen vieler Lebewesen, und haben sie häufig auf die eine Ressource reduziert, die wir ihr abgewinnen wollten: in den Wäldern etwa das Holz, in den Meeren der Fisch. Wenn diese Ressourcen zur Neige gegangen sind, sind die Ökosysteme zwar beschädigt; aber in unserer Dummheit haben wir die meisten lebenden Organismen übersehen – etwa das mächtige Reich der Pilze -, die  in den von uns verlassenen Brachen und Ruinen anfangen, sich neu zu verflechten und vielfältiges Leben hervorzubringen. Dieser Planet wird immer weitergehen. Wenn er Glück hat, ohne uns.

Du schreibst: „Die ganze Welt sortiert sich entlang ihrer Unterschiede.  Nur die Liebe hält sich nicht daran. Die Liebe sortiert sich nach  Ähnlichkeiten. Sucht Überschneidungen. Sehnt sich nach dem tröstlichen  Komfort der Wiederholung. Die Angst vor dem Fremden in uns sitzt tief,  sie ist uns nicht auszutreiben, selbst mit der größten Liebe nicht. Auch nicht mit Mutterliebe. Mit Mutterliebe schon gar nicht.“ Ist das der Grund weshalb Leda Zeno zurücklässt?
Nichts ist monokausal zu erklären. So etwas Kompliziertes wie die Liebe schon gar nicht. Am Ende würde ich sagen: Leda gehört nicht zu der Sorte Mutter, für die die Mutterschaft einen willkommenen „death of ego“ bedeutet. Leda klammert sich an ihr Selbst, auf Teufel komm raus. Leda verlässt ihren Sohn aus Egoismus. Ich überlasse es den Leser*innen, ob sie diesen Egoismus gesund nennen wollen oder nicht – ich hoffe, das ist nicht allzu leicht zu entscheiden.

Ich bewundere Deine Sprache, ihre Vielfalt und Deine darin offenbarte  Weisheit – hattest Du Vorbilder? Oder war sie einfach da und Du hast sie im Laufe der Jahre geformt?
Ohne Lektüren habe ich keine Sprache, gibt es sie ganz einfach nicht. Wenn ich nicht lese, bin ich gar nicht richtig da, weil ich nicht weiß – nicht zu fassen bekomme mit Worten -, was ich denke. Ich lese viel und zwar nicht wahllos, aber vielfältig. Vorbilder habe ich nicht mehr, ich möchte kein Jünger von irgendwem sein, dazu wechselt mein Geschmack auch zu schnell.

Du konntest Deinen aktuellen Roman mit Unterstützung des Werkstipendiums 
des Deutschen Literaturfonds schreiben. Wer verbirgt sich dahinter und 
wie anders war das Schreiben mit dem Stipendium?

Dahinter verbirgt sich, wie der Name sagt, der Deutsche Literaturfonds, eine wunderbare Einrichtung, die einen kaum zu unterschätzenden Anteil daran hatte, dass dieser Roman trotz Pandemie und Umsatzeinbußen beim ersten Roman und Schwangerschaft mit Aussicht auf ein Jahr Mutterschutz ohne Einkünfte in Ruhe entstehen konnte, ein einmaliges Riesenglück für mich, das Buch und meine Familie!

Die Klappentexterin dankt für das Interview und wünscht der Autorin weiterhin viel Inspiration und alles Gute!

Ein Gedanke zu „„Ich habe eine tiefe Faszination für Sprachwelten.“ Leona Stahlmann im Gespräch.

  1. Elke Schneefuß

    Den Optimismus der Autorin mit Blick auf den Fortbestand des Planeten kann man vielleicht wirklich nur teilen, wenn man vom Untergang der eigenen Spezies ausgeht… Sehr schönes Interview, vielen Dank dafür!

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