Die Insel der Sehnsüchtigen.

Bild von Frank Winkler auf Pixabay

Dieser Roman hat mich wie eine Welle mitgerissen. Immer noch spüre ich den unheimlichen Atem im Nacken, das Vibrieren hinter meinen Augen. Und ich schicke dankbare Grüße nach Hamburg zum mare Verlag, der seit nunmehr zwanzig Jahren maritime literarische Bücher verlegt. „Tristania“ von Marianna Kurtto ist so ein Juwel und passt in das Verlagsportfolio wie ein Fisch ins Wasser.

Die finnische Autorin wurde für ihren Roman bereits für den Preis des Nordischen Rates nominiert. Die Qualität des Textes erfasse ich sofort und bin überwältigt von der Intensität, wie auch der Atmosphäre. Ganz oft halte ich an und erfreue mich an Sprachbildern wie diesem: „Oberflächlich heil, aber innerlich mit Rotalge gefärbte Wolle.“

Marianna Kurtto |© Aapo Huhta

Die Geschichte spielt in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts und hat einen eher dunklen Sound, wird aber von einer wunderschönen poetischen und bildreichen Sprache getragen, die sich wärmend wie ein Pelzkragen um das beunruhigende Setting legen.

Im Zentrum stehen Martha, Bert, Jon, Lise und Lars. Sie leben auf der Insel Tristan da Cunha. Lars treibt die Sehnsucht nach der Stadt fort von der Insel. Als er in England für seine Frau in einem Blumenladen Rosen kauft, trifft er auf Yvonne und verliebt sich in sie, diese „Kindererwachsene, die mich mit ihrer Schönheit und Widersprüchlichkeit verzaubert hatte. Yvonne war wie eine Schale, aus der ständig das Wasser überzuschwappen drohte – zuerst war das Überschwappen spannend, dann machte es mich nervös. Dennoch war es schwer, mir das Leben ohne sie vorzustellen.

Martha ist Jons Lehrerin. Sie wünscht sich seit Kindheitstagen, einfach mit einem Boot auf und davon zu segeln. Doch sie bleibt. Als plötzlich der Vulkan ausbricht, gerät das Leben der Inselbewohner in akute Gefahr. Zunächst flüchten sie in höher gelegenen Hütten, die für solche Vorfälle gebaut wurden. Doch Jon findet in der Nacht keinen Schlaf und verlässt die Hütte auf der Suche nach seiner Lehrerin, die nicht mit in die rettende Zuflucht gekommen ist. Jon kehrt nicht zurück, auch Marthas Hund bleibt verschwunden. Doch die Zeit drängt, die Bewohner müssen am nächsten Morgen die brodelnde Insel verlassen. Jons Mutter steigt nur schweren Herzens ohne ihren Sohn in das Boot und fährt mit anderen Inselbewohnern nach Kapstadt.

In den aus unterschiedlichen Perspektiven erzählten Kapiteln zoomt sich die Autorin ganz nah an ihren Figuren heran. Menschen, die alle auf eine Art miteinander verbunden sind und doch ihre ganz eigenen Träume von einem besseren Leben haben. Dennoch tragen alle ein Geheimnis im Herzen und nie ganz verheilte Wunden in der Seele.

Niemand sollte hier eine einfache, geradlinige Geschichte erwarten. Dieser außergewöhnliche Roman ist so vielschichtig und eruptiv wie ein Vulkan, dabei rau wie die See im südlichen Atlantik und voller Sehnsucht wie ein Schiffbrüchiger nach dem Festland. Eine Welle von Worten, in die ich mich gern gelegt habe.

Marianna Kurtto: Tristania. Aus dem Finnischen übersetzt von Stefan Moster. mare, August 2022, 304 Seiten, 24,- €.

2 Gedanken zu „Die Insel der Sehnsüchtigen.

  1. Klausbernd

    Jetzt hast du uns aber SEHR neugierig gemacht. Den Roman werden wir uns anschauen. Von keinem Buch, das den Preis des Nordischen Rates bekam, waren wir je enttäuscht.
    Danke für die kleine Besprechung
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

    Gefällt 1 Person

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