Gefangen zwischen Himmel und Erde.

Ich erinnere mich noch ganz genau an dem Moment, als ich »Die Ewigkeit ist ein guter Ort« zum ersten Mal in den Händen hielt und sofort ein Kribbeln spürte. Eine Vorahnung, ein Gefühl. Und als ich das Buch aufschlug, dann war es tatsächlich da, etwas, das ich nicht in Worte fassen kann. Nennt es Instinkt eines professionellen Bücherwurms.

Jedenfalls habe ich den Roman von Tamar Noort erst wieder losgelassen, nachdem ich den letzten Satz beendet hatte. Einfach nur anlesen war hier nicht möglich. Nun ist das Buch erschienen, und ich darf endlich der Welt mitteilen, warum ich den Roman so fabelhaft finde. Den könnt ihr übrigens gewinnen. Ich habe ein signiertes Exemplar zu verlosen. Mehr Infos findet ihr am Ende der Besprechung.

In meiner Laufbahn habe ich schon einige interessante Worte aufgefangen, doch Gottdemenz war mir völlig neu. Genau daran leidet die Ich-Erzählerin Elke. Die angehende Pastorin arbeitet während des Kölner Karnevals im Seniorenheim. Während die Welt draußen im bunten Konfettiregen versinkt, erfüllt die junge Frau sterbenskranken Menschen ihren letzten Wunsch. Als sie der alten Dame Alma das Gebet »Dein Wille geschehe« aufsagen will, versagen ihr plötzlich die Worte.

Ein Blackout oder Gottdemenz, wie sie es selbst bezeichnet. Sie weiß nicht weiter, und es bleibt nicht bei diesem einen Aussetzer. »Gott hatte den Platz geräumt, den er in meinem Kopf besetzt hatte, und hatte etwas hinterlassen, was mir größere Angst machte als alles andere: Freier Raum.« Was nun?  

Sie soll sich eine Auszeit nehmen und nutzt die freigewordene Zeit, um erstmal nach Hause zu fahren. Eigentlich wird sie herbeizitiert, denn Röschen, will Elke sehen. Röschen hat sich früher um Elke und ihren Bruder gekümmert. Jetzt liegt Röschen mit einer gebrochenen Hüfte im Krankenhaus. Danach soll sie – 94jährig – ins Altenheim. Elke macht sich auf den Weg in die norddeutsche Provinz. Aber noch etwas liegt Röschen auf dem Herzen – ihr eigensinniger Graupapagei, den sie nach Gertrude Stein benannt hat. Ins Altenheim darf der nicht, also soll sich Elke um ihn kümmern.

Röschen hat ihre direkte Art nicht abgelegt und fragt Elke, wie es mit der Theologie so läuft. Kurz überlegt sie, ob sie ihr alles sagen soll. Aber Röschen hat als ehemalige Richterin einen „messerscharfen Verstand“ – also antwortet Elke: »Ich kann Gott nicht behalten.« Daraufhin Röschen: »Wie sollst du ihn behalten können«, sagte Röschen, »er gehört dir doch nicht.« 

Es sind bisweilen herrliche Dialoge, die diesen außergewöhnlichen Roman ausmachen. Und so dem Ernst der Lage ein wenig an Gewicht nehmen. Elke strauchelt, weiß plötzlich nicht mehr, was und wohin sie soll. Seltsame Dinge veranstaltet sie, unter denen ihr Freund Jan zu leiden hat. In Elke klafft eine tiefe Wunde, die nie ganz verheilt ist. Und sie hat eine Bürde, dir ihr Vater ihr auferlegt hat, denn Elke soll in seine Fußstapfen treten und Pastorin in der heimatlichen Gemeinde werden.  

Aber Elke spielt da nicht mit, sie büxt natürlich wieder aus, im Gepäck den Papagei Gertrude. Was Jan überhaupt nicht verstehen kann. Als Elke wieder bei Jan in Köln ankommt, hängt der Haussegen schief. Und noch mehr Sachen passieren, herrlich filmreife Szenen.  

Tamar Noort schafft unendlich komische Momente, bei denen mir sofort Bilder im Kopf aufgehen und mich an ähnlich verschrobene Bücher wie „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky denken lässt. Der Autorin gelingt der Spagat zwischen Ernsthaftigkeit, Trauer und dem Gefühl des Verlorenseins. Und sie beweist viel Humor.

Welch wunderbares Buch! Ich habe oft gegrinst, wurde dann wieder still. Die Lektüre berührt, beglückt und möchte mit allen Sinnen aufgesogen werden.  

Es ist für mich ein großes Glück, wenn ich unter den Neuerscheinungen so eine Perle entdecke. Noch größer ist es, wenn ich die Autorin sogar selbst treffe. So geschehen vergangene Woche beim Rowohlt Verlag bei der Buchpremiere.

Tamar Noort und die Klappentexterin / Foto: Rowohlt Verlag

Natürlich habe ich die Gelegenheit gleich doppelt genutzt. Zum einen wird es am kommenden Freitag ein Interview mit der Autorin auf unserem Blog geben. Zum anderen könnt ihr ein signiertes Exemplar gewinnen. Verratet mir einfach, was euch in unsicheren Zeiten besonders Halt gibt. Einsendeschluss ist Sonntag, der 14. August 2022. Bei mehr als einer Antwort entscheidet das Los. Ich verschicke das Buch nur innerhalb von Deutschland. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Tamar Noort: Die Ewigkeit ist ein guter Ort. Kindler Verlag. 304 Seiten, Juli 2022, 22,- €. Das eBook kostet 17,99 €.

Werbung

7 Gedanken zu „Gefangen zwischen Himmel und Erde.

  1. Nadine Schomakers

    Was für eine tolle und begeisternde Rezension. Was mir in unsicheren Zeiten halt gibt sind der Glaube an das Gute und ein gesunder Optimismus. Uuuuuund Bücher, als gedrucktes Medium passend zu meiner Stimmung und Gemüt.

    Gefällt mir

    Antwort
  2. Bienetta

    In unsicheren Zeiten hilft mir die Natur. Die Wellen, Bachrauschen, Weite oder die Stille des Waldes, das Zirpen in der Wiese. Wenn ich dann wieder bei mir bin, dann helfen Gespräche.

    Gefällt mir

    Antwort
  3. Silke Peters

    Das klingt ja wirklich toll. Ein Buch nach meinem Geschmack. Wenn ich besonderen Halt brauche, mache ich Yoga und versuche total abzuschalten. Das hilft oft.
    Liebe Grüße

    Gefällt mir

    Antwort
  4. Meike

    Toll beschrieben und macht Lust auf mehr! Ein Gang mit meinem Hund durch den Wald oder am Elb-Strand entlang ist immer eine Hilfe um Gedanken zu sortieren. Und natürlich ein gutes Buch in dem man abtauchen kann. Nun drücke ich mir selber die Daumen ☺️✊🏻 Liebe Grüße, Meike

    Gefällt mir

    Antwort
  5. Pingback: „Ich habe ein Herz für Menschen, die sich trauen, andere Wege zu gehen.“ Tamar Noort im Gespräch. | Klappentexterin und Herr Klappentexter

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s