Die Zukunft hat bereits begonnen.

Foto: Jens Liljestrand |© Fredrik Hjerling

Die Erde ist überhitzt, staubtrocken und beißend die Luft. Die Kleidung klebt an mir wie eine zweite Haut. Ich verliere die Orientierung. Nein, Halt, noch bin ich sicher, atme auf und blicke in: „Der Anfang von Morgen“ von Jens Liljestrand. Das Erzählte fühlt sich derart authentisch an, dass die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit verschwimmen. Obwohl der Roman eine Dystopie ist, streckt sich mir aus den Seiten unsere Gegenwart entgegen wie der Arm eines Oktopusses. Das ist beunruhigend und lässt mich irgendwie nicht los. Denn ist es wirklich noch eine Dystopie, wenn vieles bereits jetzt unser Leben beeinträchtigt?

Halb Südeuropa steht in Flammen, überhaupt leidet der halbe Kontinent gerade jetzt an massiver Trockenheit, die Menschen stöhnen unter der Hitze und die Landwirtschaft befürchtet das Schlimmste.

„Das ist doch alles krass, oder Vilma?“, sagt sie an mich gerichtet. „Mit den Bränden und allem. Dass sie einfach so das Zwei-Grad-Ziel aus den Augen verloren haben und es so hinnehmen, dass wir die Toleranzwerte überschreiten, dass es unsere Generation ist, die das alles ausbaden muss?“ Dieses Zitat aus Liljestrands Buch könnte ich genauso an der Bushaltestelle aufschnappen.

Ja, was muss noch alles passieren, damit die Menschen aufwachen? Wie viele Hektar Land und Insekten sollen noch verschwinden? Wie viele Bäche austrocknen und Gletscher schmelzen? 

So empfinde ich das Buch als einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. Sehr lange schon schreibt Liljestrand über den Klimawandel und seine Folgen für uns alle. Als er seinen Kindern ein Korallenriff zeigen wollte, es aber nicht mehr existierte, beschloss er einen Roman über dieses wichtige Thema zu schreiben.

Die Geschichte beginnt damit, dass eine Familie in Schweden vor den nahenden Bränden flüchten will, doch das Auto springt nicht an. Also alle wieder raus und zu Fuß weiter. Auf diesem Weg passieren ungeahnte und erschütternde Dinge. Brüche werden sichtbar, existentielle Entscheidungen müssen getroffen werden, alle Figuren kommen an ihre Grenzen, und es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Für uns alle. 

Ich lese aufgewühlt weiter. Und bewundere die Tiefe, die sich trotz der Geschwindigkeit einstellt. Das Buch ist ein andauernder Ausnahmezustand. Während die Menschen vor den Bränden flüchten, die Züge im Chaos steckenbleiben, Menschen in Notunterkünften unterkommen, gibt es Plünderungen der Geschäfte und Demonstrationen. 

Will man das jetzt lesen? In der heutigen Zeit? Nun, die Entscheidung muss jeder für sich selbst treffen. Aber war gute, zeitgemäße Literatur nicht auch immer ein Seismograph für die Zustände auf der Welt?

So sollten wir genau hinschauen und lesen, wie es Jens Liljestrand gelingt, die Finger in die offenen Wunden einer oft ignoranten Gesellschaft zu legen.

Was also tun gegen die aufgeheizte Stimmung in der Bevölkerung und der zunehmenden Erderwärmung? Überhaupt diese vielen Kämpfe um uns herum… Sehnen wir uns nicht alle nach Ruhe und Frieden? Wie können wir sie wieder bekommen?

Erst einmal sollten wir nicht müde werden, uns zu engagieren und stets den kleinen Teil der Welt, der uns selbst betrifft, ein wenig nachhaltiger zu gestalten.

Schließlich geht uns das Klima alle an, genauso wie der Weltfrieden. Was sich groß anhört, ist es auf dem ersten Blick nicht ganz, denn all das beginnt im Kleinen, im täglichen Handeln bei uns zu Hause wie auf Arbeit oder an der Supermarktkasse. Ein aufrichtiger und respektvoller Umgang. Nachsicht, Geduld. Das wünsche ich mir so oft und finde es zu selten.

Wie alles miteinander verbunden ist – das Kleine im Großen und umgekehrt, dies zeigt uns Jens Liljestrand schonungslos auf.

Der Roman wurde von vier Übersetzer:innen ins Deutsche übertragen. Ein Wagnis. Aber ich spüre keinen Bruch des anziehenden Erzählstroms, folge den vier Hauptfiguren, die jeweils eigene Kapitel haben. 

Da ist Didrik. Der Familienvater steigt mit der kleinen Becka in den Zug, lässt seine Familie zurück. Das kann eigentlich nicht sein, muss aber. Didrik kommt in Stockholm bei der Influencerin Melissa unter, die gerade die Dachgeschosswohnung von Andrés Vater hütet. Während Vater und Sohn in den Stockholmer Schären auf einem Boot unterwegs sind. Auch dort brodelt es.

Und dann ist da noch Vilja – Didriks 14jährige Tochter. In ihr finde ich einen Mix aus Kya, der Hauptfigur aus Delia Owens „Gesang der Flusskrebse“, Duchess aus „Von hier bis zum Anfang“ von Chris Whitaker und der Braut aus Quentin Tarantinos „Kill Bill“ wieder: Unerschrocken, und mit einem großen Überlebensinstinkt ausgestattet. Für mich die stärkste Figur. 

Es war klug durchdacht, ihren Part ganz nach hinten zu setzen. So erwartet uns ein furioses Finale, das besser nicht zu diesem unglaublichen Buch passen könnte. Sollte euch am Ende der Lektüre der Atem ausgehen, wisst ihr warum. Ich jedenfalls war sprachlos, fassungslos und begeistert von diesem hochaktuellen Werk. Was jetzt oft noch als Dystopie gelabelt wird, kann schon bald unser aller Zukunft sein.

Jens Liljestrand: Der Anfang von Morgen. Aus dem Schwedischen übersetzt von Thorsten Alms, Karoline Hippe, Franziska Hüther und Stefanie Werner. S. Fischer Verlage, 545 Seiten, 24,- €.

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