Die besten Seiten des Sommers.

Der Sommer ist nicht mehr zu übersehen und förmlich auf unserer Haut zu spüren. Überall strahlen Früchte, streicht der Wind durch hohe Gräser, ein Flirren und Summen liegt in der Luft. Und über allem die Erleichterung: Endlich Wärme, endlich Erholung!

Und da viele von euch gerade ihren Urlaub antreten oder ihn schon am Horizont aufleuchten sehen, ist es Zeit für unser Sommer-Spezial.

Starten wir mit „Deephaven“ von Sarah Orne Jewett. Ein Juwel von Sommerbuch!

Allein schon die wundervolle Ausstattung lässt das Herz von uns Bücherwürmern höherschlagen – so steckt der schön in Leinen gebundene Band in einem feinen Schuber.

Dieses Buch gehört wirklich in jedes Urlaubsgepäck! Sarah Orne Jewett erzählt unaufgeregt und zieht uns trotzdem gleich von Beginn in ihren Bann, als hätten wir´s mit einem Thriller zu tun. Und irgendwie ist es das ja auch.

Die Ich-Erzählerin wird von ihrer Freundin Kate eingeladen, den Sommer im Haus der verstorbenen Tante zu verbringen. In „Deephaven“ – einem kleinen Küstenort. Die beiden jungen Frauen machen sich auf den Weg in das malerische Küstenstädtchen, das es nur in der Fantasie der Autorin gibt. Sucht den Ort also gar nicht erst auf Google Maps, sucht ihn tief in der Karte eures Herzens.

Die Autorin war ein Naturkind durch und durch. Statt guter Noten nach Hause zu bringen, waren ihr Flora und Fauna viel wichtiger. Sehr früh schon erlitt sie einen schweren Rheumaanfall. Glücklicherweise war ihr Vater Arzt und hat sie oft mitgenommen zu seinen Patientenbesuchen und ihr dabei unterwegs die Welt der Natur nähergebracht.

Nach ihrem Schulabschluss wollte sie ebenfalls Ärztin werden, doch ihre gesundheitlichen Probleme und die Hürden der damaligen Zeit brachten sie von dem Plan ab. Stattdessen nutzte sie ihre privilegierte Stellung, um zu schreiben. Wie gut sie das konnte, zeigt nun der mare Verlag, der diesen Klassiker aus dem Jahr 1877 wiederentdeckt hat.

Zur wunderbaren Ausstattung gesellt sich noch die großartige Übersetzung von Alexander Pechmann, der uns obendrein in seinem Nachwort einen Einblick in das Leben der Autorin schenkt.

„Deephaven“ ist eine Sammlung von Lebensgeschichten der Menschen, die die beiden jungen Frauen in ihrer sympathischen, zugewandten Art treffen. Wie viel Wahrheit darin steckt, das wissen wir nicht. Nur so viel: Sarah Orne Jewett war stets eine neugierige Sammlerin von Menschenschicksalen. Sie hat als Mädchen im Laden ihres Onkels gearbeitet und die Erzählungen der alten Kapitäne von South Berwick aufgesogen und dann in ihren Geschichten verarbeitet.

„Deephaven“ ist ein wundervoll erzähltes Buch, das entschleunigt und sich in seiner Warmherzigkeit und Ruhe wohltuend um die Seele legt. Auch mit schönen, lebensklugen Passagen wie dieser:

„Natürlich liegt es an uns, wenn die Ereignisse unseres Lebens uns belasten; wir selbst machen sie zu etwas Gutem oder etwas Schlechtem. Manchmal ist es eine bewusste Entscheidung, aber öfter ist es uns unbewusst. Wahrscheinlich erziehen wir uns selbst dazu, das Beste oder das Schlechteste aus unserem Leben zu machen, meinst du nicht auch?“

Machen wir das Beste aus diesem Sommer und lesen dieses großartige Buch.

Sarah Orne Jewett: Deephaven. Aus dem Englischen übersetzt und herausgegeben von Alexander Pechmann. mare Verlag, 208 Seiten, 28,- €.

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Die Straße des fröhlichen Scheiterns.

Hat irgendjemand behauptet, dass Klassiker nicht als Sommerlektüre taugen? Gut, dann sind wir ja einer Meinung. Denn ich habe zuletzt kaum ein leichtfüßigeres Werk gelesen als Die Straße der Ölsardinen von John Steinbeck. Vielleicht ein Grund, warum Steinbeck stets ein wenig im Schatten der Großen Amerikaner stand. Zeit, ihm etwas Sonne zu gönnen, die er wirklich verdient hat.

Was Steinbeck in seinem schmalen, aber umso bedeutenderen Werk an liebenswerten, schrägen und uramerikanischen Charakteren auffährt, das verdient Bewunderung. Denn die Cannery Row in Monterey ist so viel mehr als nur eine Straße irgendwo in Kalifornien. Es ist vielmehr das Sinnbild eines leider vergangenen Amerikas, in dem noch Platz für sympathische Loser und unermüdliche Kämpfer für die Menschlichkeit war. Wo die Einwohner einfach das unvermeidliche Strandgut auf der Schattenseite des sogenannten amerikanischen Traums waren: Stromer, Spieler, Huren und Hurensöhne ebenso wie eine leidliche Anzahl an liebenswürdigen Nichtstuern. Menschen, die niemandem wehtun. Aber umso menschlicher in ihrem fröhlichen Scheitern sind.

Lasst euch also diese Ölsardinen schmecken, wenn ihr am Strand liegt und auf die ganz großen Fische wartet.

John Steinbeck: Die Straße der Ölsardinen. Aus dem Englischen übersetzt von Rudolf Frank. dtv, 2021, 150 Seiten, 8,90 €.

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Sommersonne statt Leseflaute.

L E S E F L A U T E – Wir kennen sie alle. Leseflaute ist der Muskelkater unseres Geistes. Meine erste hat mich vor Jahren arg erschrocken. Mittlerweile weiß ich, auch sie gehört zum Leben eines Bücherwurms dazu. Solltet ihr gerade aus so einer Leseunlust allmählich herausgekrochen kommen, dann schnappt euch „Der Markisenmann“ von Jan Weiler. Oder wenn ihr eine herrliche Sommerlektüre sucht.

Dort erleben wir mit der 15jährigen Kim einen ungewöhnlichen Sommer. Nachdem das Mädchen ihren Bruder stark verletzt hat, wird sie zu ihrem leiblichen Vater strafversetzt. Während die Familie nach Miami fliegt, darf Kim ihre Ferien am Rhein-Herne-Kanal verbringen. Ihren Vater Ronald Papen hat sie bis dahin noch nie kennengelernt. Als Kim jetzt auf ihn trifft, zerfällt das schillernde Vater-Märchenbild. Denn er ist so ganz anders.

Ronald Papen arbeitet als selbständiger Markisenverkäufer, lebt in einer „verrosteten Westernstadt“ – in einer alten Lagerhalle, die umgeben ist von Schrottplätzen und einem Recyclinghof. Obendrein ist er ein recht eigensinniger Mensch mit seltsamen Gewohnheiten, die auch mich zum Schmunzeln bringen. Ronald Papen bleibt in diesem Sommer nicht der einzige neue Mensch in Kims Leben.

Dieses Buch macht so unglaublich viel Spaß. Jan Weiler erweist sich als Meister feinster Situationskomik und Stilist bester Unterhaltung. Dabei wechselt sein Ton von tieftraurig über komisch bis herzenswarm. Also von Schauer über Dauerregen bis hin zum strahlenden Sonnenschein ist alles dabei.

Ein wirklich mitreißender und vielseitiger Roman, der jede Flaute in eine Laune verwandelt. Versprochen!

Jan Weiler: Der Markisenmann. Heyne, März 2022, 336 Seiten, 22,- €.

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Paradiesvogel im Anflug.

Seit der Bestseller-Trilogie um Old Filth ist Jane Gardam auch hierzulande keine unbekannte Autorin mehr. „Robinsons Tochter“ zählt zu meinen Lieblingsbüchern, unlängst ist „Mädchen auf den Felsen“ beim Hanser Verlag erschienen. Doch Achtung: Cover und Titel täuschen, denn harmonisch ist hier wenig. Höchstens der Sommer.

Im Mittelpunkt ihres Romans steht die achtjährige Margaret. Ich mag dieses geradlinige Mädchen auf Anhieb. Ihr Herz liegt auf der Zunge. Jetzt nach der Geburt von Margarets Bruder soll sich Lydia um das aufgeweckte Mädchen kümmern. Und das macht sie, nur auf ihre ganz eigene Art.

Lydia ist eine Frohnatur, ein „Paradiesvogel“ und sehr offenherzig. Lydia und Margaret fahren jeden Mittwoch ins benachbarte Küstenstädtchen Eastkirk. Dort lassen sie alle Hüllen fallen, Lydia zieht ihr enges Korsett aus und Margaret klettert wie ein Äffchen in den Bäumen. Nicht weit davon entfernt steht eine alte Villa, in der u.a. Mr Drinkwater wohnt. Er malt und ist – nun ja – recht seltsam. Eines Tages begegnen sie sich…

In Jane Gardams Figurenkabinett knirscht es gewaltig. Sie lässt Kontraste wie Meteoriten aufeinanderprallen. So steht Lydia Margarets strenggläubigen Vater gegenüber. Die saubere Fassade bröckelt, als Ellie – Margarets Mutter – und Margaret ihre Freundin Binkie und deren Bruder besuchen.

Was ihr hier nicht sehen könnt, ist das eingesprochene Hörbuch von Leslie Malton – einfach umwerfend! Großes Kopfkino. Die Schauspielerin formt ihre Stimme in jede Figur so perfekt hinein und füllt sie mit voller Leben. Sie hat die perfekte Stimme für Jane Gardam! Ihr habe ich meine große Liebe zu „Robinsons Tochter“ mit zu verdanken.

Dass der Hörbuch Verlag diese Sprecherin und Hanser Isabel Bogdan als Übersetzerin gewinnen konnte, fühlt sich wie ein Sechser im Lotto an. Besser noch: Doppelter Gewinn!

Jane Gardam: Mädchen auf den Felsen. Aus dem Englischen übersetzt von Isabel Bogdan. Hanser, 214 Seiten, 22,- €. Das Hörbuch kostet: 22,- €. Der Hörbuch-Download 16,95 €. Beide Lesungen sind ungekürzt.

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Dharma, Baby!

Wenn du ein Buch wieder zur Hand nimmst, dass du als Zwanzigjähriger gelesen hast und das voll ist mit Bewusstseinserweiterung, Alkohol und wilden Partys, dann können zweierlei Dinge passieren: Du stellst fest, dass dir dieser Roman damals viel gegeben, aber nicht mehr viel mit deinem heutigen Leben zu tun hat. Oder es hat seine Faszination behalten, weil mehr Substanz drin ist als die Ausschweifungen und Sinnsuche junger Menschen. Letzteres ist mir mit Die Dharmajäger von Jack Kerouac passiert. Damals lautete der Titel Gammler, Zen und hohe Berge, aber für die Neuübersetzung zum hundertsten Geburtstag des Autors hat der Verlag den Original-Titel The Dharma Bums sinngemäß übertragen. Verständlich, denn den Ausdruck Gammler kennt heute niemand mehr, und ganz ehrlich – irgendwie war er seinerzeit bereits abwertend. In jedem Fall steckt in diesem Roman, der immer ein wenig im Schatten von Kerouacs Welterfolg On The Road stand, viel mehr drin als purer Müßiggang der Beat-Generation. Es wird viel und oft klug über den Buddhismus diskutiert, und wie man ihn leben kann in einer westlichen Konsumgesellschaft. Und die Jungs haben Freundinnen, die großartige Namen wie Psyche tragen.

Der ich-Erzähler Ray Smith und sein bester Kumpel, der Zen-Buddhist Japhy unternehmen Wanderungen in der spektakulären Natur von Kalifornien, deren Naturbeschreibungen legendär sind. Während einer ihrer vielen Sessions sagt Japhy: „Ich sehe die Vision einer großen Rucksackrevolution. Tausend oder gar Millionen junger Amerikaner, die mit Rucksäcken durchs Land ziehen, zum Beten auf die Berge steigen, Kinder zum Lachen bringen und alte Männer froh machen, junge Mädchen glücklich und alte Mädchen glücklicher, lauter Zen-Verrückte, die rumziehen und dabei ihnen scheinbar grundlos einfallende Gedichte aufschreiben und die durch Freundlichkeit und seltsame, unerwartete Taten jedermann und jeder lebenden Kreatur Visionen von ewiger Freiheit vermitteln.“

Welch wunderbare Vision! Und wie meilenweit entfernt vom Zustand der heutigen USA. Statt über Freiheit zu reden, wird sie massiv eingeschränkt. Außer für Waffenbesitzer. Kinder werden nur noch von Ronald McDonald zum Lachen gebracht, bevor sie ihren dritten Burger in sich hineinstopfen. Junge Frauen werden nicht glücklich, sondern immer unglücklicher, außer sie gehören einer fundamentalistischen Strömung an. Ewige Freiheit? Vielleicht für die Milliardäre. So schließe ich mit einem wunderbaren Haiku: „Was ist ein Regenbogen, Herr?/Ein Band/Für die Demütigen.“ Die Dharmajäger ist ein großes Buch für alle, denen Demut nicht fremd ist.

Jack Kerouac: Dharmajäger. Aus dem Englischen neu übersetzt von Thomas Überhoff. Rowohlt Verlag, Januar 2022, 288 Seiten, 24,-€.

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Wer keine Angst hat, schwimmt immer oben.

Natürlich darf in unserem Sommerspezial Helen Wolff keinesfalls fehlen. Der unabhängige Weidle Verlag hat den Roman erstmals 2020 veröffentlicht. Jetzt liegt er auch beim Rowohlt Verlag vor.

Helen Wolffs Großnichte Marion Detjen ist es übrigens zu verdanken, dass ich diese bewundernswerte Frau kennengelernt habe.

Helen Wolff war die Frau des Verlegers Kurt Wolff. Seines Zeichens Namensgeber einer der wichtigsten Institutionen im deutschen Verlagswesen – der Kurt-Wolff-Stiftung.

In einem umfangreichen Essay durchleuchtet Detjen im Anhang Helen Wolffs Wirken als Verlegerin, die sich stets für viele Autoren eingesetzt hat, beispielsweise Günter Grass, George Simenon und Uwe Johnson. Sie pflegte mit einigen sogar einen vertrauten und beinahe mütterlichen Umgang.

Für mich ist „Hintergrund für Liebe“ eine der allerschönsten Sommergeschichten ever!

In ihrem autobiographisch gefärbten Roman folgen wir der Ich-Erzählerin in den Süden Frankreichs, wohin sie zusammen mit ihrem damaligen Geliebten Kurt gereist ist. Vor Ort wird klar, dass sie unterschiedliche Vorstellungen haben: Kurt will sich abends vergnügen, in Casinos spielen, Helen träumt von einem ruhigen Haus im Grünen. Was tun?

Folgt der mitreißenden Geschichte, die sich in einer unglaublich schönen Sprache leuchtend und lächelnd auf euer Gemüt legen wird. Hier eine Kostprobe: „Das Leben ist großartig, sobald man damit einverstanden ist. Alles andere ist falsch. Einwilligen, so wie man sich beim Schwimmen dem Wasser vertrauensvoll in die Arme legt, und wer keine Angst hat, geht auch nicht unter.“

Helen Wolff: Hintergrund für Liebe. Weidle Verlag, 216 Seiten, 20,- €. Rowohlt Verlag, 256 Seiten, 15,- €.

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Nicht von Pappe.

Natürlich möchte ich an dieser Stelle „Der Papierpalast“ von Miranda Cowley Heller noch einmal erwähnen. Das Buch zählt zu meinen Highlights in diesem Jahr. Die ausführliche Besprechung findet ihr hier.

Nun genießt die schönsten Seiten des Sommers! Wir wünsche euch eine wundervolle Zeit.

2 Gedanken zu „Die besten Seiten des Sommers.

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