Gesucht: starke Nerven.

Für sein Debüt „Was auf das Ende folgt“ wurde Chris Whitaker völlig zu Recht 2017 mit dem CWA John Creasey New Blood Dagger Award ausgezeichnet. Zum Glück ist es nun auch bei uns erschienen.

Und immer noch läuft mir ein Schauer über den Rücken, wenn ich an das Gelesene zurückdenke. Denn Whitakers Geschichten gehen einfach unter die Haut.

Alles beginnt damit, dass Jess morgens um kurz nach 3 Uhr aus dem Schlaf
aufschreckt. Sie denkt zuallererst an ihren dreijährigen Sohn. Versucht sich zu beruhigen und hört dann ihren Namen. Jess schaut dann doch auf den Monitor der Kamera, die im Zimmer ihres Sohnes Harry installiert ist. Und sieht dort einen Mann mit Clownsmaske. Sofort springt sie auf, aber als sie im Kinderzimmer ankommt, ist ihr Sohn bereits verschwunden.

Dieses Ereignis erschüttert die kalifornische Kleinstadt Tall Oaks. Der ortsansässige
Sheriff Jim untersucht den Fall akribisch, er hört sich die Aufnahmen aller Zeugen immer wieder an und versucht selbst kleine Dinge zu finden, sozusagen das Sandkörnchen im Getriebe. Harrys Mutter Jess verkraftet das Geschehene kaum und versucht, sich mit Alkohol und Männern zu betäuben. Erinnerungen an Whitakers „Von hier bis zum Anfang“ blitzen bei mir auf. Dort verkraftet Star den Tod ihrer Schwester nicht und wird Alkoholikerin. Chris Whitaker ist ein Meister darin, in die tiefen Abgründe der Menschen zu steigen und sie uns offen darzulegen.


Jim und Jess bleiben nicht die einzigen, psychologisch fein gezeichneten Charaktere. Da ist der Junge Manny – der sich selbst M nennt – und unbedingt Gangsterboss werden will. Er kleidet sich wie ein Dandy, will am liebsten einen schwarzen Volvo haben, bekommt aber nur einen blauen Ford. Manny hat eine lustige, komische Seite. Wie Sonnenstrahlen, die durch die dunklen Wolken der Story hervorschauen. 

Besonders nah geht mir auch der beleibte Jerry. Er pflegt seine kranke Mutter, wird aber gleichzeitig von ihr tyrannisiert. Jerrys große Leidenschaft ist das Fotografieren. Und er ist in Lisa verliebt. Aber Lisa will Max heiraten, der wiederum Jerrys Chef ist. Dann ist da noch Jared, der neue Freund von Mannys Mutter, und er trägt offensichtlich ein Geheimnis mit sich herum.

Zwischen allen und allem schwebt natürlich immer die Frage: Wer hat Harry entführt? Wo ist er? Ist der Junge noch am Leben?

Chris Whitaker formt sich seinen eigenen Pfad im Krimigenre. Und das macht er verdammt gut, denn der Autor besitzt eine große Menschenkenntnis. Sein Erfahrungsschatz an starken Figuren mag auch daher rühren, dass der Autor selbst viel liest und Cormac McCarthy, Jane Harper, Kazuo Ishiguro und Maggie O’Farrell zu seinen Lieblingsautor:innen zählen.

„Was auf das Ende folgt“ macht atemlos, erschüttert und fasziniert mich
gleichermaßen. Bis zum Schluss. Was für ein Ende, was für eine Auflösung! Wer stark genug ist, sollte einmal tief einatmen und dann das Buch aufschlagen.

Chris Whitaker: Was auf das Ende folgt. Aus dem Englischen übersetzt von Wolfgang Müller. Piper, Juli 2022, 397 Seiten, 22,- €. Jetzt portofrei bei Scheller Boyens Buchhandlungen bestellen oder sich ein Exemplar reservieren lassen. Das Buch ist in beiden Läden ausreichend vorhanden. Das eBook kostet 18,99 € und ist dort ebenfalls beziehbar.

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