Auf dem Karussell des Lebens.

»Jede Ursache sorgt für eine Wirkung, und wir Menschen sind das Ergebnis eines riesigen Durcheinanders. Wir sitzen in einem Karussell, das sich unaufhörlich dreht und versucht, uns in hohem Bogen fortzuschleudern. Was immer wir tun, die Vergangenheit holt uns zuletzt unweigerlich ein.« Eben die Vergangenheit ist es, die den Figuren in Leonardo Paduras neuem Roman »Wie Staub im Wind« zusetzt und sie begleitet wie ein dunkler Schatten. Elisa, Clara, Irving heißen die Protagonisten, und ich bin ihnen begeistert gefolgt.

Erneut zeigt uns Leonardo Padura, dass er ein bedeutender und großartiger Autor ist. Ein Autor, dem ich hierzulande mehr Aufmerksamkeit wünsche. Kenne ich doch mindestens zwei Handvoll Menschen, denen ich diesen Roman sofort in die Hand drücken könnte, und sie würden ihn sofort verschlingen.  

Leonardo Padura hat eine warmherzige Art des Erzählens, er baut sofort eine innige Nähe zu seinen Figuren auf. Adela Fitzberg habe ich gleich ins Herz geschlossen. Die junge Frau hat das Telefonat mit ihrer Mutter Loreta gerade beendet, in dem ihre Mutter davon berichtet, dass sie das Pferd Ringo einschläfern lassen muss, um das sie sich lange gekümmert hat. Und noch etwas hing in der Luft, das spürt Adela immer noch. Doch Loreta belässt es bei der einen Neuigkeit, Adela erfährt von der anderen erst später. Hat ihre Mutter doch eine ganz eigene Art, mit den Widrigkeiten des Lebens umzugehen.  

Leonardo Padura breitet ein großes Mosaik vor seinen Lesern aus, das ich gern für euch zusammensetze. Er springt von der Gegenwart in die Vergangenheit, vor und wieder zurück. Und nun nehme ich euch kurz mit ins Gestern. 

Die Mauer in Berlin ist soeben gefallen, und in Havanna hat sich vor einiger Zeit eine kleine verschworene Gemeinschaft von Menschen zusammengefunden. Sie selbst nennen sich der »Clan«, der aus Clara, ihrem Mann Darío, Horacio, Elisa, Irving, Bernado und Walter besteht. Sie sitzen in Claras und Darios Haus in Fontanar. Alle treibt die Situation im Land um. Walter glaubt sogar, dass Horacios Freundin ihn ausspioniert. Er ist Künstler und will sich ins Ausland absetzen. So bittet er seinen Freund Darío, der die notwendigen Kontakte hat, um Hilfe. Doch Darío zögert. Kurze Zeit später ist Walter tot. Und die schwangere Elisa verschwunden. Wie konnte sie überhaupt schwanger werden, wo ihr Mann Bernado doch zeugungsunfähig ist?  

In der Gegenwart laufen die Fäden wieder zusammen, nachdem Clara auf Facebook ein Gruppenfoto von damals gepostet hat. Die Clique ist längst in alle Welt verstreut – Spanien, Amerika, Frankreich. So geraten Adela und ihr Freund Marcos in den Fokus. Denn Adela glaubt, auf dem Foto, das Marcos Mutter geteilt hat, ihre eigene Mutter wiederzuerkennen. Nur heißt die junge Frau dort Elisa und nicht Loreta. Und wo ist Loreta plötzlich hin? Erneut ist sie verschwunden.  

Was für ein Beziehungsgeflecht! Trotzdem behält man die Übersicht, denn Leonardo Padura nimmt sich genauso viel Zeit, als würde er ganz langsam und genussvoll eine kubanische Zigarre rauchen. Manche mögen das ein wenig zu ausschweifend finden, aber das ist ganz und gar verzeihlich, zu fesselnd ist sein famoser Stil. Mein Buch ist gespickt mit zahlreichen Post-its, derart beeindruckend lesen sich viele Passagen. Als Adela sich bei der Spurensuche nach Loreta mit dem Erleuchteten einer Meditationsgruppe unterhält – ihre Mutter hat sich dem Buddhismus zugewandt – lese ich: »Alles ist möglich«, sagte der Mann und fuhr sich erneut über die Oberschenkel. »Aber wohin man auch geht, seine persönliche Hölle hat man stets im Gepäck. Einen Teil der Last kann man abwerfen, an einen anderen Ort kann das Leben besser sein, die Energien weniger schlecht. Buddha ist dafür ein guter Führer. Andere glauben an Gott und den Himmel, manche auch an Gleichheit und Gerechtigkeit.« Wie weise, wie gut das tut!

Der Autor nutzt die Geschichte der verstreuten Freunde gleichwohl, um den zeitgeschichtlichen Kontext seines Heimatlandes einzuflechten. Ein faszinierendes, oft fröhliches Land, das aber unter Mangelwirtschaft, Korruption und einer überholten Ideologie leidet. Und in dem viele Menschen den Wunsch nach einem besseren Leben haben. Ein Großteil des Clans wagt diesen Schritt. Ihnen dabei zu folgen, ist befreiend und beglückend – trotz aller Herausforderungen. Schließlich fühlt sich alles dank Leonardo Paduras Erzähltalent gleich ein bisschen wärmer an. Selbst, wenn sich das Karussell des Lebens gerade wieder einmal ein wenig zu schnell dreht.

Leonardo Padura: Wie Staub im Wind. Übersetzt von Peter Kultzen. Unionsverlag, März 2022, 514 Seiten, 26,- €. Jetzt portofrei bei Scheller Boyens Buchhandlungen bestellen oder ein Exemplar reservieren lassen. Das Buch ist in beiden Filialen vorrätig. Das eBook kostet 19,99 € und ist dort ebenso erhältlich.

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