Nicht von Pappe: Mein Buch des Sommers. 

Plötzlich ist es da, wie die Erinnerung an einen vergessenen Traum. Ich möchte dieses Etwas greifen. Von irgendwoher kenne ich diese Stimmung, die mir aus »Der Papierpalast« entgegenströmt. Ein mitunter rauer, melancholischer Atem. Nichts durchgängig Negatives, dafür hält das Buch einige helle und mitunter witzige Momente bereit. Woher nur kannte ich diesen besonderen Mix aus tiefer Nacht und leuchtendem Tag? Als ich mir die Vita der Autorin genauer anschaute, macht es sofort »Klick«. Natürlich: Miranda Cowley Heller war in leitender Position bei HBO tätig, wo sie verantwortlich war für die Entwicklung der bahnbrechenden Serien »The Wire« und »The Sopranos«. Daher dieser vertraute Sound. 

Alles beginnt mit einem sommerlichen Katertag. Elle erwacht sehr früh in ihrem Sommerquartier in Back Woods und spürt noch den Alkohol der letzten Nacht in ihrem Kopf, wo obendrein seltsame Erinnerungen aufsteigen. Die Ich-Erzählerin macht sich auf dem Weg zum nahen See und schwimmt ihre erste Runde. Sie lässt dabei den letzten Abend Revue passieren und spricht es geradewegs aus: »Gestern Abend habe ich mit ihm gefickt, endlich.« Ziemlich anzügliche Worte, die für mich so gar nicht in den Erzählfluss passen und sich zunächst wie ein Holzsplitter anfühlen. Aber vielleicht sind sie so etwas wie ein Befreiungsschlag – von einer Frau in den mittleren Jahren, die ihr Leben hinterfragt.  

Mit „Er“ ist übrigens Jonas gemeint, Elles langjähriger und bester Freund. Zusammen mit seiner Frau Gina verbringt der attraktive Mann am gleichen Ort den Urlaub wie Elle mit ihrer Familie. Beide sind hier lange schon verwurzelt: Elle und Jonas, Jonas und Elle, so ging das viele Jahre lang – bis zu einem einschneidenden Ereignis. Was die beiden verbindet, entrollt Miranda Cowley Heller im Verlauf der Geschichte und nutzt dabei raffiniert zwei Erzählebenen.  

Einerseits begleiten wir Elle von Mitte der Sechziger an, als sie noch ein kleines Kind in New York war. Andererseits sehen wir sie als reife Frau im Hier und Jetzt und vor allem nach der besagten Sommernacht, die alte Sehnsüchte und Narben aufreißt. Die Mutter von drei Kindern denkt plötzlich über ihr bisheriges Leben nach und verliert dabei ihr Gleichgewicht. Schlimmer noch wiegt die Vergangenheit, die belastet ist von einer dysfunktionalen Familie, Missbrauch, dem Schweigen darüber, und dem Tod eines geliebten Menschen.   

So gesehen ist »Der Papierpalast« alles anderes als eine seichte sommerliche Seifenoper. Wäre da nicht dieses gewisse Etwas, diese mitreißende Leichtigkeit, die selbst schweren Themen den Schrecken nimmt. Das gelingt der Autorin vor allem durch ihren ganz eigenen Witz und einer Situationskomik, wie ich sie aus „The Sopranos“ oder „Six Feet Under“ kenne. So entstehen vor meinem inneren Auge herrliche, nahezu filmreife Szenen. Sollte es den Roman irgendwann als Serie geben, ich wäre nicht überrascht. Ganz im Gegenteil: Ich wäre höchst erfreut.

***  

Miranda Cowley Heller: Der Papierpalast. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Susanne Höbel. Ullstein, März 2022, 448 Seiten, 23,99 €. Das Buch ist jetzt auch porofrei bei Scheller Boyens Buchhandlungen bestellbar oder reservierbar. Es liegt in beiden Läden vor. Das eBook kostet 19,99 € und kann dort ebenfalls bestellt werden.

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