Fiebertraum im Fahrstuhl.

Today open: Club der toten Dichter. Und wir begrüßen nur einen Gast: John Dos Passos. Mit Manhattan Transfer hat der amerikanische Autor 1925 ein Jahrhundertwerk vorgelegt, Die Geburtsstunde des Großstadtromans. Erneuter Siegeszug des Bewusstseinsstroms, bereits drei Jahre zuvor im Ulysses erprobt. Nochmal vier Jahre später Döblin mit Berlin, Alexanderplatz. Kanon der literarischen Kolosse.

Punch! Manhattan Transfer hat eine Wucht, eine Kraft, die dich als Leser bereits mit den ersten Sätzen packt und über fünfhundert Seiten lang nicht loslässt.

Atemlosigkeit, für damalige Verhältnisse ultramoderner Stil. Sinnbild für den Mittelpunkt der Handlung. Nicht die Parade an Menschen, die auf- und wieder abtauchen, sie gehen ein und aus wie in einem Restaurant mit Drehtüren. Manche schleudert es förmlich aus dem Leben. Sprung von der Brooklyn Bridge. Der hat´s nicht geschafft…

Die ewige Suche.

Keinen Job gefunden. Die ewige Suche nach Geld, Macht, Ruhm. Auch, wenn´s nur bis zum nexten Morgen reicht, nur ein kleines Stück vom großen Kuchen des amerikanischen Traums ist.

Dieser Fiebertraum, der aus Häusern, Straßen und Wasser besteht. Und zwei magischen Worten: New York.

Lange vor Frank Sinatra hat Dos Passos die Ruhelosigkeit und Magie dieser Stadt eingefangen. Bildgewaltig und atemlos, als wärest du selbst ein getriebener Geist in diesem Meer aus Menschen und Mauern.

Bild von Jo Wiggijo auf Pixabay

„Das bleierne Zwielicht lastet auf den spröden Knochen eines alten Mannes, der in Richtung Broadway geht. Beim Nedick-Stand an der Ecke verändert sich flüchtig seine Perspektive. Als beschädigte Puppe inmitten der Menge lackierter Gliederpuppen trottet er mit gesenktem Kopf weiter, hinein in das bebende Gewimmel, in den Schmelzofen aus perlenden, Lettern formenden Lichtern…“

Verwundet, aber nie vernichtet.

Die Handlung umspannt die Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Amerika und New York, bereits damals verwundet. Anschläge von Anarchisten in der Wall Street.

Der Kapitalismus saugte schon seinerzeit den Menschen das Fleisch von den Knochen. Eine wilde Zeit.

„Da kommt ein Elefantenpaar,

Da sind die Paviane,

Über einen Fluss muss ich noch gehen,

Und Jordan ist sein Name.“

Die Großstadt ein einziger Zirkus. Die Menschen Clowns, Dompteure und Claquere.

Einsamkeit inmitten Millionen anderer Individuen. Die Sehnsüchte prallen auf die Stahlskelette der neu entstehenden Wolkenkratzer.

„Herrgott, ich wollte, ich wäre ein Wolkenkratzer.“

Aber Stan ist nur ein Suchender, der dem Delirium nahe ist. Eine Puppe im Marionetten-Theater der Madison Avenue.

„Das Schlüsselloch fuhr im Kreis herum, damit der Schlüssel nicht hineinkam.“

Scheitern im heiligen Gral.

Auch Stan wird es nicht schaffen, wird buchstäblich verbrennen, als er mit den Fingern den heiligen Gral berühren wollte. Aber seine Heiligkeit New York verzeiht keine Schwäche. Hier scheitern selbst einst gefeierte Börsen-Gurus und die Im- und Export-Magnaten.

Vielleicht schaffen es ja Elaine, Jimmy Herf oder Nevada. Aber was heißt das schon – schaffen? Leben, überleben, darum ging´s damals, darum geht´s heute. Und wenn du Glück hast zwischen Geburt und Grab, dann liegen dazwischen ein paar wahrhaftige Momente des Menschseins, so etwas wie Liebe und Zärtlichkeit und mehr Demut als Demütigungen.

Wenn es nur egal wäre.

„Es gäbe so viele Leben zu leben, wenn es dir nur egal wäre. Was müsste mir egal sein? Die Meinung der anderen, Geld, Erfolg, Hotelhallen, Gesundheit…“ Darauf einen Highball!

Wenn ihr also mal wieder ermüdet seid von der lähmenden Gegenwartsliteratur, steigt ein in diesen Aufzug und drückt auf den Knopf für die oberste Etage. Die Fahrt wird unvergesslich sein.

„In der Abenddämmerung schießen Leuchtkäferzüge wie Weberschiffchen durch die nebelverhangenen Spinnennetze der Brücken, Aufzüge fahren in ihren Schächten hinauf und hinunter, Hafenlichter zwinkern…“

Und alle singen:

“For he´s a jolly good fellow

That nobody can deny…”

Elevator up!

Empfohlen sei auch noch der großartige Bildband über New York Buch vom Taschen Verlag: „New York. Porträt einer Stadt.“

Jon Dos Passos – Manhattan Transfer. Aus dem Englischen übersetzt von Gerd van Gunsteren. Rowohlt Taschenbuch, 544 Seiten, 12,- €. Hier portofrei bei Scheller Boyens Buchhandlungen bestellen. Das eBook kostet 9,99 € und ist dort ebenso bestellbar. New York – Porträt einer Stadt, Taschen Verlag, gebunden, 428 Seiten, 30,- €. Dieser wunderbare Bildband ist auch bei den Scheller Boyens Buchhandungen bestellbar.

4 Gedanken zu „Fiebertraum im Fahrstuhl.

    1. herrklappentexter Autor

      Hallo! Ja, gute Idee, hab ich auch schon mit geliebäugelt. Leider zurzeit nur alle drei Bände in einem lieferbar. Bisschen unhandlich. Wobei…wenn ich mir meinen nexten Roman anschaue: Thomas Wolfe, über 1100 Seiten… Viele Grüße ausm Norden, Herr K.

      Gefällt 1 Person

      Antwort
      1. Sandra Falke

        Ich fand die Taschenbuch-Ausgabe relativ angenehm zu lesen – obwohl ich sie nicht gerade in meiner Handtasche mittragen würde. 😉 Es ist auch hierzulande ein Jahr der dicken Bücher gewesen!
        Herzlichst aus Berlin,
        Frau Falke 🙂

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s