Humor ist eine starke Waffe.

Foto: Katerina Poladjan | © Andreas Labes

Seit jeher verspüre ich eine ganz eigene Verbindung zur Kommunalka. Sobald sie mir in Büchern begegnet, werde ich hellhörig. So erging es mir auch mit Katerina Poladjans neuem Werk »Zukunftsmusik«. Darin steht so eine legendäre russische Wohngemeinschaft im Mittelpunkt.  

Die Autorin war mit ihrem Buch für den diesjährigen Preis der Leipziger Buchpreis nominiert. Absolut verdient, und noch verdienter wäre die Auszeichnung gewesen. Denn die Autorin schreibt außerordentliche Geschichten. So stand sie bereits mit »Hier sind Löwen« auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.  

Mit »Zukunftsmusik« gehen wir – welch spannender Gegensatz zum Titel! – zurück in die Vergangenheit. Wir schreiben den 11. März 1985, und eine Zeitenwende tritt ein. An diesem Tag stirbt der sowjetische Staats- und Parteichef Konstantin Tschernenko. Ihm folgt Michail Gorbatschow und damit die beschriebene Zeitenwende.

Doch davon ahnen die Protagonisten dieser unterhaltsamen Geschichte naturgemäß noch nichts. Man könnte Chopins Trauermarsch in diese Richtung deuten, denn der tönt aus dem Radio, als Matwej Alexandrowitsch seine Morgengymnastik macht. Doch Poladjans Figuren sind mit alltäglichen Dingen beschäftigt. Wie Matwej Alexandrowitsch, der seine Übungen nicht in Ruhe ausführen kann, weil plötzlich die kleine Kroschka losschreit. Also geht er in die Küche, fischt sich zwei Fleischstücke aus dem Topf der Karisen und seufzt tief, als er das plätschernde Wasser hört: Kroschkas Mutter – Janka – aalt sich in der Badewanne. Natürlich! Wie jeden Morgen. Nach ihrer Nachtschicht gönnt sich die junge Frau und Mutter diesen kleinen Luxus.

Ihre Mutter Maria versucht, den Mann zu beruhigen. Doch der kann sich nicht beherrschen: »Wissen Sie, Maria Nikolajewna, jeder Mensch lebt in seiner eigenen, abgeschlossenen Welt, das ist ein höheres Gesetz und erscheint mir recht und billig. Aber Ihre Tochter Janka lebt in einem besonders fremden und weit entfernten Kosmos, und darf sie deshalb, wenn sie frühmorgens von ihrer Nachtschicht kommt, so egoistisch sein, dass sie sofort ihr Kind weckt, dass dann mit seinem Geplapper und Geplärr die ganze Kommunalka aus dem Schlaf reißt?« Daraufhin Maria: »Ein Scheißleben haben wir…«, merkt aber sofort den Ausrutscher und fügt hinzu »Und nicht mehr lange, dann wird es auch wieder Frühling und die Birken bekommen kleine grüne Blättchen.«

Soviel Situationskomik ist herrlich erfrischend, zudem gibt es davon zahlreiche in diesem lebensklugen Roman. Ich habe lange überlegt, ob ich angesichts der aktuellen weltpolitischen Ereignisse über Russland schreiben möchte. Und über ein Buch, das von Komik getragen wird. Ich habe mich dafür entschieden. Erstens, weil es Literatur und ganz Russland keineswegs mit Putin gleichzusetzen ist, und zweitens, weil ich mir wünsche, dass noch mehr Menschen dieses Kleinod für sich entdecken. Obendrein kann es sehr wohltuend für die Seele sein, die brutale Wirklichkeit für ein paar Momente außen vor zu lassen.

Die Geschichte ist eigensinnig und sprachlich beeindruckend erzählt. Wir begleiten vier Frauen einer Familie – die kleine Kroschka, Maria, Janka und Warwara. Nicht zu vergessen Matwej. Und so, wie in der großen Welt eine Zeitenwende anbricht, so tut sie es auch in dieser besonderen Kommunalka. Dabei ist es eine wahre Freude, den verschrobenen Figuren in ihrem Leben und den kleinen, alltäglichen Kämpfen zu folgen. Immer verbunden mit der Frage: „Was also tun?“ Und wie viel humaner wäre diese Welt, wenn alle darauf so humorvolle Antworten hätten, wie diese ganz normale russische Familie in ihrer Kommunalka.

Gern möchte ich euch noch die Besprechung des SWR Lesenswert-Quartetts empfehlen.

Katerina Poladjan: Zukunftsmusik. S. Fischer, Februar 2022, 185 Seiten, 22,- €. Das Buch jetzt portofrei bei Scheller Boyens Buchhandlungen bestellen. Oder sich ein Exemplar in den Filialen reservieren lassen. Das eBook kostet 18,99 € und ist dort ebenso erhältlich.

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