Überraschungsmomente.

Foto: Véronique Olmi | © Astrid di Crollalanza

Selbst mich kann die Literaturwelt noch überraschen. Natürlich war mir der Name Véronique Olmi geläufig, aber gelesen hatte ich von der französischen Autorin noch nichts. Nun, das kann selbst der besten Buchhändlerin passieren. Aber dieses kleine Versäumnis wurde mittlerweile korrigiert, denn ich habe »Die Ungeduldigen« gelesen und staune immer noch.

Schon der Klappentext wedelte vielversprechend in meine Richtung: Frankreich in den 70er Jahren, drei Schwestern, die aus der Provinz und dem konservativen Leben in die Metropole nach Paris ausbrechen wollen. Simone de Beauvoir und Gisèle Halimi sind ihre großen Heldinnen. Das klang vielversprechend.  

Und das Versprechen wurde eingelöst: Immer noch sehe ich Sabine, Hélène und Mariette vor mir. Überhaupt löst das Lesen dieses erstaunlichen Werkes viele interessante Bilder vor meinem inneren Auge aus. Auf jeder Seite hatte ich das Gefühl, in einem Kinosessel zu sitzen – derart atmosphärisch schreibt Olmi.

Die Geschichte ist von Anfang atmosphärisch aufgeladen und beginnt damit, dass Hélène aus dem spannenden Paris wieder zu Hause ankommt. Ihr Onkel liebt Hélène wie seine eigene Tochter und lädt sie daher regelmäßig zu seiner Familie ein, einer Welt des Wohlstands. So pendelt Hélène zwischen den Welten hin und her: Hier ihre eher einfache Herkunft, da das mondäne Leben ihres Onkels und nicht zu vergessen das pulsierende Paris der damaligen Zeit.

In Sabine weckt dieses andere Leben eine große Sehnsucht. Voller Neugier betrachtet sie stets die neuen Kleider, die ihre Schwester aus ihren Ferien mitbringt. Irgendwann will Sabine auch mal nach Paris. Ob Hélène sie mitnehmen darf? 

In abwechselnden Perspektiven folgen wir den Schwestern auf ihrem Weg des Erwachsenwerdens. Ja, es sind unterschiedliche Persönlichkeiten, aber jede auf ihre eigene Art tiefgründig. So begeistert sich Sabine schon als junges Mädchen für das Theater, Hélène dagegen setzt sich für Tiere ein, und Mariette ist eine verträumte Seele. Alle drei eint, dass sie das langweilige Leben ihrer Eltern hinter sich lassen wollen.  

Nicht nur die Schwestern sind im Wandel, auch die Zeit um sie herum brodelt. Die Studentenbewegung ist in vollem Gange, unterdrückte Frauen gehen für ihre Rechte auf die Straße, Arbeiter kämpfen für bessere Bedingungen und Tiere sollen endlich Schutz und Würde erfahren.  

All das verwebt die Autorin gekonnt wie elegant in die Handlung und hinterlässt ein Echo, das immer wieder zum Innehalten animiert. Dieser Roman ist eine Kette vieler feiner Momente, erfüllt von schönen sprachlichen Bildern und lebensklugen Sätzen.

»Die Ungeduldigen« besticht als beeindruckende Familiensaga, ein Buch voller Träume und Ideale. Von leichter Hand erzählt, trotzdem mit Tiefgang und einer tröstenden Wärme. In Zukunft werde ich mit Sicherheit nicht mehr an Véronique Olmi vorbeikommen. Wir stellen also fest: Das Leben und das Lesen sind gleichermaßen voller Überraschungen.

Véronique Olmi: Die Ungeduldigen. Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Steinitz. Aufbau Verlag, Februar 2022, 448 Seiten, 24,- €. Jetzt portofrei bei Scheller Boyens Buchhandlungen bestellen. Oder das Buch reservieren lassen. Das eBook kostet 16,99 € und ist dort ebenfalls erhältlich.

4 Gedanken zu „Überraschungsmomente.

  1. Konstantin

    Wie immer danke ich dir für deine Besprechung, die mich inspirierte, mir Freude machte und Lust auf den Roman und die Autorin weckte. Witzigerweise ging es mir ähnlich wie dir, ich kenne Véronique Olmi dem Namen nach – ich meine durch eine Empfehlung vor vielen Jahren von einer Bekannten, zu der ich den Kontakt längst verloren habe. Wenn ich mich richtig erinnere, war es damals ‹Ein Mann – Eine Frau›. Gelesen habe ich bislang aber nichts von Olmi und ‹Die Ungeduldigen› könnte nun ihr Debüt in meinem Repertoire werden. Ich habe es mir auf jeden Fall notiert, denn das was hier durchscheint, thematisch wie sprachlich ‹wedelte vielversprechend in meine Richtung›. Einen wundervollen Sonntag für dich!

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    1. Klappentexterin Autor

      Lieber Konstantin,

      und ich danke dir für deinen Kommentar. Jetzt möchte ich mich einfach mal zu Wort melden. Wir wissen deine Rückmeldungen sehr zu schätzen, auch wenn wir es nicht immer sofort mit einer Antwort zeigen.

      Da bin ich ja beruhigt, dass ich nicht die Einzige bin, die von Olmi bisher nichts gelesen hat. Aber das wird sich bei uns jetzt ändern. Und ist es nicht auch schön, dass selbst uns Viellesern das Büchermeer Überraschungen parat hat?

      Ich bin gespannt, wie es dir bei der Lektüre geht und wünsche dir wunderbare Lesestunden!

      Ganz herzlich und noch eine angenehme Woche,

      Klappentexterin

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      Antwort
      1. Konstantin

        Nun hat es doch noch einige Tage gedauert, bis zu meiner Antwort. So geschieht es, nicht nur dieser Tage, das Leben und der Alltag holen uns ein. Ich freute mich sehr über deine Antwort, sie ist auch gar nicht immer nötig, umgekehrt ist es mir wichtig, mit meinem Kommentar Wertschätzung für die hier veröffentlichten Texte zu zeigen. Ich erhalte E-Mails, die mir zeigen, das mein Kommentar gefällt, auch darüber freue ich mich. Veronique Olmi wird nun (erneut) etwas warte müssen. Ich habe die vergangenen Tage durch mehrerlei Zufälle erst eine Besprechung des Neulings von Marieke Lucas Rijneveld gelesen. Er versetzt sich in die Täterperspektive und sozusagen als Kontrast dazu, über einen Dialog auf Twitter [https://twitter.com/schlimmehelena/status/1457981484598444034?s=21], ein Buch der norwegischen Autorin, Maria Kjos Fonn, dass etwas unterging, erschienen bei CulturBooks das die Opferperspektive beschreibt. Lange Rede, das ist mein kommendes Projekt neben dem Werk von Annie Ernaux zur Diskussion in meiner Lesegruppe, aus Berlin dank ZOOM! Danach, danach folgt Veronique Olmi!

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