Die Macht des Schicksals.

Foto: Eva Tind | © Les Kaner

»Wenn wir nur einen kleinen Teil des Lebens leben, was passiert dann mit dem Rest?« Gute Frage, und ganz ehrlich? Ich weiß es nicht. Was ich aber mit Sicherheit sagen kann ist, dass ich den kleinen Teil meiner Lebenszeit, die ich mit der Lektüre dieses Buches verbracht habe, durch und durch genossen hab. So empfinde ich »Ursprung« von Eva Tind als eine echte Bereicherung. Ist es doch eine der ungewöhnlichsten Familiengeschichten, die ich je gelesen habe. Und zugleich die Geschichte über drei Menschen, die ihren Platz in dieser Welt noch suchen.

Die Protagonistin Sui ist gerade zu Hause ausgezogen und lebt mit Anton zusammen. Sie führen eine sogenannte offene Beziehung. Als Sui eines Tages Antons andere Freundin in der gemeinsamen Wohnung antrifft, ist für sie trotzdem eine rote Linie überschritten, und sie will nur noch weg. Doch wohin? Ihr Vater Kai weilt gerade in Indien, um sich im Rahmen eines Yoga Retreats selbst zu finden.

Kai hat Suis Auszug nie richtig verkraftet und ist in Depressionen verfallen. Da bleibt Sui nichts anderes übrig, als zu ihrer Mutter Miriam zu fliehen, die sich in Schweden ein großes Waldgrundstück gekauft hat, um sich zurückzuziehen. Einst war sie eine erfolgreiche Künstlerin, bis ihr japanischer Ehemann bei einem Unfall ums Leben kommt. Ein Unfall, an dem sie beteiligt war, und so hat dieses Ereignis ihr buchstäblich den Boden unter den Füßen weggerissen.  

Miriams und Suis Verhältnis ist eher unterkühlt. Miriam war nie eine gewöhnliche Mutter. Als sie sehr spät – mit Anfang Fünfzig – von ihrer Schwangerschaft erfuhr, wollte sie das Kind erst nicht haben. Dann hat sie sich doch zusammen mit Kai für das Kind entschieden mit der Bedingung, dass Kai das alleinige Sorgerecht bekommt. Miriam fühlte sich nicht geschaffen zum Mutterdasein. Zudem war ihr die Karriere als Künstlerin wichtiger.  

Natürlich ist das alles andere als normal, eine höchst eigenartige Familien-Mixtur. Und doch hat dieses alternative Familienkonstrukt über Jahre ganz gut funktioniert. Bis zu dem Moment, an dem Sui bei ihrer Mutter auftaucht. Plötzlich gerät das Leben aller ins Wanken, denn Sui will mehr über die Familie ihres Vaters erfahren. Ihr Großvater stammt aus Korea, die Großmutter ist Dänin. So reist die junge Frau nach Korea und trifft dort auf die traditionelle Welt der Perlentaucherinnen.

Während ihr Vater in Indien sich immer noch in vollen Zügen auslebt und mit seiner Gabe, Menschen durch Handauflegen zu heilen, ins Nachdenken gerät. So fragt er sich, ob er überhaupt zurück soll in sein altes Leben als Architekt. Oder nicht lieber zukünftig als Heiler wirken soll.

Klar, eine Menge Lebensstoff. Zuviel des Guten? Ein klares Nein! Denn Eva Tind erzählt die Geschichte mit dezenten Tönen, so dass man sich zu keinem Zeitpunkt überfordert fühlt. Sie wechselt oft und klug die Erzählperspektive und versetzt einen in einen ganz und gar wunderbaren Film, der sich wie selbstverständlich vor dem inneren Auge abspielt.  

»Ursprung« ist sozusagen ein Roadmovie, das seine Bahnen von Dänemark über Indien bis nach Korea zieht. Spiritualität, Yoga und Kunst spielen eine ebenso bedeutende Rolle wie das Meer und die Natur. Und natürlich die Familie, die Bindungen, diese ganzen Kreuz- und Querverbindungen moderner Familiengeschichten.

Ein erfrischendes Lesevergnügen, das mich ein wenig an »Gesammelte Werke« von Lydia Sandgren erinnert. Ist es Zufall, dass beide Autorinnen im mare Verlag erscheinen?

Natürlich, ja. Genauso, wie alles im Leben Zufall ist. Oder Bestimmung. Vielleicht ist es auch nur die Macht des Schicksals. Wer von uns weiß das schon?

Eva Tind: Ursprung. Aus dem Dänischen übersetzt von Ursel Allenstein. mare 320 Seiten, gebunden, 25,- €. Jetzt portofrei Scheller Boyens Buchhandlung bestellen oder vor Ort reservieren (das Buch ist vorrätig).

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