Die Traumata der Königskinder.   

Seit einem Jahr schleiche ich um dieses Buch und habe es nun endlich gelesen: »Zwischen Du und Ich« von Mirna Funk ist – ebenso wie ihr Debüt »Winternähe« – keine leichte Kost. Aber wichtig und absolut lesenswert.  Gleich am Anfang stellt sich mir die Frage: Sind Traumata vererbbar? Und wie damit umgehen, wenn sich die eigene Familie lieber den Mantel des Schweigens überzieht, statt über die Wunden der Vergangenheit zu sprechen?  

Bevor ich zum Thema komme, stehe ich zunächst in Berlin neben Nike, die dringend eine Veränderung braucht. Als sich ihr die Gelegenheit bietet, nach Tel Aviv zu gehen, greift sie sofort zu. Was auch persönliche Gründe hat. Denn direkt vor Nikes Haustür in Berlin Mitte ist sie auf einen Stolperstein mit dem Namen ihrer Urgroßmutter gestoßen. Während Nike von ihrer Neugier angetrieben wird, schweigen Mutter und Großmutter hartnäckig. Da hilft nur, selbst zur Tat zu schreiten.

Mirna Funk und Tel Aviv sind zwei Geraden, die kongruent zueinanderstehen. Bereits in ihrem Erstling hat sie ihre Leser:innen dorthin mitgenommen, wo sie selbst eine Zeit gelebt hat. Ihre Verbundenheit mit dieser lebendigen, pulsierenden Stadt ist in jedem Satz zu spüren.       

Foto: Tel Aviv / © Mirna Funk

In Tel Aviv trifft Nike auf den Journalisten Noam. Noam schreibt für die »Haaretz« Kolumnen und hat gerade seine wohl wichtigste geschrieben. Während Noam absolut überzeugt ist von seinem Text, überwiegt bei seinem Verleger die Skepsis. Gerade, als Noams Lebensbild ins Wanken gerät, entdeckt er auf Instagram Nike. Für eine kurze Zeitspanne ist alles unbeschwert, aber die Vergangenheit ist wie ein kranker Zahn, der nicht gezogen wird. Er meldet sich genau dann, wenn du überhaupt nicht damit rechnest – es zieht und schmerzt höllisch.      

Die Gewalt ist ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch das Leben beider Protagonisten zieht. Zunächst verbindet es Noam und Nike im Verborgenen – und kurz denke ich an zwei Königkinder, die sich erst finden müssen, um sich zu retten. Aber werden sie es schaffen?       

Foto: Mirna Funk / © Amira Fritz

Nicht zu vergessen die Traumata – die selbst erlebten und nicht verarbeiteten, genauso wie die vererbten. Schwer wiegen beide, und ich als Leserin werde mitunter an die Grenzen des Zumutbaren damit konfrontiert. Aber es ist notwendig, denn das Schicksal von Millionen Juden darf niemals in Vergessenheit geraten. Obendrein thematisiert die Autorin den Völkermord in Ruanda. Mirna Funk schreibt konsequent gegen das Vergessen an. Immer bleibt sie ihrem Stil treu, ihr Sound ist bisweilen sehr modern und hat etwas von einer Netflix-Serie. So fallen in ernsten Gesprächen Ausdrücke wie »Ja, crazy, oder?« oder »Kein Ding. Wirklich.«

Muss man mögen – mir gefällt der Mix. Ein erfrischender Ton, der sich erhellend durch die finsteren Passagen bricht und ungemein tröstlich ist. Das fühlt sich fast so an, als würde man lange verschlossene Fenster öffnen, um frische Luft hineinzulassen. Durchatmen und das Beste hoffen – das wünsche ich Nike und Noam. Und allen Menschen, die mit Traumata leben müssen. 

Am 27. Januar ist Internationaler Gedenktag für die Opfer des Holocaust. Lasst uns an diesem Tag gemeinsam der Opfer gedenken.

Wenn ihr mehr über die Autorin erfahren wollt, dann klickt einfach hier. Dort kommt ihr zu einem Interview, das ich mit ihr geführt habe.

Mirna Funk: Zwischen Du und Ich. dtv, Februar 2021, 302, 22,- €.

Ein Gedanke zu „Die Traumata der Königskinder.   

  1. Elke Schneefuß

    Das nenne ich tapfer: Das Thema Holocaust ist wichtig, aber immer noch schwer zu bewältigen – jedenfalls für mich, wenn ich darüber lese. Ich hatte die Chance, kurz vor Corona selbst nach Israel zu reisen und interessiere mich für alle Themen, die mit dem Land zusammenhängen – aber ich gebe zu, während der Epidemie habe ich ein wenig abgebaut. Ich lese ein öfter um Traumata und Gewalt herum und dran vorbei- nicht gut, aber dem Stress geschuldet. In der Hoffnung auf bessere Tage merke ich mir das Buch trotzdem vor: Vielen Dank für die interessante Rezi!

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