Baum der Hoffnung. 

© Foto: Ferhat Elik

„Das Flüstern der Feigenbäume“ von Elif Shafak passt hervorragend zum neuen Jahr, das genauso seltsam beginnt, wie das alte zu Ende gegangen ist: Ein Mix aus Unbehagen, Ohnmacht und Hoffnung. So scheint mir gerade dieses Buch ideal, um 2022 literarisch zu begrüßen. 

Jedes Buch von Elif Shafak ist ein Juwel, aber ihre Werke haben einen gemeinsamen Nenner – diese vielfältige Mischung aus Mystischem, feinfühlig Erzähltem und klug reflektierten Beobachtungen über unsere Welt. Dabei betrachtet die Autorin auch die nicht verheilten Wunden der Vergangenheit, wobei sie dafür in ihrem neuen Werk eine Allegorie nutzt: den Feigenbaum. Ein Baum, der ihr wie ein Fels zur Seite stand und Dreh- und Angelpunkt ihres Romans ist.

Der Feigenbaum erzählt uns seine Geschichte, die auf Zypern beginnt und im verschneiten England aufgerollt wird. In London steht der Baum im Garten von Ada und ihrem Vater Kostas, der ihn aus Zypern mitgebracht hat.  Mag sich die Rolle des Baums zunächst seltsam anfühlen, so ist er bald nicht mehr wegzudenken aus dieser berührenden Geschichte von zwei unmöglichen Lieben.   

Einerseits die zwischen Yusuf und Yiorgos und andererseits die zwischen Defne und Kostas. Defne und Kostas dürfen sich nicht lieben, weil Defne Moslemin und Türkin ist, Kostas dagegen Christ und Grieche. Yusuf und Yiorgos betreiben Die glückliche Feige, eine Taverne, die gleichermaßen beliebt ist bei UN-Soldaten, Griechen, Türken, Armeniern und Maroniten. Ganz schönes Völkergemisch, oder? Yusuf und Yiorgos sind beide Zyprer, der eine Grieche, der andere Türke. Und sie lieben sich. An diesem besonderen Ort finden auch Defne und Kostas Unterschlupf für ihre heimlichen Treffen. Was keiner weiß – nur unser Feigenbaum. Der sieht alles und erzählt uns von seinen Beobachtungen.   

Elif Shafak blickt aber nicht nur zurück, sie zoomt auch in die Gegenwart nach London. Dort stehe ich neben Ada und erlebe zu Beginn des Romans ihren seltsamen Schreikrampf mitten im Schulunterricht. Ada weiß nicht, was mit ihr geschieht. Hat es mit der Trauer zu tun? Oder ist sie gar von einem Dschinn besessen? Eine Vermutung von Adas Tante Meryem.       

Meryem besucht zum ersten Mal ihren Schwager Kostas in London. Zu Ada dringt sie zunächst nicht durch, ist ihre Nichte doch enttäuscht, dass sie nicht zur Beerdigung ihrer Mutter gekommen ist. Aber durch Meryem erfährt Ada nach und nach die Geschichte ihrer Eltern. Diese unmögliche Liebe, damals auf Zypern in den 70er Jahren.      

Zypern – ist das nicht die beliebte Urlaubsinsel? Ja, aber die Insel ist nicht nur ein Sonnenparadies für Urlauber, sie ist seit 1974 geteilt und seitdem ein politischer Spielball zwischen Griechenland und der Türkei. Diese – im wahrsten Sinne des Wortes – Zerrissenheit macht Elif Shafak mit ihrer ganz eigenen Sprache sichtbar. Poetisch, feinfühlig, warmherzig und mit einer orientalischen Note aus Kardamon verwebt sie das Schicksal einer Familie. Die Autorin erzählt von den vielen Opfern, den Verfolgten, Vermissten und Toten.       

Von Maximilian Dörrbecker – Eigenes Werk mittels: this file by NordNordWest, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=74469548

Doch es herrscht nicht immer Dunkelheit in der Geschichte, hier und da blinzelt vereinzelt die Sonne hindurch. Auch unsere Ada bekommt diese hoffnungsfrohe Wärme zu spüren. So wie wir alle im vergangenen Jahr auch aufmunternde Augenblicke erlebt haben. Dafür bin ich dankbar. Und die Hoffnung sitzt trotz aller Stürme weiterhin an meiner Seite. Möge es euch auch so gehen. Kommt gut an im neuen Jahr – am besten natürlich mit einem wunderbaren Buch wie diesem. 

Elif Shafak: Das Flüstern der Feigenbäume. Aus dem Englischen übersetzt von Michaela Grabinger. Kein & Aber, Oktober 2021, 512 Seiten, 27,- €.

Ein Gedanke zu „Baum der Hoffnung. 

  1. Silke Peters

    Das klingt wie wärmendes Seelenfutter. Ein Buch für mich, unbedingt. Ich habe schon einiges von Elif Shafak gelesen und wurde nie enttäuscht. Also ab damit auf meine Leseliste.
    Dir wünsche ich ein gutes neues Jahr mit ganz vielen inspirierenden Leseeindrücken. Ich freue mich schon sehr auf deine wertvollen Tipps.
    Habs fein. Liebe Grüße

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