Winterreise.

Bild von David Mark auf Pixabay

Kürzlich habe ich über Katherine May und ihr wunderbares Buch Überwintern – Wenn das Leben innehält berichtet. Auch der Protagonist in David Parks Roman Reise durch ein fremdes Land geht durch frostige Zeiten. »Alles braucht seinen Sinn, und ich muss meinen finden oder dem Drängen des vereisten Lands nachgeben, mich in meine Müdigkeit zu fügen und den Kopf auf das weiche Kissen aus Schnee zu legen.«

Dieses Werk ist eine berührende, aufwühlende und gleichsam schöne Winterlektüre. 
Die Geschichte beginnt drei Tage vor Weihnachten, alles ist eingeschneit und die Welt scheint stillzustehen. Nur Tom und seine Frau Lorna wirbeln umher, sie sind beunruhigt, denn ihr Sohn Luke ist krank und kann zu Weihnachten nicht nach Hause kommen, weil sein Flug gestrichen wurde und obendrein sämtliche spätere Flüge ausgebucht sind.  

Aber so schnell geben die Eltern nicht auf. Tom befreit das Auto vom Schnee und will seinen kranken Sohn aus England nach Hause holen. So macht sich der Fotograf von Irland auf den Weg nach England. Und diese Reise wird für Tom keine gewöhnliche, auch für mich nicht, denn ich habe auf dem Beifahrersitz Platz genommen. David Park schafft von Beginn an eine fast intime Nähe zu seinen Figuren, so dass sich Tom sehr schnell wie ein guter Freund anfühlt. 

In den vielen einsamen Stunden hinter dem Steuer kommen verdrängte Bilder in dem Vater hoch, und er verliert sich in Gedanken – einzig die Frauenstimme des Navis holt ihn zurück in die Gegenwart. Immer wieder blitzt sein anderer Sohn Daniel auf, manchmal ist er präsent, beide halten Zwiesprache miteinander und ich spüre die Schwere, die auf Toms Herzen lastet wie ein Ziegelstein. Was es mit Daniel auf sich hat, erfahren wir erst im Verlauf der Geschichte.  

David Park erzählt die Geschichte unglaublich atmosphärisch, und es wundert mich nicht, dass der irische Autor mehrfach für seine Werke ausgezeichnet wurde. Obwohl es bitterkalt und die Familiengeschichte alles andere als einfach ist, huscht hier und da beim Lesen ein Lächeln über mein Gesicht. Es sind diese ganz besonderen, eher stillen Bücher, die ein vernehmliches und einprägendes Echo erzeugen. Dieses hier ist so eine Rarität. In einem Satz: Großartig erzählte Literatur über eine Familie und ihre Konflikte, über die sich der Schnee wie eine sanfte Decke legt.  

David Park: Reise durch ein fremdes Land. Aus dem Englischen übersetzt von Michaela Grabinger. Dumont Buchverlag, September 2021, 200 Seiten, gebunden mit Lesebändchen, 20,- €.

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