Augensterne.

© Martina Hoffmann

Wir befinden uns auf der Zielgeraden Richtung Weihnachten, Zeit also für meine letzten Empfehlungen zum Fest der Bücher. Was soll man auch sonst verschenken? Mein Motto dieses Mal lautet – Augensterne. So reise ich mit euch ins Berlin der 30er Jahre und treffe dort bekannte Größen wie Mascha Kaléko, Kurt Tucholsky und noch viele andere. Zudem werdet ihr drei bemerkenswerte Autorinnen treffen, einer Leidenschaft Haruki Murakamis lauschen und euch von hinreißenden Illustrationen verzaubern lassen. Apropos – schauen wir noch mal kurz nach Berlin: Von dort kommt das zauberhafte Startbild. Hier lebt und arbeitet Martina Hoffmann, eine äußerst kreative Art Direktorin, die zudem animierte Kurz- und Werbefilme produziert. Bekannt ist sie auch für ihre einzigartigen Kalender, welche schon oft bei mir einen Ehrenplatz bekommen haben.

In der Seelenbibliothek einer großen ErzählerinTove Ditlevsen

Mit Tove Ditlevsen fing das literarische Jahr 2021 sozusagen erst richtig an. Ihre Roman-Trilogie „Kindheit“, „Jugend“ und „Abhängigkeit“ wurde in den ersten Wochen regelrecht gefeiert. Völlig zu Recht! Und weil das Jahr mit ihr so gut anfing, möchte ich das Werk zum Ende nochmal allen wärmstens ans Herz legen, die es noch nicht haben oder das richtige Geschenk suchen.

Tove Ditlevsen wurde 1917 in Kopenhagen geboren und ist in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Als sie sieben Jahre alt ist, wird ihr Vater arbeitslos und sitzt nun als Heizer ohne Arbeit zu Hause. Die Mutter verhält sich ihrer Tochter gegenüber stets distanziert. „Sie war fremd und geheimnisvoll, und ich stelle mir vor, ich sei als Säugling vertauscht worden, und sie wäre gar nicht meine Mutter.“  

Als Tove in ihrer Kindheit wieder so einen abweisenden Mutteraugenblick erlebt, spürt sie plötzlich, wie eine Schlange mit merkwürdigen Wörtern in ihrem Inneren nach oben steigt „wie eine Schutzhülle“. In diesen Momenten konnte ihr die Kälte der Mutter nichts mehr anhaben. Obendrein entdeckt Tove für sich die Welt der Bücher, liest schon als Kind Werke für Erwachsene, wie „Die Elenden“ von Victor Hugo. Und sie beginnt, eigene Gedichte in ihr Poesiealbum zu schreiben und träumt von einem Leben als Dichterin. 

Aber wie soll das gehen in einer Welt, in der nur ganz wenige Mädchen das Gymnasium besuchen dürfen? Und für Mädchen, die wie Tove aus ärmlichen Verhältnissen stammen, bleiben die Tore einer höheren Schule meist verschlossen. Aber sie schreibt unbeirrt weiter: „Doch selbst wenn sich niemand sonst für meine Gedichte interessiert, bin ich gezwungen sie zu schreiben, denn sie dämpfen die Trauer und Sehnsucht in meinem Herzen.“

Wenngleich Toves Leben nicht viel Erfreuliches zu bieten hat, sinke ich während der Lektüre nie in das Tal der Tränen, erlebe stattdessen oft Momente der Leichtigkeit. Das haben wir Tove Ditlevsens einzigartigen Schreibstil zu verdanken: Lakonisch und von wunderschönen, klaren Bildern durchzogen. Bei den Bildern erinnere ich mich an die Hoffnung, die sie als flüchtigen Schimmer im schwarzen Haar ihrer Mutter sieht. Oder ihre Worte über die Kindheit: „Dunkel ist die Kindheit, und sie winselt wie ein kleines Tier, das man in einem Keller eingesperrt und vergessen hat. Sie bildet eine Wolke vor dem Gesicht wie kalter Atem, und mal ist sie zu klein, mal zu groß. Ganz genau passt sie nie. Erst wenn man sie eines Tages abgestreift hat wie eine Haut, kann man sie in Ruhe betrachten und von ihr sprechen wie von einer überstandenen Krankheit.“  

So eindringlich und mit zartem Selbstbewusstsein nimmt sie der traurigen Kulisse viel ihrer Dunkelheit. Das literarische Universum von Tove Ditlevsen ist außergewöhnlich, und die Reise in ihre „Seelenbibliothek“ allemal lohnenswert. Genau mit diesem wunderbaren Wort bezeichnet Tove ihre Aufzeichnungen aus der Kindheit. Für die Autorin entstand so das Fundament zu ihrem literarischen Schaffen. Die sogenannte Kopenhagener Trilogie ist der Mittelpunkt ihres Werkes und manifestiert ihren Ruf als eine der großen literarischen Stimmen Dänemarks. Drei Bände, und jeder einzelne lohnt die Lektüre.

Tove Ditlevsen: Kindheit. Aus dem Dänischen übersetzt von Ursel Allenstein. Aufbau Verlag, Januar 2021, 118 Seiten, 18,-€. Band 2: Jugend, 18,- €, Band 3: Abhängigkeit: 18,- €.

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Liebe und Exil mit Florian Illies

Stellt euch sich vor, ihr sitzt mit Simone de Beauvoir, Jean-Paul Sartre, Erich Kästner, Erika und Klaus Mann und Kurt Tucholsky an einem großen Tisch. Um euch herum tanzt Josephine Baker, die Musik der 20er und 30er Jahre des letzten Jahrhunderts dringt in Ihre Ohren und dazu jede Menge Geschichten.  

Genau das geschieht, wenn ihr das neue Werk von Florian Illies in den Händen, haltet. Als der Autor anfing, sich mit seinem Buchprojekt „Liebe in Zeiten des Hasses“ auseinanderzusetzen, ging es ihm genauso: Er sah die prägenden Menschen dieser Zeit förmlich vor sich, fühlte sich umgeben von all den Berühmtheiten. Manche sprachen lauter zu ihm, andere leiser aus den unzähligen Quellen, in denen der Berliner Autor für sein Projekt recherchiert hat. 

Für mich zählt „Liebe in Zeiten des Hasses“ zu den herausragendsten Sachbüchern des Jahres. Ein Buch, das eigentlich unter jeden Weihnachtsbaum gehört.  

Florian Illies ist gleichermaßen bekannt und geschätzt für seinen unverwechselbaren Erzählton und nähert sich den Menschen aus dem vorherigen Jahrhundert auch in seinem neuen Buch auf ganz eigene Weise. Geht es doch um die Liebe – und dies in schwierigen, oft hasserfüllten Zeiten. Sicher, es gibt viele Bücher über die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, aber keines ist wie dieses. 

So erzählt der Berliner Autor über die Beziehungen zwischen all den bekannten Künstlern, die wir nur aus Büchern oder Dokumentationen kennen: Von Kästner über die Manns bis hin zu Kurt Wolff, Helene Weigel und Bertolt Brecht. Und Illies schafft es, aus den ganzen Berühmtheiten Menschen wie du und ich zu machen, Menschen, die lieben und geliebt werden. Die träumen, vertrauen, stolpern, fallen und immer wieder aufstehen. Während sich die Welt um sie herum dramatisch verändert.   

Das kurzweilige Buch ist voller unterhaltsamer Anekdoten, mitunter wirklich bezaubernd und doch auch berührend und bewegend. Wir treffen auf die unterschiedlichsten Schicksale, die der Autor stets auch in den geschichtlichen Kontext mit einwebt. 

So wird Florian Illies auch hier wieder seinem Ruf gerecht, als Chronist mit bestechendem Stil informativ wie unterhaltend über eine spannende Zeit zu erzählen. Dieses Buch kann man nur lieben. 

Florian Illies: Liebe in Zeiten des Hasses – Chronik eines Gefühls 1929-1939. S. Fischer Verlage, Oktober 2021, 432 Seiten, 24,- €.

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Der liebenswerte Wahnsinn der Mary MacLane. 

Mary MacLane erinnert mich daran, warum ich vor über elf Jahren angefangen habe, über Literatur zu schreiben. Mir waren immer schon die besonderen Bücher wichtig. Jene Bücher, die sich nicht in der Bestsellerliste finden, die aber kostbar sind wie seltene Perlen. Mary MacLane ist so eine Rarität.   

Eine begnadete Autorin, die eigentlich eine Fangemeinde wie ein Popstar haben müsste. Mit Postkarten und T-Shirts, wo ihre klugen und ironischen Sätze draufstehen. Bleistifte! Notizbücher! Poster! 

Okay, erstmal danken wir dem Reclam Verlag für diese Wiederentdeckung, das ist schon viel wert. 

Exakt vor einem Jahr habe ich euch bereits »Ich erwarte die Ankunft des Teufels« vorgestellt – und seinerzeit war ich bereits elektrisiert. Übrigens ein Werk, das die Autorin Anfang des 20. Jahrhunderts äußerst populär gemacht hatte.  

In ihrem nun wiederveröffentlichten Buch »ICH – Aufzeichnungen aus meinem Menschenleben« lässt sie uns wieder teilhaben an ihren Gefühlen und Gedanken. Und auch diesmal sind diese vielschichtig, außergewöhnlich und belebend. Es vergeht kaum eine Seite, in der nicht ein blitzgescheiter Satz aufleuchtet, mich eine herrlich ironische Bemerkung angrinst oder eine famose Erkenntnis erhellt. 

Nach einer ereignisreichen Zeit in Künstlerkreisen kehrte die Autorin zurück in ihre Heimat nach Montana. Und betreibt eine fast exzessive Innenschau, schreibt einen Brief an Gott und denkt während der Maniküre über Lots Frau nach. Oder dankt ganz einfach nur ihren schwarzen Schuhen für den Halt, den sie ihr geben. 

MacLane schreibt offenherzig, lebensklug und immer ironisch-witzig. Dabei fasziniert ihre ganz eigene, poetische Prosa. Wenn euch in diesen Tagen nach einem leicht – im positiven Sinne – wahnsinnigen Klassiker, nach einer Perle ist, die nur auf ihre Wiederentdeckung wartet, dann greift zu diesem Buch. Ein bisschen Wahnsinn hat noch niemandem geschadet.

Mary MacLane: ICH – Aufzeichnungen aus meinem Menschenleben. Aus dem Englischen übersetzt von Ulrike Draesner und Mirko Bonné. Reclam, 2021, Deutsche Erstausgabe, 303 Seiten, 20,- €.

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Martina Hoffmann – Kinderkalender und Familienkalender  

© Kinderkalender | Martina Hoffmann

Über zehn Jahre gibt es die Klappentexterin schon, mindestens genauso lange erfreuen uns die Kinderkalender von Martina Hoffmann. Ich bin also Fan der ersten Stunde und habe auf dem Blog bereits öfter den Mädchenkalender vorgestellt. Für 2022 hat die Illustratorin einen bezaubernden Kinderkalender und gleich dazu noch einen Familienkalender gestaltet. Wenn ihr noch ganz besonders schön illustrierte Kalender sucht, dann möchte ich euch diese beiden Schätzchen empfehlen. Ihr könnt beide Kalender bei Martina im Webshop bestellen. Alle Bestellungen, die bis zum 18. Dezember bei ihr in ihrem Online Shop eingehen, sollten es noch bis zum Fest zu euch schaffen. Wobei in diesen Zeiten natürlich niemand eine Garantie geben kann. Aber ein Versuch sind diese Kostbarkeiten von Kalendern sicher wert. 

© Familienkalender | Martina Hoffmann

Martina Hoffmann: Kinderkalender, 21,- €. Familienkalender: 33,- €. Weitere Motive findet ihr in Martinas Online Shop Stift und Papier. Dort gibt es noch mehr schöne Papierwaren wie Poster und Postkarten.

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Haruki Murakami – Gesammelte T-Shirts 

Haruki Murakami ist ja bekannt dafür, der große Unbekannte zu sein. Warum? Nun ja, der berühmte japanische Autor lässt sich ungern in die Karten schauen, er liebt die Anonymität über alles. Daher picken wir Fans jeden Krümel von ihm auf, als wäre es Kaviar. So ungefähr fühlt sich „Gesammelte T-Shirts“ an. Dieses Buch gehört definitiv unter den Weihnachtsbaum aller Murakami-Fans – innig empfohlen von einem Fangirl.  

Der Autor bezeichnet sich selbst nicht als Sammler – obwohl er genau das ist. Jeder Murakami-Leser weiß um die große Liebe des Autors zu Vinyl-Platten. Seine Plattensammlung hat ihn wiederum zu diesen Texten geführt, die allesamt in einer Zeitschrift erschienen sind und erneut beweisen: Alles im Universum ist mit allem verbunden. Murakami erwähnte in einem Interview mit einer Zeitschrift seine T-Shirt-Sammlung, und als der Redakteur ihn fragte, ob er nicht eine Artikelserie dazu starten möchte, sagte der Autor zu.  

In aller Bescheidenheit erwähnt Murakami natürlich, dass er keine besonderen T-Shirts besitzen würde, und doch sind die Geschichten hinter den Shirts jede für sich eine ganz eigene Story. Murakami selbst glaubt allerdings nicht, dass dieses Buch irgendwem nützen würde.  

Doch Murakami wäre nicht Murakami, wenn er dem Einwand nicht etwas hinzufügen würde: »Sein einziger Sinn könnte darin bestehen, der Nachwelt zu überliefern, dass ein Schriftsteller im ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhundert im Alltag dieses schlichte Kleidungsstück trug und damit ein bequemes Leben führte.« Genau deshalb bin ich bereits eine kleine Ewigkeit begeisterte Murakami-Leserin. 

Es ist einerseits seine Tiefenentspannung, andererseits die Tatsache, dass er selbst dem Alltäglichsten noch einen Zauber entlockt. Wie so oft in seinen Geschichten, die alltäglich und phantastisch zugleich sind. 

Wenn ihr wissen wollt, welches Murakamis liebstes T-Shirt ist, auf welches er besonderen Wert legt und welches er NIE tragen würde, weil… nun, dann öffnet dieses Buch und lasst euch auf murakamische Weise überraschen. In jedem Fall lernen wir – ein T-Shirt ist niemals nur ein T-Shirt. 

Haruki Murakami: Gesammelte T-Shirts. Aus dem Japanischen übersetzt von Ursula Gräfe. Dumont Buchverlag, Oktober 2021, 192 Seiten, 108 farbige Abbildungen, 24,- €.

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Louisa May Alcott – Little Women 

Klassiker sind zur Weihnachtszeit natürlich besonders gern genommene Geschenke. Wie schön! Denn jetzt sind die Stapel der Klassiker in den Buchhandlungen gut gefüllt, was im Frühjahr schon wieder anders aussehen wird.

So darf in meinem zweiten Spezial auch ein Klassiker nicht fehlen. Und ich habe hier etwas ganz Feines für euch: Der Reclam-Verlag hat „Little Women“ von Louisa May Alcott in einer liebevoll gestalteten Neuausgabe herausgebracht. Das Buch ist bedeutend größer als die normalen, kleinen gelben Reclam-Bücher und macht sich als Geschenk unterm Tannenbaum ganz prächtig. Die Geschichte um die vier Schwestern ist an sich schon hinreißend, doch die Illustrationen von Kera Till setzen dem Werk noch ein Krönchen auf.

© Kera Till

Erinnert ihr euch noch an den Anfang der Geschichte? Da sitzen die vier Schwestern Meg, Jo, Beth und Amy zusammen, es ist kurz vor Weihnachten. In diesem Jahr fehlt der Vater, auch das Geld ist knapp. Und doch leuchtet immer wieder ein helles Licht der Hoffnung in diese liebevoll erzählte Geschichte. Während Amy sich über die Armut beklagt, ruft Beth mit der Weisheit einer älteren Dame: »Immerhin haben wir Vater und Mutter, und einander.« Ach, die Mama! Eine wirklich großartige Frau, klug, offenherzig und einfühlsam. Da wird auch mir sofort warm ums Herz.

So wie sich Herr Klappentexter den Kinder Kalender von edition momente als Kind gewünscht hätte, so sehr hätte ich mir dieses Buch gewünscht. Louisa May Alcott erzählt absolut mitreißend von den Höhen und Tiefen eines jungen Lebens. Damals wie heute vergleichen sich die Mädchen gern mit anderen, werden manchmal zornig und machen dann Dinge, die andere verletzen. Wie eine gute Fee streut Louisa May Alcott stets wohltuende Worte hinein. Als Jo ihre Mutter fragt, was sie gegen ihre immer wieder aufbrausenden Gefühle unternehmen soll, antwortet diese: »Wachsam sein und beten, Liebling, immer wieder daran arbeiten, und niemals denken, es sei unmöglich, deiner Fehler Herr zu werden.« Tut das gut? Oh ja! So gesehen ist dieses Buch wie eine beste Freundin, ob für jüngere oder ältere Leser:innen. Das beste Buch zum Neu- und Wiederverlieben!

Louisa May Alcott: Little Women. Aus dem Englischen übersetzt von Monika Baark. Reclam, 2021, Fadenheftung, gebunden, illustriert von Kera Till, 36,- €.

2 Gedanken zu „Augensterne.

  1. Elke Schneefuß

    Zeit, einmal „Dankeschön“ an die Klappentexterei zu sagen! Durch das ganze Jahr werden wir mit interessanten Rezensionen begleitet, durch die ich schon einiges an interessanter Lektüre entdeckt habe. Fröhliche Weihnachten mit hervorragenden Büchern, Gesundheit und Leseglück in 2021 wünsche ich!

    Gefällt 1 Person

    Antwort
    1. Klappentexterin Autor

      Liebe Elke,
      wir danken dir für deine Treue und deine zahlreichen Kommentare, auch in diesem Jahr. Sie sind uns immer wieder eine Freude.
      Bleib gesund, hab eine besinnliche Feiertagszeit und starte gut ins neue Jahr!

      Ganz liebe Grüße von uns beiden

      Gefällt mir

      Antwort

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