Xmas with the Independents.

Immer kürzer werden die Tage, dafür wirft die Weihnachtsbeleuchtung umso längere Schatten. Kurzum: Der 24. rückt unaufhaltsam näher, und wer jetzt noch kein Geschenk hat, der findet es vielleicht im zweiten Teil meines Weihnachts-Spezials. Dabei fällt mir auf – alle drei kommen aus kleinen, unabhängigen Verlagen. Zufall? Nun, sagen wir´s so: Diese wunderbaren Verlage verstehen es einfach, in ihr Herbst-Programm Bücher zu packen, die sich prächtig dazu eignen, verschenkt zu werden. Wobei die Versuchung stets groß ist, sich damit selbst zu beschenken. As you like it.

Jim Morrison – The American Night

Jim Morrison war Sänger und charismatischer Frontmann der Doors und eine schillernde Figur, die in den puritanischen USA nicht nur einmal mit dem Gesetz in Konflikt geriet. Wie alle Rampensäue hatte er aber auch eine verletzliche Seite, sehnte sich nach Jahren im aufreibenden Rock-Star-Zirkus mit unzähligen Touren und Skandalen nach Ruhe. Also Rückzug nach Paris, wo er bis unter heute ungeklärten Umständen starb. Er gehört zum berühmten Club der 27er, der Rockgrößen, die mit 27 starben. Janis Joplin, Amy Whinehouse Jimi Hendrix und Kurt Cobain sind ebenfalls Mitglieder in diesem morbiden Club. Allesamt sensible Seelen, die dem unbarmherzigen Business nicht gewachsen waren.

Ähnlich wie Bob Dylan waren seine Songtexte nichts anderes als gesungene Lyrik. Obendrein schrieb er Gedichte über Gedichte, nicht nur während seiner Zeit in Paris, auch schon vorher, oft neben den Studiosessions.

Do you know we exist?

Wisst ihr etwas vom warmen Werden unter den Sternen? Sie wärmen uns mehr als die Sonne.

Habt ihr die Schlüssel vergessen zum Königreich? Oh ja, das kann gut sein.

Wisst ihr, dass wir vom Fernsehen beherrscht werden? Große Güte, sogar noch vom Internet und Gesichtsbüchern und Zwitscherhöllen und überhaupt.

Wir leben und wir sterben, und der Tod macht dem kein Ende. So bereiten wir uns aufs Nirwana vor.

Gebt uns etwas, woran wir glauben können. Gar nicht so einfach. Erstmal glauben wir nur an gute Musik und wahrhaftige Worte. Also an die Doors und Jim Morrison. Believe,us Jim!

Jim Morrison, The American Night, Maro Verlag, Englisch-Deutsche Ausgabe. Aus dem amerikanischen Englisch von Barbara Jung und Sabine Saumann, 243 Seiten, 18,- €

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Michel Würthle – Paris Bar Press Confidential

Berlin, du Wunderbare, du Verwundete, du Vernarbte und oft Verhasste wie Geliebte. Und wie es sich für eine wirkliche Weltstadt gehört, hast auch du diese eine, diese ganz bestimmte und einzigartige Bar zu bieten, die ein Teil von dir geworden ist. Viele Bars kamen und gingen, aber diese spezielle ist eine Institution, ein Zufluchtsort für Künstler und Lebenskünstler, die es so nur hier geben kann. In Berlin. Paris Bar. Das bist du, du großartige, oft gescholtene und doch geliebte Bar inmitten der großen Stadt. Überheblich nennen dich die Unwissenden, überschätzt die Abgewiesenen und wunderbar die Wissenden.

Paris Bar. Teuer, launisch und exaltiert wie die andere große Stadt, die dir deinen Namen gegeben hat. Die Kellner sollen ja nur französisch sprechen, die besten Plätze reserviert sein für längst verstorbene Großkünstler und überhaupt. Ja, was?

Diner avec Artaud.

Ehrlich gesagt, als langjähriger Berliner: Die Paris Bar ist selbstverständlich von allem ein wenig und für die Wenigen alles. Die Bar an der Kantstraße in Berlin-Charlottenburg gilt als wichtigstes Künstlerlokal Deutschlands, die Schauspielerin Iris Berben nennt sie „ein erwachsenes Lokal“. Legendär ist das mit Kunst gepflasterte Interieur, mit Werken von John Baldessari, Georg Baselitz, Joseph Beuys, Martin Kippenberger, Markus Lüpertz, Sigmar Polke, Daniel Richter und vielen anderen.

Steidl hat nun einen mächtigen Schuber auf den Markt gebracht, in dem sich sechs Corona-Tagebücher des Inhabers Michel Würthle finden. Ein Grafik-Zyklus und gleichzeitig die erste und einzigartige Innenansicht der berühmten Institution. In der Einsamkeit der Lockdown-Monate 2020/2021 schuf Würthle mit „Paris Bar Press Confidential“ ein faszinierendes Konvolut aus mehreren hundert Blättern, Collagen und kurzen Texten.

Auf ziemlich lässige Weise entstand so eine subjektive Kunstgeschichte der Paris Bar und gleichzeitig eine wehmütige Liebeserklärung an die Metropole Berlin. Kommt also alle in die Bar, in das Restaurant, wo der Chef selbst Künstler ist in der Stadt der Lebenskünstler. Und Fleischgerichte nach Antonin Artaud benannt werden, der das Theater der Grausamkeit erfand. Bonne appetit!

Michel Würthle, Paris Bar Press Confidential, Steidl, 792 Seiten, sechs Pappbände im Schuber. 75,- €

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Klaus Staeck – Plakate

Sollte es im Kreuzworträtsel einmal die Frage nach dem besten Plakatkünstler der Bundesrepublik geben, so kann die Antwort nur Staeck heißen. Kein anderer hat das Land seit den 50er Jahren derartig treffend und mit beißender Satire charakterisiert wie Klaus Staeck.

Legendär sind Arbeiten wie „Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin nehmen“ oder „Der Aktionär ist das größte Säugetier“. Fast schon prophetisch sind Plakate wie „Jeder zweite Abgeordnete ist eine Frau“ zum Thema Frauenquote oder „Alle reden von Steuern. Wir zahlen keine.“ zur Steuerhinterziehung, die heute ja als Steuervermeidung grotesk verharmlost wird. Oder das Motiv „Die Mietsache ist schonend zu behandeln und in gutem Zustand zurückzugeben“ mit dem Bild der Erdkugel – könnte genauso aktuell von Umweltaktivisten hochgehalten werden.

Natürlich boten Politiker wie der ehemalige Bundespräsident Carstensen und Franz-Josef Strauß allerfeinste Steilvorlagen für den begnadeten Satiriker Staeck. Die BILD-Zeitung sowieso oder die zunehmende Banalisierung des TV-Programms.

Bissige Plakate vs. humorlose Politiker

Und wie es sich gehört, war Staeck Stammgast bei den Gerichten, vor die er von humorlosen Politikern gezerrt wurde. Selbstverständlich hat er sämtliche Prozesse gewonnen.

Wer also die Arbeiten des Großmeisters der sozialkritischen Plakate und Postkarten einmal in Gänze sehen und auf sich wirken lassen möchte, ist hier bestens bedient. Als Inspirationsquelle sowieso wärmstens zu empfehlen. Steidl hat´s mal wieder möglich gemacht – ein Verleger, genauso links wie Staeck. Wo gibt es das heute noch?

Natürlich ein wunderbares Geschenk für die lieben Verwandten, die standhaft bei der CDU ihr Kreuz machen, als Aktionäre ahnungslos Menschen aus ihren Wohnungen vertreiben oder der Natur weiterhin ihren tiefschwarzen Fußabdruck verpassen.

Klaus Staeck, Plakate, Steidl, 144 Seiten, Paperback. 16,80 €

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