Seelenfutter zum Verschenken.

Copyright: Lisa Aisato aus „Die Sonnenwächterin“, btb Verlag

Ein anstrengendes Jahr neigt sich dem Ende zu, aber auf den letzten Metern fordert es uns pandemiebedingt noch einmal richtig heraus. Über den Sommer verheilte Wunden reißen wieder auf, vieles ist ungewiss und fühlt sich mitunter beängstigend an. Doch mitten im Sturm gibt es ein völlig legales Beruhigungsmittel: Bücher. Mit Büchern können wir uns in andere Welten träumen, sie geben uns Halt und schenken Zuversicht. Und genau solche Bücher möchte ich euch heute in meinem 1. Spezial ans Herz legen. Mögen die Wolken auch tief hängen, hier kommen meine Lieblinge voller Sonnenseiten.  

Katherine May: Überwintern – Wenn das Leben innehält   

Dieses Buch ist wie eine tröstliche Umarmung. Katherine May geht mit mir durch ihren ganz persönlichen Winter, und der beginnt bereits im Spätsommer. Ein Paar feiert mit Freunden am Strand Geburtstag. Plötzlich klagt der Liebste über Bauchschmerzen. Die schmerzerprobte Mutter räumt dem zunächst keine große Bedeutung ein, immerhin kennt sie solche Beschwerden von ihrem Sohn. Als sich H’s Zustand in der Nacht verschlimmert, sagt H, er wolle ins Krankenhaus. Dort bekommt er Fieber, aber niemand kann ihm so richtig helfen. Dann platzt sein Blinddarm. Die Frau wacht an seinem Krankenbett und hat Angst, H zu verlieren. »Irgendwo inmitten dieser Katastrophe tat sich etwas in mir auf, wie ein Riss.« Die Autorin steht nämlich beruflich unter Druck, hat kürzlich ihren Job gekündigt und die Deadline für ihr neues Buch rückt unaufhaltsam näher. Puh, jede Menge Gewicht. Wo bleibt die Erleichterung? Die blitzt wie die Sonne auf, die sich manchmal erst durch ein Wolkenmeer hindurchkämpfen muss.   

Katherine May geht schonungslos ehrlich mit sich und dem Leben ins Gericht. Sie blickt dem Schicksal offen ins Gesicht und legt ihre Betrachtungen mit weisen Worten offen auf den Tisch. Ich picke ihre Sätze wie besonders köstliche Schokolade auf und spüre sofort eine wohltuende Wärme in mir aufsteigen: »Wir alle haben Zeiten, in denen wir blühen, und Zeiten, in denen wir unsere nackten Knochen preisgeben, nachdem wir das Laub abgeworfen haben. Es wird nachwachsen, wenn man ihm nur Zeit lässt.«   

Sich Zeit nehmen in einer Gegenwart, in der alles immer von jetzt auf sofort gehen soll, stets höher, schneller und weiter. Stop! Halt! Bitte innehalten! Und auch mal dem Schmerz und der Angst ihren Platz lassen – eine der vielen Botschaften dieses klugen Buches. Und die Autorin nimmt uns mit zu atemberaubenden Orten. So erlebe ich in Norwegen das Polarlicht und in Stonehenge die Wintersonnenwende. Während Katherine May mir ihre Gedanken ins Ohr flüstert, lächle ich ganz oft, weil mich ihre klaren Sätze beleben und aufrichten: »In unserer unablässigen geschäftigen Welt streben wir aber ständig danach, jede Art von Winter zu vermeiden. Wir wagen es nicht, seine volle Kälte zu spüren, und wir wagen es auch nicht, anderen zu zeigen, wie sehr er uns zusetzt. Ein kurzer, knackiger Winter würde uns allen guttun. Wir müssen uns von dem Glauben verabschieden, dass derartige Lebensphasen irgendwie albern seien und schwachen Nerven oder mangelnder Willenskraft geschuldet. Wir dürfen sie nicht länger ignorieren, oder versuchen, sie abzuschütteln. Es gibt sie, es gibt sie wirklich, und sie sollen uns etwas sagen.« Nach solchen Worten kann uns der Winter eigentlich gar nichts mehr anhaben, oder? Mir jedenfalls nicht.   

Katherine May : Überwintern – Wenn das Leben innehält. Aus dem Englischen übersetzt von Marieke Heimburger. Insel Verlag, Oktober 2021, 272 Seiten, gebunden, 22,- €.

***

Matt Haig – The Comfort Book   

Matt Haig ist ein äußerst produktiver Autor, es vergeht kaum ein Jahr, in dem nicht ein Buch von ihm erscheint. Dabei wechselt er gern das Genre – vom Roman bis zum Kinderbuch ist alles dabei. Das ist vor allem deshalb bewundernswert, weil Haig an einer Depression und Angststörungen leidet. In einigen seiner Bücher hat er diese Leiden auch thematisiert. 

In „The Comfort Book“ spricht er ehrlich über seine dunklen Phasen. Und über das, was ihm geholfen hat, welche Songs ihn wieder aufrichten, welches Essen wahres Soulfood ist. So ist dieses Werk eine abwechslungsreiche Sammlung an lebensklugen, tröstlichen Gedanken wie auch an praxisgerechten Tipps. Er reflektiert eigene Beobachtungen und Erfahrungen und bezieht ebenso aufbauendes Geistesgut von großen Denker:innen wie Marc Aurel, Emily Dickinson und James Baldwin mit ein.   

Gleich zu Beginn schreibt Matt Haig, man könnte seine Aufzeichnungen ruhig kreuz und quer lesen, ganz genau so, wie das Leben selbst ist. Auf euren Streifzügen durch das Chaos trefft ihr wiederum auf glasklare Aussagen wie diese: „Du bist liebenswert auf die Welt gekommen, und du bleibst es wert, geliebt zu werden. Gehe liebevoll mit dir um.“ Oder: „Es ist okay, die Teetasse mit dem Sprung zu sein. Genau die weiß nämlich eine Geschichte zu erzählen.“ Und: „Eines Tages wird das hier vorüber sein. Und wir werden auf eine Weise dankbar sein für das Leben, das wir zuvor nicht für möglich gehalten hätten.“  

Und zum Abschluss ein Satz, den ein buddhistischer Mönch auch nicht besser sagen könnte: „Nichts endet wirklich. Es verändert sich. Wandel ist ewig. Wenn du im Wandel bist, bist du auch ewig.“ Om. 

Matt Haig: The Comfort Book. Aus dem Englischen übersetzt von Hella Reese. Droemer HC, Juli 2021, 256 Seiten, 20,- €

***

Maja Lunde und Lisa Aisato – Die Sonnenwächterin   

Nanu, ein Frühlingsbuch im Winter? Vielleicht auf den ersten Blick, aber schon ein Blick ins Buch zeigt: Genau die richtige Lektüre zur rechten Zeit. Sie macht ganz viel mit mir und ist erneut ein Beweis, was Bücher alles auslösen können. Das hat natürlich mit den beiden Schöpferinnen dieses Buches zu tun: Maja Lunde und Lisa Aisato. „Die Sonnenwächterin – Eine Frühlingsgeschichte“ ist der zweite und doch vollkommen unabhängige Teil eines großen Jahreszeitenquartetts. 2018 erschien „Die Schneeschwester“.  

Auch dieses Werk ist wieder eine wunderschöne Geschichte voller bezaubernder Bilderfolgen. Einmal darin eingetaucht, bleibe ich dort einfach, so gut fühlt es sich an. Und folge der mutigen Protagonistin Lilja durch die faszinierenden Bilderwelten.   

Das Mädchen verlebt mit ihrem Großvater ein ziemlich trauriges, dunkles und kaltes Dasein. Die Sonne scheint schon lange nicht mehr, sie soll erst in 100 Jahren wiederkehren. Vom Hunger und Armut gezeichnete Menschen prägen die ersten Seiten. Aber ganz zart macht sich Licht bemerkbar. Als Lilja hinter dem Gewächshaus ihres Großvaters einen Pfad entdeckt, folgt sie diesem und gelangt an einen Felsspalt, durch die sich zart ein Licht bricht. Das Mädchen folgt dem Licht und trifft auf einen blonden Jungen mit seinem Hund und entdeckt ein wahres Paradies. Es ist hell und warm, es gibt Früchte, Obst und Gemüse in Hülle und Fülle. Aber auch ein Geheimnis.   

Copyright: Lisa Aisato aus „Die Sonnenwächterin“, btb Verlag

Maja Lunde und Lisa Aisato haben etwas erstaunlich Schönes kreiert. Sowohl Text als auch die Illustrationen gehen Hand in Hand, sie verzaubern und berühren gleichermaßen. Denn am Ende der Dunkelheit wartet die Hoffnung, dass tatsächlich das Licht wiederkehrt.   

Maja Lunde / Lisa Aisato: Die Sonnenwächterin – Eine Frühlingsgeschichte. Aus dem Norwegischen übersetzt von Ina Kronenberger. Illustrationen von Lisa Aisato. btb, November 2021, 208 Seiten, vierfarbig, 15,- €.

***

Daniel Schreiber – Allein   

Ich habe das große Glück, dass ich seit über 18 Jahren einen Menschen an meiner Seite habe, der mich so liebt wie ich bin – und das ist nicht immer einfach. Ein Mensch, der mir sehr nah und gleichwohl derart ähnlich ist, dass wir immer von uns als Seelenzwillinge sprechen. 

Bevor ich meinen Liebsten kennenlernte, hätte ich nie gedacht, dass es so etwas überhaupt gibt. Selbst wenn wir berufsbedingt mal getrennt sind, ist er stets bei mir. Das ist ebenso selten wie ein Lottogewinn und noch wertvoller. 

Ganz anders geht es Daniel Schreiber. Er lebt allein in seiner Wohnung in Berlin, fühlt sich aber so gut wie nie einsam. Er ist kein Griesgram, sondern schätzt sein Alleinsein, die Zeit, die er für sich und seine Projekte hat, für seine vielen Freundschaften und Kontakte. „Und doch, trotz allem, bleibt eine Leerstelle, ein Rest Sehnsucht.“

Daniel Schreiber hat seine ganz eigene Art, über existentielle Themen zu schreiben. In seinen Reflektionen öffnet er auch die letzten Türen, die bis in sein Innerstes führen. Was sehr mutig und bewundernswert ist.   

„Allein“ ist aber noch so viel mehr als eine persönliche Bestandsaufnahme über diesen Daseinszustand. Daniel Schreiber schreibt auch über die Bedeutung von Freundschaften, was diese ausmacht, was sie gefährdet und warum es so wichtig ist, Menschen zu haben, denen man vertrauen kann. Obendrein bezieht er Gedanken von Autor:innen und Denker:innen mit ein. Am besten gefallen mir jedoch die Passagen, in denen der Autor ganz er selbst ist und stets das vertraute Gefühl aufkommt, als würden wir auf seiner Terrasse sitzen, neben uns sein selbst gebackenes Brot, während er plaudert.   

„Allein“ ist eine philosophische, offenherzige und zutiefst menschliche Lektüre über eins der schwierigsten Themen, das bei Daniel Schreiber sogar etwas von Leichtigkeit hat. Nennen wir es eine melancholische Leichtigkeit. 

Daniel Schreiber: Allein. Hanser Berlin, September 2021, 160 Seiten, 20,-€.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s