Im Bus mit James Joyce. 

Ein Bild wie geschaffen für einen gelungenen Romananfang: Eine junge Frau sitzt im einem verrauchten Bus nach Reykjavik, auf ihrem Schoß eine Schreibmaschine und der Ulysses von James Joyce, für sich ja auch schon ein Schwergewicht. Das Wunderbare – genauso beginnt der Roman »Miss Island« von Audur Ava Ólafsdóttir.  

Im Mittelpunkt steht die 22jährige Hekla – benannt nach einem Vulkan. Die junge Frau will sich in der Hauptstadt einen Namen als Autorin machen, was im Jahr 1963 kein einfaches Vorhaben ist. Gewöhnlich wird in der Zeit das weibliche Geschlecht eher bei einem Schönheitswettbewerb verortet und nicht in der männlichen Domäne des Schriftstellerdaseins. Doch Hekla ist zielstrebig, klug und hat ihren eigenen Kopf. 

Trost findet sie immer wieder bei ihrem besten Freund Jón John, mit dem sie seit Kindheitstagen eng befreundet ist. Zwei Außenseiter in einer patriarchalischen Gesellschaft, denn Jón John träumt vom Theater, möchte dort Kleider schneidern und ist schwul. Auf diversen Schiffen verdient er sich Geld dazu, von dem er seiner besten Freundin gern besondere Bücher und Kleider kauft. Eines Tages kehrt Jón jedoch nicht mehr zurück, er ist in Dänemark geblieben. Findet der junge Mann dort sein Lebensglück? Und was ist mit Hekla – wird sie ihm folgen? Hekla führt gerade mit einem erfolglosen Dichter eine Beziehung, über der jedoch ein dunkler Schatten liegt. Die Schriftstellerin verheimlicht ihrem Liebsten, dass sie schreibt und bereits unter anderem Namen veröffentlicht hat. 

Audur Ava Ólafsdóttir zählt zu Islands bekanntesten Schriftstellerinnen und dürfte nach diesem Werk auch hierzulande ihre Leser finden. Ich würde es ihr sehr wünschen. Auf wenigen Seiten verdichtet die Autorin enorm viel Romanstoff, den ich mit jeder Seite genossen habe. Natürlich auch aufgrund der sympathischen Ich-Erzählerin, die im Laufe der Geschichte zu meiner Verbündeten geworden ist. Ihr Kämpfergeist ist ansteckend und die zahlreichen lebensklugen Sätze der Autorin sind es ebenfalls. 

»Miss Island« ist ein atmosphärischer, wunderbar komponierter Roman über eine starke Frau. Also, bleibt gern noch im Bus sitzen und vertieft euch weiter in diese faszinierende Emanzipationsstory. Beginnen im Bus doch oft die besten Geschichten.

Audur Ava Ólafsdóttir: Miss Island. Aus dem Isländischen übersetzt von Tina Flecken. Insel Verlag, August 2021, 239 Seiten, 22,- €.

3 Gedanken zu „Im Bus mit James Joyce. 

  1. Elke Schneefuß

    Stimmt, das war ein besonderes Buch, ich mochte es auch. Schöne Rezension, finde ich – und außerdem ein Buch, das man anderen Bücherfreunden gut unter den Weihnachtsbaum legen kann…

    Gefällt 1 Person

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s