Kreise ziehen.

»In dieser besonderen Nacht ist der Mond ein Siegelring, in das weiche Wachs auf dem schwarzen Blatt eines düsteren Himmels gedrückt.« Sinnliche Worte, die mit verführerischem Klang zu mir durchdringen und mich direkt in »Der perfekte Kreis« ziehen, den neuen Roman von Benjamin Myers.  

Es gibt keine Grenze zwischen mir und der Geschichte. Ich stehe mittendrin – in einem Kunstwerk, entstanden auf einem Weizenfeld irgendwo in England. 1989, neben mir die beiden Freunde Redbone und Calvert. 

Wir sind aufgekratzt, dabei wachsam wie Feldmäuse, die auf jeden Flügelschlag eines Raubvogels achten. Redbone und Calvert wollen nicht entdeckt werden, die beiden Außenseiter treibt ein wahnwitziges und gleichwohl bedeutendes Projekt an: Beider Leidenschaft gilt Kornkreisen, sogenannten Geoglyphen. Ihr Credo: »Nähre den Mythos und strebe nach Schönheit.«  

Sie sind also auf der Pirsch – im doppelten Sinne. Zum einen müssen Felder gesucht und ausgewählt werden, zum anderen bedarf es äußerster Vorsicht, um nicht entdeckt zu werden. Denn die Öffentlichkeit wird natürlich immer neugieriger, je mehr ihre Schöpfungen von der Presse thematisiert werden.   

Benjamin Myers erweist sich erneut als meisterhafter Nature Writer und poetischer Autor. Er findet wunderschöne und bildreiche Worte, wie ich sie bereits in »Offene See« gefunden und geliebt habe. In fast jedem Satz ist seine Liebe zur Natur fühlbar, was die Lektüre zu einem sinnlichen Erlebnis macht. 

Dabei verzichtet Myers auf einen schnellen, peitschenden Handlungsablauf. Viel mehr geht er mit uns in die Stille, schafft Raum und geradezu zenhafte Momente. Nach und nach erfahren wir mehr aus dem Leben seiner durchaus unterschiedlichen Helden. Ein Leben, das bei beiden Narben auf der Seele hinterlassen hat.  

Bei aller Sinnlichkeit hat dieses wichtige Werk auch eine Botschaft an uns alle: „Achtet und bewahrt die fragile Einzigartigkeit und Schönheit der Natur.“   

Dieser Satz mag nicht neu klingen, ist aber beseelt von einer Eindringlichkeit, die jeden von uns zum Nachdenken anregen sollte. Denn Worte – so schön sie auch sein mögen – reichen nicht mehr aus. Das Streben nach Schönheit beinhaltet auch das Streben, die Natur in ihrer einmaligen Schönheit zu erhalten. Und sei es, indem wir perfekte Kreise ziehen, um auf den bedenklichen Zustand unserer Umwelt aufmerksam zu machen. So gesehen ist „Der perfekte Kreis“ wirklich eine perfekte Geschichte. 

Benjamin Myers: Der perfekte Kreis. Aus dem Englischen von von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Dumont Buchverlag, September 2019, 224 Seiten, 22,- €, eBook: 16,99 €.

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